Freitag, 28. September 2012

In der Dunkelheit (Israel Tag 9)



Heute Nacht war Feueralarm. Zweimal kurz hintereinander. Beim zweiten Mal ist Melanie zur Rezeption gegangen und hat gefragt, was los sei. Es war nur falscher Alarm, wahrscheinlich von dem Arbeiten beim Pool ausgelöst, aber es hat ziemlich lange gedauert, bis ich mich wieder beruhigt hatte.
           
Heute hatte wieder jemand Geburtstag. Wir haben es im Bus tatsächlich geschafft, „Viel Glück und viel Segen“ vierstimmig zu singen. Wir sind gut.
Heute Vormittag waren zuerst die Davidsstadt und der Hiskija-Tunnel dran. Eine israelische Archäologin (Eilat Mazar) ist der Meinung, dort die Reste des Palasts von König David gefunden zu haben. Es wurden viele Siegel gefunden, die teilweise aus der Bibel bekannte Namen tragen. Wir haben von einer Plattform, die wohl mal einen Wachturm war, über die Stadt gesehen. Außerdem hat Ronit uns eine Stützmauer gezeigt. An der Mauer war ein Vierkammernhaus, das eine eigene Toilette hatte (das wurde uns übrigens als Überraschung angekündigt). 
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In dem Haus werden wohl Reiche gewohnt haben (Nähe zum Palast). Katrin und ich dachten erst, dass es Arme gewesen sein müssten, weil wir gedacht hatte, das wäre schon außerhalb der Stadt. Aber wenn dieser Ort wirklich mal Davids Palast beherbergt hat, dann hatte der Gute tatsächlich einen netten Ausblick auf die Wohnungen ringsherum (siehe Batseba).
Es ist schon deutlich zu sehen, dass für die Juden David eine wichtige Identifikationsfigur und ein National Icon ist, schließlich sieht man Überall Anspielungen auf ihn (und ich meine auch, dass ihm die Vereinigung von Nord- und Südreich zugeschrieben wird). Deswegen kann ich schon den Wunsch verstehen, seinen Palast zu finden, aber die Ir David ist schon sehr kitschig. Am Eingang ist eine große, goldene Harfe und auf dem ganzen Ausgrabungsgebiet ertönen zarte Harfenklänge, die mich langsam aber sicher in den Wahnsinn getrieben haben. Am liebsten hätte ich den CD-Player gesucht, ihn ausgestellt und die CD versteckt.
           
Der Hiskija-Tunnel wurde auf Befehl von König Hiskija gegraben, um die Quelle, die außerhalb der Stadt lag, nach innen zu leiten, damit die Feinde nicht dran kamen. Durch den Tunnel kann man heute durchgehen, aber es steht immer Wasser drin und er ist teilweise sehr eng. Wir sind natürlich durchgegangen. Zuerst hat es mich etwas Überwindung gekostet, in das kalte Wasser und ins Dunkel zu steigen und mein Puls hat wie verrückt geschlagen, aber nach ein paar Metern hat sich das gelegt und ich fand es richtig lustig. Allerdings war ich froh, meinen Rucksack auf Klaus‘ Anraten im Bus gelassen zu haben, denn ich denke, bei einigen engen Stellen hätte ich wahrscheinlich doch Panik gekriegt, stecken zu bleiben.
Wir hatten alle Taschen- oder Kopflampen dabei (und sei es so kleine Dinger, die es am Touri-Stand gab) und irgendwann hat jemand (im Zweifelsfalle einer der Jungs) angefangen „Ich geh mit meiner Laterne“ zu singen und wir haben mitgesungen. Außerdem haben wir zwischendurch so Witze gemacht, dass wir nochmal zurück müssten (der Tunnel war so eng, dass es nur in eine Richtung ging). Als wir wieder raus kamen, waren wir alle irgendwie aufgekratzt. Und nass. Das Wasser hat mir fast bis zum Po gereicht.
Der Weg zurück zur Davidsstadt ging auch durch einen Tunnel, aber der war längst nicht so cool wie der Hiskija-Tunnel. Ich war froh, als ich wieder draußen war, denn da bin ich auch ständig gestolpert.

Von der Davidsstadt aus sind wir zur Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem gefahren. Das ganze Gelände ist sehr groß und wir hatten nur für das Museum und ein paar ausgewählte Orte draußen Zeit.
Das Museum allein ist schon sehr groß. Es beschäftigt sich mit Antisemitismus im Allgemeinen und der Nazi-Judenverfolgung im Besonderen. Dabei haben die Macher des Museums versucht, nicht nur Informationen zu der Verfolgung in Deutschland (und eventuell Polen) sondern in ganz Europa (ich wusste z.B. bis dahin gar nicht, dass Norwegen oder Griechenland da auch involviert waren) zu geben. Außerdem sind viele persönliche Gegenstände und Dokumente ausgestellt und es werden unglaublich viele Videos mit Interviews gezeigt, die alle sehr bewegend sind (z.B. beschreibt ein Mann aus einem Ghetto, dass er 2000 seiner Mitmenschen zum Abtransport auswählen musste, darunter alle Kinder unter 10 Jahren).
Das Museum ist sehr dunkel und besteht eigentlich aus 2 Wänden, die nach oben hin immer enger zusammen laufen. Es sieht ein bisschen wie ein lang gezogenes Dreieck aus. Einerseits ist es so dunkel, damit man die Videos besser sehen kann, andrerseits erweckt es auch ein sehr bedrückendes Gefühl. Als ich am Ende des Museums angekommen war, habe ich gemerkt, dass mir richtig kalt geworden ist, das mag zwar auch aber sicherlich nicht nur an der Klimaanlage gelegen haben.
Viele der Hintergrundinformationen zu den Nazis wusste ich schon (Bücherverbrennung, Gesetze gegen Juden, Wannseekonferenz…), weil wir das bei dem Auschwitz-Projekt an unserer Schule auch schon besprochen hatten. Andere Sachen, insbesondere Erschießungen auf Aufstände in Ghettos der osteuropäischen Länder außer Polen, waren mir neu. Aber vor allem habe ich mir die Einzelschicksale durchgelesen und angehört. Meistens ähneln sich die Geschichten ja irgendwie und trotzdem berühren sie einen immer wieder.
           
Nach dem Museumsbesuch hat Ronit uns noch ein paar Denkmäler aus dem Außengelände gezeigt. Das erste war eine Halle, in der ein ewiges Licht brennt und die Leute beten können. Die Halle hat ein Dach wie ein Zelt. Als nächstes zeigte sie uns eine Säule für die Helden bei den Ghettoaufständen.
Dann eine Erinnerungsstätte für die 1,3 Millionen ermordeten Kinder. Das war wirklich nahegehend. Man geht in einen Raum, der fast komplett dunkel ist. Es gibt nur ein paar Kerzen, die brennen, und weil der ganze Raum mit Spiegeln ausgestattet ist, werden die Kerzen ins Unendliche gespiegelt. Dazu werden in einer Dauerschleife die Namen und das Alter der Kinder vorgelesen. In dem Raum hätte ich fast angefangen zu weinen.
Außerdem gibt es in Yad Vashem ein Denkmal für Janusz Korczak und ein Beet mit Bäumen für die Menschen, die den Juden geholfen haben (wie z.B. Schindler).
Am Ausgang der Gedenkstätte hat Klaus noch ein Gebet gesprochen.

Wir sind zurück in die Innenstadt gefahren und hatten etwas Freizeit, für den Abend wurde noch angeboten, die Shabbateröffnung entweder an der Westmauer oder in einer Synagoge mitzuerleben.
Johanna, Laura, Heike, Magdalena und ich waren etwas bummeln. Wir sind über – wie ich glaube – Umwege ins christliche Viertel gekommen und ich musste meine Lateinkenntnisse wieder auskramen, als Magdalena wissen wollte, was auf der einen Kirche stand. Kaum zu glauben, aber auch sie existieren noch.
Ich wollte eigentlich kein Geld mehr ausgeben, habe dann aber für 5 Schekel einen kleinen Teller, für 12 eine Tasse und für 10 einen Armreif gekauft. Das mit dem Armreifen war lustig: Ich hatte mir auf dem Basar welche angeguckt, weil Laura noch in einem Geschäft aufgehalten wurde. Der Verkäufer hat mich direkt angesprochen, ob ich ihn kaufen möchte, wollte aber 25 Schekel dafür haben. Die wollte ich nicht bezahlen und weil Laura entkommen war, wollten wir weiter gehen. Der Mann rief mir dann irgendwann 10 Schekel hinterher. Also habe ich umgedreht und bis zurückgegangen, weil ich dachte 10 Schekel sind total okay. Für den Preis wollte er mir dann aber einen kleineren und in meinen Augen sehr hässlichen Armreifen andrehen, den ich nicht wollte. Also bin ich wieder gegangen, obwohl der Verkäufer mit hinterher rief, er habe auch andere Farben. Am Ende des Basars habe ich dann einen anderen Händler mit Armreifen gesehen und die waren erstens viel schöner und kosteten zweitens ohne zu handeln nur 10 Schekel. Also habe ich einen gekauft. Wahrscheinlich hätte ich da noch versuchen können, runterzugehen, aber ich fand den Preis schon angemessen dafür.
           
Heike und ich haben uns der Gruppe angeschlossen, die mit Frau G. zur Shabbateröffnung in die Synagoge wollte. Wir sind wieder fast eine Stunde durch Jerusalem gerannt. Allerdings hatte Frau G. sich auch zwischendurch verlaufen und wir mussten uns wirklich beeilen.
Die Gemeinde, in der wir waren, war wie die an Yom Kippur reformiert: Männer und Frauen saßen zusammen und rein theoretisch gäbe es auch Rabbinerinnen, zufälligerweise hat diese Gemeinde aber zwei männliche. Sie engagiert sich auch sozial, unterstützt Flüchtlinge und hat eine Art Nachmittagsbetreuung für alleinerziehende Mütter.
Im Gottesdienst fiel mir auf, dass außer dem Rabbi niemand den Tallit trug (das war in der College-Gemeinde schon der Fall) und nur die Männer trugen Kippot. Im Gottesdienst wurde viel gesungen (die Frau, die vorher die Einführung gemacht hat, meinte, mache sängen etwas besser, manche etwas schlechter) aber ohne Instrumente. Nur der Rhythmus wurde mitgeklopft.
Wir haben zweisprachige Gebetbücher bekommen, in denen auch die Lautschrift drin stand. So konnten (und durften) wir auch mitsingen. Trotzdem habe ich zwischendurch den Faden verloren, weil sie manchmal Zeilen völlig unerwartet wiederholten. Frau G. meinte nach dem Gottesdienst, ich könne ja auch noch ganz gut Hebräisch lesen. Ich habe ihr gesagt, dass ich die Lautschrift mitgelesen habe. Aber sie meinte, sie habe gesehen, dass ich auf auch auf dem hebräischen Text geguckt habe. Das stimmt auch, zwischendurch habe da immer wieder mal einen Blick drauf geworfen, aber mitsingen konnte ich dann nicht. Der Gottesdienst war auch fast ausschließlich auf Hebräisch und es gab keine Predigt, die ich als solche identifiziert hätte (im Gegensatz zu dem Gottesdienst an Yom Kippur).
Sehr süß war, dass gegen Ende des Gottesdienstes zwei Kinder zum Rabbi gelaufen sind und er das Mädchen auch auf den Schoß genommen hat. Ich nehme an, es waren seinen Kinder. Im Übrigen sind wir ganz am Ende auch offiziell als Gäste vorgestellt worden.

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