Heute Nacht war Feueralarm. Zweimal kurz
hintereinander. Beim zweiten Mal ist Melanie zur Rezeption gegangen und hat
gefragt, was los sei. Es war nur falscher Alarm, wahrscheinlich von dem
Arbeiten beim Pool ausgelöst, aber es hat ziemlich lange gedauert, bis ich mich
wieder beruhigt hatte.
Heute hatte wieder jemand Geburtstag. Wir haben
es im Bus tatsächlich geschafft, „Viel Glück und viel Segen“ vierstimmig zu
singen. Wir sind gut.
Heute Vormittag waren zuerst die
Davidsstadt und der Hiskija-Tunnel dran. Eine israelische Archäologin (Eilat
Mazar) ist der Meinung, dort die Reste des Palasts von König David gefunden zu
haben. Es wurden viele Siegel gefunden, die teilweise aus der Bibel bekannte
Namen tragen. Wir haben von einer Plattform, die wohl mal einen Wachturm war,
über die Stadt gesehen. Außerdem hat Ronit uns eine Stützmauer gezeigt. An der
Mauer war ein Vierkammernhaus, das eine eigene Toilette hatte (das wurde uns
übrigens als Überraschung angekündigt).
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In dem Haus werden wohl Reiche gewohnt
haben (Nähe zum Palast). Katrin und ich dachten erst, dass es Arme gewesen sein
müssten, weil wir gedacht hatte, das wäre schon außerhalb der Stadt. Aber wenn
dieser Ort wirklich mal Davids Palast beherbergt hat, dann hatte der Gute
tatsächlich einen netten Ausblick auf die Wohnungen ringsherum (siehe Batseba).
Es ist schon deutlich zu sehen, dass für
die Juden David eine wichtige Identifikationsfigur und ein National Icon ist,
schließlich sieht man Überall Anspielungen auf ihn (und ich meine auch, dass
ihm die Vereinigung von Nord- und Südreich zugeschrieben wird). Deswegen kann
ich schon den Wunsch verstehen, seinen Palast zu finden, aber die Ir David ist
schon sehr kitschig. Am Eingang ist eine große, goldene Harfe und auf dem
ganzen Ausgrabungsgebiet ertönen zarte Harfenklänge, die mich langsam aber
sicher in den Wahnsinn getrieben haben. Am liebsten hätte ich den CD-Player
gesucht, ihn ausgestellt und die CD versteckt.
Der Hiskija-Tunnel wurde auf Befehl von
König Hiskija gegraben, um die Quelle, die außerhalb der Stadt lag, nach innen
zu leiten, damit die Feinde nicht dran kamen. Durch den Tunnel kann man heute
durchgehen, aber es steht immer Wasser drin und er ist teilweise sehr eng. Wir
sind natürlich durchgegangen. Zuerst hat es mich etwas Überwindung gekostet, in
das kalte Wasser und ins Dunkel zu steigen und mein Puls hat wie verrückt
geschlagen, aber nach ein paar Metern hat sich das gelegt und ich fand es richtig
lustig. Allerdings war ich froh, meinen Rucksack auf Klaus‘ Anraten im Bus
gelassen zu haben, denn ich denke, bei einigen engen Stellen hätte ich
wahrscheinlich doch Panik gekriegt, stecken zu bleiben.
Wir hatten alle Taschen- oder Kopflampen
dabei (und sei es so kleine Dinger, die es am Touri-Stand gab) und irgendwann
hat jemand (im Zweifelsfalle einer der Jungs) angefangen „Ich geh mit meiner
Laterne“ zu singen und wir haben mitgesungen. Außerdem haben wir zwischendurch
so Witze gemacht, dass wir nochmal zurück müssten (der Tunnel war so eng, dass
es nur in eine Richtung ging). Als wir wieder raus kamen, waren wir alle
irgendwie aufgekratzt. Und nass. Das Wasser hat mir fast bis zum Po gereicht.
Der Weg zurück zur Davidsstadt ging auch
durch einen Tunnel, aber der war längst nicht so cool wie der Hiskija-Tunnel.
Ich war froh, als ich wieder draußen war, denn da bin ich auch ständig
gestolpert.
Von der Davidsstadt aus sind wir zur
Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem gefahren. Das ganze Gelände ist sehr groß und wir
hatten nur für das Museum und ein paar ausgewählte Orte draußen Zeit.
Das Museum allein ist schon sehr groß.
Es beschäftigt sich mit Antisemitismus im Allgemeinen und der
Nazi-Judenverfolgung im Besonderen. Dabei haben die Macher des Museums
versucht, nicht nur Informationen zu der Verfolgung in Deutschland (und
eventuell Polen) sondern in ganz Europa (ich wusste z.B. bis dahin gar nicht,
dass Norwegen oder Griechenland da auch involviert waren) zu geben. Außerdem
sind viele persönliche Gegenstände und Dokumente ausgestellt und es werden
unglaublich viele Videos mit Interviews gezeigt, die alle sehr bewegend sind
(z.B. beschreibt ein Mann aus einem Ghetto, dass er 2000 seiner Mitmenschen zum
Abtransport auswählen musste, darunter alle Kinder unter 10 Jahren).
Das Museum ist sehr dunkel und besteht
eigentlich aus 2 Wänden, die nach oben hin immer enger zusammen laufen. Es
sieht ein bisschen wie ein lang gezogenes Dreieck aus. Einerseits ist es so
dunkel, damit man die Videos besser sehen kann, andrerseits erweckt es auch ein
sehr bedrückendes Gefühl. Als ich am Ende des Museums angekommen war, habe ich
gemerkt, dass mir richtig kalt geworden ist, das mag zwar auch aber sicherlich
nicht nur an der Klimaanlage gelegen haben.
Viele der Hintergrundinformationen zu
den Nazis wusste ich schon (Bücherverbrennung, Gesetze gegen Juden,
Wannseekonferenz…), weil wir das bei dem Auschwitz-Projekt an unserer Schule
auch schon besprochen hatten. Andere Sachen, insbesondere Erschießungen auf
Aufstände in Ghettos der osteuropäischen Länder außer Polen, waren mir neu.
Aber vor allem habe ich mir die Einzelschicksale durchgelesen und angehört.
Meistens ähneln sich die Geschichten ja irgendwie und trotzdem berühren sie
einen immer wieder.
Nach dem Museumsbesuch hat Ronit uns
noch ein paar Denkmäler aus dem Außengelände gezeigt. Das erste war eine Halle,
in der ein ewiges Licht brennt und die Leute beten können. Die Halle hat ein
Dach wie ein Zelt. Als nächstes zeigte sie uns eine Säule für die Helden bei
den Ghettoaufständen.
Dann eine Erinnerungsstätte für die 1,3
Millionen ermordeten Kinder. Das war wirklich nahegehend. Man geht in einen
Raum, der fast komplett dunkel ist. Es gibt nur ein paar Kerzen, die brennen,
und weil der ganze Raum mit Spiegeln ausgestattet ist, werden die Kerzen ins
Unendliche gespiegelt. Dazu werden in einer Dauerschleife die Namen und das
Alter der Kinder vorgelesen. In dem Raum hätte ich fast angefangen zu weinen.
Außerdem gibt es in Yad Vashem ein
Denkmal für Janusz Korczak und ein Beet mit Bäumen für die Menschen, die den
Juden geholfen haben (wie z.B. Schindler).
Am Ausgang der Gedenkstätte hat Klaus
noch ein Gebet gesprochen.
Wir sind zurück in die Innenstadt
gefahren und hatten etwas Freizeit, für den Abend wurde noch angeboten, die
Shabbateröffnung entweder an der Westmauer oder in einer Synagoge mitzuerleben.
Johanna, Laura, Heike, Magdalena und ich
waren etwas bummeln. Wir sind über – wie ich glaube – Umwege ins christliche
Viertel gekommen und ich musste meine Lateinkenntnisse wieder auskramen, als
Magdalena wissen wollte, was auf der einen Kirche stand. Kaum zu glauben, aber
auch sie existieren noch.
Ich wollte eigentlich kein Geld mehr ausgeben, habe dann
aber für 5 Schekel einen kleinen Teller, für 12 eine Tasse und für 10 einen
Armreif gekauft. Das mit dem Armreifen war lustig: Ich hatte mir auf dem Basar
welche angeguckt, weil Laura noch in einem Geschäft aufgehalten wurde. Der
Verkäufer hat mich direkt angesprochen, ob ich ihn kaufen möchte, wollte aber 25
Schekel dafür haben. Die wollte ich nicht bezahlen und weil Laura entkommen
war, wollten wir weiter gehen. Der Mann rief mir dann irgendwann 10 Schekel
hinterher. Also habe ich umgedreht und bis zurückgegangen, weil ich dachte 10
Schekel sind total okay. Für den Preis wollte er mir dann aber einen kleineren
und in meinen Augen sehr hässlichen Armreifen andrehen, den ich nicht wollte.
Also bin ich wieder gegangen, obwohl der Verkäufer mit hinterher rief, er habe
auch andere Farben. Am Ende des Basars habe ich dann einen anderen Händler mit
Armreifen gesehen und die waren erstens viel schöner und kosteten zweitens ohne
zu handeln nur 10 Schekel. Also habe ich einen gekauft. Wahrscheinlich hätte
ich da noch versuchen können, runterzugehen, aber ich fand den Preis schon
angemessen dafür.
Heike und ich haben uns der Gruppe
angeschlossen, die mit Frau G. zur Shabbateröffnung in die Synagoge wollte.
Wir sind wieder fast eine Stunde durch Jerusalem gerannt. Allerdings hatte Frau
G. sich auch zwischendurch verlaufen und wir mussten uns wirklich beeilen.
Die Gemeinde, in der wir waren, war wie
die an Yom Kippur reformiert: Männer und Frauen saßen zusammen und rein
theoretisch gäbe es auch Rabbinerinnen, zufälligerweise hat diese Gemeinde aber
zwei männliche. Sie engagiert sich auch sozial, unterstützt Flüchtlinge und hat
eine Art Nachmittagsbetreuung für alleinerziehende Mütter.
Im Gottesdienst fiel mir auf, dass außer
dem Rabbi niemand den Tallit trug (das war in der College-Gemeinde schon der
Fall) und nur die Männer trugen Kippot. Im Gottesdienst wurde viel gesungen
(die Frau, die vorher die Einführung gemacht hat, meinte, mache sängen etwas
besser, manche etwas schlechter) aber ohne Instrumente. Nur der Rhythmus wurde
mitgeklopft.
Wir haben zweisprachige Gebetbücher
bekommen, in denen auch die Lautschrift drin stand. So konnten (und durften)
wir auch mitsingen. Trotzdem habe ich zwischendurch den Faden verloren, weil
sie manchmal Zeilen völlig unerwartet wiederholten. Frau G. meinte nach dem
Gottesdienst, ich könne ja auch noch ganz gut Hebräisch lesen. Ich habe ihr
gesagt, dass ich die Lautschrift mitgelesen habe. Aber sie meinte, sie habe
gesehen, dass ich auf auch auf dem hebräischen Text geguckt habe. Das stimmt
auch, zwischendurch habe da immer wieder mal einen Blick drauf geworfen, aber
mitsingen konnte ich dann nicht. Der Gottesdienst war auch fast ausschließlich
auf Hebräisch und es gab keine Predigt, die ich als solche identifiziert hätte
(im Gegensatz zu dem Gottesdienst an Yom Kippur).
Sehr süß war, dass gegen Ende des
Gottesdienstes zwei Kinder zum Rabbi gelaufen sind und er das Mädchen auch auf
den Schoß genommen hat. Ich nehme an, es waren seinen Kinder. Im Übrigen sind
wir ganz am Ende auch offiziell als Gäste vorgestellt worden.
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