Normalerweise schreibe ich
immer im Bus, aber heute sind wir nur ganz kurz mit dem Bus vom Hotel nach
Petra und wieder zurück gefahren. Deswegen ist dieser Eintrag überwiegend aus
dem Rückblick geschrieben. Zwischendurch habe ich mir ein paar Notizen gemacht.
7:15 Uhr
Zu früh! Aber wir wollen nach
Petra und wollen vor den ganzen anderen Touristen da sein.
Rückblick:
Ich hatte mich auf Petra am
meisten gefreut (eigentlich war Petra der Hauptgrund, aus dem ich mich
entschieden hatte, mitzukommen) und ich bin nicht enttäuscht worden, auch wenn
ich mir Manches anders vorgestellt habe.
Petra war das Reich der
Nabatäer. Diese hauten aus dem Sandsteingebirge Tempel und Grabmäler. Sie
selbst lebten aber nicht in den Höhlen, sondern in Zelten, weil sie nomadische
Stämme waren. Sie kontrollierten wichtige Handelsrouten und gerade weil sie
keinen festen Wohnsitz hatten, wurde sie lange nicht von den Römern erobert.
106 n. Chr. haben die Römer es dann doch geschafft und haben mit verschiedenen
Gebäuden ihre Spuren hinterlassen (damit hatte ich z.B. nicht gerechnet).
Heute ist Petra eine
Geisterstadt – wenn man von Geisterstadt sprechen kann, wenn jeden Tag eine
Welle von Touristen die Stadt überflutet und man Reitern und Kutschen aus dem
Weg springen muss, wenn die bequemeren Touris sich transportieren lassen. Zuerst
muss man nämlich durch eine lange Schlucht laufen. Fall jemand von euch Indiana Jones und der letzte Kreuzzug gesehen
hat – am Ende sieht man Petra und auch die Schlucht. Nachdem man eine Weile
zwischen den hohen Felswänden lang gelaufen ist, kann man einen ersten Blick
auf Petra werfen. Die Schlucht führt direkt zu der sogenannten Schatzkammer und
je weiter man geht, desto mehr sieht man von dieser Fassade.
| Erebor... ähm... Al-Khazneh |
Ich wollte die Stadt unbedingt
sehen, weil ich Fotos von der Schatzkammerfassade gesehen hatte und fand, dass
sie fast so aussieht wie das Hauptportal des Zwergenreichs im Erebor (aus dem
Hobbit-Film). Nachdem ich es in echt gesehen habe, finde ich die Ähnlichkeit
nicht mehr so stark. Erebor ist schöner – ach was, man kann das nicht
vergleichen. Schließlich ist „Der Hobbit“ ein Film, in dem alles etwas größer
sein muss.
Haha, ich habe gerade nochmal das Prospekt durchgelesen und über das
Schatzhaus steht da: „Angesichtes der schieren Riesenhaftigkeit der 30m breiten
und 43m hohen Fassade, kommen sich die meisten Betrachter wie Zwerge vor.“ Pun
intended?
Aber vermutlich war das
Schatzhaus (oder Al-Khazneh, wie es auch genannt wird und was fast schon wieder
wie Khazad-dûm (Moria) klingt – ist Mittelerde vielleicht doch im Nahen Osten?)
doch keine Schatzkammer sondern ebenfalls eine Grabhöhle. Eigentlich hat sie
drei Etagen, aber die dritte Etage ist mittlerweile unter dem Boden (also
sozusagen ein Kellerraum). Auf der Fassade sind fünf Adler zu sehen, von denen
einer nach unten sieht, um dem Toten seinen Respekt zu erweisen. In der
arabischen Kultur blicken Adler wohl meistens noch oben, wenn ich Ahmad richtig
verstanden habe. Rechts und links wird das Grab von Raubtieren beschützt. In
der dritten Etage sieht man Reliefs, u.a. von Isis und Nici, sowie eine Urne
(die ist in der Mitte). Die Urne kann sowohl mit Tod als auch mit Schätzen
verbunden werden, deswegen wurde eine Zeit lang vermutet, dass es sich um eine
Schatzkammer handelt. In der zweiten Etage (bzw. der ersten) sind zwei Krieger
zu sehen, der im Westen repräsentiert den Tod, der im Osten das Leben. Auch
wenn die Fassade nicht so aussieht, wie Thráins Königreich, hat sie mir
trotzdem gefallen.
Den größten Teil des
Vormittags nahm die Wanderung zum Opferplatz und darüber hinaus ein. Der
Aufstieg war furchtbar. Es hieß, es wären 400-500 Stufen nach oben, aber ich
hatte das Gefühl, dass es mehr waren. Die Stufen waren natürlich nicht
gleichmäßig und teilweise weit auseinander, so dass es vermutlich nur so
wirkte, als ob es mehr wären. Bei manchen Stufen wusste ich auch nicht, ob ich
sie als Stufe oder als flacher Stein definieren sollte. Es war einfach
anstrengend und mein Knöchel meldete sich wieder. Als wir oben angekommen
waren, konnte ich zwar Daniela anspringen (sie wurde fotografiert und wir
standen im Weg, aber sie meinte, wir könnten ruhig mit drauf), aber ein
falscher Tritt und mein Knöchel rief: „Hey, sei vorsichtig, ich bin doch gerade
erst umgeknickt!“ (Vermutlich bin ich bei dem Sprung einfach wieder gut gelandet
und es hätte auch ganz anders enden können).
| Sicht vom doch-nicht-Opferplatz nach unten |
Als wir oben ankamen –
zumindest dachte ich, dass es oben war – gehörte ich nicht zu den letzten,
hatte also noch Zeit, zu Atem zu kommen. Kaum waren die letzten da, gingen die
ersten weiter. So macht das Warten auch keinen Sinn, denn die letzten brauchten
ja auch eine Pause…
In dem Moment wurde mir aber
klar, dass die Fläche, auf der wir standen, noch nicht der Opferplatz war und
ich war wieder kurz davor, aus Frust zu heulen. Da hatte ich so gekämpft, aber
war immer noch nicht ans Ziel gekommen. Ich hätte auch nicht weiter gemusst.
Die Sicht war schon von da atemberaubend.
Carina und Petra waren auf dem
Weg nach oben aber gute Motivatorinnen. Petra bemühte sich zwar eigentlich um
Karo, aber ich profitierte da auch von, in dem ich mich z.B. an ihre
Pausenzeiten gehalten haben („Wir warten hier jetzt so lange, bis Tareg an
diesem Stein ist.“).
Endgültig auf dem Opferplatz
angekommen, konnten wir uns hinsetzen und Stefan hat sein Referat gehalten.
Vorher habe ich mir folgenden Gedanken aufgeschrieben: „10:25 Uhr – Nach viel
Gekraxel sind wir auf dem Opferplatz gelandet. Erste Frage, die sich mir
stellt: Welcher Schwachkopf baut hier oben einen Opferplatz???“ Ich meine,
irgendwie muss man den Kram, den man opfern will, ja nach da oben bringen. Das
ist doch auch sehr mühsam.
Im Referat sagte Stefan, dass
der Platz Dushara, dem höchsten Gott der Nabatäer, gewidmet gewesen war.
Dummerweise war das eine Berggottheit, wobei es sich mir nicht ganz erschließt,
warum der Opferplatz dann ganz oben sein musste. Das war doch kein Windgott.
Weiter unten hätte es doch auch gereicht. Oder nicht?
Auf dem Weg vom Opferplatz
runter hatte ich das Gefühl, dass die Gruppe mehr zusammen blieb als beim
Aufstieg und der Tour gestern und ich hatte auch das Gefühl, dass es mehr Hilfe
gab. Marco, Marijana, Tareg und Frodo haben wir alle zwischendurch mal die Hand
angeboten. Runter fand ich auch einfacher als (vielleicht weil ein Ende in
Sicht war). Trotzdem hatte ich zwischendurch einige negative Gedanken wie zum
Beispiel:
- Bringt meine Krankenversicherung/ Reiseversicherung eigentlich auch meine Leiche nach Hause?
- Ich mache nie wieder eine Studienfahrt mit der Theologie.
- Ich habe genug von diesem Laden und breche mein Theologie-Studium ab.
- Jetzt weiß ich, wie Frodo (der von Tolkien, nicht unserer) und Sam sich auf den Stufen von Cirith Ungol gefühlt haben müssen – wobei, da war es Nacht und die Sonne schien nicht. Aber die Treppe war länger.
Die Idee von jemand anderem
aus der Gruppe – ich weiß nicht mehr, wer es war – dass wir es jetzt wie Elija
machen könnten und uns unter einem Strauch zum Sterben legen könnten (wir
hatten im Gottesdienst am Tag vorher die Geschichte von Elija am Horeb (Anfang
von 1 Kön 19) gehört), klang auch ganz verlockend…
Kurz vor der Mittagspause
trennten sich Frau G. und die sieben Zwerge – äh, ich meine unermüdliche
Wanderer – von uns, um den Jebel Haroun zu bezwingen und das Aarons Grab darauf
zu besuchen. Wir anderen guckten uns noch die Mosaike einer Basilika an (linke
Seite: 3 Bilder, rechts und links je zwei Vertreter einer Tierart, ganz wie bei
Noah; rechte Seite: Frauen, die Jahreszeiten darstellen), bevor wir in die
wohlverdiente Mittagspause um halb zwei gingen. Zum Mittagessen gab es
mitgebrachtes Essen sowie Lunchpakete.
Nach der Pause konnten wir mit
Ahmad zum Kloster auf einem der anderen Berge gehen, was einige auch machten.
Klaus blieb mit uns Invaliden unten. Ich hatte kurz überlegt, ob ich mit zu m
Kloster gehen sollte, aber ich fühlte mich nicht dazu in der Lage. Es sollten
800 Stufen nach oben sein, also fast doppelt so viele wie zum Opferplatz und
auf dem Weg zum Mittagessen war ich kurz davor, meine Füße anzubrüllen, dass
die gefälligst das tun sollen, was ich will. Ich bin so oft ungünstig auf
Steine getreten, abgerutscht und leicht umgeknickt, dass es echt nicht mehr
lustig war. Ich kann noch laufen, aber toll ist es nicht. Wahrscheinlich hätte
ich die ganze Strecke nur geflucht. Allerdings haben die, die mitgegangen sind,
mir später gesagt, dass der Weg zum Kloster viel angenehmer war als der zum
Opferplatz, weil Ahmad regelmäßig gewartet hat und es trotz der Anzahl der
Stufen besser zu laufen war.
Der Nachmittag mit Klaus war
auch interessant. Wir sind ganz gemächlich zurückgegangen. Zuerst kamen wir an
einem großen Gebäude vorbei, das als großer (römischer) Tempel bezeichnet wird.
Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass es ein Palast war. Wozu braucht ein
Tempel ein Theater? (Nachtrag: Gut,
mittlerweile kann ich mir einen Bischof vorstellen, der sich ein Theater in
eine Kirche baut…) Laura hat etwas zu dem Theater/ Palast an sich erzählt
(u.a. das Bad gezeigt) und Klaus hat uns den Unterschied zwischen einem
griechischen, eine römischen und einem ägyptischen Tempel erklärt. Der
Griechische ist quadratisch, damit er umschritten werden kann. Der römische ist
meist an einem Berg o.ä. gebaut und nur ein „halber griechischer“, weil die
Römer der Meinung waren, dass die Götterstatue nur noch vorne gucken kann und
deswegen in ihrem Rücken keinen schönen Tempel braucht. Der ägyptische fängt
mit großen Säulen an, wird aber immer kleiner und enger, weil der Mensch sich
vor dem Gott klein machen soll. In allen drei Kulturen war der Tempel das Haus
Gottes.
Im Christentum hatten die
Menschen dann aber die Idee, dass die ersten Kirchen ein Haus der Menschen sein
sollte. Das Vorbild war deswegen nicht der Tempel sondern die römische
Markthalle (Basilika), in der es ein Rednerpult für Rechtsprechung und Platz
für die Zuhörer gab. Erst als das Christentum sich durchsetzte und die
römischen/ griechischen Tempel abgerissen wurden, ohne das die jeweiligen
Götter etwas dagegen taten, wurden auch Tempel als Vorbild für Kirchen
genommen, weil das nicht mehr den Eindruck erwecken konnte, dass man die
anderen Götter anerkennen würde.
| Bunte Felsen |
Nach dem römischen Teil von
Petra gingen wir in eins der Königsgräber. Die Berge in Petra sind ganz
besonders gemustert. Die Farben reichen von Rot, Beige, Gelb bis hin zu Schwarz
und fast sowas wie Blau. Sie durchlaufen das Gestein, so dass es manchmal
aussieht, als wäre es kein Stein sondern Holz. Wenn man von außen auf die
Felsen guckt, sieht man das nicht immer, aber in den Höhlen oder wenn der Stein
bearbeitet wurde, kommen die Farben zum Vorschein. Einfach unglaublich.
Entlang der Souvenir-Läden und
durch die Schlucht gingen wir dann zurück zum Bus. Die Gruppe von Frau G. kam
erst, als wir mit dem Abendessen fast fertig waren.
Gestern Nacht habe ich Mama
eine Frust-SMS geschrieben und sie hat sogar versucht, mich anzurufen, um mich
zu trösten, ist aber nicht durchgekommen. Als das mit dem Telefonieren nach
Jordanien nicht klappte, hat Mama mir eine SMS geschickt und vorgeschlagen,
dass ich einen Tag im Hotel bleiben sollte, aber das wäre ja auch doof. Ich
wollte Petra ja unbedingt sehen und es hat sich auch wirklich gelohnt. Die
Wanderung zum Opferplatz ausgeschlossen, hätte ich diesen Tag nicht missen
wollen. Und obwohl ich heute Vormittag unzufrieden war, kann ich mittlerweile
der Reise wieder die Beschreibung „ganz schön, aber anstrengend“ geben. Gestern
wäre das Urteil nicht ganz so positiv ausgefallen.