Montag, 30. September 2013

Erebor ohne Smaug (Jordanien Tag 7)




Normalerweise schreibe ich immer im Bus, aber heute sind wir nur ganz kurz mit dem Bus vom Hotel nach Petra und wieder zurück gefahren. Deswegen ist dieser Eintrag überwiegend aus dem Rückblick geschrieben. Zwischendurch habe ich mir ein paar Notizen gemacht.

7:15 Uhr
Zu früh! Aber wir wollen nach Petra und wollen vor den ganzen anderen Touristen da sein.

Rückblick:
Ich hatte mich auf Petra am meisten gefreut (eigentlich war Petra der Hauptgrund, aus dem ich mich entschieden hatte, mitzukommen) und ich bin nicht enttäuscht worden, auch wenn ich mir Manches anders vorgestellt habe.
Petra war das Reich der Nabatäer. Diese hauten aus dem Sandsteingebirge Tempel und Grabmäler. Sie selbst lebten aber nicht in den Höhlen, sondern in Zelten, weil sie nomadische Stämme waren. Sie kontrollierten wichtige Handelsrouten und gerade weil sie keinen festen Wohnsitz hatten, wurde sie lange nicht von den Römern erobert. 106 n. Chr. haben die Römer es dann doch geschafft und haben mit verschiedenen Gebäuden ihre Spuren hinterlassen (damit hatte ich z.B. nicht gerechnet).
Heute ist Petra eine Geisterstadt – wenn man von Geisterstadt sprechen kann, wenn jeden Tag eine Welle von Touristen die Stadt überflutet und man Reitern und Kutschen aus dem Weg springen muss, wenn die bequemeren Touris sich transportieren lassen. Zuerst muss man nämlich durch eine lange Schlucht laufen. Fall jemand von euch Indiana Jones und der letzte Kreuzzug gesehen hat – am Ende sieht man Petra und auch die Schlucht. Nachdem man eine Weile zwischen den hohen Felswänden lang gelaufen ist, kann man einen ersten Blick auf Petra werfen. Die Schlucht führt direkt zu der sogenannten Schatzkammer und je weiter man geht, desto mehr sieht man von dieser Fassade.
Erebor... ähm... Al-Khazneh
Ich wollte die Stadt unbedingt sehen, weil ich Fotos von der Schatzkammerfassade gesehen hatte und fand, dass sie fast so aussieht wie das Hauptportal des Zwergenreichs im Erebor (aus dem Hobbit-Film). Nachdem ich es in echt gesehen habe, finde ich die Ähnlichkeit nicht mehr so stark. Erebor ist schöner – ach was, man kann das nicht vergleichen. Schließlich ist „Der Hobbit“ ein Film, in dem alles etwas größer sein muss.
Haha, ich habe gerade nochmal das Prospekt durchgelesen und über das Schatzhaus steht da: „Angesichtes der schieren Riesenhaftigkeit der 30m breiten und 43m hohen Fassade, kommen sich die meisten Betrachter wie Zwerge vor.“ Pun intended?
Aber vermutlich war das Schatzhaus (oder Al-Khazneh, wie es auch genannt wird und was fast schon wieder wie Khazad-dûm (Moria) klingt – ist Mittelerde vielleicht doch im Nahen Osten?) doch keine Schatzkammer sondern ebenfalls eine Grabhöhle. Eigentlich hat sie drei Etagen, aber die dritte Etage ist mittlerweile unter dem Boden (also sozusagen ein Kellerraum). Auf der Fassade sind fünf Adler zu sehen, von denen einer nach unten sieht, um dem Toten seinen Respekt zu erweisen. In der arabischen Kultur blicken Adler wohl meistens noch oben, wenn ich Ahmad richtig verstanden habe. Rechts und links wird das Grab von Raubtieren beschützt. In der dritten Etage sieht man Reliefs, u.a. von Isis und Nici, sowie eine Urne (die ist in der Mitte). Die Urne kann sowohl mit Tod als auch mit Schätzen verbunden werden, deswegen wurde eine Zeit lang vermutet, dass es sich um eine Schatzkammer handelt. In der zweiten Etage (bzw. der ersten) sind zwei Krieger zu sehen, der im Westen repräsentiert den Tod, der im Osten das Leben. Auch wenn die Fassade nicht so aussieht, wie Thráins Königreich, hat sie mir trotzdem gefallen.
Den größten Teil des Vormittags nahm die Wanderung zum Opferplatz und darüber hinaus ein. Der Aufstieg war furchtbar. Es hieß, es wären 400-500 Stufen nach oben, aber ich hatte das Gefühl, dass es mehr waren. Die Stufen waren natürlich nicht gleichmäßig und teilweise weit auseinander, so dass es vermutlich nur so wirkte, als ob es mehr wären. Bei manchen Stufen wusste ich auch nicht, ob ich sie als Stufe oder als flacher Stein definieren sollte. Es war einfach anstrengend und mein Knöchel meldete sich wieder. Als wir oben angekommen waren, konnte ich zwar Daniela anspringen (sie wurde fotografiert und wir standen im Weg, aber sie meinte, wir könnten ruhig mit drauf), aber ein falscher Tritt und mein Knöchel rief: „Hey, sei vorsichtig, ich bin doch gerade erst umgeknickt!“ (Vermutlich bin ich bei dem Sprung einfach wieder gut gelandet und es hätte auch ganz anders enden können).
Sicht vom doch-nicht-Opferplatz nach unten
Als wir oben ankamen – zumindest dachte ich, dass es oben war – gehörte ich nicht zu den letzten, hatte also noch Zeit, zu Atem zu kommen. Kaum waren die letzten da, gingen die ersten weiter. So macht das Warten auch keinen Sinn, denn die letzten brauchten ja auch eine Pause…
In dem Moment wurde mir aber klar, dass die Fläche, auf der wir standen, noch nicht der Opferplatz war und ich war wieder kurz davor, aus Frust zu heulen. Da hatte ich so gekämpft, aber war immer noch nicht ans Ziel gekommen. Ich hätte auch nicht weiter gemusst. Die Sicht war schon von da atemberaubend.
Carina und Petra waren auf dem Weg nach oben aber gute Motivatorinnen. Petra bemühte sich zwar eigentlich um Karo, aber ich profitierte da auch von, in dem ich mich z.B. an ihre Pausenzeiten gehalten haben („Wir warten hier jetzt so lange, bis Tareg an diesem Stein ist.“).
Endgültig auf dem Opferplatz angekommen, konnten wir uns hinsetzen und Stefan hat sein Referat gehalten. Vorher habe ich mir folgenden Gedanken aufgeschrieben: „10:25 Uhr – Nach viel Gekraxel sind wir auf dem Opferplatz gelandet. Erste Frage, die sich mir stellt: Welcher Schwachkopf baut hier oben einen Opferplatz???“ Ich meine, irgendwie muss man den Kram, den man opfern will, ja nach da oben bringen. Das ist doch auch sehr mühsam.
Im Referat sagte Stefan, dass der Platz Dushara, dem höchsten Gott der Nabatäer, gewidmet gewesen war. Dummerweise war das eine Berggottheit, wobei es sich mir nicht ganz erschließt, warum der Opferplatz dann ganz oben sein musste. Das war doch kein Windgott. Weiter unten hätte es doch auch gereicht. Oder nicht?
Auf dem Weg vom Opferplatz runter hatte ich das Gefühl, dass die Gruppe mehr zusammen blieb als beim Aufstieg und der Tour gestern und ich hatte auch das Gefühl, dass es mehr Hilfe gab. Marco, Marijana, Tareg und Frodo haben wir alle zwischendurch mal die Hand angeboten. Runter fand ich auch einfacher als (vielleicht weil ein Ende in Sicht war). Trotzdem hatte ich zwischendurch einige negative Gedanken wie zum Beispiel:

  • Bringt meine Krankenversicherung/ Reiseversicherung eigentlich auch meine Leiche nach Hause?

  • Ich mache nie wieder eine Studienfahrt mit der Theologie.

  • Ich habe genug von diesem Laden und breche mein Theologie-Studium ab.

  • Jetzt weiß ich, wie Frodo (der von Tolkien, nicht unserer) und Sam sich auf den Stufen von Cirith Ungol gefühlt haben müssen – wobei, da war es Nacht und die Sonne schien nicht. Aber die Treppe war länger.

Die Idee von jemand anderem aus der Gruppe – ich weiß nicht mehr, wer es war – dass wir es jetzt wie Elija machen könnten und uns unter einem Strauch zum Sterben legen könnten (wir hatten im Gottesdienst am Tag vorher die Geschichte von Elija am Horeb (Anfang von 1 Kön 19) gehört), klang auch ganz verlockend…

Kurz vor der Mittagspause trennten sich Frau G. und die sieben Zwerge – äh, ich meine unermüdliche Wanderer – von uns, um den Jebel Haroun zu bezwingen und das Aarons Grab darauf zu besuchen. Wir anderen guckten uns noch die Mosaike einer Basilika an (linke Seite: 3 Bilder, rechts und links je zwei Vertreter einer Tierart, ganz wie bei Noah; rechte Seite: Frauen, die Jahreszeiten darstellen), bevor wir in die wohlverdiente Mittagspause um halb zwei gingen. Zum Mittagessen gab es mitgebrachtes Essen sowie Lunchpakete.
Nach der Pause konnten wir mit Ahmad zum Kloster auf einem der anderen Berge gehen, was einige auch machten. Klaus blieb mit uns Invaliden unten. Ich hatte kurz überlegt, ob ich mit zu m Kloster gehen sollte, aber ich fühlte mich nicht dazu in der Lage. Es sollten 800 Stufen nach oben sein, also fast doppelt so viele wie zum Opferplatz und auf dem Weg zum Mittagessen war ich kurz davor, meine Füße anzubrüllen, dass die gefälligst das tun sollen, was ich will. Ich bin so oft ungünstig auf Steine getreten, abgerutscht und leicht umgeknickt, dass es echt nicht mehr lustig war. Ich kann noch laufen, aber toll ist es nicht. Wahrscheinlich hätte ich die ganze Strecke nur geflucht. Allerdings haben die, die mitgegangen sind, mir später gesagt, dass der Weg zum Kloster viel angenehmer war als der zum Opferplatz, weil Ahmad regelmäßig gewartet hat und es trotz der Anzahl der Stufen besser zu laufen war.

Der Nachmittag mit Klaus war auch interessant. Wir sind ganz gemächlich zurückgegangen. Zuerst kamen wir an einem großen Gebäude vorbei, das als großer (römischer) Tempel bezeichnet wird. Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass es ein Palast war. Wozu braucht ein Tempel ein Theater? (Nachtrag: Gut, mittlerweile kann ich mir einen Bischof vorstellen, der sich ein Theater in eine Kirche baut…) Laura hat etwas zu dem Theater/ Palast an sich erzählt (u.a. das Bad gezeigt) und Klaus hat uns den Unterschied zwischen einem griechischen, eine römischen und einem ägyptischen Tempel erklärt. Der Griechische ist quadratisch, damit er umschritten werden kann. Der römische ist meist an einem Berg o.ä. gebaut und nur ein „halber griechischer“, weil die Römer der Meinung waren, dass die Götterstatue nur noch vorne gucken kann und deswegen in ihrem Rücken keinen schönen Tempel braucht. Der ägyptische fängt mit großen Säulen an, wird aber immer kleiner und enger, weil der Mensch sich vor dem Gott klein machen soll. In allen drei Kulturen war der Tempel das Haus Gottes.
Im Christentum hatten die Menschen dann aber die Idee, dass die ersten Kirchen ein Haus der Menschen sein sollte. Das Vorbild war deswegen nicht der Tempel sondern die römische Markthalle (Basilika), in der es ein Rednerpult für Rechtsprechung und Platz für die Zuhörer gab. Erst als das Christentum sich durchsetzte und die römischen/ griechischen Tempel abgerissen wurden, ohne das die jeweiligen Götter etwas dagegen taten, wurden auch Tempel als Vorbild für Kirchen genommen, weil das nicht mehr den Eindruck erwecken konnte, dass man die anderen Götter anerkennen würde.
Bunte Felsen
Nach dem römischen Teil von Petra gingen wir in eins der Königsgräber. Die Berge in Petra sind ganz besonders gemustert. Die Farben reichen von Rot, Beige, Gelb bis hin zu Schwarz und fast sowas wie Blau. Sie durchlaufen das Gestein, so dass es manchmal aussieht, als wäre es kein Stein sondern Holz. Wenn man von außen auf die Felsen guckt, sieht man das nicht immer, aber in den Höhlen oder wenn der Stein bearbeitet wurde, kommen die Farben zum Vorschein. Einfach unglaublich.
Entlang der Souvenir-Läden und durch die Schlucht gingen wir dann zurück zum Bus. Die Gruppe von Frau G. kam erst, als wir mit dem Abendessen fast fertig waren.

Gestern Nacht habe ich Mama eine Frust-SMS geschrieben und sie hat sogar versucht, mich anzurufen, um mich zu trösten, ist aber nicht durchgekommen. Als das mit dem Telefonieren nach Jordanien nicht klappte, hat Mama mir eine SMS geschickt und vorgeschlagen, dass ich einen Tag im Hotel bleiben sollte, aber das wäre ja auch doof. Ich wollte Petra ja unbedingt sehen und es hat sich auch wirklich gelohnt. Die Wanderung zum Opferplatz ausgeschlossen, hätte ich diesen Tag nicht missen wollen. Und obwohl ich heute Vormittag unzufrieden war, kann ich mittlerweile der Reise wieder die Beschreibung „ganz schön, aber anstrengend“ geben. Gestern wäre das Urteil nicht ganz so positiv ausgefallen.

Sonntag, 29. September 2013

Immer an den Kodex halten (Jordanien Tag 6)

Ein Filmzitat aus dem Film Fluch der Karibik.
Auf dem Piratenschiff
Gibbs: „Captain, was ist, wenn der schlimmste Fall eintritt?“
Captain Jack Sparrow: „Immer an den Kodex hatten!“
Gibbs: „Aye, der Kodex.“

Will und Jack im Beiboot
Will: „An welchen Kodex soll sich Gibbs halten, wenn das Schlimmste passiert?“
Jack: „An den Piratenkodex. Jeder Mann, der zurück bleibt, wird zurück gelassen.“

9.30 Uhr
Wir sitzen im Bus und warten. Klaus und Frau G. kaufen gerade Mittagessen. Ich habe die ersten Postkarten erstanden. Fünf, weil sie nicht so schön waren. Den Rest muss ich in Petra oder so besorgen. Trotzdem hat mich das Postkarten Kaufen kurzfristig erfreut.

Wir waren schon auf der Kreuzfahrerburg in Kerak. In dieser Stadt haben wir heute auch übernachtet. Direkt vor der Burg. Eigentlich hätten wir auch in der Burg schlafen können. Von der Ausstattung her, hätte er vermutlich kaum einen Unterschied gemacht. Heute Morgen war ich noch ein bisschen unmotiviert. Es war sehr kühl und ich habe es mit dem T-Shirt zwar ausgehalten, aber eine Jacke wäre auch nicht schlecht gewesen.
An der Burg kann man verschiedene Bauphasen erkennen: Die unregelmäßig großen dunkleren Steine sind von den Kreuzfahrern, die gleichmäßigen und helleren sind von den Mamlukken. Als die Kreuzritter noch in der Burg lebten, versuchte Saladin mehrmals, sie einzunehmen, schaffte es aber erst nach einigen Fehlschlägen. Ahmad erzählte, dass die christlichen Befehlshaber so schreckliche waren, dass auch Christen auf Saladins Seite gestanden hätten. Er erzählte weiter, dass die Kreuzritter für verschiedene Überfälle verantwortlich waren und dass Saladins Schwester bei einem dieser Überfälle getötet worden sei.
In der Bibel wird die Stadt Kerak als Kir-Moab, als moabitische Stadt, erwähnt. Auch auf der Mescha-Stele wird der Name der Stadt genannt.

11:26 Uhr
Wir fahren durch Berge und kommen gerade von einem Aussichtspunkt auf das Wadi al-Hasa. Ganz weit unten sah man einen Stausee und einer der Berge drum herum war schwarz, alle anderen aber hell. Außerdem war da ein Khirbet (eine Art Tell aber mit weniger Besiedlung), auf dem ein Nabatäer-Heiligtum stand. Die Nabatäer sind das Volk, das in Petra gelebt hat. Petra sehen wir morgen.

Im Bus hat Ahmad uns etwas über den „echten Islam“ erzählt. Er hat die fünf Säulen genannt und erklärt, dass Gott im Islam keine Familie hat. Die drei wichtigsten Menschen sind Adam (der keine Eltern hat), Eva (die nur einen Vater – Adam – hat) und Jesus (der nur eine Mutter hat). Außerdem sagte Ahmad, dass viele Sachen, die im Namen des Islam gesagt oder getan werden, nicht im Sinne des echten Islam sind. Das beginnt bei der Heirat mehrerer Frauen, die nur erlaubt ist, wenn beide Frauen genau das gleiche bekommen (also auch Liebe und andere nicht materielle Sachen), bis hin zu Terroranschlägen (das konnten sich die meisten vermutlich schon vorher denken), denn Muslime dürfen niemanden töten, keinen Krieg an Feiertagen führen (auch nicht an jüdischen oder christlichen Feiertagen) und keine Gotteshäuser anderer Religionen zerstören.
Als Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten erklärte er uns, dass es bei den Sunniten eine direkte Verbindung zu Gott geben würde und ähnlich wie bei den Protestanten keine weiteren Instanzen dazwischen sind. Außerdem seien die Sunniten toleranter. Bei den Schiiten müsse immer alles vom Ober-Iman abgesegnet werden.

13:21 Uhr
Wadi Dana
Wir haben eine Mittagspause am Wadi Dana gemacht. Das Mittagessen mussten wir uns aber wohl erst verdienen, denn wir haben vorher ein Referat über den Kupferabbau gehört, den schon lange vor Christus stattfand. Auch in Hiob wird der Abbau von Erzen schon erwähnt. Der Abbauverlauf war ähnlich zu dem heute (es wurde eine Stollen gegraben), auch wenn technisch natürlich Welten und über 2000 Jahre dazwischen liegen.
Zum Mittagessen unterm freien Himmel gab es Fladenbrot, Gurken, Tomaten, Käse und Äpfel. Ich fand das Picknick toll. Das könnten wir ruhig öfter machen.
So langsam versöhne ich mich wieder etwas mit dem Programm. Heute Morgen war ich noch etwas müde, aber bisher gefällt mir der Tag ganz gut Allerdings kommt die Wanderung ja noch. Bisher sind wir fast nur im Bus rumgefahren und haben jede Menge Blödsinn gemacht: Geübt, die Zunge einzuklappen und den Dirt Style, einen neuen Mode-Stil entwickelt (die Hose sieht aus wie frisch eingestaubt). Ein bisschen Klassenfahrtsfeeling kommt auf.


16:46 Uhr
Nach der Wanderung zur Burg Shoreq und den Besuch dieser Burg sitzen wir wieder im Bus und sind unterwegs nach Klein Petra.
Die Wanderung war so na ja. Am Anfang lief die Gruppe einigermaßen zusammen, aber schnell ergaben sich wieder große Lücken. Eine Zeit lang liefen wir über eine Straße. Dann bogen wir von der Straße ab und gingen auf den Berg, auf dem viele lose Steine lagen und Disteln wuchsen. Die Disteln haben mir nicht so viel aus gemacht (Steffi hatte allerdings Probleme, weil sie Wandersandalen trug), aber die Steine waren fies. Mein Fuß tut jetzt wieder weh, weil das Ausbalancieren eben immer noch Mist ist. Wenn das Ganze eine gerade Fläche gewesen wäre, wäre das ja noch gegangen. Aber es ging bergab.
Ziemlich am Anfang des Berges habe ich auf Steffi gewartet, die ein Pflaster auf ihren Fuß kleben wollte. Zusammen mit Nadine und Marlene haben wir die Schlussgruppe gebildet. Wir kamen nicht besonders schnell voran, wollten aber auch nichts überstürzen, weil wir nicht wussten, wie wir vom Berg runterkommen sollte, wenn eine von uns hinfiele und nicht mehr weitergehen könnte. Ich hatte zwar ein Handy dabei, aber wir wussten noch nicht mal, ob wir auf dem Berg überhaupt Empfang haben würden. Ich habe mich zwischendurch sogar mal auf den Hintern gesetzt und in die Disteln gefasst, aber ich konnte danach noch weiterlaufen. Der Rest der Gruppe war so weit vor uns, dass wir sie gar nicht mehr sehen konnten.
Irgendwann kamen wir an eine Stelle mit weniger losen Steinen, die aber steiler war. Da warteten Daniela und Hanns auf uns. Sie zeigten uns, wo wir lang laufen sollten und als ich an einer Stelle etwas Panik bekommen habe, hat Daniela mich an die Hand genommen. Dann kam Ahmad und hat mir gesagt, dass ich mich an ihm festhalten soll. Er hat mich dann runter geführt. Wenn wir an der Stelle nur zu viert gewesen wären, hätte ich mich vermutlich irgendwann hingesetzt und hätte die Strecke auf dem Po rutschend hinter mich gebracht. Da hätte ich dann nur auf die Disteln aufpassen müssen…
Wir kamen zur Straße, wo der Bus und ungefähr die Hälfte unserer Gruppe standen. Frau G. war mit den anderen schon weitergegangen. Ahmad ging mit einigen den leichteren aber längeren Weg (Frau G. hatte den schwierigeren aber kürzeren) und ein paar von uns entschieden sich, das letzte Stück mit Klaus im Bus zu fahren. Ich war bei den Busfahrern, weil ich keine Lust mehr hatte. Vor allem waren wir ja gerade den Berg herunter gekraxelt nur um jetzt wieder hochklettern zu müssen. Im Bus haben sich eigentlich alle darüber aufgeregt, dass so wenig Rücksicht genommen und teilweise nicht einmal gewartet wurde. Ahmad ist wohl deswegen zurück gekommen, weil Heike dachte, ich hätte mir wieder den Fuß umgeknickt.
Caro warf dann noch die Frage auf, warum  wir überhaupt zu der Burg laufen mussten. Ob da jemand Berühmtes lang gelaufen wäre. Also habe ich ihr die rührende Geschichte eines Knappen aus Essen erzählt, der jeden Tag Wasser für die Kreuzritter auf den Berg hochschleppen musste. Aber ich glaube, Caro hat mir die Geschichte nicht ganz abgenommen.

Die Burg selber haben wir uns nur ganz kurz angesehen. Es gab nicht einmal ein Referat dazu. Nur im Referat zur Königsstraße wurde sie kurz erwähnt. Ich war auf der Burg völlig frustriert. Nachdem ich im Wadi Mujib schon nicht mithalten konnte, musste ich hier auch vom Berg gepflückt werden, um dann auf der Burg, die das Ziel sein sollte, nur kurz etwas zu der Geschichte zu hören (das übliche) und aufgefordert zu werden, die Aussicht zu genießen. Meinetwegen ist der Weg das Ziel, aber wie eine Ziege auf einem Berg herumzustolpern (wobei die Ziege das sehr viel besser kann als ich), macht mir keinen Spaß. Ich verstehe nicht einmal den Sinn dahinter. Den Blick während der Wanderung konnte ich auch kaum genießen, weil ich mich darauf konzentrieren musste, nicht zu fallen und deswegen überwiegend auf meine Füße geguckt habe. Und die Aussicht… so langsam wird mir der karge Stein etwas dran über. Gut, dass ich „Steine – 100 mal anders“ (oder auch nicht) gebucht hatte, war mir vorher klar, aber ich merke gerade, wie sehr ich vernünftige, grüne Pflanzen vermisse.

Ich habe schon überlegt, das Wadi Rum ausfallen zu lassen, weil ich nicht nochmal wandern will. Allerdings sagte Carina dann, dass das eine Jeep Tour sein wird (ich sollte das Programm genauer lesen) und Daniela meinte, da ich auch als langsamer Mensch Teil der Fahrt bin, sollte ich nicht an einem Programmpunkt nicht teilnehmen, weil ich denke, dass ich zu langsam bin.

23:00 Uhr
Nach der frustrierenden Wanderung und dem Besuch auf der Burg kam für mich ein Hoch, als wir nach Klein Petra kamen. Ich konnte schon mal einen Eindruck von dem bekommen, was mich morgen erwartet und ich war begeistert. So kunstvolle Fassaden vor den Höhlen in den Bergen. Und das ist alles so groß! Man kann auch über Treppen zu den oberen Etagen gelangen.
Ich bin zweimal hochgestiegen, aber die Stufen sind ziemlich ausgetreten, weil die Berge aus Sandstein sind, der sehr empfindlich ist und abgetragen wird, wenn die ganzen Touristen darüber trampeln. Bei den einen Höhle wäre auf dem Weg nach unten fast auf den Beduinen gefallen, der mit die Hand gab, gerade damit ich nicht falle – wobei ich mir aber auch denke, dass ich es alleine besser geschafft hätte, weil er nämlich genau da stand, wo ich beim Aufstieg hingetreten war.
Beim zweiten Mal ging es zu einer Zisterne, aber ich bin gar nicht bis ganz oben gegangen. Auf dem Rückweg ging Carina vor und Annika hinter mir her und haben mir ihre Hilfe angeboten, obwohl Annika sich auch irgendwie am Knie verletzt hat. Sollte ich nochmal eine Studienfahrt mit der Theologie machen, schnappe ich mir in den Monaten davor Charly und übe wandern!

Nach dem Abendessen kam das Gespräch auf die Wanderung. Frau G. hat sich entschuldigt, dass sie nicht gewartet hat, aber die Begeisterung wäre mit ihr durchgegangen. Klaus hat gesagt, dass er es nicht gut findet, dass manche Leute aus der schnellen Gruppe in Bezug auf die anderen wohl „Pech gehabt“ gesagt haben, dass er es aber auch verstehen kann, wenn sich manche Leute aufregen, dass die Gruppe zu langsam ist. Er nannte als Beispiel wieder das Fotografieren (auch in Israel ein heiß diskutiertes Thema). Ich war kurz davor zu sagen, dass ich auf diesem dämlichen Berg ein einziges Foto gemacht habe, aber das habe ich dann doch gelassen. Ich sollte nicht immer alles auf mich beziehen. Ich bin auch ohne Fotografieren lahm. Allerdings finde sogar ich die Gruppe manchmal etwas langsam (vor allem wenn wir auf der Straße laufen oder so).

Samstag, 28. September 2013

Steine, die die Welt bedeuten (Jordanien Tag 5)


8:10 Uhr
„Manche Leute stehen saufrüh auf/ und dann klettern sie nen Berg hinauf.“ Dieses Lied von den Wise Guys („Der Berg ruft“) passt zu dem Tag heute vermutlich ganz gut, denn wir sind heute wieder (zu) früh aufgestanden und als erstes steht der Berg Nebo auf dem Plan. Ich weiß allerdings nicht, ob wir hochlaufen, aber ich hoffe, dass wir ein Stück mit dem Bus machen. Von gestern habe ich nämlich total Muskelkater. Außerdem konnte ich diese Nacht nicht gut schlafen, weil meine Einschlafposition nicht möglich war, weil meine Knie und Ellenbogen unter Druck schmerzen.
Die letzte Reihe im Bus läuft wie schon in Israel gerade zu gesanglichen Hochleistungen auf. Der ganze Bus wackelt. Von „Der Hahn ist tot“ (auf allen Sprachen – sogar Latein) bis zu „Vater Abraham“ ist alles dabei. Ich warte immer noch auf die „Weihnachtsbäckerei“. Unter den anderen kam schon die Vermutung auf, dass die Jungs doch das Leitungswasser getrunken haben, was wir eigentlich nicht tun sollen, und dass das jetzt die Folgen sind.

Jetzt spricht Ahmad gerade von der Arbeitslosigkeit in Jordanien. Die wirkliche Zahl übersteigt die offizielle, aber es gibt auch keine staatliche Hilfe. Wenn jemand arbeitslos wird, muss die Familie ihn auffangen (wenn die das nicht kann, ist es die Moschee/ Glaubensgemeinschaft). Die Frauen sprechen miteinander, wenn sie Geld brauchen. Das Problem wird dann an die Ehemänner/ Brüder weitergeleitet, die dann die Angelegenheit regeln.
Außerdem hat Ahmad uns die Farben der jordanischen Männerkopftücher erklärt. Die rot-weißen werden von Beduinen getragen. Die schwarz-weißen waren ursprünglich die der Bauern, haben aber seit Arafat eine politische Bedeutung (Palästinenser). Dann gibt es noch weiße Kopftücher, die von den Sunniten oder der Stadtbevölkerung getragen werden.

9:42 Uhr
Der Besuch auf dem Berg Nebo war zum Glück keine Bergwanderung. Wir sind mit dem Bus ziemlich weit gekommen und der Rest des Weges war befestigt und nicht steil. Zuerst kamen wir an einem weißen Stein in Gedenken an Moses, der in der Bibel vom Nebo aus ins gelobte Land blicken darf, dann aber stirbt. Ein Grab wurde dort aber nicht gefunden, obwohl man danach gesucht hat.
Memorial of Moses
Eigentlich hätte ich mir denken können, dass der Nebo nicht mehr in seinem natürlichen Zustand existiert. Die Stelle, an der Moses gestorben ist/ sein soll, muss Gläubige der drei monotheistischen Religionen anziehen und nicht nur eine Horde wild gewordener Theologiestudenten. Schon im 4. Jahrhundert wurde eine christliche Kirche auf diesem Berg gebaut. Der Schwerpunkt des Referats, das wir auf dem Nebo hörten, lag aber auf einem Mosaik aus dem 6. Jahrhundert, das wir allerdings nur als Abbildung sehen konnten, weil Bauarbeiten auf dem Berg stattfanden. Das Mosaik hat vier Reihen übereinander. In der ersten sieht man Menschen, die gegen einen Löwen kämpfen, in der zweiten sind Jäger auf Pferden zu sehen, dann kommen Menschen unter Palmen und den Schluss bilden Menschen unterschiedlicher Hautfarben mit einem Dromedar und einem Zebra. Ahmad ergänzte zum Referat, dass dieses Mosaik die Zeitalter der Sammler, Jäger, Bauern und Karawanen symbolisiert.

Der Blick vom Nebo
Nach dem Referat durften wir auch nach Israel herüber schauen. Nach 40 Jahren in der Wüste muss der grüne Fleck um Jericho wirklich wie das Paradies aussehen (vermutlich schon nach einer Woche Wüste). Viel Zeit zum Gucken oder Fotografieren hatten wir aber nicht. Wir haben eine weitere Namensrunde gemacht und den beiden Geburtstagskindern ein Ständchen gesungen (alle drei Strophen von „Heute kann es regnen, stürmen oder schnein“). Immerhin haben wir es geschafft, ein Gruppenfoto zu machen.



10:30 Uhr
Nach dem Nebo sind wir in die griechisch-orthodoxe Georgskirche in Madaba. In dieser Kirche gibt es ein Mosaik, das eine Landkarte von Ägypten, Israel, Jordanien und dem Libanon zeigt. Wichtige Städte sind dargestellt. Von Jerusalem ist der Cardo zu sehen, darüber und darunter sind Häuser abgebildet, auch die Grabeskirche. Ich meine, wir hätten eine Abbildung dieses Mosaik-Teils auch in Jerusalem gesehen.
Jedenfalls war es mal schön, eine Kirche zu sehen, die noch ein Dach hatte und auch sonst so ziemlich ganz aussah. Und es war mal eine orthodoxe Kirche, die mir ganz gut gefallen hat. Sie war zwar immer noch sehr bunt, aber nicht so Gold-überladen wie die anderen orthodoxen Kirchen, die ich bisher gesehen habe.
Vor der Kirche wurden wir noch von dem Verkäufer aus dem Souvenirladen angesprochen, ob wir seine Euro-Münzen in Scheine umtauschen könnten. Ich habe erst nicht verstanden, was er wollte und habe auch nicht getauscht, was aber auch daran lag, dass ich nur zwei kleine Scheine hatte und die gerne aufheben wollte. Zwei andere aus der Gruppe haben aber getauscht. Viele Jordanier nehmen Euro an, müssen das aber eben umtauschen und Münzen können sie nicht tauschen. Deswegen werden an manchen Stellen nur Euro-Scheine angenommen.

Wieder im Bus hat Ahmad uns etwas über jordanische Hochzeiten erzählt. Es gibt Ehen, in denen die Partner sich von alleine gefunden haben, und es gibt arrangierte Ehen. Bei letzterem spricht der Mann, der gerne heiraten würde, mit seiner Mutter, die wiederum mit dem Vater redet. Der muss sein Einverständnis geben, damit der Sohn heiraten kann.
Ist die Zustimmung vorhanden, setzt sich die Mutter mit weiblichen Verwandten zusammen und bildet eine Art Auswahlkomitee. Sie setzen eine Liste mit Familien auf und besuchen diese nach und nach. Die Kandidatin muss kleinere Aufgaben lösen, z.B. etwas lesen oder mit dem Kind spielen, das eine der Frauen dabei hat (ein Kind muss in dieser „Jury“ dabei sein), oder dem Kind etwas zu essen kochen. Außerdem kann das Kind als Alibi genutzt werden, um die Sauberkeit der Wohnung zu überprüfen (in dem die Mutter sich zum Wickeln zurückzieht). Es gibt einen Kriterienkatalog, anhand dessen die Frauen die Kandidatinnen bewerten und die Liste der potenziellen Bräute verkleinern.
Erst dann kommt der heiratswillige Mann wieder ins Spiel. Er besucht die ausgewählten Familien, aber keineswegs alleine. Beim ersten Mal sind alle anwesend, es wird Tee getrunken und der Mann darf nicht mit der Frau reden. Wenn er will, kann er sich ein zweites Mal mit ihr treffen und dann auch mit ihr reden, aber nur unter Aufsicht der Schwiegermutter in spe und für begrenzte Zeit. Bei einem dritten Treffen (wenn gewünscht) ist ein Kind zwischen acht und dreizehn als Aufpasser dabei.
Nach dem dritten Treffen muss der Mann sich entscheiden, ob er diese Frau heiraten möchte. Die Entscheidung teilt er wieder seiner Mutter mit, die sich um den Rest kümmert. Die Auserwählt darf den Mann ablehnen, aber er darf noch zwei weitere Male nachfragen, je im Abstand von drei Monaten. Wenn die Frau beim dritten Mal immer noch nein sagt, ist das dann aber endgültig.
Wenn die Frau ja sagt, schließen die Väter einen Ehevertrag und es wird schnell die Verlobung gefeiert. Die Zeit der Verlobung dauert meist um die drei Monate, in denen der Mann und die Frau sich nur unter Bewachung eines Kindes treffen dürfen. Es gibt aber auch Tricks, den Aufpasser auszutricksen (z.B. beim Kinobesuch eine Karte für einen anderen Saal für das Kind kaufen).
Zehn Tage vor der Hochzeit kann die Braut es sich nochmal anders überlegen, danach aber nicht mehr. Die Familie des Bräutigams muss die Hochzeitsfeier bezahlen. Die dauert zwei Tage und kann bis zu 10.000 Dinare kosten.


12:17 Uhr
Wir kommen gerade von einer Ausgrabung in Umm Al Rasas. Im 6. oder 7. Jahrhundert wurden da mehrere Kirchen mit Mosaiken (heute scheint Mosaik-Tag zu sein) gebaut. Es steht dort auch noch eine Kirche mit einem Turm ohne Fenster aber mit Versorgungsschacht, in dem zwar nicht Rapunzel, aber ein Eremit lebte (also im Turm, nicht im Schacht). Den Turm haben wir nicht gesehen, aber die Mosaike. Sie zeigen Blumenranken und Tiere. Es sind auch Stadtdarstellungen dabei, ähnlich wie in Madaba.

13:35 Uhr
Es gab zu einer vernünftigen Zeit Mittagessen! Yippie! Ich habe mir mit Nadine das Buffet geteilt, weil ich nur Salat und sie nur Hauptgang wollte.
Wir fahren jetzt zu der Burg Machärus. Als Besitzer wird Herodes angenommen und in der Burg soll Johannes der Täufer gefangen gehalten und hingerichtet worden sein. Da muss ich doch glatt an meine Salomé-Hausarbeit denken.
Gerade hören wir schon das Referat zu Machärus. Herodes der Große ließ die zu seiner Zeit zerstörte Burg als Sommerschloss wieder aufbauen und hinterließ sie nach seinem Tod seinem Sohn. Später besetzten Rebellen die Burg. Das erinnert doch ein bisschen an Masada, natürlich ohne den dramatischen Selbstmord. Wenn Herodes gewusst hätte, dass Rebellen verschiedene seiner Burgen besetzen, hätte er sich vermutlich im Grab gedreht.

Nach dem Referat scheint niemand mehr Lust zu haben, zu reden. Stattdessen sehen wir einen Film – ich glaube, der soll über Jordanien sein, aber im Moment berichtet er nur aus dem Leben von König Abdullah. Vermutlich zeigt der Busfahrer uns nur den Film, um die hinterste Reihe vom Singen abzuhalten.
Ah, okay, der König soll einem amerikanischen Journalisten seine liebsten Orte in Jordanien zeigen. Wirkt aber wie ein Propaganda-Film des Königs. So nachdem Motto: Guckt mal, wie cool der König ist, der fliegt selber Helikopter.

15:15 Uhr
Bei Machärus rief der Berg dann zumindest ein bisschen mehr als der Nebo. Zuerst mussten wir aber ein paar Stufen herunter steigen. Allein die wären schon Schutz genug vor Feinden gewesen, weil sie sehr ungleich hoch meistens zu hoch für meine kurzen Beine waren. Und waren die Menschen früher nicht kleiner als heute?
Blick von Machärus auf das Tote Meer
Als die Stufen endeten, gab es einen Pfad, der den Berg herauf führte. Gegen Ende wurde es ziemlich steil, was ich auch anstrengend fand, aber da war es nicht mehr weit und im Ganzen war der Weg in Ordnung. Oben angekommen und auch schon auf dem Weg ab einer bestimmten Höhe hatten wir eine tolle Sicht auf das Tote Meer.
Von der Burg ist aber nicht mehr viel übrig und das was man sieht wirkt viel bescheidener als Masada. Außerdem hatte ich gedacht, dass wenn es schon der mutmaßliche Hinrichtungsort von Johannes dem Täufer ist, warum haben sie ihm dann nicht auch ein Gedenksteinchen hingestellt?
Wir sind oben ein bisschen rumgelaufen und haben vor allem die Aussicht genossen. Judith und Nadine haben sich auf eine halbe Säule gestellt und haben posiert. Das war eine lustige Aktion.

Aus irgendwelchen Gründen brannten meine Knie nach dem Aufstieg wieder. Ich vermute, dass die Hose über die Abschürfung gescheuert hat. Vielleicht sollte ich sie doch mal mit Heilsalbe einschmieren. Im Moment brennt nur mein Ellenbogen. Dabei ist der gar nicht bedeckt.
Im Bus mussten wir zuerst den König-Abdullah-zeigt-uns-sein-Land-Film beenden. Ich war froh, als es endlich vorbei war, aber jetzt müssen wir den Film „Die zehn Gebote“ auf Englisch (macht mir ja nichts) mit arabischen Untertiteln ansehen. Die Bildqualität beim ersten Film war schon schlecht, aber die hier unterbietet das noch. Und manche Dialoge sind einfach nur schrecklich. Als die ägyptische Prinzessin Moses an seine Mutter zum Stillen gibt, sagt die Mutter zu ihr: „When I give him back, make sure he knows who his people are!“ Hallo? Die Mutter (eine Sklavin) gibt der Prinzessin Befehle?! Und überhaupt: Sie hat das Kind ausgesetzt und ist damit das Risiko eingegangen, dass es niemals seine wahre Identität kennen wird – wenn es überhaupt überlebt. Da war es ihr doch auch nicht wichtig. Warum auf einmal jetzt? Gut, in der Bibel steht nicht, wie Moses von seiner Herkunft erfährt (eine Leerstelle, hihi), aber diese plumpe Aufforderung der Mutter hat dem Film den Todesstoß verpasst.
Vielleicht sollte ich ein bisschen schlafen, um dem Elend ein Ende zu setzen. Warum lassen sie uns nicht einfach etwas Ruhe, wenn sie nichts zu erzählen haben? Noch nie was von der Bottleneck-Theory gehört? Irgendwann geht kein Input mehr rein. Dann doch lieber die Musik, die in den letzten Tagen lief, wenn es im Bus zu still ist. Allerdings schlafen sowieso geschätzte 90% des Busses.

16:27 Uhr
Ich hatte gerade beschlossen, ein bisschen zu dösen, da wurden wir kurz aus dem Bus geworfen, um uns Dibon anzusehen. Die Stadt wird an unterschiedlichen Stellen in der Bibel genannt, aber irgendwie nicht so, dass ich mir den Namen gemerkt hätte. Eigentlich bietet der Hügel sich nicht für Besiedelungen an, aber die Königsstraße (eine wichtige Handelsroute) verläuft an der Stadt entlang, so dass Handel getrieben wurde.
Im 19. Jahrhundert wurde in Dibon die Mescha-Stele gefunden, auf der Mescha, der König von Moab von seinem Sieg über Israel berichtet. Ähnliches wird auch in einem der Königsbücher erzählt. Aus diesem Grund ist die Stele bedeutsam: Sie ist eine außerbiblische Quelle für israelische Könige, die in der Bibel erwähnt werden. Beim Referat waren wir aber etwas abgelenkt, weil auf einmal eine Schafs- und Ziegenherde auf uns zu kam. Da mussten wir natürlich alle gucken. Vielleicht sollte die nächste Studienfahrt auf einen Bauernhof gehen.
Als wir in Dibon losfuhren, rief Cinderella auf einmal ganz laut: „Ein Einhorn!“ Ich frage mich immer noch, was sie da gesehen hat. Cinderella und Sonja sitzen im Bus auf der anderen Seite des Gangs. Ihre Gespräche mit Sebastian und Ingo sind ein super Unterhaltungsprogramm.
Man hatte Erbarmen mit uns! Der Moses-Film ist aus!

17:37 Uhr
Nach einer kurzen Toilettenpause sind wir immer noch unterwegs. Ich weiß nicht, wo es hingeht. Das Programm steht nach den Änderungen gestern und dem Tag in Istanbul Kopf. Draußen ziehen Felder, Schafe, Ziegen, Dromedare, Zelte, Olivenbäume und ab und zu eine Moschee vorbei.
Klaus hat in dem Restaurant, in dem die Leute aufs Klo gegangen sind, einen Mann getroffen, der vor 16 Jahren sein Reiseführer war. Er hat Klaus schon damals erzählt, dass er unbedingt ein Restaurant eröffnen wolle. Jetzt haben die zwei sich wieder getroffen – im Restaurant des einen. So ein Zufall.

18:01 Uhr
Das unbekannte Ziel war Rabba. Hinfahren, Aussteigen, vor der Kulisse einer Kirchenruine ein Referat über die Christianisierung hören, wegfahren. Das Referat in Kürze: Es gab zwei Strömungen als das Christentum stärker wurde. Ein Miteinander der Religionen (Basilika neben Tempel und Synagoge) und die Verdrängung der anderen (Wir nehmen die Steine des Zeus-Tempels und bauen uns eine nette Kirche).
Die alten Steine konnten wir uns nicht angucken, weil ein Zaun drum war. So ein Pech aber auch! Wir haben heute ja noch nicht genug davon gesehen. Nachdem wir gestern einen Wasser-Tag hatten (Jordan, Wadi Mujib, Totes Meer), ist das heute wohl ein Stein-Tag (eher als ein Mosaik-Tag, aber Mosaike bestehen ja auch aus kleinen Steinchen).

21:15 Uhr
Oh mein Gott! Ich habe gerade geduscht und hätte einen Zivi brauchen können, der mir dabei hilft. Ich konnte die Arme vor Muskelkater kaum über den Kopf heben. Das Wadi hat mich gefühlte 60 Jahre älter gemacht. Mindestens.
Ich frage mich, wie ich die Wanderungen, die noch anstehen, bewältigen soll. Ich weiß noch nicht mal, wie viele es noch sind, aber ich glaube zwei. Plus eine freiwillige (die ich nie vorhatte mitzumachen). Ach nee, die freiwillige fällt ja aus. Ich frage mich auch, ob von Anfang an klar war, dass wir so viel wandern würden. Klar, Frau G. hatte gesagt mehr als in Israel, aber da war auch nicht wirklich eine erwähnenswerte Wanderung bei. Das vom Berg der Seligpreisungen runter und von Tabgha nach Kafarnaum waren ja eher ausgedehnte Spaziergänge und Masada war ein notwendiges Übel – wobei man ja auch mit der Seilbahn wieder hätte runterfahren können.
Das mit Machärus heute war wohl auch ein notwendiges Übel. Das Wadi Mujib scheint allen außer mir gefallen zu haben. Denn auch schon vor meinem Scheitern am Felsen war ich viel zu angespannt und angestrengt, um die Schlucht zu genießen. Aber wenn ich an zwei weitere Wanderungen denke… Meine Wanderschuhe sind immer noch nass und ich fühle mich wie durch den Fleischwolf gedreht. Ich meckere zwar viel über alte Steine, aber die sind mir im Moment lieber als Wanderungen. Meine Hose reibt sogar an meinen Knien, wenn ich nur Treppen steige. Ich muss mal gucken, ob ich morgen eine Hose anziehe, bei der ich die Hosenbeine kürzer machen kann.

Im Moment bin ich einfach etwas unzufrieden. Das kann an meinem momentanen körperlichen Zustand liegen, aber mir gefällt auch das Programm insgesamt nicht so gut. Vielleicht war das mit dem Vorbereitungsseminar vor Israel doch nicht so schlecht, auch wenn man das mit den Referaten hätte geschickter lösen können. So wusste ich wenigstens schon, was mich erwartet. Auf Jordanien war ich trotz des Infotages sehr unvorbereitet. Der Tag in Istanbul hat mich total rausgebracht, weil ich auf die Türkei nicht eingestellt war und weil ich nicht das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Trotzdem ist Istanbul das, was mir abgesehen von den Beduinen mit Dudelsack bisher am besten gefallen hat.
Mit dem Programm in Israel konnte ich viel mehr anfangen und mehr verbinden. Vielleicht weil es abwechslungsreicher war. Obwohl Israel anstrengend war und ich abends auch oft völlig fertig ins Bett gefallen bin, bin ich sehr froh, die Reise gemacht zu haben. In Bezug auf Jordanien frage ich mich gerade, ob ich mich zu sehr da habe rein quatschen lassen, und ob diese Reise überhaupt etwas für mich ist.