Freitag, 23. August 2013

Flower of Scotland (Schottland Tag 5)



Unser letzter Tag. Wir mussten um 10 aus dem Hostel auschecken. Für Hannah und mich hieß das, nochmal unsere Schließfächer für unsere Koffer mieten, aber das ist besser, als sie den ganzen Tag dabei zu haben.
Beim Frühstück haben wir noch ein paar Leute aus unserer Gruppe getroffen, aber während die meisten sich beeilen mussten, konnten wir uns noch etwas Zeit lassen (na ja, so viel Zeit auch wieder nicht, denn wir mussten ja unsere Zimmer räumen und die Koffer waren noch nicht komplett gepackt).
Castle Rock
Für den letzten Tag hatten wir uns das Castle aufgehoben. Laut Reiseführer sollte man zwei bis drei Stunden dafür einplanen. Beim Frühstück wurden wir gewarnt, dass es langweilig sei, zumindest bei Nebel, weil man dann nichts sähe, und Möbel oder so etwas gäbe es nicht. Wir sind trotzdem gegangen und haben uns danach nichts vorgenommen außer: nochmal auf der Royal Mile gucken, Briefmarken kaufen, Tesco und irgendwo Mittag essen.

Wir kamen recht früh am Castle an, was man daran erkennen konnte, dass die Schlange an der Kasse das Absperrungslabyrinth gerade mal zur Hälfte füllte, wenn überhaupt. Leider bekamen wir keinen Studentenrabatt und 16 £ fand ich ziemlich viel, aber ich wollte das Castle ja gerne besichtigen. All die Tage vorher habe ich es auf dem Berg mitten in der Stadt thronen sehen und war neugierig.
Castle mit Sitzreihen für das Military Tattoo

Auf einen Audio-Guide verzichteten wir, aber gerade als wir das Häuschen mit dem Audio-Guide-Verleih hinter uns gelassen hatten, pries ein Mann im Kilt kostenlose Führungen an. Ich war etwas misstrauisch, weil ich mir dachte, dass er am Ende sicher Trinkgeld haben wollen würde, aber um das schon mal vorwegzunehmen, das wollte er nicht. Hannah und ich beschlossen, bei der Führung mitzumachen. Es waren recht viele Deutsche bei der Führung dabei, sodass der Burgführer schon wissen wollte, ob überhaupt noch jemand in Deutschland wäre. Da hätte einer von uns antworten sollen: „No, this is an invasion, we’re taking over the castle!“ Hat aber keiner. Stattdessen erfuhren wir, wie das Castle einmal mit nur wenigen Männern eingenommen wurde, nachdem die Engländer es in ihren Besitz genommen hatten. Ich weiß nur nicht mehr, wer das war. Außerdem haben wir gelernt, dass jeder schottische König, der dachte, er könne mal eben England angreifen, hoffnungslos gescheitert ist.
Das älteste Gebäude auf dem Castle Rock ist eine Kapelle aus dem 12. Jahrhundert, die für Queen Margaret, die Mutter von King David I. und die heilige Margareta von Schottland (hey, mal eine Heilige, die nicht als Jungfrau gestorben ist), gebaut wurde. Nach der Führung war ich drin. Die Kapelle ist sehr klein (ja, damals baute man noch keine riesigen Kathedralen), es wurde nicht dadurch besser, das mit mir gefühlte 30 Leute drin waren, und recht schmucklos. Sie hat fünf Buntglasfenster, die aber mit Sicherheit nicht aus dem 12. Jahrhundert sind.
Zurück zur Castleführung: Es gab immer wieder lustige Frage-und-Antwort-Runden. Meistens wurde nach Königen gefragt. Und meistens nannten die Leute englische Könige. Unser Fremdenführer muss innerlich verzweifelt sein. Aber es wurde auch literarisches Wissen abgefragt. Er wollte wissen, wie Macbeth endet und kritisierte, dass Shakespeare eine Hollywood-Version aus der Geschichte gemacht habe, weil bei ihm McDuff und nicht Malcom Macbeth tötet.
Er erzählte uns auch noch etwas über die schottischen Kronjuwelen und den Stone of Scone, der Krönungsstein. Lange Geschichte kurz erzählt: Auf diesem Stein wurden die schottischen Könige gekrönt, bis die Engländer ihn mit nach Westminster geschleppt haben. Dort wurden dann die englischen Könige auf ihm gekrönt und erst seit 1996 ist der Stein wieder in Edinburgh. Amüsant finde ich, dass in den 1950er Jahren zwei Studenten versucht haben, den Stein aus London zu „retten“ und zurück nach Schottland zu bringen. Ich kannte die Geschichte schon aus dem Great Britain Survey an der Uni, aber solche Geschichten höre ich immer wieder gerne. Gesehen habe ich den Stein aber nicht, weil die Schlange vor dem Gebäude mit Stein und schottischen Kronjuwelen einfach viel zu lang war.
Auf dem Gelände der Burg steht auch das Scottish National War Memorial. Das ist ziemlich riesig. Zuerst dachte ich, verursacht durch eine vorrübergehende rechts-links-Schwäche, das Denkmal wäre die Kapelle, von der der Burgführer sprach, weil das Denkmal eine Apsis hat. Das Denkmal ist ein Gebäude mit Bögen und Säulen und eben einer Apsis, das mich auch von innen an eine Kirche erinnert hat. Teilweise gab es religiös angehauchte Bilder, kombiniert mit militärischen Symbolen. Ein Relief von einer Frau (mit Schleier), die eine andere Person tröstete, erinnerte mich an eine Pietà. Das Denkmal wurde nach dem Ersten Weltkrieg in Gedenken an die in diesem Krieg gefallenen schottischen Soldaten gebaut. Es liegen dicke Bücher aus, in denen die Namen der Gefallenen aus beiden Weltkriegen und auch neueren Kriegen wie dem Irak-Krieg eingetragen wurden. Ich fand das Ganze doch ein bisschen größenwahnsinnig.
Viel mehr nach meinem Geschmack war ein Reenactment in der Großen Halle. Zwei Frauen demonstrierten, was Frauen zu Queen Margarets Zeiten getragen haben. Die eine hat die andere angezogen und jeweils erklärt, was das für ein Kleidungsstück ist. Als Hannah und ich in die Halle kamen, hatte es gerade angefangen und die Frau trug ein weißes Unterkleid. Sie zog ein weiteres Kleid mit Schnürung hinten, ein Überkleid mit Schnürung vorne, extra Ärmel, eine Art kleine Jacke ohne Ärmel, damit im Sommer die Haut nicht braun wurde… Sie zeigte uns einen Holzstab, der vorne ins Kleid eingenäht wurde, damit die Frau, wenn sie müde wurde, nicht zusammensacken konnte. Außerdem wollte sie dann irgendwann ihr Nachthäubchen gegen ein schmuckeres austauschen und meinte dann, dass verheiratete Frauen im Mittelalter ihre Haare nicht zeigten. Deswegen bat sie alle Männer im Raum, die Augen zu schließen und meinte direkt den einen Besuchern entdeckt zu haben, der blinzeln würde. Mit eben diesem flirtete sie dann aber auch als, als sie uns die Sprache der Fächer erklärte.
Zum Schluss holten die beiden Frauen noch ein kleines Mädchen nach vorne, das als Zofe anfangen sollte. Sie fragten das Mädchen nach seinem Alter und als es antwortete, es sei neun, wurde die begleitende Oma gefragt, ob der Vater für die Kleine denn schon einen Ehemann gesucht habe, denn mit zwölf sollte das ja über die Bühne gegangen sein. Als die Oma das verneinte, versprachen sie, dass Queen Margaret sich dann darum kümmern und das Mädchen auch finanziell bei der Suche nach einem Ehemann unterstützen würde. Dann ließen das Mädchen einen Knicks vor machen und übten, so lange in der Position zu verharren, bis die Königin vorbei geschritten war.
Ein geheimes Tor?
 Nach der Vorstellung sind wir noch ein bisschen auf dem Castle Rock herum gelaufen und haben von den Mauern auf die Stadt herunter gesehen, aber leider war die Burg total überlaufen. Als ich mich an einer Stelle an ein Treppengeländer quetschen mussten, weil einige Besucher sich unbedingt die Treppe hochdrängeln mussten, die ich herunter gehen wollte, obwohl auf dem Gang kein Platz mehr war, sind meine Weintrauben, die ich in einem Becher in meiner Seitentasche vom Rucksack hatte, rausgefallen und haben sich über den Boden verteilt. Wunderbar. Zum Glück war es draußen. Wir haben den Rückweg angetreten und haben noch kurz im Souvenirladen halt gemacht. Ich habe ausgiebig geguckt und Hannah hat davor gesessen und gelesen.
Aussicht vom Castle


Wir sind zurück in Richtung Hostel gegangen und haben auf dem Weg noch Proviant für später eingekauft. Dann haben wir geguckt, wo wir zu Mittag essen könnten und waren wenig entscheidungsfreudig. Wir hatten eigentlich überlegt, uns eine Ofenkartoffel zu holen, aber kamen wir bei einer Pizzeria vorbei, die sehr gut aussah und stellten fest, dass wir bis zu dem Kartoffel-Laden noch ein ganzes Stück würden laufen müssen und entschieden uns spontan für die Pizzeria. Ich habe ein Mittagsmenu gewählt und hatte eine super leckere Vorspeise: gegrillter Ziegenkäse auf Brot mit Tomaten und Rucola. Der Hauptgang war okay. Hannahs war besser, aber sie hatte auch etwas außerhalb des Menus. Auf den Nachtisch mussten wir dann verzichten, weil wir schon etwas spät dran waren.
Im Hostel mussten wir unsere Einkäufe noch in die Koffer quetschen. Das stellte uns nicht nur vor eine Herausforderung, weil unsere Koffer schon recht voll waren, sondern auch, weil der Locker Room nicht besonders viel Platz für Pack-Aktionen bietet und außerdem ein Spanisch sprechender Mitarbeiter einen Sack voller benutzter Bettwäsche durch den Raum schleppen musste. Es gab irgendein Missverständnis, ein anderer Mitarbeiter versuchte ihm auf Spanisch etwas klar zu machen und ich musste direkt an Manuel aus Fawlty Towers denken.
Dann machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Ein letzter Blick auf die Stadt durch die Fenster des Busses.  Am Flughafen stellten wir uns auf eine lange Wartezeit ein und bummelten gemütlich zum Gate. Aber kaum saßen wir im Wartebereich, ging das Boarding auch schon los. Wir hatten gar nicht gerechnet, so schnell einsteigen zu können und gehörten dann zu den letzten, die an Board kamen.
In Amsterdam hatten wir auch einen weiten Weg zum Gate, der aber überwiegend aus Laufbändern bestand. Ganz königlich haben wir dann im vorbei Fahren den Reisenden an den anderen Gates gewunken. An unserem Gate trafen wir wieder die Kommilitonin vom Hinflug. Sie wurde in Düsseldorf von ihren Eltern abgeholt, die uns dann netterweise auch noch nach Hause gebracht haben.

Donnerstag, 22. August 2013

Auld Lang Syne (Schottland Tag 4)



Diesen Tag wollten Hannah und ich komplett auf dem Festival-Gelände verbringen. Aus dem Grund dachten wir uns, das wäre der passende Tag, um ein warmes Frühstück im Hostel zu genießen. Ich hatte ein Full English Breakfast und Hannah hatte ein American Breakfast mit britischer Note. Es war gut, aber ich mag einfach keine Baked Beans. Trotzdem war der Plan soweit ganz gut. Leider spielte das Wetter nicht richtig mit. Es war richtig nebelig, die Spitze des Scott Monuments war kaum zu erkennen, als wir daran vorbei gingen.
Auf dem Weg zum Book Festival waren wir kurz beim Supermarkt, aber kamen dadurch so spät zu der Lesung von Kate Mosse, dass wir nur einen Platz ziemlich weit am Rand bekamen, wo die Übertragung nicht besonders gut war. Die Lesung fand ich nicht so spannend. Ich habe das erste Buch der Languedoc-Trilogie angefangen, aber ich komme nicht richtig voran, vielleicht weil ich zu wenig Zeit habe, um richtig reinzukommen, vielleicht aber auch, weil mir momentan nicht nach Mittelalter ist. Hier ging es um den dritten Band und der klingt etwas interessanter.
Die Trilogie (Labyrinth, Sepulchre und Citadel) widmet sich drei Wendepunkten in der Geschichte der Region Languedoc: den Kreuzfahrern, dem Fin-de-siècle und dem zweiten Weltkrieg und der Résistance. Kate Mosse sprach viel über die französischen Widerstandskämpfer und darüber, dass auch Frauen dabei waren, betonte aber auch, dass sie keine Historikerin ist.
In allen ihren Büchern hat sie weibliche Helden. Die Heldin in Citadel ist von Aragorn und Éowyn inspiriert. An einer Stelle sagt Éowyn, dass sie Angst davor hat, eingesperrt zu sein und keine großen Taten vollbringen zu können und Aragorn antwortet (im Film) darauf: „Ihr seid die Tochter von Königen, ich glaube nicht, dass euch dieses Schicksal bestimmt ist“. Diese Haltung sei auch die von Kate Mosses Heldinnen. Ich nehme ja mal an, dass sie Éowyns Haltung meint, denn Aragorn lässt Éowyn danach trotzdem zurück. Aber an der Stelle war ich auf einmal hellhörig.
Kate Mosses Heldinnen sollen auf der einen Seite nicht auf Kinder und „finding, losing and keeping love“ beschränkt werden, aber gleichzeitig sollen sie keine Frauen sein, die Liebe für ihre Bestimmung opfern. Deswegen haben ihre Heldinnen auch Geliebte in den Büchern. (Bei Éowyn klappt das ja auch, nur eben nacheinander und ich hatte immer das Gefühl, dass sie auch noch eben unter die Haube gebracht werden musste.) Allerdings habe ich bei Labyrinth im Moment noch das Gefühl, dass Alaïs eher auf ihren Vater fixiert ist und ihren Gatten ein wenig links liegen lässt. Mal sehen, wie sich das noch entwickelt. Außerdem sagte Kate Mosse, dass es bei ihr gute und schlechte Frauen und Männer gibt. Wie im echten Leben.  

Nach der Lesung waren wir in den beiden Buchläden auf dem Festivalgelände. Zuerst haben Hannah und ich uns im Kinderbuchladen mit Büchern eingedeckt. Ich habe den neusten Artemis Fowl-Band, First Aid for Fairies and Other Fabled Beasts und Exodus (das habe ich aber später mit Hannah gegen eins von ihren über einen Golem getauscht) gekauft. Hannah hat sie unter anderem Fortunately, the Milk von Neil Gaiman gekauft. Das ist ein kurzes, bebildertes Buch über einen Vater, der Milch kaufen geht und dabei aufregende Sachen erlebt. Wir haben es am gleichen Tag durchgelesen und herzlich darüber gelacht. Im Buchladen für Erwachsene habe ich noch What to Do When Someone Dies von Nicci French und Hunters in the Snow von Daisy Hildyard erstanden. Letzteres wollte ich eigentlich schon in Deutschland bestellen, aber die Buchhändlerin meinte, dass es in Großbritannien vermutlich billiger wäre. War es nicht.
Das Festival-Gelände
Nach dem Bücherkauf habe ich Postkarten geschrieben und als es draußen zu kalt und ungemütlich wurde, haben wir uns in eins der Cafés auf dem Festival-Gelände gesetzt. Da saßen wir ziemlich lange, haben Kakao getrunken und Scones gegessen und wurden für Skandinavierinnen gehalten. Eine Frau, die mit uns am Tisch saß, fragte uns irgendwann, woher wir kämen und war ganz überrascht, als wir Deutschland sagten.
Nach unserer Pause gingen wir zu einer Diskussion zu der Frage „Where have all the brave girls gone?“ Es ging darum, dass es in Kinder- und Jugendbüchern viele starke Mädchen (wobei dieser Ausdruck direkt als negative angeprangert wurde, weil das unterstellen würde, dass Mädchen normalerweise nicht stark seien) gibt, aber in Büchern für Erwachsene die Frauen zurück gedrängt und überwiegend im Bereich Liebe, Familie und Kinder handeln würden.
Es waren drei Kinderbuchautoren eingeladen: Julia Donaldson (die Autorin von The Gruffallo), John Marsden (Tomorrow when the war began) und Samantha Shannon (The Bone Season). Kate Mosse leitete das Gespräch und ich fand sie da besser als morgens,  vielleicht, weil sie nicht so viel Werbung für Carcassonne gemacht hat. Insgesamt hat mich die Diskussion aber nicht überzeugt. Sie kam zu keinem wirklichen Ergebnis. Am Ende stellt einer genau die Frage, die die Gruppe die ganze Zeit beschäftigt hatte. Ich denke, die Zeit (eine Stunde) war etwas knapp und man hätte vielleicht nicht nur Kinderbuchautoren (plus Kate Mosse) einladen sollen.
Trotzdem war es interessant, was die Autoren erzählt haben. Julia Donaldson sprach über ein Bilderbuch, in dem eine Katze zu zwei Menschen kommt und da aufgenommen wird. Diese Menschen heißen Petrunella und Pat. Pat wie Patrick. Aber der Illustrator hat aus Pat eine Frau gemacht und die Autorin wurde von allen Seiten gefragt, in welcher Beziehung die beiden Frauen zueinander stehen. In einem Jugendbuch (Running in the Crack) hat sie den Jungen absichtlich jünger als das Mädchen gemacht, damit nicht erwartet wurde, dass die beiden in einer Beziehung enden würden (was auch einiges über die Akzeptanz von Beziehungen, in denen das Mädchen/ die Frau älter ist als der Junge/ der Mann, aussagt…).
Samantha Shannon ist vermutlich jünger als ich, hat aber schon ein Buch veröffentlicht und sechs weitere geplant. Bei der Vorstellung sagte Kate Mosse, dass sich nun vermutlich alle fragen würden, was sie eigentlich in ihrem Leben erreicht haben. Jedenfalls sagte Samantha Shannon, dass sie aus einer weiblichen Perspektive geschrieben habe, weil sie selber weiblich ist. Ihr Charakter sei aber problematisch, weil sie in die Obhut eines männlichen Keepers gegeben wird und eine Art Stockholm Syndrom entwickelt, aber die Protagonistin solle sich in den nächsten Büchern noch entwickeln. Sie verglich zwei Typen von Heldinnen: Typ Katniss, nicht über eine Liebesgeschichte definiert und Typ Bella, komplett über ihr Objekt der Begierde definiert. Das einzige Mal, dass Bella nicht mit Edward zusammen sei oder an ihn denke, mache sie sich ein Sandwich (Sandwiches machen war ein regelmäßiger Scherz in der Runde, der immer wieder verwendet wurde), fairerweise muss man sagen, dass das nicht ganz stimmt, aber die Tendenz ist auf jeden Fall da.
Am interessantesten fand ich in der Runde John Marsden, weil er auch als Lehrer gearbeitet hat. Er erzählte von einer Begebenheit aus einem Internat, in dem er gearbeitet hat. Als er morgens die Räume kontrollierte, bemerkte er, wie drei 14-jährige Jungen zählten, um dem vierten Jungen auf dem Zimmer zu helfen, zeitgerecht aufzuräumen (ich haben nicht so ganz verstanden, wie das funktioniert, aber egal). Sie haben ihm das erklärt und auch erzählt, dass manchmal, wenn der Junge vom Duschen kommt, die „bed-fairy“ schon sein Bett gemacht hat. John Marsden hat die Geschichte erzählt, um zu zeigen, dass Jugendliche, insbesondere männliche Jugendliche, nicht nur aggressiv, schwer zugänglich und anstrengend sind. Er hatte vorher schon die Dämonisierung der Jugend kritisiert. In seinen Büchern aber, so sagte er, gäbe es immer zwei Seiten bei seinen Charakteren, egal ob männlich oder weiblich. Sie seien alle mutig, aber das sei nicht die einzige Eigenschaft, die sie haben. Wenn er allerdings psychologische Bücher schreibt, hätten die immer weibliche Protagonisten. Er begründete das mit seiner Erziehung an einer Militärschule. Damit hat er ja eigentlich den Finger auf einen der wunden Punkte gelegt: Wenn es um Emotionen geht, dann muss die Perspektive eine weibliche sein. Aber darauf hat niemand der anderen Diskussionsteilnehmer reagiert.
In der Diskussion kam auf, dass die Verlage Druck ausüben, vor allem weil Kinderbücher als Vorbild dienen sollen. Julia Donaldson berichtete von einem Buch, in dem ein Tier raucht, was ihm nicht gut bekommt, und das Rauchen einen Waldbrand verursacht. Es ist also offensichtlich negativ dargestellt. Trotzdem kriegte sie Ärger vom Verlag, weil keine Zigaretten in Kinderbüchern vorkommen sollen. Zigarren waren dann übrigens in Ordnung. Bei der Darstellung weiblicher Charaktere sei das so ähnlich. Eine Oma müsse heute schon Motorrad fahren (da habe ich mich gefragt, ob die Briten das Lied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ kennen) und dürfe nicht mehr stricken, damit sie die jungen Leserinnen nicht negativ beeinflussen.
Die drei Autoren sprachen auch über die „starken Mädchen“ der älteren Kinderbücher und nannten als Beispiele George von den Fünf Freunden und Jo March aus Little Women. Jo heiratet später zwar, allerdings nicht den Mann, von dem die Leser gehofft haben, dass sie ihn heiraten würde, aber – und das wurde hervor gehoben – sie schreibt auch. George hingegen ist ein Tomboy und wird deswegen als abenteuerliches Mädchen akzeptiert (Anne macht immer die Butterbrote). Ich muss gestehen, dass ich bei George zuerst gar nicht wusste, wen sie meinten (was vermutlich daran liegt, dass ich den Namen als Kind deutsch gelesen habe), aber ich habe sie auch eigentlich immer mehr als Jungen verstanden – Tomboy eben. Und ja, es ist Jahre her, dass ich das letzte Mal ein Fünf Freunde-Buch gelesen habe.
Als sie da ankamen, war die Zeit aber schon fast abgelaufen und die Zuschauerfragen wurden zugelassen. Wirklich interessant fand ich eigentlich nur die Frage nach Hermine. Es hat mich auch ein bisschen gewundert, dass auf Harry Potter gar nicht eingegangen wurde. Aber Julia Donaldson hat die Harry Potter-Bücher nur bis Band drei gelesen und findet, dass Hermine in den Bänden nur eine Besserwisserin aber keine Heldin ist, und John Marsden hat zwar alle sieben Bücher gelesen, ließ sich aber nur zu der Aussage herab, dass die Nebencharaktere in Harry Potter spannender sind als der Titelheld. Ich habe kurz überlegt, nach meiner Ankunft in Deutschland Julia Donaldson meine Hausarbeit zu genau der Frage zu schicken, aber konnte mich dann doch noch beherrschen.
Und ja, dann kam die Frage, warum denn nun in Kinder- und Jugendbüchern Heldinnen stark vertreten sind, in Büchern für Erwachsene aber nicht und ich dachte mir im ersten Moment: „Hallo? Worüber haben die denn eine Stunde lang diskutiert?!“, aber es war ganz gut, dass die Frage gestellt wurde, weil die Autoren dann mal gezwungen waren, sich auf etwas festzulegen. Kate Mosse sagte, dass Kinderbücher breiter gefächert wären, und Julia Donaldson erklärte, dass die Charaktere in Büchern für Erwachsene subtiler wären als in Kinderbüchern. John Marsden unterschied zwischen Literatur und „Airport fiction“ und meinte, dass in Literatur immer schon Heldinnen vorgekommen wären. Damit hat er sich etwas aus der Affäre gezogen, denn er hat nichts dazu gesagt, warum es bei der Airport fiction anders ist. Samantha Shannon sagte etwas, was ich sehr gut nachvollziehen kann, nämlich, dass wir nicht mehr überrascht sein dürfen, wenn starke Frauencharaktere auftreten, denn dadurch würde nur betont, dass man das nicht erwartet. Sie hat zwar auch nicht direkt das Warum erklärt, aber ich denke, wenn wir das beherzigen würden, dann gäbe es auch keine Probleme mehr mit strickenden Omas in Bilderbüchern. Denn dann könnten weibliche Charaktere alles sein.

Nach der Diskussion hatten wir zwei Stunden Zeit, bis die Neil Gaiman-Lesung anfing. Ich wollte bis dahin noch ein bisschen in The Ocean at the End of the Lane lesen, weil ich es nicht mehr geschafft hatte, es vorher zu lesen und doch zumindest ein bisschen wissen wollte, worum es ging. Eine Stunde vor Beginn begannen die Leute, sich anzustellen. Ich war ziemlich verwirrt deswegen, aber wenn JKR gekommen wäre, hätte ich mich vermutlich auch Stunden vorher angestellt.
Kurz nach acht kündigte eine Mitarbeiterin des Book Festivals Neil Gaiman an und erwähnte seinen „incredible body and range of his writing“. Das sorgte für Gelächter, weil der „incredible body“ nicht auf seine Bücher, sondern seine Person bezogen wurde. Neil Gaiman griff das auch nochmal auf, als er das Wort ergriff und meinte „it’s a good body but not incredible“.
Er unterhielt sich mit Charles Fernyhough, einem Psychologen und Schriftsteller über Erinnerungen. Das neue Buch von Neil Gaiman ist im Grunde eine einzige Erinnerung des Protagonisten, aber das war mir bei der Lesung noch nicht so ganz klar, weil ich nur die ersten 40 Seiten gelesen hatte. Mir war zwar klar, dass der Protagonist sich erinnert (wie hätte man sonst erklären sollen, dass er zuerst ein Erwachsener und dann auf einmal ein Siebenjähriger ist?), aber erst als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, habe ich verstanden, warum das Thema absolut angemessen war.
Netterweise hat Neil Gaiman ziemlich zu Beginn nachgefragt, wer das Buch schon gelesen hatte und überraschenderweise waren das gar nicht so viele (weniger als die Hälfte). Also hat er eine Stelle vom Anfang des Buchs vorgelesen (die ich sogar schon gelesen hatte) und ich weiß nicht, ob er sich im weiteren Gespräch auch zurück gehalten hat, aber jedenfalls hat er mir den Lesespaß nicht verdorben und das Ende hat mich ziemlich überrascht.
The Ocean at the End of the Lane sollte eigentlich eine Kurzgeschichte für Neil Gaimans Frau werden (als “equivalent of sending flowers but meaningful“) und er hat seine Kindheitserinnerungen für die Geschichte bemüht, aber immer wenn er dachte, er wäre am Ende angekommen, war es doch noch nicht das Ende. Beim Schreiben habe er sich auch an Sachen erinnert, an die er seit 40 Jahren nicht mehr gedacht hatte. Er beschrieb es mit einem Spaziergang im Nebel: Je näher man sich einem Objekt nähert, desto mehr Details sieht man. Der Vergleich passte gut zu dem Wetter an diesem Tag.
Allerdings hat er auch nicht alles im Nebel gefunden. Er erzählte, dass seine Schwester ihm Fotos aus ihrer Kindheit schickte, nachdem sie das Manuskript gelesen hatte, und auf den Fotos war ein Gewächshaus, an das er sich nicht erinnert hat, das er aber gut hätte einen bauen können. Außerdem gäbe es Situationen, in denen seine Freunde ihm etwas erzählen, was er mal gesagt haben soll, er das auch sehr gut durchdacht findet, aber sich nicht daran erinnern kann, das mal gesagt zu haben. Andrerseits könne er sich aber an alle Bücher erinnern, die er im Alter von acht Jahren gelesen hat (das könnte ich nicht).
Beide Autoren sprachen darüber, unangenehme Erinnerung zu löschen. An einer Stelle wird dem Protagonisten angeboten, dass er ein unschönes Ereignis aus seiner Erinnerung entfernen lassen könnte, aber er entscheidet sich dagegen. Laut Fernyhough würden sich 80% gegen eine Löschung bestimmter Erinnerungen entscheiden, wenn sie die Möglichkeit hätten. Auch Neil Gaiman betonte, dass auch schlechte Erinnerungen gut sein können, weil man es beim nächsten Mal besser machen kann, und wenn nicht, tragen sie zumindest zu der Identität des Einzelnen bei.
In The Ocean at the End of the Lane erinnert der Protagonist sich an eine Frau, die als Untermieterin in sein Kinderzimmer zieht und alle außer ihm nett behandelt. Zu ihm ist sie ausgesprochen fies und bringt auch andere gegen ihn auf. Im Gespräch mit Charles Fernyhough sagte Neil Gaiman, dass man als Kind den Erwachsenen nie erzählt hätte, wenn man in der Schule von den Lehrern schlecht behandelt wurde, einmal weil das Wort eines Kindes gegen das eines Erwachsenen stehen würde (wie es auch im Buch der Fall ist), aber auch weil die Erwachsenen als zu unwissend über die Welt gesehen würden. Mit Blick auf die Machtlosigkeit der Kinder beschrieb er die Welt als: „There are giants and you have to learn their language“.
Bevor dann Fragen gestellt werden durften, erklärte Neil Gaiman kurz, was Fragen sind: „A question is short and an interrogative… with a question mark.“ Er wollte darauf hinaus, dass keine langen Ausführungen über das Buch oder ein anderes Thema vorgetragen werden sollten, denen er nichts mehr hinzufügen könnte. Die Leute haben sich tatsächlich dran gehalten.
Eine Frage war, ob wir vergessen haben, dass wir Märchen brauchen. Er antwortete, dass wir das nicht vergessen hätten, schließlich seien die technischen Entwicklungen auch eine Art Magie. Damit würde er zumindest das Lesen naturwissenschaftlicher Zeitschriften rechtfertigen. Außerdem würden uns Märchen auch immer noch befriedigen.
Nach der Lesung stürmten alle raus, weil sie sich eine Unterschrift holen wollten. Ich bin nicht gestürmt und endete  ziemlich weit hinten in der Signierschlange. Aber die Organisation war gut. Als ich raus kam, zeigte ein Mitarbeiter, wo wir uns anstellen sollten und dann kam eine vorbei, die Zettelchen mit den Namen schrieb, die man ins Buch kleben konnte. Wir durften zwei Bücher signieren lassen. Das neue und ein anderes. Aber nur eins der beiden Bücher würde mit Widmung sein. Ich habe beschlossen, Lisa die Widmung zu überlassen, weil sie so aufgeregt war, dass ich Neil Gaiman sehen würde.
Nach eineinhalb oder zwei Stunden Warten stand ich dann tatsächlich vor Neil Gaiman. Er hat das Buch für Lisa signiert und ich habe ihm erzählt, dass sie auch gerne gekommen wäre, aber nicht konnte. Dann hat er mich gefragt, ob er in mein Buch auch einen Namen reinschreiben sollte, hat mich beim Buchstabieren aber falsch verstanden. Bei der Familie vor mir, die ihr Buch ihrer Baby-Tochter widmen lassen wollten, hatte er sich auch schon verschrieben und schrieb noch „Sorry about the spelling“ dazu. Es war einfach spät.
Als ich aus dem Signierzelt kam, warteten die anderen noch auf mich. Wir konnten ein bisschen was vom Feuerwerk des Tattoo sehen (der Nebel hatte sich so einigermaßen verzogen). Wir sind zum Abschluss noch ein einen Pub gegangen. Ich hatte irgendwie gar nicht auf dem Schirm, dass es der letzte gemeinsame Abend war. Die Zeit ist so schnell rumgegangen und Hannah und ich flogen am Freitag auch erst später zurück und hatten für den Vormittag noch viel vor.

Mittwoch, 21. August 2013

Eintauchen in Edinburghs Festivals (Schottland Tag 3)



 oder: Mir ist kein passendes schottisches Lied als Titel zu diesem Tag eingefallen...

Entgegen Hannahs düsterer Voraussicht, wir würden jetzt jeden Tag vom Feueralarm geweckt, konnten wir heute schlafen, bis Sams Wecker klingelte. Nach dem Frühstück habe ich mir erst mal eine neue Bürste gekauft. Ich hatte nämlich vergessen, meine Bürste einzupacken, weil ich vor dem Aufbruch noch die Haare bürsten musste. Hannah hatte nur einen Kamm dabei und der hat mich wahnsinnig gemacht.
Danach haben wir bei der Half-Price-Box des Fringe Karten für zwei Veranstaltungen gekauft. Beide hatten eine Warnung wegen sexuellen Inhalts. Allerdings war die eine ab 14, die andere ab 18. Bis zu der ersten Veranstaltung hatten wir noch etwas Zeit und sind noch ein bisschen gebummelt. An einem Stand gab Mary Poppins-Ohrringe. Die sahen echt gut aus, aber waren leider auch sehr teuer. Wir haben noch ein Straßenkünstlerpaar gesehen. Die waren ganz lustig, weil sie die Zuschauer nach ihren Herkunftsländern sortiert haben. Zwei Australierinnen, die sich nicht von der Bank, auf der sie saßen, bewegen wollten, bekamen Camping-Stühle aufgestellt und wurden mit einem roten Seil als VIP-Bereich abgetrennt. Die beiden Künstler fingen an zu jonglieren und irgendwann griff einer der beiden seine geöffnete Wasserflasche und spritzte mit Wasser. Die beiden VIPs wurden nass und kippten synchron mit ihren Campingstühlen um. Das war noch viel besser als die eigentlichen Kunststücke.

Mittags haben wir uns ein Theaterstück namens Three way angesehen. Es war uns als „Es ist wie Freaky Friday nur ohne Lindsay Lohan und in lustig“ angepriesen. Der Titel und die Beschreibung sagen eigentlich schon alles. Ein Paar sucht einen Dritten für ein Abenteuer im Bett und kaum ist es vollbracht, haben sie die Körper getauscht. Das Ganze war lustig wegen der vielen Anspielungen auf andere Körpertausch-Geschichten. Wie in jeder guten Switching-Geschichte kam dann auch ein obskurer chinesischer Laden drin vor, der die Lösung des Rätsels war (einer hatte vorher schon erwähnt, dass die Chinesen immer etwas mit Körpertausch zu tun hätten). Am Ende gab es dann noch eine kleine Überraschung, denn das Baby des Paares hatte deutlich Ähnlichkeiten mit dem Mann, der nicht Teil der Partnerschaft war. Wir haben uns köstlich amüsiert bei dem Stück, waren aber verwundert, dass das schon am 14 freigegeben war. 

Bei der Pub Tour am ersten Abend hatten wir gegenüber dem letzten Pub ein indisches Restaurant gesehen und hatten beschlossen, das während unseres Aufenthalts einmal auszuprobieren. Das Restaurant lag auch auf dem Weg zum Charlotte Square (wo das Book Festival stattfand) und weil wir Tickets für eine Diskussion am späteren Nachmittag hatten, bot es sich an, da Mittag zu essen.
Der Kellner war sehr nett und hat uns gut beraten. Wir haben zwei verschiedene vegetarische Gerichte bestellt und konnten wir untereinander austauschen. Das eine war mit Linsen und Kichererbsen (plus weiteres Gemüse – ich meine Kartoffeln und Zucchini), das andere war fruchtiger – mit Ananas. Es war lecker, aber auch scharf, dabei hatten wir schon die milde und die medium Variante. Zum Glück hatten wir Lassi, Reis und Brot dabei, damit ließ es sich aushalten.
Ich habe am Ende mit Karte gezahlt, der Kellner gab mir die Maschine, um die Karte reinzustecken und ließ mich dann alleine. Ich habe einfach alle Anweisungen befolgt (ich wusste gar nicht, dass man per Kartenzahlung direkt Trinkgeld geben kann), habe brav unterschrieben und musste etwas kichern, als ich meine eigene Unterschrift als übereinstimmend mit dem Original bewertet habe. Das hat dann wohl den Kellner wieder angelockt, der mir erklärte, dass das kein Spielzeug sei. Aber ich glaube auch nicht, dass ich etwas kaputt gemacht habe. Ich habe einfach immer auf „ok“ gedrückt. Da kann ja eigentlich nicht viel bei passieren.

Pappsatt gingen wir dann weiter zum Festival-Gelände. Für diese Veranstaltung hatten wir uns selber Karten besorgt, deswegen waren aus unserer Gruppe nur Hannah und ich da. Das Thema war Dystopie. Es waren drei Jugendbuchautorinnen da: Julie Bertagna, Claire Merle und Teri Terry. Alle drei schreiben Dystopien für Jugendliche. bzw. - wie eigentlich alle drei sagten - werden ihre Bücher unter Dystopie eingeordnet, weil die Verlage auf der Panem-Welle reiten möchten. Ich habe keins der Bücher gelesen, aber die Autorinnen haben sie vorgestellt und ich finde schon, dass bei allen drei dystopische Züge zu erkennen sind.
Julie Bertagna ist die Autorin der Trilogie ExodusZenithAurora. Es geht darum, dass in der Zukunft der größte Teil der Welt durch den Klimawandel verändert wurde und überschwemmt wurde. Einige Menschen haben sich gerettet und leben in sogenannten Skycities, die auf Stelzen gebaut sind und hoch in den Himmel ragen. Außerdem gibt es noch Menschen, die die Überschwemmungen überlebt haben und auf Inseln leben. Diese Inseln sinken aber auch mehr und mehr ab. Auf den Inseln spielen technische Geräte wie Handys keine Rolle mehr, da die Menschen um das nackte Überleben kämpfen.
Die Protagonistin Mara hat aber ein technisches Gerät, eine Art winziges Smartphone, von ihrer Oma und schafft es einen Jungen aus einer der Skycities zu kontaktieren. Als Maras Inseln dann untergeht, suchen sie und ihre Leute Schutz in einer der Städte und Mara möchte den Jungen finden. Und natürlich scheint sich da eine Liebesgeschichte anzubahnen… Ich finde, das Buch klingt interessant wegen der Klimawandel-Komponente. Unter dem Gesichtspunkt könnte man ja auch mal zumindest Teile des Buchs im Unterricht besprechen.
Die Bücher von Claire Merle sind nur zu zweit. Jedenfalls sprach sie von keinem geplanten dritten Band (allerdings ist das zweite auch gerade erst erschienen). Das erste Buch heißt The Glimpse, das zweite The Fall. Bedingt durch den Zusammenbruch Europas leiden viele Menschen an psychischen Krankheiten wie Depressionen. Die Regierung hat einen Test entwickelt, durch den herausgefunden werden soll, wer die Veranlagung zu psychischen Krankheiten hat und wer nicht. Die Gesellschaft wird geteilt. Die Menschen ohne diese Veranlagung leben in „reinen“ Gemeinschaften.
Die Protagonistin Anna wächst in einer dieser Gemeinschaften auf, aber dann wird festgestellt, dass bei ihrem Test etwas schief gelaufen ist und sie doch die Veranlagung zu psychische Krankheiten hat. Sie soll verstoßen werden, wird aber durch ihre Beziehung zu Jaspar gerettet. Doch dann verschwindet er und sie muss ihn suchen, um sicher zu sein. Das erste Buch ist eine Liebes- und Coming of Age-Geschichte, das zweite konzentriert sich auf die Rebellengruppe, der Anna beitritt. Hannah fand, dieses Buch klang am besten, aber obwohl ich finde, dass die Grundidee gut klingt, fürchte ich, dass es ein bisschen zu sehr in die Liebesgeschichtsecke abrutscht (schließlich sagte die Autorin auch, das erste Buch gehöre in die Sparte), aber vermutlich ist das bei der ersten Trilogie nicht anders.
Zum Schluss der Vorstellungsrunde erzählte Teri Terry was über ihre Slated-Trilogie. Bisher gibt es zwei Bücher, das dritte kommt nächstes Jahr raus. Es geht um Kyla, deren Gedächtnis gelöscht wurde. Das wird bei jugendlichen Straftätern gemacht, um ihnen eine zweite Chance zu geben. Bei Kyla hat das aber nicht ganz geklappt, es gibt Dinge, an die sie sich erinnert. Nun versucht sie herauszufinden, was sie eigentlich getan hat und warum. Das Buch würde mich am meisten interessieren.
Die Publikumsfragen waren lebhafter als bei Nicci French. Es kamen auch mehr Fragen. Vielleicht ist von vorneherein mehr Zeit für Zuschauerfragen eingeplant worden (ich habe nicht auf die Zeit geachtet), aber man hat auch gemerkt, dass die Jugendlichen (überwiegend Mädchen) die Bücher gerne gelesen haben und mitfieberten und gleichzeitig wenig Hemmung vor den Autorinnen hatten. Als sie reinkamen, rief ein Mädchen der einen eine Begrüßung zu und die grüßte zurück. Fast so als würden sie sich kennen.
Es kamen Fragen zum Schreiben und den Beruf des Autors, z.B. zur Inspiration, warum Dystopie und wie sie sich fühlen, wenn sie ihre Bücher im Buchladen sehen. Ein Mädchen fragte, wie die Autorinnen ihre Ideen organisieren. Sie selber würde schreiben, aber sie habe immer so viele Ideen, dass alles durcheinander gehen würde. Ihr wurde geraten, einfach zu schreiben und das Schreiben zu genießen. Das Chaos könne sie später beim Überarbeiten ordnen, vor allem, da sie keinen Termindruck vom Verlag habe.
Andere Fragen waren, ob die Autorinnen glauben, dass ihre Bücher die Welt ändern würde und welche der Visionen in den Büchern wohl am wahrscheinlichsten wahr werden würden. Bei der zweiten Frage wurde die Frage erst einmal zurück gegeben. Die Fragestellerin konnte sich vorstellen, dass die Teilung von Menschen mit Veranlagung zu psychischen Krankheiten und ohne diese Veranlagung am wahrscheinlichsten Realität werden könne. Dem stimmte die Autorin des Buchs zu und Teri Terry meinte, sie fände es sehr gruselig, wenn es tatsächlich einmal möglich wäre, das Gedächtnis zu löschen.
Ein Mädchen fragte auch, ob die Bücher nicht auch in der Schule gelesen werden könnten, die wären doch besser als die klassischen Dystopien. Sie soll einfach in Hannahs oder meinen Unterricht später kommen.

Vom Book Festival aus sind wir zurück zur Jugendherberge gegangen, haben auf dem Rückweg nur kurz am Supermarkt gehalten, haben B. und Sabrina abgeholt und sind zu der Bühne gegangen, auf der East End Cabaret auftreten würde. Wir waren zu früh da, aber gegenüber war ein Second Hand-Buchladen, wo ich ein für 2,50 £ Case Histories von Kate Atkinson gekauft habe.
Außerdem trafen wir vor dem Veranstaltungsort einen Mann, der uns überredete zu einer Sängerin namens Shirley Gnome zu gehen. Er würde uns sogar die Karten schenken, aber nur, wenn wir wirklich hingingen. Es stellte sich heraus, dass er der Vater der Sängerin war. Wir waren uns zuerst unsicher, ob wir zu dem Konzert gehen sollten, weil wir ja vorher East End Cabaret sehen würden und nicht wussten, ob wir es rechtzeitig schaffen würden. Aber der Mann meinte, wir könnten auch zu spät kommen, also nahmen wir die Karten und er schenkte uns noch kleine rosa Cowboyhüte zum ins Haar clipsen.
Kuhdekoration (das Bild ist richtig herum ;-))
Aber zuerst war ja East End Cabaret dran. Die Location, in der das Cabaret und auch später das Konzert (wenn auch auf unterschiedlichen Bühnen) stattfanden, bestand aus einem ziemlichen Gewühl von Treppen und Gängen, die unterirdisch zu sein schienen, aber nur weil das Gebäude am Hang gebaut war. Überall waren Kühe dekoriert (das Ganze fand schließlich am Cowgate statt). In einem Gang gab es sogar Lichtspiele auf dem Boden, die wie Kuh-Köpfe aussahen.
Die Show von East End Cabaret war lustig. Der Anfang war etwas lahm, aber es steigerte sich stetig. East End Cabaret besteht aus zwei Frauen: einer Pseudo-Französin (denke ich mal) und einer Frau, die halb als Mann, halb als Frau auftritt, d.h. ein Hosenbein, ein halber Bart und eine kurzhaarige Perücke kombiniert mit einem halben Rock, einem geschminkten Auge und einseitig langen Haaren. Die Französin stand im Mittelpunkt und ließ ein bisschen die Diva bzw. das Vamp raushängen – sie ließ sich am Anfang von zwei Männern, die auf allen vieren krabbeln mussten, auf die Bühne tragen. Sie kokettierte mit dem Publikum und war mehr oder weniger das Klischee-Cabaret-Girl. Das fand ich etwas dämlich. Zwischendurch kletterte sie auch ins Publikum – zwischen meiner Nachbarin und mir durch. Das ist mal Publikumsnähe.
Die Mann-Frau blieb überwiegend im Hintergrund, aber sehr viel mit den Augenbrauen gesprochen. Gegen Ende hatte sie in einem Lied die Bühne für sich, weil ihre Kollegin betrunken im Sessel lag (als Teil der Show selbstverständlich), und kam so nochmal ein bisschen mehr ins Rampenlicht. Sie musste sich ganz schnell eine Geschichte ausdenken, wieso die andere ohnmächtig geworden ist, und erzählte jemand aus dem Publikum hätte sie angegriffen und wäre raus gerannt, aber ein beherzter Mann aus der ersten Reihe hätte sie gerettet. Der Held musste dann auf die Bühne kommen und beim nächsten Programmpunkt mitmachen.
Der Inhalt der Lieder war ab 18, wir wurden ja auch vorher vor sexueller Sprache gewarnt. Dementsprechend könnt ihr euch ja vorstellen, worüber gesungen wurde.
Nach East End Cabaret hasteten wir zu der nächsten Bühne, um Shirley Gnome, die Sängerin, für die wie die Karten geschenkt bekommen hatten, zu sehen. Das Konzert hatte noch nicht angefangen, was ich ganz angenehm fand, weil ich nicht gerne irgendwo reinkomme, wenn die Veranstaltung schon angefangen hat. Trotz der Werbeaktion des Vaters waren jetzt nicht allzu viele Leute da. Ich habe mich schon gefragt, wie viele Karten er an Leute verschenkt hat (und wie viele von denen dann tatsächlich gekommen sind). Lange mussten wir aber nicht warten, bis es losging. Shirley Gnome war unverkennbar durch den rosa Cowboyhut, den wir als Miniatur hatten. Irgendwann entdeckte sie auch unsere Hut-Haarclips, freute sich darüber und sagte: „But I have the big one!“
Sie sang und spielte dazu Gitarre. Der Inhalt der Lieder war ab 18. Es ging also wieder über den körperlichen Aspekt von Beziehungen. Manchmal auch ohne die Beziehung dabei. Eins der harmlosesten Lieder handelte davon, dass auch wenn das hinweg Trösten über eine zerbrochene Beziehung mithilfe eines guten Freundes zu einem gemeinsamen Haus und Kindern führt, man nur Freunde und keineswegs ein Paar ist.
Ich habe viel gelacht an diesem Abend. Die Zeit war also gut investiert.