oder: Mir ist kein passendes schottisches Lied als Titel zu diesem Tag eingefallen...
Entgegen Hannahs düsterer
Voraussicht, wir würden jetzt jeden Tag vom Feueralarm geweckt, konnten wir
heute schlafen, bis Sams Wecker klingelte. Nach dem Frühstück habe ich mir erst
mal eine neue Bürste gekauft. Ich hatte nämlich vergessen, meine Bürste
einzupacken, weil ich vor dem Aufbruch noch die Haare bürsten musste. Hannah
hatte nur einen Kamm dabei und der hat mich wahnsinnig gemacht.
Danach haben wir bei der
Half-Price-Box des Fringe Karten für zwei Veranstaltungen gekauft. Beide hatten
eine Warnung wegen sexuellen Inhalts. Allerdings war die eine ab 14, die andere
ab 18. Bis zu der ersten Veranstaltung hatten wir noch etwas Zeit und sind noch
ein bisschen gebummelt. An einem Stand gab Mary Poppins-Ohrringe. Die sahen
echt gut aus, aber waren leider auch sehr teuer. Wir haben noch ein
Straßenkünstlerpaar gesehen. Die waren ganz lustig, weil sie die Zuschauer nach
ihren Herkunftsländern sortiert haben. Zwei Australierinnen, die sich nicht von
der Bank, auf der sie saßen, bewegen wollten, bekamen Camping-Stühle
aufgestellt und wurden mit einem roten Seil als VIP-Bereich abgetrennt. Die
beiden Künstler fingen an zu jonglieren und irgendwann griff einer der beiden
seine geöffnete Wasserflasche und spritzte mit Wasser. Die beiden VIPs wurden
nass und kippten synchron mit ihren Campingstühlen um. Das war noch viel besser
als die eigentlichen Kunststücke.
Mittags haben wir uns ein
Theaterstück namens Three way
angesehen. Es war uns als „Es ist wie Freaky
Friday nur ohne Lindsay Lohan und in lustig“ angepriesen. Der Titel und die
Beschreibung sagen eigentlich schon alles. Ein Paar sucht einen Dritten für ein
Abenteuer im Bett und kaum ist es vollbracht, haben sie die Körper getauscht.
Das Ganze war lustig wegen der vielen Anspielungen auf andere
Körpertausch-Geschichten. Wie in jeder guten Switching-Geschichte kam dann auch
ein obskurer chinesischer Laden drin vor, der die Lösung des Rätsels war (einer
hatte vorher schon erwähnt, dass die Chinesen immer etwas mit Körpertausch zu
tun hätten). Am Ende gab es dann noch eine kleine Überraschung, denn das Baby
des Paares hatte deutlich Ähnlichkeiten mit dem Mann, der nicht Teil der
Partnerschaft war. Wir haben uns köstlich amüsiert bei dem Stück, waren aber verwundert,
dass das schon am 14 freigegeben war.
Bei der Pub Tour am ersten
Abend hatten wir gegenüber dem letzten Pub ein indisches Restaurant gesehen und
hatten beschlossen, das während unseres Aufenthalts einmal auszuprobieren. Das
Restaurant lag auch auf dem Weg zum Charlotte Square (wo das Book Festival
stattfand) und weil wir Tickets für eine Diskussion am späteren Nachmittag
hatten, bot es sich an, da Mittag zu essen.
Der Kellner war sehr nett und
hat uns gut beraten. Wir haben zwei verschiedene vegetarische Gerichte bestellt
und konnten wir untereinander austauschen. Das eine war mit Linsen und
Kichererbsen (plus weiteres Gemüse – ich meine Kartoffeln und Zucchini), das
andere war fruchtiger – mit Ananas. Es war lecker, aber auch scharf, dabei hatten
wir schon die milde und die medium Variante. Zum Glück hatten wir Lassi, Reis
und Brot dabei, damit ließ es sich aushalten.
Ich habe am Ende mit Karte
gezahlt, der Kellner gab mir die Maschine, um die Karte reinzustecken und ließ
mich dann alleine. Ich habe einfach alle Anweisungen befolgt (ich wusste gar
nicht, dass man per Kartenzahlung direkt Trinkgeld geben kann), habe brav
unterschrieben und musste etwas kichern, als ich meine eigene Unterschrift als
übereinstimmend mit dem Original bewertet habe. Das hat dann wohl den Kellner
wieder angelockt, der mir erklärte, dass das kein Spielzeug sei. Aber ich
glaube auch nicht, dass ich etwas kaputt gemacht habe. Ich habe einfach immer
auf „ok“ gedrückt. Da kann ja eigentlich nicht viel bei passieren.
Pappsatt gingen wir dann
weiter zum Festival-Gelände. Für diese Veranstaltung hatten wir uns selber
Karten besorgt, deswegen waren aus unserer Gruppe nur Hannah und ich da. Das
Thema war Dystopie. Es waren drei Jugendbuchautorinnen da: Julie Bertagna,
Claire Merle und Teri Terry. Alle drei schreiben Dystopien für Jugendliche. bzw.
- wie eigentlich alle drei sagten - werden ihre Bücher unter Dystopie
eingeordnet, weil die Verlage auf der Panem-Welle reiten möchten. Ich habe
keins der Bücher gelesen, aber die Autorinnen haben sie vorgestellt und ich
finde schon, dass bei allen drei dystopische Züge zu erkennen sind.
Julie Bertagna ist die Autorin
der Trilogie Exodus – Zenith – Aurora. Es geht darum, dass in der Zukunft der größte Teil der Welt
durch den Klimawandel verändert wurde und überschwemmt wurde. Einige Menschen
haben sich gerettet und leben in sogenannten Skycities, die auf Stelzen gebaut
sind und hoch in den Himmel ragen. Außerdem gibt es noch Menschen, die die
Überschwemmungen überlebt haben und auf Inseln leben. Diese Inseln sinken aber
auch mehr und mehr ab. Auf den Inseln spielen technische Geräte wie Handys
keine Rolle mehr, da die Menschen um das nackte Überleben kämpfen.
Die Protagonistin Mara hat
aber ein technisches Gerät, eine Art winziges Smartphone, von ihrer Oma und
schafft es einen Jungen aus einer der Skycities zu kontaktieren. Als Maras
Inseln dann untergeht, suchen sie und ihre Leute Schutz in einer der Städte und
Mara möchte den Jungen finden. Und natürlich scheint sich da eine
Liebesgeschichte anzubahnen… Ich finde, das Buch klingt interessant wegen der
Klimawandel-Komponente. Unter dem Gesichtspunkt könnte man ja auch mal
zumindest Teile des Buchs im Unterricht besprechen.
Die Bücher von Claire Merle
sind nur zu zweit. Jedenfalls sprach sie von keinem geplanten dritten Band
(allerdings ist das zweite auch gerade erst erschienen). Das erste Buch heißt The Glimpse, das zweite The Fall. Bedingt durch den
Zusammenbruch Europas leiden viele Menschen an psychischen Krankheiten wie Depressionen.
Die Regierung hat einen Test entwickelt, durch den herausgefunden werden soll,
wer die Veranlagung zu psychischen Krankheiten hat und wer nicht. Die
Gesellschaft wird geteilt. Die Menschen ohne diese Veranlagung leben in
„reinen“ Gemeinschaften.
Die Protagonistin Anna wächst
in einer dieser Gemeinschaften auf, aber dann wird festgestellt, dass bei ihrem
Test etwas schief gelaufen ist und sie doch die Veranlagung zu psychische
Krankheiten hat. Sie soll verstoßen werden, wird aber durch ihre Beziehung zu
Jaspar gerettet. Doch dann verschwindet er und sie muss ihn suchen, um sicher
zu sein. Das erste Buch ist eine Liebes- und Coming of Age-Geschichte, das
zweite konzentriert sich auf die Rebellengruppe, der Anna beitritt. Hannah
fand, dieses Buch klang am besten, aber obwohl ich finde, dass die Grundidee
gut klingt, fürchte ich, dass es ein bisschen zu sehr in die
Liebesgeschichtsecke abrutscht (schließlich sagte die Autorin auch, das erste
Buch gehöre in die Sparte), aber vermutlich ist das bei der ersten Trilogie
nicht anders.
Zum Schluss der Vorstellungsrunde
erzählte Teri Terry was über ihre Slated-Trilogie.
Bisher gibt es zwei Bücher, das dritte kommt nächstes Jahr raus. Es geht um
Kyla, deren Gedächtnis gelöscht wurde. Das wird bei jugendlichen Straftätern
gemacht, um ihnen eine zweite Chance zu geben. Bei Kyla hat das aber nicht ganz
geklappt, es gibt Dinge, an die sie sich erinnert. Nun versucht sie
herauszufinden, was sie eigentlich getan hat und warum. Das Buch würde mich am
meisten interessieren.
Die Publikumsfragen waren
lebhafter als bei Nicci French. Es kamen auch mehr Fragen. Vielleicht ist von
vorneherein mehr Zeit für Zuschauerfragen eingeplant worden (ich habe nicht auf
die Zeit geachtet), aber man hat auch gemerkt, dass die Jugendlichen
(überwiegend Mädchen) die Bücher gerne gelesen haben und mitfieberten und
gleichzeitig wenig Hemmung vor den Autorinnen hatten. Als sie reinkamen, rief
ein Mädchen der einen eine Begrüßung zu und die grüßte zurück. Fast so als
würden sie sich kennen.
Es kamen Fragen zum Schreiben
und den Beruf des Autors, z.B. zur Inspiration, warum Dystopie und wie sie sich
fühlen, wenn sie ihre Bücher im Buchladen sehen. Ein Mädchen fragte, wie die
Autorinnen ihre Ideen organisieren. Sie selber würde schreiben, aber sie habe
immer so viele Ideen, dass alles durcheinander gehen würde. Ihr wurde geraten,
einfach zu schreiben und das Schreiben zu genießen. Das Chaos könne sie später
beim Überarbeiten ordnen, vor allem, da sie keinen Termindruck vom Verlag habe.
Andere Fragen waren, ob die
Autorinnen glauben, dass ihre Bücher die Welt ändern würde und welche der
Visionen in den Büchern wohl am wahrscheinlichsten wahr werden würden. Bei der
zweiten Frage wurde die Frage erst einmal zurück gegeben. Die Fragestellerin
konnte sich vorstellen, dass die Teilung von Menschen mit Veranlagung zu
psychischen Krankheiten und ohne diese Veranlagung am wahrscheinlichsten
Realität werden könne. Dem stimmte die Autorin des Buchs zu und Teri Terry
meinte, sie fände es sehr gruselig, wenn es tatsächlich einmal möglich wäre,
das Gedächtnis zu löschen.
Ein Mädchen fragte auch, ob
die Bücher nicht auch in der Schule gelesen werden könnten, die wären doch
besser als die klassischen Dystopien. Sie soll einfach in Hannahs oder meinen
Unterricht später kommen.
Vom Book Festival aus sind wir
zurück zur Jugendherberge gegangen, haben auf dem Rückweg nur kurz am
Supermarkt gehalten, haben B. und Sabrina abgeholt und sind zu der Bühne
gegangen, auf der East End Cabaret auftreten würde. Wir waren zu früh da, aber
gegenüber war ein Second Hand-Buchladen, wo ich ein für 2,50 £ Case Histories von Kate Atkinson gekauft
habe.
Außerdem trafen wir vor dem
Veranstaltungsort einen Mann, der uns überredete zu einer Sängerin namens
Shirley Gnome zu gehen. Er würde uns sogar die Karten schenken, aber nur, wenn
wir wirklich hingingen. Es stellte sich heraus, dass er der Vater der Sängerin
war. Wir waren uns zuerst unsicher, ob wir zu dem Konzert gehen sollten, weil
wir ja vorher East End Cabaret sehen würden und nicht wussten, ob wir es
rechtzeitig schaffen würden. Aber der Mann meinte, wir könnten auch zu spät kommen,
also nahmen wir die Karten und er schenkte uns noch kleine rosa Cowboyhüte zum
ins Haar clipsen.
| Kuhdekoration (das Bild ist richtig herum ;-)) |
Aber zuerst war ja East End
Cabaret dran. Die Location, in der das Cabaret und auch später das Konzert
(wenn auch auf unterschiedlichen Bühnen) stattfanden, bestand aus einem
ziemlichen Gewühl von Treppen und Gängen, die unterirdisch zu sein schienen,
aber nur weil das Gebäude am Hang gebaut war. Überall waren Kühe dekoriert (das
Ganze fand schließlich am Cowgate statt). In einem Gang gab es sogar Lichtspiele
auf dem Boden, die wie Kuh-Köpfe aussahen.
Die Show von East End Cabaret war lustig. Der
Anfang war etwas lahm, aber es steigerte sich stetig. East End Cabaret besteht
aus zwei Frauen: einer Pseudo-Französin (denke ich mal) und einer Frau, die
halb als Mann, halb als Frau auftritt, d.h. ein Hosenbein, ein halber Bart und
eine kurzhaarige Perücke kombiniert mit einem halben Rock, einem geschminkten
Auge und einseitig langen Haaren. Die Französin stand im Mittelpunkt und ließ
ein bisschen die Diva bzw. das Vamp raushängen – sie ließ sich am Anfang von
zwei Männern, die auf allen vieren krabbeln mussten, auf die Bühne tragen. Sie
kokettierte mit dem Publikum und war mehr oder weniger das
Klischee-Cabaret-Girl. Das fand ich etwas dämlich. Zwischendurch kletterte sie
auch ins Publikum – zwischen meiner Nachbarin und mir durch. Das ist mal
Publikumsnähe.
Die Mann-Frau blieb
überwiegend im Hintergrund, aber sehr viel mit den Augenbrauen gesprochen. Gegen
Ende hatte sie in einem Lied die Bühne für sich, weil ihre Kollegin betrunken
im Sessel lag (als Teil der Show selbstverständlich), und kam so nochmal ein
bisschen mehr ins Rampenlicht. Sie musste sich ganz schnell eine Geschichte
ausdenken, wieso die andere ohnmächtig geworden ist, und erzählte jemand aus
dem Publikum hätte sie angegriffen und wäre raus gerannt, aber ein beherzter
Mann aus der ersten Reihe hätte sie gerettet. Der Held musste dann auf die
Bühne kommen und beim nächsten Programmpunkt mitmachen.
Der Inhalt der Lieder war ab
18, wir wurden ja auch vorher vor sexueller Sprache gewarnt. Dementsprechend
könnt ihr euch ja vorstellen, worüber gesungen wurde.
Nach East End Cabaret hasteten
wir zu der nächsten Bühne, um Shirley Gnome, die Sängerin, für die wie die
Karten geschenkt bekommen hatten, zu sehen. Das Konzert hatte noch nicht
angefangen, was ich ganz angenehm fand, weil ich nicht gerne irgendwo
reinkomme, wenn die Veranstaltung schon angefangen hat. Trotz der Werbeaktion
des Vaters waren jetzt nicht allzu viele Leute da. Ich habe mich schon gefragt,
wie viele Karten er an Leute verschenkt hat (und wie viele von denen dann
tatsächlich gekommen sind). Lange mussten wir aber nicht warten, bis es
losging. Shirley Gnome war unverkennbar durch den rosa Cowboyhut, den wir als
Miniatur hatten. Irgendwann entdeckte sie auch unsere Hut-Haarclips, freute
sich darüber und sagte: „But I have the big one!“
Sie sang und spielte dazu
Gitarre. Der Inhalt der Lieder war ab 18. Es ging also wieder über den
körperlichen Aspekt von Beziehungen. Manchmal auch ohne die Beziehung dabei.
Eins der harmlosesten Lieder handelte davon, dass auch wenn das hinweg Trösten
über eine zerbrochene Beziehung mithilfe eines guten Freundes zu einem
gemeinsamen Haus und Kindern führt, man nur Freunde und keineswegs ein
Paar ist.
Ich habe viel gelacht an diesem
Abend. Die Zeit war also gut investiert.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen