Mittwoch, 21. August 2013

Eintauchen in Edinburghs Festivals (Schottland Tag 3)



 oder: Mir ist kein passendes schottisches Lied als Titel zu diesem Tag eingefallen...

Entgegen Hannahs düsterer Voraussicht, wir würden jetzt jeden Tag vom Feueralarm geweckt, konnten wir heute schlafen, bis Sams Wecker klingelte. Nach dem Frühstück habe ich mir erst mal eine neue Bürste gekauft. Ich hatte nämlich vergessen, meine Bürste einzupacken, weil ich vor dem Aufbruch noch die Haare bürsten musste. Hannah hatte nur einen Kamm dabei und der hat mich wahnsinnig gemacht.
Danach haben wir bei der Half-Price-Box des Fringe Karten für zwei Veranstaltungen gekauft. Beide hatten eine Warnung wegen sexuellen Inhalts. Allerdings war die eine ab 14, die andere ab 18. Bis zu der ersten Veranstaltung hatten wir noch etwas Zeit und sind noch ein bisschen gebummelt. An einem Stand gab Mary Poppins-Ohrringe. Die sahen echt gut aus, aber waren leider auch sehr teuer. Wir haben noch ein Straßenkünstlerpaar gesehen. Die waren ganz lustig, weil sie die Zuschauer nach ihren Herkunftsländern sortiert haben. Zwei Australierinnen, die sich nicht von der Bank, auf der sie saßen, bewegen wollten, bekamen Camping-Stühle aufgestellt und wurden mit einem roten Seil als VIP-Bereich abgetrennt. Die beiden Künstler fingen an zu jonglieren und irgendwann griff einer der beiden seine geöffnete Wasserflasche und spritzte mit Wasser. Die beiden VIPs wurden nass und kippten synchron mit ihren Campingstühlen um. Das war noch viel besser als die eigentlichen Kunststücke.

Mittags haben wir uns ein Theaterstück namens Three way angesehen. Es war uns als „Es ist wie Freaky Friday nur ohne Lindsay Lohan und in lustig“ angepriesen. Der Titel und die Beschreibung sagen eigentlich schon alles. Ein Paar sucht einen Dritten für ein Abenteuer im Bett und kaum ist es vollbracht, haben sie die Körper getauscht. Das Ganze war lustig wegen der vielen Anspielungen auf andere Körpertausch-Geschichten. Wie in jeder guten Switching-Geschichte kam dann auch ein obskurer chinesischer Laden drin vor, der die Lösung des Rätsels war (einer hatte vorher schon erwähnt, dass die Chinesen immer etwas mit Körpertausch zu tun hätten). Am Ende gab es dann noch eine kleine Überraschung, denn das Baby des Paares hatte deutlich Ähnlichkeiten mit dem Mann, der nicht Teil der Partnerschaft war. Wir haben uns köstlich amüsiert bei dem Stück, waren aber verwundert, dass das schon am 14 freigegeben war. 

Bei der Pub Tour am ersten Abend hatten wir gegenüber dem letzten Pub ein indisches Restaurant gesehen und hatten beschlossen, das während unseres Aufenthalts einmal auszuprobieren. Das Restaurant lag auch auf dem Weg zum Charlotte Square (wo das Book Festival stattfand) und weil wir Tickets für eine Diskussion am späteren Nachmittag hatten, bot es sich an, da Mittag zu essen.
Der Kellner war sehr nett und hat uns gut beraten. Wir haben zwei verschiedene vegetarische Gerichte bestellt und konnten wir untereinander austauschen. Das eine war mit Linsen und Kichererbsen (plus weiteres Gemüse – ich meine Kartoffeln und Zucchini), das andere war fruchtiger – mit Ananas. Es war lecker, aber auch scharf, dabei hatten wir schon die milde und die medium Variante. Zum Glück hatten wir Lassi, Reis und Brot dabei, damit ließ es sich aushalten.
Ich habe am Ende mit Karte gezahlt, der Kellner gab mir die Maschine, um die Karte reinzustecken und ließ mich dann alleine. Ich habe einfach alle Anweisungen befolgt (ich wusste gar nicht, dass man per Kartenzahlung direkt Trinkgeld geben kann), habe brav unterschrieben und musste etwas kichern, als ich meine eigene Unterschrift als übereinstimmend mit dem Original bewertet habe. Das hat dann wohl den Kellner wieder angelockt, der mir erklärte, dass das kein Spielzeug sei. Aber ich glaube auch nicht, dass ich etwas kaputt gemacht habe. Ich habe einfach immer auf „ok“ gedrückt. Da kann ja eigentlich nicht viel bei passieren.

Pappsatt gingen wir dann weiter zum Festival-Gelände. Für diese Veranstaltung hatten wir uns selber Karten besorgt, deswegen waren aus unserer Gruppe nur Hannah und ich da. Das Thema war Dystopie. Es waren drei Jugendbuchautorinnen da: Julie Bertagna, Claire Merle und Teri Terry. Alle drei schreiben Dystopien für Jugendliche. bzw. - wie eigentlich alle drei sagten - werden ihre Bücher unter Dystopie eingeordnet, weil die Verlage auf der Panem-Welle reiten möchten. Ich habe keins der Bücher gelesen, aber die Autorinnen haben sie vorgestellt und ich finde schon, dass bei allen drei dystopische Züge zu erkennen sind.
Julie Bertagna ist die Autorin der Trilogie ExodusZenithAurora. Es geht darum, dass in der Zukunft der größte Teil der Welt durch den Klimawandel verändert wurde und überschwemmt wurde. Einige Menschen haben sich gerettet und leben in sogenannten Skycities, die auf Stelzen gebaut sind und hoch in den Himmel ragen. Außerdem gibt es noch Menschen, die die Überschwemmungen überlebt haben und auf Inseln leben. Diese Inseln sinken aber auch mehr und mehr ab. Auf den Inseln spielen technische Geräte wie Handys keine Rolle mehr, da die Menschen um das nackte Überleben kämpfen.
Die Protagonistin Mara hat aber ein technisches Gerät, eine Art winziges Smartphone, von ihrer Oma und schafft es einen Jungen aus einer der Skycities zu kontaktieren. Als Maras Inseln dann untergeht, suchen sie und ihre Leute Schutz in einer der Städte und Mara möchte den Jungen finden. Und natürlich scheint sich da eine Liebesgeschichte anzubahnen… Ich finde, das Buch klingt interessant wegen der Klimawandel-Komponente. Unter dem Gesichtspunkt könnte man ja auch mal zumindest Teile des Buchs im Unterricht besprechen.
Die Bücher von Claire Merle sind nur zu zweit. Jedenfalls sprach sie von keinem geplanten dritten Band (allerdings ist das zweite auch gerade erst erschienen). Das erste Buch heißt The Glimpse, das zweite The Fall. Bedingt durch den Zusammenbruch Europas leiden viele Menschen an psychischen Krankheiten wie Depressionen. Die Regierung hat einen Test entwickelt, durch den herausgefunden werden soll, wer die Veranlagung zu psychischen Krankheiten hat und wer nicht. Die Gesellschaft wird geteilt. Die Menschen ohne diese Veranlagung leben in „reinen“ Gemeinschaften.
Die Protagonistin Anna wächst in einer dieser Gemeinschaften auf, aber dann wird festgestellt, dass bei ihrem Test etwas schief gelaufen ist und sie doch die Veranlagung zu psychische Krankheiten hat. Sie soll verstoßen werden, wird aber durch ihre Beziehung zu Jaspar gerettet. Doch dann verschwindet er und sie muss ihn suchen, um sicher zu sein. Das erste Buch ist eine Liebes- und Coming of Age-Geschichte, das zweite konzentriert sich auf die Rebellengruppe, der Anna beitritt. Hannah fand, dieses Buch klang am besten, aber obwohl ich finde, dass die Grundidee gut klingt, fürchte ich, dass es ein bisschen zu sehr in die Liebesgeschichtsecke abrutscht (schließlich sagte die Autorin auch, das erste Buch gehöre in die Sparte), aber vermutlich ist das bei der ersten Trilogie nicht anders.
Zum Schluss der Vorstellungsrunde erzählte Teri Terry was über ihre Slated-Trilogie. Bisher gibt es zwei Bücher, das dritte kommt nächstes Jahr raus. Es geht um Kyla, deren Gedächtnis gelöscht wurde. Das wird bei jugendlichen Straftätern gemacht, um ihnen eine zweite Chance zu geben. Bei Kyla hat das aber nicht ganz geklappt, es gibt Dinge, an die sie sich erinnert. Nun versucht sie herauszufinden, was sie eigentlich getan hat und warum. Das Buch würde mich am meisten interessieren.
Die Publikumsfragen waren lebhafter als bei Nicci French. Es kamen auch mehr Fragen. Vielleicht ist von vorneherein mehr Zeit für Zuschauerfragen eingeplant worden (ich habe nicht auf die Zeit geachtet), aber man hat auch gemerkt, dass die Jugendlichen (überwiegend Mädchen) die Bücher gerne gelesen haben und mitfieberten und gleichzeitig wenig Hemmung vor den Autorinnen hatten. Als sie reinkamen, rief ein Mädchen der einen eine Begrüßung zu und die grüßte zurück. Fast so als würden sie sich kennen.
Es kamen Fragen zum Schreiben und den Beruf des Autors, z.B. zur Inspiration, warum Dystopie und wie sie sich fühlen, wenn sie ihre Bücher im Buchladen sehen. Ein Mädchen fragte, wie die Autorinnen ihre Ideen organisieren. Sie selber würde schreiben, aber sie habe immer so viele Ideen, dass alles durcheinander gehen würde. Ihr wurde geraten, einfach zu schreiben und das Schreiben zu genießen. Das Chaos könne sie später beim Überarbeiten ordnen, vor allem, da sie keinen Termindruck vom Verlag habe.
Andere Fragen waren, ob die Autorinnen glauben, dass ihre Bücher die Welt ändern würde und welche der Visionen in den Büchern wohl am wahrscheinlichsten wahr werden würden. Bei der zweiten Frage wurde die Frage erst einmal zurück gegeben. Die Fragestellerin konnte sich vorstellen, dass die Teilung von Menschen mit Veranlagung zu psychischen Krankheiten und ohne diese Veranlagung am wahrscheinlichsten Realität werden könne. Dem stimmte die Autorin des Buchs zu und Teri Terry meinte, sie fände es sehr gruselig, wenn es tatsächlich einmal möglich wäre, das Gedächtnis zu löschen.
Ein Mädchen fragte auch, ob die Bücher nicht auch in der Schule gelesen werden könnten, die wären doch besser als die klassischen Dystopien. Sie soll einfach in Hannahs oder meinen Unterricht später kommen.

Vom Book Festival aus sind wir zurück zur Jugendherberge gegangen, haben auf dem Rückweg nur kurz am Supermarkt gehalten, haben B. und Sabrina abgeholt und sind zu der Bühne gegangen, auf der East End Cabaret auftreten würde. Wir waren zu früh da, aber gegenüber war ein Second Hand-Buchladen, wo ich ein für 2,50 £ Case Histories von Kate Atkinson gekauft habe.
Außerdem trafen wir vor dem Veranstaltungsort einen Mann, der uns überredete zu einer Sängerin namens Shirley Gnome zu gehen. Er würde uns sogar die Karten schenken, aber nur, wenn wir wirklich hingingen. Es stellte sich heraus, dass er der Vater der Sängerin war. Wir waren uns zuerst unsicher, ob wir zu dem Konzert gehen sollten, weil wir ja vorher East End Cabaret sehen würden und nicht wussten, ob wir es rechtzeitig schaffen würden. Aber der Mann meinte, wir könnten auch zu spät kommen, also nahmen wir die Karten und er schenkte uns noch kleine rosa Cowboyhüte zum ins Haar clipsen.
Kuhdekoration (das Bild ist richtig herum ;-))
Aber zuerst war ja East End Cabaret dran. Die Location, in der das Cabaret und auch später das Konzert (wenn auch auf unterschiedlichen Bühnen) stattfanden, bestand aus einem ziemlichen Gewühl von Treppen und Gängen, die unterirdisch zu sein schienen, aber nur weil das Gebäude am Hang gebaut war. Überall waren Kühe dekoriert (das Ganze fand schließlich am Cowgate statt). In einem Gang gab es sogar Lichtspiele auf dem Boden, die wie Kuh-Köpfe aussahen.
Die Show von East End Cabaret war lustig. Der Anfang war etwas lahm, aber es steigerte sich stetig. East End Cabaret besteht aus zwei Frauen: einer Pseudo-Französin (denke ich mal) und einer Frau, die halb als Mann, halb als Frau auftritt, d.h. ein Hosenbein, ein halber Bart und eine kurzhaarige Perücke kombiniert mit einem halben Rock, einem geschminkten Auge und einseitig langen Haaren. Die Französin stand im Mittelpunkt und ließ ein bisschen die Diva bzw. das Vamp raushängen – sie ließ sich am Anfang von zwei Männern, die auf allen vieren krabbeln mussten, auf die Bühne tragen. Sie kokettierte mit dem Publikum und war mehr oder weniger das Klischee-Cabaret-Girl. Das fand ich etwas dämlich. Zwischendurch kletterte sie auch ins Publikum – zwischen meiner Nachbarin und mir durch. Das ist mal Publikumsnähe.
Die Mann-Frau blieb überwiegend im Hintergrund, aber sehr viel mit den Augenbrauen gesprochen. Gegen Ende hatte sie in einem Lied die Bühne für sich, weil ihre Kollegin betrunken im Sessel lag (als Teil der Show selbstverständlich), und kam so nochmal ein bisschen mehr ins Rampenlicht. Sie musste sich ganz schnell eine Geschichte ausdenken, wieso die andere ohnmächtig geworden ist, und erzählte jemand aus dem Publikum hätte sie angegriffen und wäre raus gerannt, aber ein beherzter Mann aus der ersten Reihe hätte sie gerettet. Der Held musste dann auf die Bühne kommen und beim nächsten Programmpunkt mitmachen.
Der Inhalt der Lieder war ab 18, wir wurden ja auch vorher vor sexueller Sprache gewarnt. Dementsprechend könnt ihr euch ja vorstellen, worüber gesungen wurde.
Nach East End Cabaret hasteten wir zu der nächsten Bühne, um Shirley Gnome, die Sängerin, für die wie die Karten geschenkt bekommen hatten, zu sehen. Das Konzert hatte noch nicht angefangen, was ich ganz angenehm fand, weil ich nicht gerne irgendwo reinkomme, wenn die Veranstaltung schon angefangen hat. Trotz der Werbeaktion des Vaters waren jetzt nicht allzu viele Leute da. Ich habe mich schon gefragt, wie viele Karten er an Leute verschenkt hat (und wie viele von denen dann tatsächlich gekommen sind). Lange mussten wir aber nicht warten, bis es losging. Shirley Gnome war unverkennbar durch den rosa Cowboyhut, den wir als Miniatur hatten. Irgendwann entdeckte sie auch unsere Hut-Haarclips, freute sich darüber und sagte: „But I have the big one!“
Sie sang und spielte dazu Gitarre. Der Inhalt der Lieder war ab 18. Es ging also wieder über den körperlichen Aspekt von Beziehungen. Manchmal auch ohne die Beziehung dabei. Eins der harmlosesten Lieder handelte davon, dass auch wenn das hinweg Trösten über eine zerbrochene Beziehung mithilfe eines guten Freundes zu einem gemeinsamen Haus und Kindern führt, man nur Freunde und keineswegs ein Paar ist.
Ich habe viel gelacht an diesem Abend. Die Zeit war also gut investiert.

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