Ende Mai hat Pia, eine Freundin, die ich vom Zumba kenne, geheiratet. Lisa war Trauzeugin und hatte dementsprechend auch die Aufgabe, den Junggesellinnenabschied vorzubereiten. Zusammen mit zwei anderen Zumba-Mädels und Sandra, Pias Schwester, brainstormten wir eine Weile und entschieden uns dann einen durch und durch nicht peinlichen Tagesausflug nach Amsterdam zu machen, was mit der Bahn gar nicht so weit von uns entfernt ist. Wir haben das Ziel so lange es ging geheim gehalten. Um Pia noch mehr zu verwirren, sind Lisa und ich auch mit einem Zug früher zum Umsteigebahnhof gefahren, um da auf sie zu warten. Obwohl klar war, dass wir in an dem Tag den Junggesellinnenabschied machen würden, ist die Überraschung mit Amsterdam auf jeden Fall gelungen.
| Hier sieht man das Hemd des Typen ;-) |
Wir haben mit einer Tour durch die Grachten angefangen, schon allein um einen Überblick über die Stadt zu bekommen. Das war auch eine gute Entscheidung, denke ich, denn die Fahrt war sehr schön und wir haben vom Boot aus schon einiges von der Stadt gesehen - trotz des einen Typen, der den größten Teil der Fahrt neben uns stand, um Fotos zu machen.
| Belle |
Nach der Grachtenfahrt haben wir die Stadt zu Fuß erkundet: Zum Königspalast, zur Oude und Nieuwe Kerk (in letztere waren wir kurz drin, um vom Souvenirladen aus einen Eindruck zu gewinnen, aber der Eintritt in beide Kirchen war uns etwas zu teuer), haarscharf vorbei am Rotlichtviertel - zumindest habe ich, abgesehen von der kleinen Statue mit dem Namen Belle, die den offenen Umgang der Stadt mit der Prostitution darstellen soll, keine Prostituierten gesehen - immer wieder an den Grachten entlang und natürlich machten wir auch an einer Pommes-und-Frikandel-Bude Halt.
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| Man beachte den elegant abgespreizten kleinen Finger ;-) |
Da wir an einem Sonntag da waren, konnten wir leider nicht zum Flohmarkt auf dem Waterlooplein, aber wir waren bei den Blumenmärkten und das war auch schön. Neben Tulpen waren die meistangebotenen Blumensamen Cannabis-Pflanzen. Auf der anderen Straßenseite fanden wir immer wieder Käseläden, die Käse in allen Farben, Formen und Größen anboten. Vor einem Käseladen stand ein Paar übergroßer Holzschuhe, in das wir Pia natürlich zwangen, reinzusteigen. Dass wir sie davon verschont hatten, mit einem Bauchladen herum zu laufen, musste ja nicht heißen, dass sie gar nichts machen musste. Schließlich hatten wir ihr auch schon ein Krönchen verpasst, anhand dessen der Bootsführer bei der Grachtentour sie direkt als zukünftige Braut identifizieren konnte.
Im Vorbereitungsteam hatten wir eigentlich überlegt, nicht ins Anne Frank Haus zu gehen, weil wir uns dachten, das es nicht unbedingt zu einem Junggesellinnenabschied passte, aber Pia wollte sich das schon gerne ansehen, also beschlossen wir uns, an die im späten Nachmittag noch recht lange Schlange anzustellen. Das Museum befindet sich in dem Haus, in dem sich Anne Frank mit ihrer Familie und den anderen von 1942 bis 1944 versteckt hat. Von der Prinsengracht 265 aus wird man durch die Büro- und Lageräume in das Versteck im Hinterhaus der Nummer 263 geführt. Die Räume im Versteck stehen leer - Annes Vater wollte die Räume nicht wieder so einrichten wie sie es einmal waren - aber es hängen Fotos an den Wänden. Außerdem gibt es Modelle und Videos mit Interviews der Überlebenden (Vater und Helfer).
Es ist schon einige Zeit her, dass ich das Tagebuch von Anne Frank gelesen habe, deswegen kann ich mich nicht mehr so gut an das erinnern, was darin steht, aber Museum hat mir einen ziemlich guten Eindruck vom Leben im Versteck vermittelt - vielleicht sogar einen besseren als das Tagebuch selber. Man kann den Weg in das Versteck gut nachvollziehen. Es war bedrückend in den Zimmern mit den abgedunkelten Fenstern zu stehen und nichts von der Welt draußen mitzukriegen. In Annes Zimmer hängen immer noch ein paar der Bilder, die sie da an die Wand geklebt hat. Eins zeigte Prinzessin Elizabeth von England - also die Queen. Das fand ich total verrückt. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, dass die kleine Elizabeth damals vermutlich ähnlich häufig in den Klatschzeitschriften vertreten war wie ihr Urenkel Prince George heutzutage. Und warum sollte ein junges niederländisches Mädchen nicht das Foto einer Prinzessin in seinem Zimmer aufhängen? Aber manche Verbindungen zieht man einfach nicht.
Ich finde das Museum ist gut gemacht und auch wenn ich es spannend gefunden hätte, die Zimmer im möblierten Zustand zu sehen, denke ich, dass es die richtige Entscheidung war, keine Möbel in die Räume zu stellen. Ich weiß nicht, ob das vielleicht zu enem Personenkult geführt hätte, auch wenn es nicht die Originalmöbel gewesen wären. Im Museumsshop konnte man Tagebücher kaufen, die so aussehen, wie das von Anne und Fotos von ihr und Zitate aus ihrem Tagebuch beinhalten. Das war mir ziemlich suspekt. Ich käme mir ziemlich dämlich dabei vor, wenn ich meine Gefühlregungen oder den Unistress zwischen Zitate über das Eingesperrt sein oder die Angst, entdeckt zu werden, schreiben würde. Gut, vielleicht würde das dabei helfen, zu erkennen, wie klein die eigenen Probleme doch sind, aber trotzdem. Wer will so ein Tagebuch? Oder ein Poster vom Hinterhaus? Das kann man im Unterricht als didaktischen Material verwenden, aber ich würde es mir nicht in meiner Wohnung aufhängen wollen. Und wenn es tatsächlich einen Markt für so etwas gibt, dann frage ich mich, was Leute gemacht hätten, wenn das Versteck möbliert gewesen wäre. Sich in die Betten gelegt und Fotos gemacht? Ach, fotografieren darf man im Museum aus Pietätsgründen nicht, aber vermutlich ist das sogar einigen Leuten egal. Es gibt im Museumsshop aber auch vernünftige Sachen wie Bücher über das Judentum oder die Shoah.
Nach dem Besuch im Anne Frank Haus hatten wir noch Zeit, aber wussten nicht so recht, was wir noch machen wollten. Wir sind also wieder ein Stück an den Grachten entlang gegangen und entdeckten ein kleines Käsemuseum. Man konnte Käse probieren (einer der Probierkäse war blau) und sich ansehen, wie Käse hergestellt wird, aber das Highlight war definitiv eine Fotoecke, in der man sich in Schürzen und dreieckige Hauben und mit Milchkannen und/ oder Käselaibmodellen fotografieren lassen konnte. Lisa und ich waren sofort Feuer und Flamme und konnten auch Pia überzeugen, mit aufs Foto zu kommen. Sandra hat sich freiwillig als Fotografin gemeldet.
Zu guter Letzt sind wir nochmal zum Hafen gelaufen und wollten gucken, ob man beim Nemo-Museum (ein Ausprobier-Museum für Naturwissenschaften) auch außerhalb der Öffnungszeiten aufs Dach steigen kann, aber das ging nicht. Also saßen wir noch ein bisschen am Wasser bis wir zurückgefahren sind.
Ich glaube, uns allen hat der Tag in Amsterdam sehr gut gefallen. Die Stadt ist einfach sehr schön und wir hatten sehr viel Glück mit dem Wetter. Mir waren es zwar teilweise zu viele Menschen, aber Amsterdam ist eben eine Großstadt und irgendwann verliefen sich die Menschenmassen auch ein bisschen. Mit den vielen kleinen Kanälen und den alten Häusern hat die Stadt mich verzaubert und es mit auf die (mittlerweile ziemlich lange) Liste meiner Lieblingsstädte geschafft.
