Samstag, 24. Mai 2014

Auf ins Ausland!

Mein fünftes Semester habe ich als Erasmus-Studentin in Burgos verbracht. Was wäre auch ein Sprachstudium ohne Auslandsaufenthalt? Ich habe die Zeit trotz aller Herausforderungen sehr genossen und bin fest davon überzeugt, dass die sechs Monate mich ein ganzes Stück weitergebracht haben. Nicht nur sprachlich oder fachlich (so intensive Literatur-Seminare hatte ich zumindest im Spanischstudium nie wieder), sondern auch persönlich. Ich kann jedem nur empfehlen, ins Ausland zu gehen, wenn es irgendwie geht - völlig egal, ob ihr Sprachen studiert oder nicht.
Aber ja, für Sprachstudenten ist es nochmal wichtiger, eine Zeit im Ausland zu leben und im neuen Bachelorstudium ist es meines Wissens nach auch Pflicht. Nun studiere ich zwei Sprachen. Man kann sich aber nur einmal einen Studienaufenthalt von Erasmus fördern lassen. Es gibt natürlich einige Alternativen dazu. Zusätzlich zum Studium unterstützt Erasmus ein Praktikum im Ausland. So hat es Lisa gemacht. Es gibt auch verschiedene Stipendien vom DAAD (weltweit, nicht nur auf Europa konzentriert), da muss man sich einfach mal informieren. 
Ich habe mich aber für etwas anderes entschieden: Im Dezember habe ich mich beim PAD (Pädagogischer Austauschdienst) um eine Stelle als Fremdsprachenassistentin im Vereinigten Königreich beworben. Im Januar wurde ich zu einem Interview/ Vorstellungsgespräch in eine Schule in der Nähe eingeladen, mit dessen Ausgang ich - trotz eines peinlichen Versprechers und dem Gefühl, ich hätte dieses oder jenes noch zusätzlich oder anderes sagen sollen - recht zufrieden war. Danach musste ich lange warten. Meine Bewerbungsunterlagen waren nämlich zunächst nur auf Landesebene begutachtet worden, gingen nach dem Interview an die bundesweite Geschäftsstelle weiter, die dann Ende April Zu- bzw. Absagen verschicken sollte. 
Ende April kam und ging, aber nichts passierte. Ich bin einer Gruppe auf Facebook beigetreten, in der viele Bewerber auf einen positiven Bescheid warteten. Die ersten Absagen trafen ein. Und dann -  vor etwas über einer Woche bekam ich Post. Der Brief ging an meine Eltern, weil die Behörden eine Adresse haben wollten, die vor, während und nach dem Aufenthalt gültig ist. Eines Nachmittags bekam ich eine SMS von meinem Vater, dass ich eine Zusage erhalten habe und vermutlich nach Schottland komme. Die Region, die ich mir gewünscht hatte. Ich konnte es kaum glauben, aber habe mich total gefreut. Das nächste Auslandsabenteuer steht also vor der Tür.

Sonntag, 4. Mai 2014

Rom Teil 4: Die dunklen Seiten von Rom



Eigentlich hatte ich vor, nur drei Blogeinträge über Rom zu schreiben, aber dann ist noch etwas passiert, was in keine der anderen Kategorien passt und deswegen kommt zum Abschluss noch ein Beitrag über die dunklen Seiten von Rom.

Es ist schon auffallend, wie viele arme Menschen es in Rom gibt. Die gibt es in Deutschland auch, aber in Rom ist es krasser. Auf jeder Metro-Fahrt kam mindestens ein Akkordeon-Spieler, der Danza Kuduro spielte, oder ein Playbacksänger mit einem CD-Player auf einer Sackkarre in den Wagen, um etwas vorzuführen und auf eine Spende zu hoffen. In den allermeisten Fällen waren es Kinder, die eigentlich in die Schule gehört hätten. Manchmal waren sie auch in Begleitung einer erwachsenen Person, vermutlich ein Elternteil. Ich denke mal, dass die Kinder vorgeschickt wurden, weil sie ja „süß“ sind und die Eltern/ Bettlerbandenbosse hoffen, dass sie mehr Geld erbetteln würden als Erwachsene. Es ist einfach traurig, weil die Kinder durch den Nicht-Besuch der Schule ja auch kaum Chancen haben, später etwas anderes zu machen.

Besonders stark fällt die Armut aber auf, wenn man nachts an Termini entlang geht. Nicht, dass man das alleine machen sollte, schon gar nicht als Frau, aber nachdem wir uns mit der internationalen Clique zum Aperitivo getroffen hatten, hat einer der Spanier Lisa und mich zur Metro gebracht. Da konnten wir sehen, dass der ganze Bahnhof von Menschen in Schlafsäcken umlagert war – obwohl es in Strömen regnete – weil diese Leute keinen anderen Ort haben, an dem sie schlafen können. So etwas habe ich noch nirgendwo gesehen.

Aber der eigentliche Grund, warum ich diesen Beitrag schreibe, betrifft mich persönlich. Das klingt jetzt egoistisch, aber nun ja...
Mir war ja klar, dass Rom ein Pflaster ist, auf dem man auf seine Wertsachen aufpassen muss. Deswegen hatte ich mein Portemonnaie immer in einem Geheimfach in meinem Rucksack. Am letzten Tag waren Lisa und ich auf dem Weg zu Anna Ich hatte meinen Rucksack und meine Handtasche dabei, Lisa meinen Koffer. Wir beschlossen, mit dem Bus zur Metro zu fahren. Es waren einige Leute im Bus und als wir die Treppen zur Metro herunterstiegen, fiel mir auf, dass meine Handtasche offen und mein Portemonnaie weg war. Ich war total fertig und im ersten Moment überfordert, was ich als nächstes tun sollte. Lisa hat erst mal Anna angerufen und gesagt, dass wir später bzw. nicht kommen würden. Dann habe ich meine Bankkarte sperren lassen und meine Eltern im Urlaub angerufen, damit sie sich um die Kreditkarte kümmern. Anna und ihr Mitbewohner haben recherchiert, wo die nächste Polizei-Station ist, zu der Lisa und ich dann gegangen sind.
Das war auch ein Erlebnis: in Italien bei der Polizei. Das Grundstück war mit hohen Mauern umgeben, wir mussten klingeln, dann wurde eine Tür neben dem großen Haupttor elektronisch geöffnet und wir kamen auf einen schmalen Weg, der zu einem Haus führte, das gar nicht so richtig wie ein Polizeipräsidium aussah. Aber wir haben den Eingang gefunden und wurden von einem Polizisten in Empfang genommen. Lisa musste übersetzen, was sie auch vor eine Herausforderung gestellt hat, weil sie solche Situationen im Sprachkurs nicht gelernt hat.
Lisa hat erzählt, was passiert ist, zählte auf, was alles in meinem Portemonnaie war und erklärte, dass ich nachmittags zurück nach Hause fliegen wollte. Daraufhin wurde ich gefragt, mit welcher Fluggesellschaft ich fliege und als ich Ryanair antwortete, sah der Polizist sehr besorgt aus. Bei anderen Fluggesellschaften kann man wohl auch mitfliegen, wenn man Verlustbescheinigung der Polizei vorlegt, aber bei Ryanair geht das natürlich nicht. Das wäre ja auch zu einfach. Also rief der Polizist bei der deutschen Botschaft, wo aber nur ein Notdienst erreichbar war, weil Ostermontag war. Er hat mir die Notfallnummer gegeben, die ich angerufen habe, als wir aus der Polizeistation kamen.

Beim Notfalldienst sagte mir der Beamte, er könne mir nur weiterhelfen, wenn ich eine Kopie meines Personalausweises hätte. Die hatte ich natürlich nicht dabei. Lisa und ich überlegten, wie ich an eine dran kommen könnte. Ich hatte mir vor der Jordanienreise ein Foto meines Reisepasses als E-Mail geschickt, war mir aber nicht sicher, ob ich diese E-Mail noch hatte. Außerdem fiel Lisa ein, dass die Leiterin des Wohnheims meinen Ausweis kopiert hat, als ich angekommen war. Wir sind also zurück zum Wohnheim gegangen, um die Mails zu checken und zu hoffen, dass die Leiterin da war.
Wir hatten Glück. Sie war tatsächlich da und ließ ihre Familie kurz alleine, um mit uns in ihr Büro zu gehen und die Kopie zu kopieren. Ich rief wieder beim Notdienst an und bekam weitere Instruktionen. Ich brauchte Passfotos. Also gingen Lisa und ich zu einem der Fotoautomaten, die in Rom an jeder Ecke stehen. 
Lisa meinte, unser Tagesprogramm wäre so ein bisschen wie ein TKKG-Computerspiel. Um den Fall zu lösen, muss man verschiedene Stationen ablaufen, in der richtigen Reihenfolge und der richtigen Person die richtige Frage stellen. Wenn man eine Station zu früh oder zu spät besucht, dann bekommt man eine bestimmte Information oder einen bestimmten Gegenstand nicht.
Nachdem ich meine Passfotos gemacht hatte, fuhren wir zur deutschen Botschaft. Wir hatten noch etwas Zeit, weil der Beamte mir eine Uhrzeit gesagt hat, zu der ich kommen sollte. Also haben wir eine Pause gemacht und die Colomba vom Vortag rausgeholt. Aber so richtig Hunger hatte ich nicht, weil ich mir Sorgen wegen meines Flugs gemacht habe. Netterweise hatte Anna mir schon angeboten, dass ich bei ihr übernachten könnte, sollte ich meinen Flug verpassen.
Vor der Botschaft war ich etwas unsicher, dass es das richtige Haus war. Eine riesige Doppeltür führte herein und ich wusste gar nicht, wie ich da rein kommen sollte. Ich rief den Notfalldienst wieder an, der mir sagte, er würde öffnen. Auf einmal gingen die beiden dicken Türen auf und ich wurde von einem Beamten begrüßt, der privat viel netter war als am Telefon. Da war er mir etwas unsympathisch, weil er sehr bestimmend und wenig erfolgversprechend geklungen hatte, aber vermutlich hatte er einfach keine Lust auf den Bereitschaftsdienst. Er sagte mir, dass ich nicht die Einzige wäre, die an diesem Tag einen Passersatz brauchte und führte Lisa und mich zu einem Schalter. Den Koffer konnten wir in der Eingangshalle stehen lassen.
Wir saßen auf der einen Seite einer Scheibe, er auf der anderen. Ich musste einen Bogen mit meinen Daten ausfüllen und er überprüfte, ob ich zur Fahndung ausgeschrieben sei. Dann schnitt und stanzte er mein Passfoto zurecht und füllte den Ersatzausweis aus. Er meinte, er würde sich bemühen, ordentlich zu schreiben und er sei froh, dass er das regulär nicht machen müsste. Ich sollte den Ausweis unterschreiben und habe meinen Namen direkt an die falsche Stelle geschrieben. Also ging der ganze Spaß von vorne los. Zum Glück hatte ich genug Passfotos dabei.

Ich habe also rechtzeitig meinen Passersatz bekommen und konnte mit dem guten Rat „Nicht wieder klauen lassen“ von dem Beamten in Richtung Flughafen aufbrechen. Von Termini aus wollte ich eigentlich mit dem Shuttlebus zum Flughafen fahren. Lisa wollte mitkommen, um mir helfen zu können, falls es beim Check-In zu Probemen kommen sollte. Wir standen am Schalter für die Bustickets, als Manu, eine Mitbewohnerin von Lisa, zu uns stieß. Sie wollte auch zum Flughafen, um dort jemanden abzuholen.
Weil der Tag es mir besonders schwierig machen wollte, wurde uns am Ticketschalter gesagt, dass der nächste Bus erst um fünf Uhr fahren würde. Um diese Uhrzeit ging allerdings schon mein Flieger. Es hätte so einfach sein können. Wir haben zuerst geguckt, ob andere Busse zum Flughafen fuhren, aber hatten kein Glück. Dann schlug Manu vor, dass wir uns doch zu dritt ein Taxi teilen konnten. Diese Möglichkeit hatte ich gar nicht in Betracht gezogen. Wir haben den Vorschlag in die Tat umgesetzt und haben es rechtzeitig zum Flughafen geschafft. Da ging dann auch alles gut. Der Passersatz wurde akzeptiert und ich bin ohne weitere Probleme ins Flugzeug gekommen. Da saß ich dann und konnte kaum glauben, dass die Zeit in Rom schon um war und ich so viel erlebt hatte.

Der letzte Tag in Rom hätte sehr viel weniger Drama haben können. Eigentlich wollten Lisa und ich ein gemütliches Osterpicknick bei Anna in der Wohnung machen. Stattdessen stand ein Pleiten, Pech und Pannen-Tag auf dem Plan. Aber wo Dunkelheit ist, da ist auch Licht und ich hatte an dem Tag wirklich vier Ritter(innen) in strahlender Rüstung: Lisa, Anna, ihr Mitbewohner und Manu. Und jetzt seien wir mal ehrlich: Ein schlechter Tag kann eine wunderschöne Woche im Nachhinein auch nicht versauen.

Samstag, 3. Mai 2014

Rom Teil 3: Ostern in Rom



Dieses Jahr habe ich Ostern in Rom gefeiert. Das hat sich so ergeben, weil Lisas Geburtstag in dem Zeitraum lag und ich mir dachte, warum nicht. Ich habe ein bisschen zu Ostern in Rom gegooglet (ich war an den Ostertagen bisher immer zu beschäftigt, um die Osterfeierlichkeiten im Fernsehen zu verfolgen) und überlegt, dass ich zum Urbi et Orbi-Segen auf den Petersplatz sowie zum Kreuzweg ans Kolosseum wollte. Aus Spaß habe ich auch recherchiert, wie man an der Ostermesse auf dem Petersplatz teilnimmt, aber das Karten Vorbestellen (auch wenn die kostenlos sind) und am Pilgerzentrum Abholen, war mir einfach zu viel Aufwand. Mein Plan war dann eher in eine Osternacht oder eine Ostermesse in einer Kirche in der Nähe des Wohnheims oder irgendeiner anderen Kirche, die ich mir dann in Rom spontan ausgesucht hätte (es gibt da ja genug) zu gehen. Ich hatte auch mal nachgeguckt, wo sich die deutsche katholische Gemeinde in Rom befindet. Als ich dann an meinem ersten Tag in Lisas Wohnheim ankam, wurde ich direkt von einer ihrer Mitbewohnerinnen mit den Worten begrüßt, dass sie Karten für die Messe mit dem Papst organisiert habe. Damit stand das also fest.

Gründonnerstag war ich in keiner Messe, nur kurz, wie bereits geschrieben, bei einer Ölbergwache in Trastevere. Karfreitag sind Lisa, Anna, eine Freundin von Anna und ich zum Kreuzweg am Kolosseum gegangen. Wir hatten gehört, dass man mindestens zwei Stunden vorher da sein sollten und breiteten um halb sechs unsere Decke vor dem Kolosseum aus. Der Kreuzweg sollte um viertel nach neun beginnen. Um uns herum war schon viel Betrieb. Wir saßen in der dritten Reihe. Neben uns saß eine Gruppe Nonnen auf Hockern und betete den Rosenkranz, aber auch nicht-klösterliche Gläubige und Schaulustige warteten mit uns und machten Fotos. Dann kamen Sicherheitskräfte und meinten, wir müssten alle den Platz räumen; sie würden hier jetzt alles absperren und dann würden wir durch eine Sicherheitskontrolle wieder rein kommen. Auf die Idee, das Gebiet abzusperren, hätten sie ja auch früher kommen können.
Etwas schlecht gelaunt gingen wir wieder raus und fragten uns bis zu der Stelle durch, an der wir uns wieder anstellen konnten. Die meisten ergaben sich schweigend in ihr Schicksal. So ganz verkehrt ist eine Sicherheitskontrolle ja auch nicht. Nur eine Frau neben uns begann zu jammern. Zuerst regte sie sich (auf Spanisch) auf, dass wir warten mussten. Dann begann sie in höchsten Tönen von dem Papst zu schwärmen (der erste lateinamerikanische Papst; sie selbst war Argentinierin) und die dunkle Vermutung, dass man ihn über kurz oder lang umbringen würde, weil er für den Westen zu unbequeme Punkte anspräche (Kirche der Armen usw.) zu äußern. Und dann ging es so richtig los.
Sie begann in lauter Stimme sich über den Westen aufzuregen. Die USA und Europa seien an allem Schuld, was in Argentinien schief geht, vor allem an der Kriminalität. Die Menschen würden auf der Straße sterben und besonders schlimm würde es Indios wie ihr gehen. Für mich sah sie kein bisschen nach einer India aus, aber gut, ich weiß es nicht. Ich muss auch gestehen, ich weiß nicht, was in Argentinien gerade passiert. Ganz schuldlos ist der Westen natürlich nicht – bei einer kurzen Internetsuche habe ich einen Bericht über den Soja-Anbau in Argentinien gefunden. Soja ist eins der Hauptexporte Argentiniens, aber die Monokultur verödet die Anbaugebiete. Aber es ging der Frau weniger um Soja als um Gewalt.
Sie meckerte auch über den Kreuzweg und die vielen Menschen die dazu angereist waren. Wir seien doch alle Heuchler, weil wir uns Christen nennen, aber nicht christlich handeln würden. Überhaupt seien die wahren Christen doch die Lateinamerikaner, in allen anderen Ländern gäbe es doch kein richtiges Christentum mehr. Dann sprach sie eine Nonne neben sich an. Die war zwar auch Lateinamerikanerin, aber weil sie die Ansichten der Argentinierin nicht teilte, wurde auch sie als Heuchlerin beschimpft. Verschiedene Menschen um uns herum mischten sich in das Gespräch ein. Wir hatten irgendwie eine lateinamerikanische Ecke erwischt, aber die Frau beruhigte sich einfach nicht und schrie weiter. Lisa sprach sie irgendwann an und bat sie, leiser zu sprechen. Die Frau meinte, das könne sie nicht, weil sie sich so ärgere. Als Lisa sie fragte, warum sie überhaupt hier beim Kreuzweg sei, wenn sie doch alles so furchtbar fände, antwortete sie nur, dass sei eine gute Frage. Etwas später hörte sie, wie Lisa mit Anna Deutsch sprach und da war es dann vorbei. Sie beleidigte Lisa und trug ihr viele Grüße an Frau Merkel auf…
Ich muss sagen, ich hatte ein bisschen Schiss vor der Frau. Sie sprach so viel von Gewalt, dass der Papst irgendwann umgebracht werden würde und über ihre Wut auf den Westen und die USA, dass ich schon unauffällig ihren Pulli gemustert habe, ob sich da etwas Unförmiges, das da nicht hingehörte, abzeichnete. Aber sie schien nichts zu verbergen, mit dem man uns alle hätte umbringen können. Die Gruppe von Nonnen, die von Anfang an von der Argentinierin zugelabert wurden, fand irgendwann ein ziemlich wirksames Mittel, um sich dem Geschrei zu entziehen: Sie fingen an zu singen. Die Argentinierin fiel in den Gesang mit ein, sehr schief und mit einem alternativen (politischen) Text, aber immerhin schrie sie nicht mehr.
Nach gut eineinhalb Stunden Warten, durften wir wieder auf den Platz vor dem Kolosseum – es gab keine Sicherheitskontrolle. Warum dann der ganze Aufwand? Nach der Absperrung rannten alle los und unsere Gruppe konnte tatsächlich Plätze direkt in der ersten Reihe ergattern. Unter dem Gesichtspunkt war es gar nicht so schlecht, dass wir zuerst nochmal von dem Platz heruntergeschickt worden waren. Vor uns war ein Zaun, dahinter kam ein Gang, auf dessen anderer Seite nochmal Menschen standen. Die Argentinierin sind wir auf diese Weise auch losgeworden.

Wir mussten noch eine ganze Weile warten, bis es losging, aber es gab auch viel zu sehen. Genau gegenüber von uns wurden die ganzen Kameras des (italienischen) Fernsehens aufgebaut, Sicherheitsleute gingen auf und ab und machten Fotos von den Wartenden. Nachdem die Frau, die auf unseren Bereich aufpasste, aber zum gefühlten zehnten Mal gefragt wurde, sagte sie, sie würde keine Fotos mehr machen. Uns hat sie noch fotografiert, aber leider ist Anna nur halb mit drauf. Lisa und ich stellten fest, dass hinter uns ein Ehepaar aus Essen stand, mit dem wir uns eine Weile unterhalten haben. Dann fingen Pfadfinder an, Kerzen und Heftchen mit den Texten des Abends zu verteilen. Die liturgischen Formeln sowie das Vater Unser waren auf Latein abgedruckt. Das war auch nötig, denn ich hätte sie nicht auf Latein gewusst. Das Evangelium und die Gedanken und Gebete zu der jeweiligen Kreuzwegstation standen auf Italienisch drin. Das Heftchen hatte eine ziemlich gute Qualität. Von der Größe und Bindung ist es mit einem Reclam-Heft vergleichbar. Zu jeder Station war ein farbiges Bild abgedruckt.

Lichtermeer
 Als der Kreuzweg begann, war es schon dunkel. Der Papst kam auf einer erhöhten Terrasse gegenüber dem Kolosseum an, wo ein Baldachin aufgebaut war und Kerzen an einem Kreuz brannten. Eine Schola sang zwischendurch ein paar Zeilen. Ansonsten war es still, während der Lektor die Texte und Gebete las. Alle hatten ihre Kerzen an und die verschieden farbigen Windschutze leuchteten in der Nacht. Das war eine sehr schöne Atmosphäre.
Allerdings hatte ich mir den Kreuzweg etwas anders vorgestellt. Ich kenne es so, dass man von Station zu Station geht und da betet. Deswegen hatte ich – ein bisschen naiv – gedachte, dass wir vielleicht um das Kolosseum herum gehen würden. Mit der Menschenmasse wäre das natürlich nicht möglich gewesen. Also standen wir über eine Stunde an der gleichen Stelle. Für mich wurde das irgendwann anstrengend, weil sich kurz vor Beginn noch zwei Kinder zu mir in die erste Reihe gequetscht haben. Das war vollkommen in Ordnung, die sollen ja etwas sehen können, aber es war da sowieso schon wenig Platz und ich hatte manchmal das Gefühl zu wenig Platz zu haben, um mein Gewicht verlagern zu können.
Bei der siebten oder achten Station tat sich etwas in dem Gang vor uns. Eine Gruppe von etwa zehn Leute, Priester und Laien, trug ein Kreuz durch den Gang, begleitet von zwei Fackeln. Das Kreuz wurde auf die Terrasse getragen, auf der der Papst stand. Ich glaube, dass die Leute davon ausgegangen sind, dass der Papst bei dieser Gruppe dabei sein würde, denn uns wurde vorher gesagt, er würde durch diesen Gang gehen. Aber er war nicht dabei.

Der Papst unter seinem Baldachin
Kaum hatte Franziskus den Segen gesprochen, rief einer der Gläubigen ganz laut: „Viva el papa!“ und alle klatschten. Lisa, Anna und ich hatten uns vorher gefragt, was man beim Papst denn rufen würde, sind aber zu keinem Ergebnis gekommen. An ein simples „Es lebe der Papst!“ hatten wir gar nicht gedacht. Danach löste sich die Gemeinde auf. Aber weil so viele Leute zu dem Kreuzweg gekommen waren, dauerte das eine Weile.
Die Metro-Station Colosseo war gesperrt, also mussten wir den Bus zurück nehmen. Als wir an der Piazza Venezia ankamen, war der Bus, den wir nehmen mussten, vollkommen überfüllt. Es ging wirklich nichts mehr rein. Gar nichts. Nicht so, wie ein paar Tage vorher, als Lisa und ich uns noch in einen Bus gequetscht haben und ich dachte, er wäre jetzt voll, aber zwei Nonnen es auch noch irgendwie geschafft haben, sich da herein zu mogeln und die Türen nur nach mehreren Anläufen zu gingen. Das war die schlimmste Busfahrt meines Lebens. Aber dieser Bus schien noch voller. Also wollten Lisa und ich auf den nächsten Bus warten. Als der volle Bus nach zwanzig Minuten immer noch nicht losgefahren war, beschlossen wir, zu einer anderen Metro Station zu laufen. Das war ganzes Stück, aber besser als auf einen weiteren Bus zu warten und sich dabei eine Erkältung zu holen. Auf dem Weg zu der Metro-Station rief Lisa auf einmal: „Nein, wir nehmen diesen Bus!“ Also folgte ich ihr in den Bus, der gerade neben uns gehalten hatten. Wir fuhren bis zur Endhaltestelle, die auch eine Metro-Station war und nahmen von da die nächste Metro zurück zum Wohnheim. Das war unter den gegebenen Umständen das Beste, was wir machen konnten.

An Ostersonntag brachen Lisa und ich mit zwei Mädchen aus dem Studentenwohnheim um sieben Uhr in Richtung Petersplatz auf. Die eine Mitbewohnerin hatte noch eine Karte für Anna besorgt, so dass sie mit uns mitkommen konnte. Wir trafen sie an der Bushaltestelle. Am Petersplatz suchte Lisas Mitbewohnerin noch zwei Kommilitoninnen, die sich uns auch noch anschließen wollten.
Wir mussten ein bisschen warten, bis wir auf den Platz gelassen wurden. Es gab eine Taschenkontrolle, die aber eher nachlässig war. Wenn man in den Dom will, muss man wie durch eine Sicherheitskontrolle am Flughafen gehen. Bei der Messe guckten die Sicherheitsleute nur flüchtig in unsere Taschen. Alles klar. Unsere Karten wollte auch niemand sehen.
Während wir auf den Platz gingen, sahen wir tatsächlich die Argentinierin vom Kreuzweg wieder! Wir sind schnell weiter gegangen und sie hat uns auch nicht gesehen. Darüber waren wir ganz froh. Auf dem Weg verloren Lisa, Anna und ich auch die anderen und saßen dann nicht mit ihnen zusammen. Unsere Plätze waren ziemlich gut. Wir waren im zweiten Abschnitt und solange alle Leute saßen (ja, es gab Stühle) und die Leute vor uns ihre Fahne nicht schwenkten, konnten wir gut auf den Altar gucken. Neben uns saß eine Argentinierin in unserem Alter, die viel netter als die von Karfreitag war und ein Au Pair in Deutschland machte.
Vor der Messe wurde ein Rosenkranz gebetet, aber der wurde immer wieder immer wieder von der Kapelle der Schweizer Garde unterbrochen. Zuerst beteten alle fleißig mit, aber kaum ertönten die ersten Trompetentöne, war es mit der Andacht vorbei. Die Leute, die das Rosenkranzgebet leiteten, machten unbeirrt weiter, aber nach der zweiten Unterbrechung durch eine Kapelle, gaben sie auf.
Außerdem wurden wir vor der Messe darauf hingewiesen, dass wir während der Messe ein angemessenes Verhalten zeigen und keine Flaggen schwenken sollten. Es hat mich überrascht, dass sich tatsächlich alle (zumindest die um uns herum) sich daran gehalten haben und nicht nur das, sie haben auch gut bei der Messe mitgemacht. Ich hätte gedacht, dass mehr Leute dabei sein würden, die wegen des Events hingingen und nicht wussten, was sie während der Messe machen sollten. Aber wer weiß, vielleicht waren die ja weiter hinten.
Die Stufen des Petersdoms waren wunderschön mit Blumen geschmückt. Von der Messe war ich leider nicht so angetan. Irgendwie kam bei mir keine Osterfreude an – trotz des Papstes. Mir war die Messe zu formal und zu steif. Der liturgische Teil war überwiegend auf Latein (wie beim Kreuzweg hatten wir wieder so kleine Heftchen) und alle Gesänge waren Choräle auf Latein und recht eintönig. Das war nicht so meins. Ich hatte natürlich damit gerechnet, dass wir nicht die Lieder singen würden, die ich aus der Ostermesse in Deutschland kenne. Die werden außerhalb von Deutschland ja kaum bekannt sein. Aber ich hätte nicht gedacht, dass gerade diese Lieder für mich so wichtig sein würden. Allerdings hatte ich auch damit gerechnet, dass etwas lebendigere Lieder gesungen werden würden. Beim Weltjugendtag war das ja auch kein Problem. Ach ja, der Weihrauch verlor sich auf dem Petersplatz, so dass ich ihn gar nicht riechen konnte. Das war auch schade.

Das Evangelium wurde auf Latein und auf Griechisch  gelesen. Ich glaube, Anna fand das toll. Sie war zwischendurch enttäuscht, weil sie dachte, es gäbe keine griechischen Zwischenrufe, die wir mit beten konnten. Ich muss sagen, ich fand es auch ganz nett, das Evangelium mal auf Griechisch zu hören. Zwar habe ich nichts verstanden, aber es klang irgendwie gut. Die Fürbitten wurden auf vielen verschiedenen Sprachen gehalten. Deutsch war auch dabei – gelesen von einem Schweizer…
Auf dem Weg zur Kommunion stellte Lisa entsetzt fest, dass alle Gläubigen Mundkommunion machten. Ich war da auch nicht besonders scharf drauf, war aber der festen Überzeugung, dass der Priester mir die Hostie auch in die Hand legen würde. Falsch gedacht. Aber es war okay, weil tatsächlich nur die Hostie und nicht die Hand des Priesters meinen Mund berührt hat. Ich habe ein bisschen recherchiert und herausgefunden, dass nach einem Beschuss Benedikts XVI. bei allen Papstmessen nur noch die Mundkommunion gespendet werden darf. Einerseits um die Heiligkeit des Sakraments zu unterstreichen, andrerseits, damit niemand die Hostie als Souvenir an die Messe einsteckt (laut Kath.net). Manche Leute kommen auf komische Ideen (ich meine jetzt die Gottesdienstbesucher, nicht den Papst).

Urbi et Orbi in schlechter Qualität (Handy-Bild)
Zwischen der Messe und dem Urbi et Orbi-Segen ist Franziskus mit seinem Papamobil durch die Menge geflitzt. Der war echt schnell unterwegs. Alle standen auf den Stühlen, dementsprechend konnte ich im Grunde nichts sehen. Man konnte nur am Jubel erkennen, wo der Papst gerade war.
In dem Liturgie-Heft stand, dass der Urbi et Orbi-Segen auch über das Fernsehen, Radio und die neuen Medien wirke. Außerdem seien dadurch auch alle mitgebrachten Devotionalien gesegnet. Die Kreuzkette, die ich an dem Tag umhatte, ist jetzt also gesegnet.
Ich fand es etwa schade, dass der Papst die Ostergrüße nicht auf allen/ vielen Sprachen in die Welt geschickt hat. Er hat überwiegend Italienisch und einmal ein bisschen Spanisch gesprochen (meine ich zumindest). Während des Segens wurden dann die ganzen Fahnen geschwenkt, die während der Messe verboten waren.

Nach der Messe haben wir auf dem Petersplatz jede ein Osterei, die Lisa und ich am Tag vorher gefärbt hatten, und einen Mini Schokoladenosterhasen gegessen. Anna musste kurz darauf weg. Lisa und ich haben noch ein wenig gewartet, bevor wir uns den Menschenströmen, die vom Platz herunter führten, angeschlossen.

Frohe Ostern!


Es war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung, Ostern in Rom zu feiern, aber ich freue mich auch darauf, im nächsten Jahr in meiner Heimatgemeinde wieder „Halleluja, lasst uns singen“ zu schmettern.

Freitag, 2. Mai 2014

Rom Teil 2: Lisas Rom



„Ich kann bei jeder Metro-Station sagen, welchen Tandempartner ich hier getroffen habe, aber nicht, welche Attraktion da liegt.“ (O-Ton Lisa)
Lisa lebt in Rom. Das heißt, sie hat ein Zimmer in einem Studentenwohnheim, geht tagsüber an ihrer Praktikumsstelle arbeiten, abends einkaufen und wenn sie zwischendurch Zeit hat, wäscht sie Wäsche. In Rom leben heißt nicht, ein Touristenprogramm durchzuziehen, so wie ich es im ersten Teil geschrieben. Auch (Kurzzeit-) Römer haben so etwas wie Alltag. Ihr Rom entscheidet sich doch sehr von dem touristischen. Und weil ich nicht nur Urlaub gemacht, sondern vor allem Lisa besucht habe, habe ich ganz viel von ihrem Rom erlebt: Ihre Freunde, ihren Zumba-Kurs, ihre Lieblings-Eisdiele, das Café, in das sie immer geht, wenn sie von der Bank kommt, und eine Pizzeria mit einem wirklich wunderbaren Namen:


Die befindet sich natürlich in der Nähe des Vatikan.

Ich bin zu Lisas Geburtstag nach Rom geflogen. Sie hatte überlegt, essen zu gehen und die Gruppe wuchs immer mehr an. Nicht nur ihre beiden Besucher aus Deutschland, sondern fast ihre ganze internationale Clique, die sich aus den Freunden aus ihrem Sprachkurs, sowie ihren Tandempartnern und einer Frau vom Zumba zusammensetzt, kamen mit. Am Tisch wurde Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch und Polnisch gesprochen. Ich habe nicht alles verstanden, aber das ist ja egal. Es war lustig.
Wir haben alle Pizza bestellt. Es gab eine Karte „Pizza del Campione“ oder so.  Ich dachte, es hätte irgendwas mit der Fußball-WM zu tun. Die Pizzen von der regulären Karte konnten wir gar nicht bestellen. Das war etwas ungünstig, weil ich mich doch gerade anhand der englischen Karte entschieden hatte. Die Spezial-Karte war nur auf Italienisch. Ich habe mich für eine Pizza Margherita entschieden. Es schien verschiedene Margherita-Varianten auf der Karte zu geben, deren Unterschiede ich nicht verstanden habe. Offenbar ist es aber wohl was völlig anderes, Flaschentomaten anstelle von runden Tomaten auf eine Pizza zu tun. Meine Pizza schmeckte gut, auch wenn ich nicht mehr weiß, welche Form die Tomaten ursprünglich hatten. Lisas italienische Tandempartnerin hat sich zum Nachtisch eine Tiramisu-Pizza bestellt und mir ein kleines Stück zum Probieren gegeben. Das war ein merkwürdiges Geschmackserlebnis, weil der Pizzateig nicht süß war, der Belag aber schon. So richtig begeistert hat mich das aber nicht. Lieber normales Tiramisu. Aber weil ich von der Pizza schon so satt war, habe ich mir keinen Nachtisch bestellt.
Kurz bevor wir gehen wollten, kam der Koch vorbei und verteilte Autogramme. Ich dachte mir, dass das ja schon ein bisschen skurril ist, dass nur, weil uns das Essen gut geschmeckt hat, der Koch nochmal vorbei kommt und unterschriebene Fotos von sich verteilt. Dann wurde ich aber aufgeklärt, dass der Koch irgendeine besondere Auszeichnung gewonnen habe. Deswegen gab es auch die Pizza vom Campione. Auf einmal ergab das alles einen Sinn. Da hatte Lisa ja Glück, an ihrem Geburtstag von so einem bekannten Menschen bekocht worden zu sein.
Mit der internationalen Clique haben Lisa und ich uns noch ein weiteres Mal zu einem Aperitivo getroffen. Normalerweise beinhaltet das ein (alkoholisches) Getränk und ein Buffet. Das Lokal, in dem wir zum Aperitivo waren, hatte allerdings kein Buffet sondern servierte drei Mini-Hamburger und einen Teller Chips zu jedem Getränk dazu. Nicht besonders italienisch – der Laden schien auch eher auf die Küche der USA ausgelegt zu sein – aber die Hamburger waren auch lecker. Es war sehr schön, Lisas multilingualen Freundeskreis kennenzulernen und wenn bei mir die nicht vorhandenen Italienischkenntnisse versagten (verstanden habe ich immer noch einige Brocken, nur antworten konnte ich halt nie), ging immer auch Englisch. Abgesehen von den beiden Treffen mit der Gruppe war Anna auch bei vielen unserer Ausflüge dabei.
Ein bisschen bin ich wieder in der Erasmus-Feeling reingekommen, vor allem, als Lisa am zweiten Morgen meinte: „Du, mich hat gerade der eine Jordanier für heute Abend zum Essen eingeladen. Ich habe gefragt, du kannst auch mitkommen, hast du Lust?“ Ganz spontan hatten wir also eine Abendplanung und haben mit zwei Jordaniern und einem Italiener mit belgisch-brasilianischen Wurzeln ein Gericht aus viel Reis, Kartoffeln, Fleisch und Blumenkohl gegessen. Die beiden Jordanier waren ganz begeistert, dass ich schon mal in ihrem Land war und wollten wissen, was genau, ich denn gesehen hätte. Ich konnte mich nicht mehr an alle Namen erinnern und habe manches auch falsch ausgesprochen, aber auf Nachfrage fielen mir immer mehr Orte wieder ein und die beiden Jungs schlossen daraus, dass ich etwas 90% des Landes gesehen haben muss.

Natürlich habe ich auch Lisas Mitbewohner aus dem Studentenwohnheim kennengelernt. Ein bisschen hatte ich das Gefühl, dass es in einer deutschen Enklave liegt. Aber so sprachen alle Mitbewohner Deutsch, was auch nicht so schlecht war für mich. So viele Studenten leben nicht in dem Wohnheim (das Wohnheim des Jordaniers war unendlich viel größer) und die Küche ist der soziale Punkt des Hauses. Dort trifft man sich, tauscht sich aus - zumeist über theologische Themen, weil die Mehrzahl der Studenten Theologie studieren – und nimmt großen Anteil am Leben der anderen. Morgens beim Frühstück wurden wir nach unseren Plänen für den Tag gefragt und ich bekam viele Tipps, welche Kirchen ich mir noch ansehen sollte. Das Ganze ist sehr familiär. Die Leiterin des Wohnheims wohnt ebenfalls mit im Haus und stellte an Ostern eine Colomba (einen italienischen Osterkuchen) für die Studenten in die Küche.
Ich hätte gedacht, dass es schwieriger sein würde, mit ca. zehn Leuten eine Küche zu teilen, aber es ging erstaunlich gut. Vielleicht sind Lisa und ich einfach zu günstigen Zeiten in die Küche gekommen, aber wir kamen uns mit den anderen eigentlich nicht in die Quere. Es haben (bis auf eine Ausnahme) auch immer alle sofort abgespült, so dass kein dreckiges Geschirr rumstand. Bei zehn Leuten ist das aber auch sicher notwendig. Die Küche war supermodern ausgestattet, wie ich fand. Der Herd hatte ein Touchpad (oder wie auch immer man das nennt, wenn man den durch Drücken auf die Oberfläche bedient).

Nachdem ich Lisas Freunde und Mitbewohner kennen gelernt hatte, wollte ich natürlich auch unbedingt ihren Arbeitsplatz, die Casa di Goethe, sehen. Während wir in der ganzen Stadt zunehmend mehr Touristen antrafen, war es in der Casa wunderbar ruhig, weil außer Lisa und mir nur ihre beiden Kolleginnen, die gerade Dienst hatten, da waren, als wir das Museum besuchten.
Lisa hat mir eine kurze Privatführung gegeben. Das fand ich ganz lustig, weil ich Lisa noch nie ein einer Führung erlebt habe. Gleichzeitig dachte ich aber auch: „Wenn ich jetzt ein Foto mache, denkt Lisa dann, dass ich nicht zuhöre? Aber ich höre doch zu.“ Bei anderen Führungen habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Irgendwann sagte Lisa auch: „Du bist gerade genauso wie die Schüler. Die wollen auch immer schon in den nächsten Raum stürmen, aber ich bin noch nicht fertig!“ Dabei fand ich das, was Lisa erzählt hat, auf jeden Fall interessant.
Von der Konzeption her hat die Casa di Goethe Ähnlichkeiten mit dem Keat-Shelley-Museum (Besucher, die zuerst bei Keats und Shelley waren, bekommen bei Goethe dann auch Rabatt und andersrum): Es befindet sich in der Wohnung, in der Goethe während seiner Zeit in Rom lebte, und zeigt wichtige Zeugnisse eines Italienaufenthalts. Doch im Gegensatz zum Keats-Shelley-Museum, das nur rückblickend informiert (es sei denn, ich habe einen Raum übersehen), ist es gegenwarts- und zukunftsorientierter – das fängt schon allein bei der Einrichtung an. Im Goethe-Museum sind das helle, moderne Möbel, bei Keats und Shelley dunkle Holzregale; ich könnte mir vorstellen, dass sie versucht haben, den Stil des 19. Jahrhunderts nachzuahmen. Aber dafür ist der Fan-Shop bei Keats und Shelley viel cooler als bei Goethe.
Mittlerweile ist an Goethes ursprüngliche Wohnung eine weitere angeschlossen worden, in der wechselnde Ausstellungen stattfinden. Als ich das Museum besucht habe, wurden Fotografien von deutschen und italienischen Schriftstellern ausgestellt. Auf einem Foto war Loriot mit einem Mops zu sehen.
In der Dauerausstellung sieht man Auflistungen, was Goethe und seine Freunde gegessen und getrunken haben, Briefe und Bilder (manche von denen waren von Goethe gemalt), sowie moderne Annährungen an Goethe. Es gibt ja dieses berühmte Gemälde von Tischbein, das Goethe in Reisekleidung vor einer italienischen Landschaft zeigt. In den modernen Annäherungen wurde dieses Bild genommen und immer wieder in unterschiedliche Kontexte gesetzt, z.B. wie Goethe in dieser bekannten Position auf einer Sonnenliege am Strand liegt und Ravioli aus der Dose isst. Auch eine Adaption dieses Bildes von Warhol hängt in dem Museum.  

In langen Pausen geht Lisa gerne in den Park der Villa Borghese, der sich in der Nähe der Casa di Goethe befindet. Wir waren zweimal in dem Park. Er ist auch einfach sehr schön. Von der Piazza del Popolo steigt man eine Treppe herauf und hat einen tollen Blick über Rom. Palmen und blühende Bäume. Mehrere Brunnen. Ein wunderschöner Ort.
Ich hatte ihn mir schon aus dem Reiseführer ausgeguckt, weil ich gerne die Byron-Statue sehen wollte. Außerdem hatte ich gelesen, dass es auch eine Goethe-Statue in dem Park gibt und dachte, das wäre doch was für Lisa. Sie kannte die Statue auch tatsächlich noch nicht. Zum Glück gab es einen Plan, sonst hätten wir sie in dem großen Park nicht gefunden. Es gibt einige Statuen und Köpfe, die da herum stehen, aber man muss sagen, Goethe rockt definitiv den Park. Jedenfalls im Vergleich zu den Stauen, die ich gesehen habe. Das Denkmal ist riesig. Goethe steht auf einer Kapitell, zu deren Fuß sind drei Personengruppen: Faust und Mephisto, Iphigenie und Orest, sowie Mignon und der Harfner. Absolut beeindruckend. Lisa und ich haben erst mal eine Fotosession darauf gemacht. Als ich danach die Byron-Statue sah, war ich fast ein bisschen enttäuscht.
Das Goethe-Denkmal (Faust und Mephisto sind hinten)



Zu Lisas Leben in Rom gehört auch Zumba. Zum Glück ist die Zumba-Gemeinschaft stark vernetzt. Man kann auf der Homepage nachgucken, wo Kurse stattfinden und so hat Lisa auch in Rom Zumba-Kurse gefunden. Einer von denen findet sogar fast zeitgleich mit meinem Kurs zuhause statt. Lisa war richtig euphorisch als sie mir von dem Kurs erzählte und berichtete, dass er in einem Theater stattfindet. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen, also habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Sportzeug mit in den Urlaub genommen.
Obwohl ich am Zumba-Tag furchtbar schmerzende Füße hatte, weil ich mit Lisas Schuhen mit Absatz durch das Forum Romanum, das Kolosseum, den Cimenterio Acattolico, die Engelsburg und den Petersdom gelaufen war, konnte mich nichts davon abbringen, mitzukommen (zumal meine Füße, nachdem ich meine eigenen Schuhe wieder angezogen hatte, sich wieder beruhigten).
Es war sehr lustig. Die Theater-Zumba-Gruppe besteht aus Vertreterinnen aller Altersstufen. Manche sind etwa in unserem Alter, andere sind etwas älter und eine Frau ist schätzungsweise um die 60 oder 70 Jahre alt. Trotzdem ist sie mit großer Begeisterung dabei.
Bei jedem Lied guckte Lisa zu mir rüber und wollte wissen, ob ich es kenne. Ich kannte fast alle Lieder. Zumba ist eben sehr international. Allerdings heißt das nicht, dass die Choreographien genauso wären, wie ich sie kenne. Da musste ich mich manchmal schon etwas konzentrieren. Der Boden war auch glatter als ich es aus unseren Sporthallen kenne und ich hatte etwas Angst, auszurutschen. Außerdem war ich der Meinung, dass der Boden leicht abschüssig war. Lisa meinte aber, sie habe nichts gemerkt. Trotz des ungewohnten Bodens hatte ich sehr viel Spaß in der Stunde und habe trotz meiner Wanderung durch Rom bis zum Schluss durchgehalten.

Neben dem Park der Villa Borghese wollte Lisa mir gerne den Strand von Ostia und das Viertel Trastevere zeigen. Zwei Ziele, die sich auf jeden Fall gelohnt haben. Zu dem Strand kann man mit dem Ticket, das im römischen Stadtverbund gilt, fahren. Das ist sehr praktisch. Wir haben uns also mit Anna in den Zug gesetzt und sind bis zu der Station gefahren, die sich „Polarstern“ nennt. Von dort ist es nur eine kurze Strecke zu einem kostenlosen Strand (in Italien nicht so häufig), an dem sogar eine kleine Bude ist, die Getränke und Snacks verkauft. Wir hatten Erdbeeren und eine Decke dabei und haben ein Picknick am Strand gemacht. Ich bin auch ein bisschen durch die Brandung und durch den warmen Sand gelaufen. Das war toll. Ich muss mal wieder Urlaub am Meer machen, wenn es warm genug ist, schwimmen zu gehen.

Trastevere ist ein sehr schönes Viertel. Wir sind da einen Abend zum Essen hingegangen und sind vorher ein bisschen durch die Gässchen gestreift. Dabei sind wir an einem sehr süßen Buchladen vorbei gekommen. Der war klein und gedrängt. Die Bücher lagen überall rum. Aber besonders toll fand ich Postkarten, Bilder und Kartenausschnitte, die zwischen den Büchern an den Regalen und den Wänden klebten. Irgendwie romantisch der Laden. Es gab auch viele Restaurants in Trastevere. Wir haben die Speisekarten verglichen und waren letztlich in einem, in dem Lisa schon mal war und den Kellner wiedererkannte.

Ein Schild in Trastevere, das zu Verwirrung führte - eine Frau las: "We are against war and tourists" und war beleidigt.

Unser Besuch in der Frida Kahlo-Ausstellung fällt auch in die Kategorie „Lisas Rom“, weil Lisa mir schon ziemlich zu Beginn ihrer Zeit in Rom schrieb, dass sie Werbung für die Ausstellung gesehen habe und wir unbedingt dahin gehen müssten. Im ersten Semester haben Lisa und ich festgestellt, dass wir beide ziemliche Frida Kahlo Fans sind, deswegen habe ich nur zu gerne Lisas Vorschlag zugestimmt.
Die Ausstellung zeigt Bilder, die von Frida Kahlo gemalt wurden, aber auch Fotos und Bilder von anderen Künstlern. Es wurde versucht, die gesamten Lebensumständen der Künstlerin darzustellen. Viele der Bilder kannte ich schon, aber es war schön, sie im Original zu sehen und bei einigen war ich überrascht, wie klein sie waren. Die Fotos waren teilweise unschlagbar: Frida beim Sonnen auf der Wiese, Frida mit einem Bier (oh mein Gott! :-D)… Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Reihe, in der Frida mit wenigen Farben und wilden Mustern Gefühle darstellt. Auf den ersten Blick wirkten die Bilder ein bisschen wie gedankenverlorene Kritzeleien, aber je länger ich sie betrachtete, desto mehr fand ich, dass sie die Emotionen perfekt getroffen hat und das mit relativ einfachen Mitteln.
Drei Grazien

Ich finde es richtig toll, Lisas Rom und die Menschen, die es ausmachen, kennengelernt zu haben. Jetzt kann ich besser nachvollziehen, was sie mir erzählt, weil ich weiß, wie es vor Ort ist.