Samstag, 3. Mai 2014

Rom Teil 3: Ostern in Rom



Dieses Jahr habe ich Ostern in Rom gefeiert. Das hat sich so ergeben, weil Lisas Geburtstag in dem Zeitraum lag und ich mir dachte, warum nicht. Ich habe ein bisschen zu Ostern in Rom gegooglet (ich war an den Ostertagen bisher immer zu beschäftigt, um die Osterfeierlichkeiten im Fernsehen zu verfolgen) und überlegt, dass ich zum Urbi et Orbi-Segen auf den Petersplatz sowie zum Kreuzweg ans Kolosseum wollte. Aus Spaß habe ich auch recherchiert, wie man an der Ostermesse auf dem Petersplatz teilnimmt, aber das Karten Vorbestellen (auch wenn die kostenlos sind) und am Pilgerzentrum Abholen, war mir einfach zu viel Aufwand. Mein Plan war dann eher in eine Osternacht oder eine Ostermesse in einer Kirche in der Nähe des Wohnheims oder irgendeiner anderen Kirche, die ich mir dann in Rom spontan ausgesucht hätte (es gibt da ja genug) zu gehen. Ich hatte auch mal nachgeguckt, wo sich die deutsche katholische Gemeinde in Rom befindet. Als ich dann an meinem ersten Tag in Lisas Wohnheim ankam, wurde ich direkt von einer ihrer Mitbewohnerinnen mit den Worten begrüßt, dass sie Karten für die Messe mit dem Papst organisiert habe. Damit stand das also fest.

Gründonnerstag war ich in keiner Messe, nur kurz, wie bereits geschrieben, bei einer Ölbergwache in Trastevere. Karfreitag sind Lisa, Anna, eine Freundin von Anna und ich zum Kreuzweg am Kolosseum gegangen. Wir hatten gehört, dass man mindestens zwei Stunden vorher da sein sollten und breiteten um halb sechs unsere Decke vor dem Kolosseum aus. Der Kreuzweg sollte um viertel nach neun beginnen. Um uns herum war schon viel Betrieb. Wir saßen in der dritten Reihe. Neben uns saß eine Gruppe Nonnen auf Hockern und betete den Rosenkranz, aber auch nicht-klösterliche Gläubige und Schaulustige warteten mit uns und machten Fotos. Dann kamen Sicherheitskräfte und meinten, wir müssten alle den Platz räumen; sie würden hier jetzt alles absperren und dann würden wir durch eine Sicherheitskontrolle wieder rein kommen. Auf die Idee, das Gebiet abzusperren, hätten sie ja auch früher kommen können.
Etwas schlecht gelaunt gingen wir wieder raus und fragten uns bis zu der Stelle durch, an der wir uns wieder anstellen konnten. Die meisten ergaben sich schweigend in ihr Schicksal. So ganz verkehrt ist eine Sicherheitskontrolle ja auch nicht. Nur eine Frau neben uns begann zu jammern. Zuerst regte sie sich (auf Spanisch) auf, dass wir warten mussten. Dann begann sie in höchsten Tönen von dem Papst zu schwärmen (der erste lateinamerikanische Papst; sie selbst war Argentinierin) und die dunkle Vermutung, dass man ihn über kurz oder lang umbringen würde, weil er für den Westen zu unbequeme Punkte anspräche (Kirche der Armen usw.) zu äußern. Und dann ging es so richtig los.
Sie begann in lauter Stimme sich über den Westen aufzuregen. Die USA und Europa seien an allem Schuld, was in Argentinien schief geht, vor allem an der Kriminalität. Die Menschen würden auf der Straße sterben und besonders schlimm würde es Indios wie ihr gehen. Für mich sah sie kein bisschen nach einer India aus, aber gut, ich weiß es nicht. Ich muss auch gestehen, ich weiß nicht, was in Argentinien gerade passiert. Ganz schuldlos ist der Westen natürlich nicht – bei einer kurzen Internetsuche habe ich einen Bericht über den Soja-Anbau in Argentinien gefunden. Soja ist eins der Hauptexporte Argentiniens, aber die Monokultur verödet die Anbaugebiete. Aber es ging der Frau weniger um Soja als um Gewalt.
Sie meckerte auch über den Kreuzweg und die vielen Menschen die dazu angereist waren. Wir seien doch alle Heuchler, weil wir uns Christen nennen, aber nicht christlich handeln würden. Überhaupt seien die wahren Christen doch die Lateinamerikaner, in allen anderen Ländern gäbe es doch kein richtiges Christentum mehr. Dann sprach sie eine Nonne neben sich an. Die war zwar auch Lateinamerikanerin, aber weil sie die Ansichten der Argentinierin nicht teilte, wurde auch sie als Heuchlerin beschimpft. Verschiedene Menschen um uns herum mischten sich in das Gespräch ein. Wir hatten irgendwie eine lateinamerikanische Ecke erwischt, aber die Frau beruhigte sich einfach nicht und schrie weiter. Lisa sprach sie irgendwann an und bat sie, leiser zu sprechen. Die Frau meinte, das könne sie nicht, weil sie sich so ärgere. Als Lisa sie fragte, warum sie überhaupt hier beim Kreuzweg sei, wenn sie doch alles so furchtbar fände, antwortete sie nur, dass sei eine gute Frage. Etwas später hörte sie, wie Lisa mit Anna Deutsch sprach und da war es dann vorbei. Sie beleidigte Lisa und trug ihr viele Grüße an Frau Merkel auf…
Ich muss sagen, ich hatte ein bisschen Schiss vor der Frau. Sie sprach so viel von Gewalt, dass der Papst irgendwann umgebracht werden würde und über ihre Wut auf den Westen und die USA, dass ich schon unauffällig ihren Pulli gemustert habe, ob sich da etwas Unförmiges, das da nicht hingehörte, abzeichnete. Aber sie schien nichts zu verbergen, mit dem man uns alle hätte umbringen können. Die Gruppe von Nonnen, die von Anfang an von der Argentinierin zugelabert wurden, fand irgendwann ein ziemlich wirksames Mittel, um sich dem Geschrei zu entziehen: Sie fingen an zu singen. Die Argentinierin fiel in den Gesang mit ein, sehr schief und mit einem alternativen (politischen) Text, aber immerhin schrie sie nicht mehr.
Nach gut eineinhalb Stunden Warten, durften wir wieder auf den Platz vor dem Kolosseum – es gab keine Sicherheitskontrolle. Warum dann der ganze Aufwand? Nach der Absperrung rannten alle los und unsere Gruppe konnte tatsächlich Plätze direkt in der ersten Reihe ergattern. Unter dem Gesichtspunkt war es gar nicht so schlecht, dass wir zuerst nochmal von dem Platz heruntergeschickt worden waren. Vor uns war ein Zaun, dahinter kam ein Gang, auf dessen anderer Seite nochmal Menschen standen. Die Argentinierin sind wir auf diese Weise auch losgeworden.

Wir mussten noch eine ganze Weile warten, bis es losging, aber es gab auch viel zu sehen. Genau gegenüber von uns wurden die ganzen Kameras des (italienischen) Fernsehens aufgebaut, Sicherheitsleute gingen auf und ab und machten Fotos von den Wartenden. Nachdem die Frau, die auf unseren Bereich aufpasste, aber zum gefühlten zehnten Mal gefragt wurde, sagte sie, sie würde keine Fotos mehr machen. Uns hat sie noch fotografiert, aber leider ist Anna nur halb mit drauf. Lisa und ich stellten fest, dass hinter uns ein Ehepaar aus Essen stand, mit dem wir uns eine Weile unterhalten haben. Dann fingen Pfadfinder an, Kerzen und Heftchen mit den Texten des Abends zu verteilen. Die liturgischen Formeln sowie das Vater Unser waren auf Latein abgedruckt. Das war auch nötig, denn ich hätte sie nicht auf Latein gewusst. Das Evangelium und die Gedanken und Gebete zu der jeweiligen Kreuzwegstation standen auf Italienisch drin. Das Heftchen hatte eine ziemlich gute Qualität. Von der Größe und Bindung ist es mit einem Reclam-Heft vergleichbar. Zu jeder Station war ein farbiges Bild abgedruckt.

Lichtermeer
 Als der Kreuzweg begann, war es schon dunkel. Der Papst kam auf einer erhöhten Terrasse gegenüber dem Kolosseum an, wo ein Baldachin aufgebaut war und Kerzen an einem Kreuz brannten. Eine Schola sang zwischendurch ein paar Zeilen. Ansonsten war es still, während der Lektor die Texte und Gebete las. Alle hatten ihre Kerzen an und die verschieden farbigen Windschutze leuchteten in der Nacht. Das war eine sehr schöne Atmosphäre.
Allerdings hatte ich mir den Kreuzweg etwas anders vorgestellt. Ich kenne es so, dass man von Station zu Station geht und da betet. Deswegen hatte ich – ein bisschen naiv – gedachte, dass wir vielleicht um das Kolosseum herum gehen würden. Mit der Menschenmasse wäre das natürlich nicht möglich gewesen. Also standen wir über eine Stunde an der gleichen Stelle. Für mich wurde das irgendwann anstrengend, weil sich kurz vor Beginn noch zwei Kinder zu mir in die erste Reihe gequetscht haben. Das war vollkommen in Ordnung, die sollen ja etwas sehen können, aber es war da sowieso schon wenig Platz und ich hatte manchmal das Gefühl zu wenig Platz zu haben, um mein Gewicht verlagern zu können.
Bei der siebten oder achten Station tat sich etwas in dem Gang vor uns. Eine Gruppe von etwa zehn Leute, Priester und Laien, trug ein Kreuz durch den Gang, begleitet von zwei Fackeln. Das Kreuz wurde auf die Terrasse getragen, auf der der Papst stand. Ich glaube, dass die Leute davon ausgegangen sind, dass der Papst bei dieser Gruppe dabei sein würde, denn uns wurde vorher gesagt, er würde durch diesen Gang gehen. Aber er war nicht dabei.

Der Papst unter seinem Baldachin
Kaum hatte Franziskus den Segen gesprochen, rief einer der Gläubigen ganz laut: „Viva el papa!“ und alle klatschten. Lisa, Anna und ich hatten uns vorher gefragt, was man beim Papst denn rufen würde, sind aber zu keinem Ergebnis gekommen. An ein simples „Es lebe der Papst!“ hatten wir gar nicht gedacht. Danach löste sich die Gemeinde auf. Aber weil so viele Leute zu dem Kreuzweg gekommen waren, dauerte das eine Weile.
Die Metro-Station Colosseo war gesperrt, also mussten wir den Bus zurück nehmen. Als wir an der Piazza Venezia ankamen, war der Bus, den wir nehmen mussten, vollkommen überfüllt. Es ging wirklich nichts mehr rein. Gar nichts. Nicht so, wie ein paar Tage vorher, als Lisa und ich uns noch in einen Bus gequetscht haben und ich dachte, er wäre jetzt voll, aber zwei Nonnen es auch noch irgendwie geschafft haben, sich da herein zu mogeln und die Türen nur nach mehreren Anläufen zu gingen. Das war die schlimmste Busfahrt meines Lebens. Aber dieser Bus schien noch voller. Also wollten Lisa und ich auf den nächsten Bus warten. Als der volle Bus nach zwanzig Minuten immer noch nicht losgefahren war, beschlossen wir, zu einer anderen Metro Station zu laufen. Das war ganzes Stück, aber besser als auf einen weiteren Bus zu warten und sich dabei eine Erkältung zu holen. Auf dem Weg zu der Metro-Station rief Lisa auf einmal: „Nein, wir nehmen diesen Bus!“ Also folgte ich ihr in den Bus, der gerade neben uns gehalten hatten. Wir fuhren bis zur Endhaltestelle, die auch eine Metro-Station war und nahmen von da die nächste Metro zurück zum Wohnheim. Das war unter den gegebenen Umständen das Beste, was wir machen konnten.

An Ostersonntag brachen Lisa und ich mit zwei Mädchen aus dem Studentenwohnheim um sieben Uhr in Richtung Petersplatz auf. Die eine Mitbewohnerin hatte noch eine Karte für Anna besorgt, so dass sie mit uns mitkommen konnte. Wir trafen sie an der Bushaltestelle. Am Petersplatz suchte Lisas Mitbewohnerin noch zwei Kommilitoninnen, die sich uns auch noch anschließen wollten.
Wir mussten ein bisschen warten, bis wir auf den Platz gelassen wurden. Es gab eine Taschenkontrolle, die aber eher nachlässig war. Wenn man in den Dom will, muss man wie durch eine Sicherheitskontrolle am Flughafen gehen. Bei der Messe guckten die Sicherheitsleute nur flüchtig in unsere Taschen. Alles klar. Unsere Karten wollte auch niemand sehen.
Während wir auf den Platz gingen, sahen wir tatsächlich die Argentinierin vom Kreuzweg wieder! Wir sind schnell weiter gegangen und sie hat uns auch nicht gesehen. Darüber waren wir ganz froh. Auf dem Weg verloren Lisa, Anna und ich auch die anderen und saßen dann nicht mit ihnen zusammen. Unsere Plätze waren ziemlich gut. Wir waren im zweiten Abschnitt und solange alle Leute saßen (ja, es gab Stühle) und die Leute vor uns ihre Fahne nicht schwenkten, konnten wir gut auf den Altar gucken. Neben uns saß eine Argentinierin in unserem Alter, die viel netter als die von Karfreitag war und ein Au Pair in Deutschland machte.
Vor der Messe wurde ein Rosenkranz gebetet, aber der wurde immer wieder immer wieder von der Kapelle der Schweizer Garde unterbrochen. Zuerst beteten alle fleißig mit, aber kaum ertönten die ersten Trompetentöne, war es mit der Andacht vorbei. Die Leute, die das Rosenkranzgebet leiteten, machten unbeirrt weiter, aber nach der zweiten Unterbrechung durch eine Kapelle, gaben sie auf.
Außerdem wurden wir vor der Messe darauf hingewiesen, dass wir während der Messe ein angemessenes Verhalten zeigen und keine Flaggen schwenken sollten. Es hat mich überrascht, dass sich tatsächlich alle (zumindest die um uns herum) sich daran gehalten haben und nicht nur das, sie haben auch gut bei der Messe mitgemacht. Ich hätte gedacht, dass mehr Leute dabei sein würden, die wegen des Events hingingen und nicht wussten, was sie während der Messe machen sollten. Aber wer weiß, vielleicht waren die ja weiter hinten.
Die Stufen des Petersdoms waren wunderschön mit Blumen geschmückt. Von der Messe war ich leider nicht so angetan. Irgendwie kam bei mir keine Osterfreude an – trotz des Papstes. Mir war die Messe zu formal und zu steif. Der liturgische Teil war überwiegend auf Latein (wie beim Kreuzweg hatten wir wieder so kleine Heftchen) und alle Gesänge waren Choräle auf Latein und recht eintönig. Das war nicht so meins. Ich hatte natürlich damit gerechnet, dass wir nicht die Lieder singen würden, die ich aus der Ostermesse in Deutschland kenne. Die werden außerhalb von Deutschland ja kaum bekannt sein. Aber ich hätte nicht gedacht, dass gerade diese Lieder für mich so wichtig sein würden. Allerdings hatte ich auch damit gerechnet, dass etwas lebendigere Lieder gesungen werden würden. Beim Weltjugendtag war das ja auch kein Problem. Ach ja, der Weihrauch verlor sich auf dem Petersplatz, so dass ich ihn gar nicht riechen konnte. Das war auch schade.

Das Evangelium wurde auf Latein und auf Griechisch  gelesen. Ich glaube, Anna fand das toll. Sie war zwischendurch enttäuscht, weil sie dachte, es gäbe keine griechischen Zwischenrufe, die wir mit beten konnten. Ich muss sagen, ich fand es auch ganz nett, das Evangelium mal auf Griechisch zu hören. Zwar habe ich nichts verstanden, aber es klang irgendwie gut. Die Fürbitten wurden auf vielen verschiedenen Sprachen gehalten. Deutsch war auch dabei – gelesen von einem Schweizer…
Auf dem Weg zur Kommunion stellte Lisa entsetzt fest, dass alle Gläubigen Mundkommunion machten. Ich war da auch nicht besonders scharf drauf, war aber der festen Überzeugung, dass der Priester mir die Hostie auch in die Hand legen würde. Falsch gedacht. Aber es war okay, weil tatsächlich nur die Hostie und nicht die Hand des Priesters meinen Mund berührt hat. Ich habe ein bisschen recherchiert und herausgefunden, dass nach einem Beschuss Benedikts XVI. bei allen Papstmessen nur noch die Mundkommunion gespendet werden darf. Einerseits um die Heiligkeit des Sakraments zu unterstreichen, andrerseits, damit niemand die Hostie als Souvenir an die Messe einsteckt (laut Kath.net). Manche Leute kommen auf komische Ideen (ich meine jetzt die Gottesdienstbesucher, nicht den Papst).

Urbi et Orbi in schlechter Qualität (Handy-Bild)
Zwischen der Messe und dem Urbi et Orbi-Segen ist Franziskus mit seinem Papamobil durch die Menge geflitzt. Der war echt schnell unterwegs. Alle standen auf den Stühlen, dementsprechend konnte ich im Grunde nichts sehen. Man konnte nur am Jubel erkennen, wo der Papst gerade war.
In dem Liturgie-Heft stand, dass der Urbi et Orbi-Segen auch über das Fernsehen, Radio und die neuen Medien wirke. Außerdem seien dadurch auch alle mitgebrachten Devotionalien gesegnet. Die Kreuzkette, die ich an dem Tag umhatte, ist jetzt also gesegnet.
Ich fand es etwa schade, dass der Papst die Ostergrüße nicht auf allen/ vielen Sprachen in die Welt geschickt hat. Er hat überwiegend Italienisch und einmal ein bisschen Spanisch gesprochen (meine ich zumindest). Während des Segens wurden dann die ganzen Fahnen geschwenkt, die während der Messe verboten waren.

Nach der Messe haben wir auf dem Petersplatz jede ein Osterei, die Lisa und ich am Tag vorher gefärbt hatten, und einen Mini Schokoladenosterhasen gegessen. Anna musste kurz darauf weg. Lisa und ich haben noch ein wenig gewartet, bevor wir uns den Menschenströmen, die vom Platz herunter führten, angeschlossen.

Frohe Ostern!


Es war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung, Ostern in Rom zu feiern, aber ich freue mich auch darauf, im nächsten Jahr in meiner Heimatgemeinde wieder „Halleluja, lasst uns singen“ zu schmettern.

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