Eigentlich hatte ich vor, nur
drei Blogeinträge über Rom zu schreiben, aber dann ist noch etwas passiert, was
in keine der anderen Kategorien passt und deswegen kommt zum Abschluss noch ein
Beitrag über die dunklen Seiten von Rom.
Es ist schon auffallend, wie
viele arme Menschen es in Rom gibt. Die gibt es in Deutschland auch, aber in
Rom ist es krasser. Auf jeder Metro-Fahrt kam mindestens ein Akkordeon-Spieler,
der Danza Kuduro spielte, oder ein Playbacksänger mit einem CD-Player auf einer
Sackkarre in den Wagen, um etwas vorzuführen und auf eine Spende zu hoffen. In
den allermeisten Fällen waren es Kinder, die eigentlich in die Schule gehört
hätten. Manchmal waren sie auch in Begleitung einer erwachsenen Person,
vermutlich ein Elternteil. Ich denke mal, dass die Kinder vorgeschickt wurden,
weil sie ja „süß“ sind und die Eltern/ Bettlerbandenbosse hoffen, dass sie mehr
Geld erbetteln würden als Erwachsene. Es ist einfach traurig, weil die Kinder
durch den Nicht-Besuch der Schule ja auch kaum Chancen haben, später etwas
anderes zu machen.
Besonders stark fällt die
Armut aber auf, wenn man nachts an Termini entlang geht. Nicht, dass man das
alleine machen sollte, schon gar nicht als Frau, aber nachdem wir uns mit der
internationalen Clique zum Aperitivo getroffen hatten, hat einer der Spanier
Lisa und mich zur Metro gebracht. Da konnten wir sehen, dass der ganze Bahnhof
von Menschen in Schlafsäcken umlagert war – obwohl es in Strömen regnete – weil
diese Leute keinen anderen Ort haben, an dem sie schlafen können. So etwas habe
ich noch nirgendwo gesehen.
Aber der eigentliche Grund,
warum ich diesen Beitrag schreibe, betrifft mich persönlich. Das klingt jetzt
egoistisch, aber nun ja...
Mir war ja klar, dass Rom ein
Pflaster ist, auf dem man auf seine Wertsachen aufpassen muss. Deswegen hatte
ich mein Portemonnaie immer in einem Geheimfach in meinem Rucksack. Am letzten
Tag waren Lisa und ich auf dem Weg zu Anna Ich hatte meinen Rucksack und
meine Handtasche dabei, Lisa meinen Koffer. Wir beschlossen, mit dem Bus zur
Metro zu fahren. Es waren einige Leute im Bus und als wir die Treppen zur Metro
herunterstiegen, fiel mir auf, dass meine Handtasche offen und mein
Portemonnaie weg war. Ich war total fertig und im ersten Moment überfordert,
was ich als nächstes tun sollte. Lisa hat erst mal Anna angerufen und gesagt,
dass wir später bzw. nicht kommen würden. Dann habe ich meine Bankkarte sperren
lassen und meine Eltern im Urlaub angerufen, damit sie sich um die Kreditkarte
kümmern. Anna und ihr Mitbewohner haben recherchiert, wo die nächste
Polizei-Station ist, zu der Lisa und ich dann gegangen sind.
Das war auch ein Erlebnis: in
Italien bei der Polizei. Das Grundstück war mit hohen Mauern umgeben, wir
mussten klingeln, dann wurde eine Tür neben dem großen Haupttor elektronisch
geöffnet und wir kamen auf einen schmalen Weg, der zu einem Haus führte, das
gar nicht so richtig wie ein Polizeipräsidium aussah. Aber wir haben den Eingang
gefunden und wurden von einem Polizisten in Empfang genommen. Lisa musste
übersetzen, was sie auch vor eine Herausforderung gestellt hat, weil sie solche
Situationen im Sprachkurs nicht gelernt hat.
Lisa hat erzählt, was passiert
ist, zählte auf, was alles in meinem Portemonnaie war und erklärte, dass ich
nachmittags zurück nach Hause fliegen wollte. Daraufhin wurde ich gefragt, mit
welcher Fluggesellschaft ich fliege und als ich Ryanair antwortete, sah der
Polizist sehr besorgt aus. Bei anderen Fluggesellschaften kann man wohl auch
mitfliegen, wenn man Verlustbescheinigung der Polizei vorlegt, aber bei Ryanair
geht das natürlich nicht. Das wäre ja auch zu einfach. Also rief der Polizist
bei der deutschen Botschaft, wo aber nur ein Notdienst erreichbar war, weil
Ostermontag war. Er hat mir die Notfallnummer gegeben, die ich angerufen habe,
als wir aus der Polizeistation kamen.
Beim Notfalldienst sagte mir
der Beamte, er könne mir nur weiterhelfen, wenn ich eine Kopie meines
Personalausweises hätte. Die hatte ich natürlich nicht dabei. Lisa und ich
überlegten, wie ich an eine dran kommen könnte. Ich hatte mir vor der
Jordanienreise ein Foto meines Reisepasses als E-Mail geschickt, war mir aber
nicht sicher, ob ich diese E-Mail noch hatte. Außerdem fiel Lisa ein, dass die
Leiterin des Wohnheims meinen Ausweis kopiert hat, als ich angekommen war.
Wir sind also zurück zum Wohnheim gegangen, um die Mails zu checken und zu
hoffen, dass die Leiterin da war.
Wir hatten Glück. Sie war
tatsächlich da und ließ ihre Familie kurz alleine, um mit uns in ihr Büro zu
gehen und die Kopie zu kopieren. Ich rief wieder beim Notdienst an und bekam
weitere Instruktionen. Ich brauchte Passfotos. Also gingen Lisa und ich zu
einem der Fotoautomaten, die in Rom an jeder Ecke stehen.
Lisa meinte, unser
Tagesprogramm wäre so ein bisschen wie ein TKKG-Computerspiel. Um den Fall zu
lösen, muss man verschiedene Stationen ablaufen, in der richtigen Reihenfolge
und der richtigen Person die richtige Frage stellen. Wenn man eine Station zu
früh oder zu spät besucht, dann bekommt man eine bestimmte Information oder einen
bestimmten Gegenstand nicht.
Nachdem ich meine Passfotos
gemacht hatte, fuhren wir zur deutschen Botschaft. Wir hatten noch etwas Zeit,
weil der Beamte mir eine Uhrzeit gesagt hat, zu der ich kommen sollte. Also
haben wir eine Pause gemacht und die Colomba vom Vortag rausgeholt. Aber so
richtig Hunger hatte ich nicht, weil ich mir Sorgen wegen meines Flugs gemacht
habe. Netterweise hatte Anna mir schon angeboten, dass ich bei ihr
übernachten könnte, sollte ich meinen Flug verpassen.
Vor der Botschaft war ich
etwas unsicher, dass es das richtige Haus war. Eine riesige Doppeltür führte
herein und ich wusste gar nicht, wie ich da rein kommen sollte. Ich rief den
Notfalldienst wieder an, der mir sagte, er würde öffnen. Auf einmal gingen die
beiden dicken Türen auf und ich wurde von einem Beamten begrüßt, der privat
viel netter war als am Telefon. Da war er mir etwas unsympathisch, weil er sehr
bestimmend und wenig erfolgversprechend geklungen hatte, aber vermutlich hatte er
einfach keine Lust auf den Bereitschaftsdienst. Er sagte mir, dass ich nicht
die Einzige wäre, die an diesem Tag einen Passersatz brauchte und führte Lisa
und mich zu einem Schalter. Den Koffer konnten wir in der Eingangshalle stehen
lassen.
Wir saßen auf der einen Seite
einer Scheibe, er auf der anderen. Ich musste einen Bogen mit meinen Daten
ausfüllen und er überprüfte, ob ich zur Fahndung ausgeschrieben sei. Dann
schnitt und stanzte er mein Passfoto zurecht und füllte den Ersatzausweis aus. Er
meinte, er würde sich bemühen, ordentlich zu schreiben und er sei froh, dass er
das regulär nicht machen müsste. Ich sollte den Ausweis unterschreiben und habe
meinen Namen direkt an die falsche Stelle geschrieben. Also ging der ganze Spaß
von vorne los. Zum Glück hatte ich genug Passfotos dabei.
Ich habe also rechtzeitig
meinen Passersatz bekommen und konnte mit dem guten Rat „Nicht wieder klauen
lassen“ von dem Beamten in Richtung Flughafen aufbrechen. Von Termini aus
wollte ich eigentlich mit dem Shuttlebus zum Flughafen fahren. Lisa wollte
mitkommen, um mir helfen zu können, falls es beim Check-In zu Probemen kommen sollte. Wir standen am Schalter für die
Bustickets, als Manu, eine Mitbewohnerin von Lisa, zu uns stieß. Sie wollte auch zum Flughafen,
um dort jemanden abzuholen.
Weil der Tag es mir besonders
schwierig machen wollte, wurde uns am Ticketschalter gesagt, dass der nächste
Bus erst um fünf Uhr fahren würde. Um diese Uhrzeit ging allerdings schon mein
Flieger. Es hätte so einfach sein können. Wir haben zuerst geguckt, ob andere
Busse zum Flughafen fuhren, aber hatten kein Glück. Dann schlug Manu vor, dass wir uns doch zu dritt ein Taxi teilen konnten. Diese
Möglichkeit hatte ich gar nicht in Betracht gezogen. Wir haben den Vorschlag in
die Tat umgesetzt und haben es rechtzeitig zum Flughafen geschafft. Da ging
dann auch alles gut. Der Passersatz wurde akzeptiert und ich bin ohne weitere
Probleme ins Flugzeug gekommen. Da saß ich dann und konnte kaum glauben, dass
die Zeit in Rom schon um war und ich so viel erlebt hatte.
Der letzte Tag in Rom hätte
sehr viel weniger Drama haben können. Eigentlich wollten Lisa und ich ein
gemütliches Osterpicknick bei Anna in der Wohnung machen. Stattdessen stand ein
Pleiten, Pech und Pannen-Tag auf dem Plan. Aber wo Dunkelheit ist, da ist auch
Licht und ich hatte an dem Tag wirklich vier Ritter(innen) in strahlender
Rüstung: Lisa, Anna, ihr Mitbewohner und Manu. Und jetzt seien wir mal ehrlich: Ein schlechter Tag kann eine wunderschöne Woche im Nachhinein auch nicht versauen.
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