Sonntag, 4. Mai 2014

Rom Teil 4: Die dunklen Seiten von Rom



Eigentlich hatte ich vor, nur drei Blogeinträge über Rom zu schreiben, aber dann ist noch etwas passiert, was in keine der anderen Kategorien passt und deswegen kommt zum Abschluss noch ein Beitrag über die dunklen Seiten von Rom.

Es ist schon auffallend, wie viele arme Menschen es in Rom gibt. Die gibt es in Deutschland auch, aber in Rom ist es krasser. Auf jeder Metro-Fahrt kam mindestens ein Akkordeon-Spieler, der Danza Kuduro spielte, oder ein Playbacksänger mit einem CD-Player auf einer Sackkarre in den Wagen, um etwas vorzuführen und auf eine Spende zu hoffen. In den allermeisten Fällen waren es Kinder, die eigentlich in die Schule gehört hätten. Manchmal waren sie auch in Begleitung einer erwachsenen Person, vermutlich ein Elternteil. Ich denke mal, dass die Kinder vorgeschickt wurden, weil sie ja „süß“ sind und die Eltern/ Bettlerbandenbosse hoffen, dass sie mehr Geld erbetteln würden als Erwachsene. Es ist einfach traurig, weil die Kinder durch den Nicht-Besuch der Schule ja auch kaum Chancen haben, später etwas anderes zu machen.

Besonders stark fällt die Armut aber auf, wenn man nachts an Termini entlang geht. Nicht, dass man das alleine machen sollte, schon gar nicht als Frau, aber nachdem wir uns mit der internationalen Clique zum Aperitivo getroffen hatten, hat einer der Spanier Lisa und mich zur Metro gebracht. Da konnten wir sehen, dass der ganze Bahnhof von Menschen in Schlafsäcken umlagert war – obwohl es in Strömen regnete – weil diese Leute keinen anderen Ort haben, an dem sie schlafen können. So etwas habe ich noch nirgendwo gesehen.

Aber der eigentliche Grund, warum ich diesen Beitrag schreibe, betrifft mich persönlich. Das klingt jetzt egoistisch, aber nun ja...
Mir war ja klar, dass Rom ein Pflaster ist, auf dem man auf seine Wertsachen aufpassen muss. Deswegen hatte ich mein Portemonnaie immer in einem Geheimfach in meinem Rucksack. Am letzten Tag waren Lisa und ich auf dem Weg zu Anna Ich hatte meinen Rucksack und meine Handtasche dabei, Lisa meinen Koffer. Wir beschlossen, mit dem Bus zur Metro zu fahren. Es waren einige Leute im Bus und als wir die Treppen zur Metro herunterstiegen, fiel mir auf, dass meine Handtasche offen und mein Portemonnaie weg war. Ich war total fertig und im ersten Moment überfordert, was ich als nächstes tun sollte. Lisa hat erst mal Anna angerufen und gesagt, dass wir später bzw. nicht kommen würden. Dann habe ich meine Bankkarte sperren lassen und meine Eltern im Urlaub angerufen, damit sie sich um die Kreditkarte kümmern. Anna und ihr Mitbewohner haben recherchiert, wo die nächste Polizei-Station ist, zu der Lisa und ich dann gegangen sind.
Das war auch ein Erlebnis: in Italien bei der Polizei. Das Grundstück war mit hohen Mauern umgeben, wir mussten klingeln, dann wurde eine Tür neben dem großen Haupttor elektronisch geöffnet und wir kamen auf einen schmalen Weg, der zu einem Haus führte, das gar nicht so richtig wie ein Polizeipräsidium aussah. Aber wir haben den Eingang gefunden und wurden von einem Polizisten in Empfang genommen. Lisa musste übersetzen, was sie auch vor eine Herausforderung gestellt hat, weil sie solche Situationen im Sprachkurs nicht gelernt hat.
Lisa hat erzählt, was passiert ist, zählte auf, was alles in meinem Portemonnaie war und erklärte, dass ich nachmittags zurück nach Hause fliegen wollte. Daraufhin wurde ich gefragt, mit welcher Fluggesellschaft ich fliege und als ich Ryanair antwortete, sah der Polizist sehr besorgt aus. Bei anderen Fluggesellschaften kann man wohl auch mitfliegen, wenn man Verlustbescheinigung der Polizei vorlegt, aber bei Ryanair geht das natürlich nicht. Das wäre ja auch zu einfach. Also rief der Polizist bei der deutschen Botschaft, wo aber nur ein Notdienst erreichbar war, weil Ostermontag war. Er hat mir die Notfallnummer gegeben, die ich angerufen habe, als wir aus der Polizeistation kamen.

Beim Notfalldienst sagte mir der Beamte, er könne mir nur weiterhelfen, wenn ich eine Kopie meines Personalausweises hätte. Die hatte ich natürlich nicht dabei. Lisa und ich überlegten, wie ich an eine dran kommen könnte. Ich hatte mir vor der Jordanienreise ein Foto meines Reisepasses als E-Mail geschickt, war mir aber nicht sicher, ob ich diese E-Mail noch hatte. Außerdem fiel Lisa ein, dass die Leiterin des Wohnheims meinen Ausweis kopiert hat, als ich angekommen war. Wir sind also zurück zum Wohnheim gegangen, um die Mails zu checken und zu hoffen, dass die Leiterin da war.
Wir hatten Glück. Sie war tatsächlich da und ließ ihre Familie kurz alleine, um mit uns in ihr Büro zu gehen und die Kopie zu kopieren. Ich rief wieder beim Notdienst an und bekam weitere Instruktionen. Ich brauchte Passfotos. Also gingen Lisa und ich zu einem der Fotoautomaten, die in Rom an jeder Ecke stehen. 
Lisa meinte, unser Tagesprogramm wäre so ein bisschen wie ein TKKG-Computerspiel. Um den Fall zu lösen, muss man verschiedene Stationen ablaufen, in der richtigen Reihenfolge und der richtigen Person die richtige Frage stellen. Wenn man eine Station zu früh oder zu spät besucht, dann bekommt man eine bestimmte Information oder einen bestimmten Gegenstand nicht.
Nachdem ich meine Passfotos gemacht hatte, fuhren wir zur deutschen Botschaft. Wir hatten noch etwas Zeit, weil der Beamte mir eine Uhrzeit gesagt hat, zu der ich kommen sollte. Also haben wir eine Pause gemacht und die Colomba vom Vortag rausgeholt. Aber so richtig Hunger hatte ich nicht, weil ich mir Sorgen wegen meines Flugs gemacht habe. Netterweise hatte Anna mir schon angeboten, dass ich bei ihr übernachten könnte, sollte ich meinen Flug verpassen.
Vor der Botschaft war ich etwas unsicher, dass es das richtige Haus war. Eine riesige Doppeltür führte herein und ich wusste gar nicht, wie ich da rein kommen sollte. Ich rief den Notfalldienst wieder an, der mir sagte, er würde öffnen. Auf einmal gingen die beiden dicken Türen auf und ich wurde von einem Beamten begrüßt, der privat viel netter war als am Telefon. Da war er mir etwas unsympathisch, weil er sehr bestimmend und wenig erfolgversprechend geklungen hatte, aber vermutlich hatte er einfach keine Lust auf den Bereitschaftsdienst. Er sagte mir, dass ich nicht die Einzige wäre, die an diesem Tag einen Passersatz brauchte und führte Lisa und mich zu einem Schalter. Den Koffer konnten wir in der Eingangshalle stehen lassen.
Wir saßen auf der einen Seite einer Scheibe, er auf der anderen. Ich musste einen Bogen mit meinen Daten ausfüllen und er überprüfte, ob ich zur Fahndung ausgeschrieben sei. Dann schnitt und stanzte er mein Passfoto zurecht und füllte den Ersatzausweis aus. Er meinte, er würde sich bemühen, ordentlich zu schreiben und er sei froh, dass er das regulär nicht machen müsste. Ich sollte den Ausweis unterschreiben und habe meinen Namen direkt an die falsche Stelle geschrieben. Also ging der ganze Spaß von vorne los. Zum Glück hatte ich genug Passfotos dabei.

Ich habe also rechtzeitig meinen Passersatz bekommen und konnte mit dem guten Rat „Nicht wieder klauen lassen“ von dem Beamten in Richtung Flughafen aufbrechen. Von Termini aus wollte ich eigentlich mit dem Shuttlebus zum Flughafen fahren. Lisa wollte mitkommen, um mir helfen zu können, falls es beim Check-In zu Probemen kommen sollte. Wir standen am Schalter für die Bustickets, als Manu, eine Mitbewohnerin von Lisa, zu uns stieß. Sie wollte auch zum Flughafen, um dort jemanden abzuholen.
Weil der Tag es mir besonders schwierig machen wollte, wurde uns am Ticketschalter gesagt, dass der nächste Bus erst um fünf Uhr fahren würde. Um diese Uhrzeit ging allerdings schon mein Flieger. Es hätte so einfach sein können. Wir haben zuerst geguckt, ob andere Busse zum Flughafen fuhren, aber hatten kein Glück. Dann schlug Manu vor, dass wir uns doch zu dritt ein Taxi teilen konnten. Diese Möglichkeit hatte ich gar nicht in Betracht gezogen. Wir haben den Vorschlag in die Tat umgesetzt und haben es rechtzeitig zum Flughafen geschafft. Da ging dann auch alles gut. Der Passersatz wurde akzeptiert und ich bin ohne weitere Probleme ins Flugzeug gekommen. Da saß ich dann und konnte kaum glauben, dass die Zeit in Rom schon um war und ich so viel erlebt hatte.

Der letzte Tag in Rom hätte sehr viel weniger Drama haben können. Eigentlich wollten Lisa und ich ein gemütliches Osterpicknick bei Anna in der Wohnung machen. Stattdessen stand ein Pleiten, Pech und Pannen-Tag auf dem Plan. Aber wo Dunkelheit ist, da ist auch Licht und ich hatte an dem Tag wirklich vier Ritter(innen) in strahlender Rüstung: Lisa, Anna, ihr Mitbewohner und Manu. Und jetzt seien wir mal ehrlich: Ein schlechter Tag kann eine wunderschöne Woche im Nachhinein auch nicht versauen.

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