„Ich kann bei jeder
Metro-Station sagen, welchen Tandempartner ich hier getroffen habe, aber nicht,
welche Attraktion da liegt.“ (O-Ton Lisa)
Lisa lebt in Rom. Das heißt,
sie hat ein Zimmer in einem Studentenwohnheim, geht tagsüber an ihrer Praktikumsstelle
arbeiten, abends einkaufen und wenn sie zwischendurch Zeit hat, wäscht sie
Wäsche. In Rom leben heißt nicht, ein Touristenprogramm durchzuziehen, so wie
ich es im ersten Teil geschrieben. Auch (Kurzzeit-) Römer haben so etwas wie
Alltag. Ihr Rom entscheidet sich doch sehr von dem touristischen. Und weil ich
nicht nur Urlaub gemacht, sondern vor allem Lisa besucht habe, habe ich ganz
viel von ihrem Rom erlebt: Ihre Freunde, ihren Zumba-Kurs, ihre Lieblings-Eisdiele, das Café, in das sie immer geht, wenn sie von der Bank kommt, und eine Pizzeria mit einem wirklich wunderbaren Namen:
Die befindet sich natürlich in der Nähe des Vatikan.
Ich bin zu Lisas Geburtstag
nach Rom geflogen. Sie hatte überlegt, essen zu gehen und die Gruppe wuchs
immer mehr an. Nicht nur ihre beiden Besucher aus Deutschland, sondern fast
ihre ganze internationale Clique, die sich aus den Freunden aus ihrem
Sprachkurs, sowie ihren Tandempartnern und einer Frau vom Zumba zusammensetzt,
kamen mit. Am Tisch wurde Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch und Polnisch
gesprochen. Ich habe nicht alles verstanden, aber das ist ja egal. Es war
lustig.
Wir haben alle Pizza bestellt.
Es gab eine Karte „Pizza del Campione“ oder so. Ich dachte, es hätte irgendwas mit der
Fußball-WM zu tun. Die Pizzen von der regulären Karte konnten wir gar nicht
bestellen. Das war etwas ungünstig, weil ich mich doch gerade anhand der
englischen Karte entschieden hatte. Die Spezial-Karte war nur auf Italienisch. Ich
habe mich für eine Pizza Margherita entschieden. Es schien verschiedene
Margherita-Varianten auf der Karte zu geben, deren Unterschiede ich nicht
verstanden habe. Offenbar ist es aber wohl was völlig anderes, Flaschentomaten
anstelle von runden Tomaten auf eine Pizza zu tun. Meine Pizza schmeckte gut,
auch wenn ich nicht mehr weiß, welche Form die Tomaten ursprünglich hatten.
Lisas italienische Tandempartnerin hat sich zum Nachtisch eine Tiramisu-Pizza
bestellt und mir ein kleines Stück zum Probieren gegeben. Das war ein
merkwürdiges Geschmackserlebnis, weil der Pizzateig nicht süß war, der Belag
aber schon. So richtig begeistert hat mich das aber nicht. Lieber normales
Tiramisu. Aber weil ich von der Pizza schon so satt war, habe ich mir keinen
Nachtisch bestellt.
Kurz bevor wir gehen wollten,
kam der Koch vorbei und verteilte Autogramme. Ich dachte mir, dass das ja schon
ein bisschen skurril ist, dass nur, weil uns das Essen gut geschmeckt hat, der
Koch nochmal vorbei kommt und unterschriebene Fotos von sich verteilt. Dann
wurde ich aber aufgeklärt, dass der Koch irgendeine besondere Auszeichnung
gewonnen habe. Deswegen gab es auch die Pizza vom Campione. Auf einmal ergab
das alles einen Sinn. Da hatte Lisa ja Glück, an ihrem Geburtstag von so einem
bekannten Menschen bekocht worden zu sein.
Mit der internationalen Clique
haben Lisa und ich uns noch ein weiteres Mal zu einem Aperitivo getroffen.
Normalerweise beinhaltet das ein (alkoholisches) Getränk und ein Buffet. Das
Lokal, in dem wir zum Aperitivo waren, hatte allerdings kein Buffet sondern servierte
drei Mini-Hamburger und einen Teller Chips zu jedem Getränk dazu. Nicht
besonders italienisch – der Laden schien auch eher auf die Küche der USA
ausgelegt zu sein – aber die Hamburger waren auch lecker. Es war sehr schön,
Lisas multilingualen Freundeskreis kennenzulernen und wenn bei mir die nicht
vorhandenen Italienischkenntnisse versagten (verstanden habe ich immer noch
einige Brocken, nur antworten konnte ich halt nie), ging immer auch Englisch. Abgesehen
von den beiden Treffen mit der Gruppe war Anna auch bei vielen unserer
Ausflüge dabei.
Ein bisschen bin ich wieder in
der Erasmus-Feeling reingekommen, vor allem, als Lisa am zweiten Morgen meinte:
„Du, mich hat gerade der eine Jordanier für heute Abend zum Essen eingeladen.
Ich habe gefragt, du kannst auch mitkommen, hast du Lust?“ Ganz spontan hatten
wir also eine Abendplanung und haben mit zwei Jordaniern und einem Italiener
mit belgisch-brasilianischen Wurzeln ein Gericht aus viel Reis, Kartoffeln,
Fleisch und Blumenkohl gegessen. Die beiden Jordanier waren ganz begeistert,
dass ich schon mal in ihrem Land war und wollten wissen, was genau, ich denn
gesehen hätte. Ich konnte mich nicht mehr an alle Namen erinnern und habe manches
auch falsch ausgesprochen, aber auf Nachfrage fielen mir immer mehr Orte wieder
ein und die beiden Jungs schlossen daraus, dass ich etwas 90% des Landes
gesehen haben muss.
Natürlich habe ich auch Lisas
Mitbewohner aus dem Studentenwohnheim kennengelernt. Ein bisschen hatte ich das
Gefühl, dass es in einer deutschen Enklave liegt. Aber so sprachen alle
Mitbewohner Deutsch, was auch nicht so schlecht war für mich. So viele
Studenten leben nicht in dem Wohnheim (das Wohnheim des Jordaniers war
unendlich viel größer) und die Küche ist der soziale Punkt des Hauses. Dort
trifft man sich, tauscht sich aus - zumeist über theologische Themen, weil die
Mehrzahl der Studenten Theologie studieren – und nimmt großen Anteil am Leben
der anderen. Morgens beim Frühstück wurden wir nach unseren Plänen für den Tag
gefragt und ich bekam viele Tipps, welche Kirchen ich mir noch ansehen sollte. Das
Ganze ist sehr familiär. Die Leiterin des Wohnheims wohnt ebenfalls mit im Haus
und stellte an Ostern eine Colomba (einen italienischen Osterkuchen) für die
Studenten in die Küche.
Ich hätte gedacht, dass es
schwieriger sein würde, mit ca. zehn Leuten eine Küche zu teilen, aber es ging
erstaunlich gut. Vielleicht sind Lisa und ich einfach zu günstigen Zeiten in
die Küche gekommen, aber wir kamen uns mit den anderen eigentlich nicht in die
Quere. Es haben (bis auf eine Ausnahme) auch immer alle sofort abgespült, so
dass kein dreckiges Geschirr rumstand. Bei zehn Leuten ist das aber auch sicher
notwendig. Die Küche war supermodern ausgestattet, wie ich fand. Der Herd hatte
ein Touchpad (oder wie auch immer man das nennt, wenn man den durch Drücken auf
die Oberfläche bedient).
Nachdem ich Lisas Freunde und
Mitbewohner kennen gelernt hatte, wollte ich natürlich auch unbedingt ihren
Arbeitsplatz, die Casa di Goethe, sehen. Während wir in der ganzen Stadt
zunehmend mehr Touristen antrafen, war es in der Casa wunderbar ruhig, weil außer
Lisa und mir nur ihre beiden Kolleginnen, die gerade Dienst hatten, da waren,
als wir das Museum besuchten.
Lisa hat mir eine kurze
Privatführung gegeben. Das fand ich ganz lustig, weil ich Lisa noch nie ein
einer Führung erlebt habe. Gleichzeitig dachte ich aber auch: „Wenn ich jetzt
ein Foto mache, denkt Lisa dann, dass ich nicht zuhöre? Aber ich höre doch zu.“
Bei anderen Führungen habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Irgendwann
sagte Lisa auch: „Du bist gerade genauso wie die Schüler. Die wollen auch immer
schon in den nächsten Raum stürmen, aber ich bin noch nicht fertig!“ Dabei fand
ich das, was Lisa erzählt hat, auf jeden Fall interessant.
Von der Konzeption her hat die
Casa di Goethe Ähnlichkeiten mit dem Keat-Shelley-Museum (Besucher, die zuerst
bei Keats und Shelley waren, bekommen bei Goethe dann auch Rabatt und
andersrum): Es befindet sich in der Wohnung, in der Goethe während seiner Zeit
in Rom lebte, und zeigt wichtige Zeugnisse eines Italienaufenthalts. Doch im
Gegensatz zum Keats-Shelley-Museum, das nur rückblickend informiert (es sei
denn, ich habe einen Raum übersehen), ist es gegenwarts- und zukunftsorientierter
– das fängt schon allein bei der Einrichtung an. Im Goethe-Museum sind das
helle, moderne Möbel, bei Keats und Shelley dunkle Holzregale; ich könnte mir
vorstellen, dass sie versucht haben, den Stil des 19. Jahrhunderts nachzuahmen.
Aber dafür ist der Fan-Shop bei Keats und Shelley viel cooler als bei Goethe.
Mittlerweile ist an Goethes
ursprüngliche Wohnung eine weitere angeschlossen worden, in der wechselnde
Ausstellungen stattfinden. Als ich das Museum besucht habe, wurden Fotografien
von deutschen und italienischen Schriftstellern ausgestellt. Auf einem Foto war
Loriot mit einem Mops zu sehen.
In langen Pausen geht Lisa
gerne in den Park der Villa Borghese, der sich in der Nähe der Casa di Goethe
befindet. Wir waren zweimal in dem Park. Er ist auch einfach sehr schön. Von
der Piazza del Popolo steigt man eine Treppe herauf und hat einen tollen Blick
über Rom. Palmen und blühende Bäume. Mehrere Brunnen. Ein wunderschöner Ort.
Ich hatte ihn mir schon aus
dem Reiseführer ausgeguckt, weil ich gerne die Byron-Statue sehen wollte.
Außerdem hatte ich gelesen, dass es auch eine Goethe-Statue in dem Park gibt
und dachte, das wäre doch was für Lisa. Sie kannte die Statue auch tatsächlich
noch nicht. Zum Glück gab es einen Plan, sonst hätten wir sie in dem großen
Park nicht gefunden. Es gibt einige Statuen und Köpfe, die da herum stehen,
aber man muss sagen, Goethe rockt definitiv den Park. Jedenfalls im Vergleich
zu den Stauen, die ich gesehen habe. Das Denkmal ist riesig. Goethe steht auf
einer Kapitell, zu deren Fuß sind drei Personengruppen: Faust und Mephisto,
Iphigenie und Orest, sowie Mignon und der Harfner. Absolut beeindruckend. Lisa
und ich haben erst mal eine Fotosession darauf gemacht. Als ich danach die
Byron-Statue sah, war ich fast ein bisschen enttäuscht.
| Das Goethe-Denkmal (Faust und Mephisto sind hinten) |
Zu Lisas Leben in Rom gehört
auch Zumba. Zum Glück ist die Zumba-Gemeinschaft stark vernetzt. Man kann auf
der Homepage nachgucken, wo Kurse stattfinden und so hat Lisa auch in Rom
Zumba-Kurse gefunden. Einer von denen findet sogar fast zeitgleich mit meinem
Kurs zuhause statt. Lisa war richtig euphorisch als sie mir von dem Kurs
erzählte und berichtete, dass er in einem Theater stattfindet. Das konnte ich
mir nicht entgehen lassen, also habe ich zum ersten Mal in meinem Leben
Sportzeug mit in den Urlaub genommen.
Obwohl ich am Zumba-Tag
furchtbar schmerzende Füße hatte, weil ich mit Lisas Schuhen mit Absatz durch
das Forum Romanum, das Kolosseum, den Cimenterio Acattolico, die Engelsburg und
den Petersdom gelaufen war, konnte mich nichts davon abbringen, mitzukommen
(zumal meine Füße, nachdem ich meine eigenen Schuhe wieder angezogen hatte,
sich wieder beruhigten).
Es war sehr lustig. Die Theater-Zumba-Gruppe
besteht aus Vertreterinnen aller Altersstufen. Manche sind etwa in unserem
Alter, andere sind etwas älter und eine Frau ist schätzungsweise um die 60 oder
70 Jahre alt. Trotzdem ist sie mit großer Begeisterung dabei.
Bei jedem Lied guckte Lisa zu
mir rüber und wollte wissen, ob ich es kenne. Ich kannte fast alle Lieder.
Zumba ist eben sehr international. Allerdings heißt das nicht, dass die Choreographien
genauso wären, wie ich sie kenne. Da musste ich mich manchmal schon etwas
konzentrieren. Der Boden war auch glatter als ich es aus unseren Sporthallen
kenne und ich hatte etwas Angst, auszurutschen. Außerdem war ich der Meinung,
dass der Boden leicht abschüssig war. Lisa meinte aber, sie habe nichts
gemerkt. Trotz des ungewohnten Bodens hatte ich sehr viel Spaß in der Stunde
und habe trotz meiner Wanderung durch Rom bis zum Schluss durchgehalten.
Trastevere ist ein sehr
schönes Viertel. Wir sind da einen Abend zum Essen hingegangen und sind vorher
ein bisschen durch die Gässchen gestreift. Dabei sind wir an einem sehr süßen
Buchladen vorbei gekommen. Der war klein und gedrängt. Die Bücher lagen überall
rum. Aber besonders toll fand ich Postkarten, Bilder und Kartenausschnitte, die
zwischen den Büchern an den Regalen und den Wänden klebten. Irgendwie
romantisch der Laden. Es gab auch viele Restaurants in Trastevere. Wir haben
die Speisekarten verglichen und waren letztlich in einem, in dem Lisa schon mal
war und den Kellner wiedererkannte.
| Ein Schild in Trastevere, das zu Verwirrung führte - eine Frau las: "We are against war and tourists" und war beleidigt. |
Unser Besuch in der Frida
Kahlo-Ausstellung fällt auch in die Kategorie „Lisas Rom“, weil Lisa mir schon
ziemlich zu Beginn ihrer Zeit in Rom schrieb, dass sie Werbung für die
Ausstellung gesehen habe und wir unbedingt dahin gehen müssten. Im ersten
Semester haben Lisa und ich festgestellt, dass wir beide ziemliche Frida Kahlo
Fans sind, deswegen habe ich nur zu gerne Lisas Vorschlag zugestimmt.
Die Ausstellung zeigt Bilder,
die von Frida Kahlo gemalt wurden, aber auch Fotos und Bilder von anderen
Künstlern. Es wurde versucht, die gesamten Lebensumständen der Künstlerin
darzustellen. Viele der Bilder kannte ich schon, aber es war schön, sie im Original
zu sehen und bei einigen war ich überrascht, wie klein sie waren. Die Fotos
waren teilweise unschlagbar: Frida beim Sonnen auf der Wiese, Frida mit einem
Bier (oh mein Gott! :-D)… Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Reihe,
in der Frida mit wenigen Farben und wilden Mustern Gefühle darstellt. Auf den
ersten Blick wirkten die Bilder ein bisschen wie gedankenverlorene Kritzeleien,
aber je länger ich sie betrachtete, desto mehr fand ich, dass sie die Emotionen
perfekt getroffen hat und das mit relativ einfachen Mitteln.
Ich finde es richtig toll,
Lisas Rom und die Menschen, die es ausmachen, kennengelernt zu haben. Jetzt
kann ich besser nachvollziehen, was sie mir erzählt, weil ich weiß, wie es vor
Ort ist.
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