Freitag, 2. Mai 2014

Rom Teil 2: Lisas Rom



„Ich kann bei jeder Metro-Station sagen, welchen Tandempartner ich hier getroffen habe, aber nicht, welche Attraktion da liegt.“ (O-Ton Lisa)
Lisa lebt in Rom. Das heißt, sie hat ein Zimmer in einem Studentenwohnheim, geht tagsüber an ihrer Praktikumsstelle arbeiten, abends einkaufen und wenn sie zwischendurch Zeit hat, wäscht sie Wäsche. In Rom leben heißt nicht, ein Touristenprogramm durchzuziehen, so wie ich es im ersten Teil geschrieben. Auch (Kurzzeit-) Römer haben so etwas wie Alltag. Ihr Rom entscheidet sich doch sehr von dem touristischen. Und weil ich nicht nur Urlaub gemacht, sondern vor allem Lisa besucht habe, habe ich ganz viel von ihrem Rom erlebt: Ihre Freunde, ihren Zumba-Kurs, ihre Lieblings-Eisdiele, das Café, in das sie immer geht, wenn sie von der Bank kommt, und eine Pizzeria mit einem wirklich wunderbaren Namen:


Die befindet sich natürlich in der Nähe des Vatikan.

Ich bin zu Lisas Geburtstag nach Rom geflogen. Sie hatte überlegt, essen zu gehen und die Gruppe wuchs immer mehr an. Nicht nur ihre beiden Besucher aus Deutschland, sondern fast ihre ganze internationale Clique, die sich aus den Freunden aus ihrem Sprachkurs, sowie ihren Tandempartnern und einer Frau vom Zumba zusammensetzt, kamen mit. Am Tisch wurde Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch und Polnisch gesprochen. Ich habe nicht alles verstanden, aber das ist ja egal. Es war lustig.
Wir haben alle Pizza bestellt. Es gab eine Karte „Pizza del Campione“ oder so.  Ich dachte, es hätte irgendwas mit der Fußball-WM zu tun. Die Pizzen von der regulären Karte konnten wir gar nicht bestellen. Das war etwas ungünstig, weil ich mich doch gerade anhand der englischen Karte entschieden hatte. Die Spezial-Karte war nur auf Italienisch. Ich habe mich für eine Pizza Margherita entschieden. Es schien verschiedene Margherita-Varianten auf der Karte zu geben, deren Unterschiede ich nicht verstanden habe. Offenbar ist es aber wohl was völlig anderes, Flaschentomaten anstelle von runden Tomaten auf eine Pizza zu tun. Meine Pizza schmeckte gut, auch wenn ich nicht mehr weiß, welche Form die Tomaten ursprünglich hatten. Lisas italienische Tandempartnerin hat sich zum Nachtisch eine Tiramisu-Pizza bestellt und mir ein kleines Stück zum Probieren gegeben. Das war ein merkwürdiges Geschmackserlebnis, weil der Pizzateig nicht süß war, der Belag aber schon. So richtig begeistert hat mich das aber nicht. Lieber normales Tiramisu. Aber weil ich von der Pizza schon so satt war, habe ich mir keinen Nachtisch bestellt.
Kurz bevor wir gehen wollten, kam der Koch vorbei und verteilte Autogramme. Ich dachte mir, dass das ja schon ein bisschen skurril ist, dass nur, weil uns das Essen gut geschmeckt hat, der Koch nochmal vorbei kommt und unterschriebene Fotos von sich verteilt. Dann wurde ich aber aufgeklärt, dass der Koch irgendeine besondere Auszeichnung gewonnen habe. Deswegen gab es auch die Pizza vom Campione. Auf einmal ergab das alles einen Sinn. Da hatte Lisa ja Glück, an ihrem Geburtstag von so einem bekannten Menschen bekocht worden zu sein.
Mit der internationalen Clique haben Lisa und ich uns noch ein weiteres Mal zu einem Aperitivo getroffen. Normalerweise beinhaltet das ein (alkoholisches) Getränk und ein Buffet. Das Lokal, in dem wir zum Aperitivo waren, hatte allerdings kein Buffet sondern servierte drei Mini-Hamburger und einen Teller Chips zu jedem Getränk dazu. Nicht besonders italienisch – der Laden schien auch eher auf die Küche der USA ausgelegt zu sein – aber die Hamburger waren auch lecker. Es war sehr schön, Lisas multilingualen Freundeskreis kennenzulernen und wenn bei mir die nicht vorhandenen Italienischkenntnisse versagten (verstanden habe ich immer noch einige Brocken, nur antworten konnte ich halt nie), ging immer auch Englisch. Abgesehen von den beiden Treffen mit der Gruppe war Anna auch bei vielen unserer Ausflüge dabei.
Ein bisschen bin ich wieder in der Erasmus-Feeling reingekommen, vor allem, als Lisa am zweiten Morgen meinte: „Du, mich hat gerade der eine Jordanier für heute Abend zum Essen eingeladen. Ich habe gefragt, du kannst auch mitkommen, hast du Lust?“ Ganz spontan hatten wir also eine Abendplanung und haben mit zwei Jordaniern und einem Italiener mit belgisch-brasilianischen Wurzeln ein Gericht aus viel Reis, Kartoffeln, Fleisch und Blumenkohl gegessen. Die beiden Jordanier waren ganz begeistert, dass ich schon mal in ihrem Land war und wollten wissen, was genau, ich denn gesehen hätte. Ich konnte mich nicht mehr an alle Namen erinnern und habe manches auch falsch ausgesprochen, aber auf Nachfrage fielen mir immer mehr Orte wieder ein und die beiden Jungs schlossen daraus, dass ich etwas 90% des Landes gesehen haben muss.

Natürlich habe ich auch Lisas Mitbewohner aus dem Studentenwohnheim kennengelernt. Ein bisschen hatte ich das Gefühl, dass es in einer deutschen Enklave liegt. Aber so sprachen alle Mitbewohner Deutsch, was auch nicht so schlecht war für mich. So viele Studenten leben nicht in dem Wohnheim (das Wohnheim des Jordaniers war unendlich viel größer) und die Küche ist der soziale Punkt des Hauses. Dort trifft man sich, tauscht sich aus - zumeist über theologische Themen, weil die Mehrzahl der Studenten Theologie studieren – und nimmt großen Anteil am Leben der anderen. Morgens beim Frühstück wurden wir nach unseren Plänen für den Tag gefragt und ich bekam viele Tipps, welche Kirchen ich mir noch ansehen sollte. Das Ganze ist sehr familiär. Die Leiterin des Wohnheims wohnt ebenfalls mit im Haus und stellte an Ostern eine Colomba (einen italienischen Osterkuchen) für die Studenten in die Küche.
Ich hätte gedacht, dass es schwieriger sein würde, mit ca. zehn Leuten eine Küche zu teilen, aber es ging erstaunlich gut. Vielleicht sind Lisa und ich einfach zu günstigen Zeiten in die Küche gekommen, aber wir kamen uns mit den anderen eigentlich nicht in die Quere. Es haben (bis auf eine Ausnahme) auch immer alle sofort abgespült, so dass kein dreckiges Geschirr rumstand. Bei zehn Leuten ist das aber auch sicher notwendig. Die Küche war supermodern ausgestattet, wie ich fand. Der Herd hatte ein Touchpad (oder wie auch immer man das nennt, wenn man den durch Drücken auf die Oberfläche bedient).

Nachdem ich Lisas Freunde und Mitbewohner kennen gelernt hatte, wollte ich natürlich auch unbedingt ihren Arbeitsplatz, die Casa di Goethe, sehen. Während wir in der ganzen Stadt zunehmend mehr Touristen antrafen, war es in der Casa wunderbar ruhig, weil außer Lisa und mir nur ihre beiden Kolleginnen, die gerade Dienst hatten, da waren, als wir das Museum besuchten.
Lisa hat mir eine kurze Privatführung gegeben. Das fand ich ganz lustig, weil ich Lisa noch nie ein einer Führung erlebt habe. Gleichzeitig dachte ich aber auch: „Wenn ich jetzt ein Foto mache, denkt Lisa dann, dass ich nicht zuhöre? Aber ich höre doch zu.“ Bei anderen Führungen habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Irgendwann sagte Lisa auch: „Du bist gerade genauso wie die Schüler. Die wollen auch immer schon in den nächsten Raum stürmen, aber ich bin noch nicht fertig!“ Dabei fand ich das, was Lisa erzählt hat, auf jeden Fall interessant.
Von der Konzeption her hat die Casa di Goethe Ähnlichkeiten mit dem Keat-Shelley-Museum (Besucher, die zuerst bei Keats und Shelley waren, bekommen bei Goethe dann auch Rabatt und andersrum): Es befindet sich in der Wohnung, in der Goethe während seiner Zeit in Rom lebte, und zeigt wichtige Zeugnisse eines Italienaufenthalts. Doch im Gegensatz zum Keats-Shelley-Museum, das nur rückblickend informiert (es sei denn, ich habe einen Raum übersehen), ist es gegenwarts- und zukunftsorientierter – das fängt schon allein bei der Einrichtung an. Im Goethe-Museum sind das helle, moderne Möbel, bei Keats und Shelley dunkle Holzregale; ich könnte mir vorstellen, dass sie versucht haben, den Stil des 19. Jahrhunderts nachzuahmen. Aber dafür ist der Fan-Shop bei Keats und Shelley viel cooler als bei Goethe.
Mittlerweile ist an Goethes ursprüngliche Wohnung eine weitere angeschlossen worden, in der wechselnde Ausstellungen stattfinden. Als ich das Museum besucht habe, wurden Fotografien von deutschen und italienischen Schriftstellern ausgestellt. Auf einem Foto war Loriot mit einem Mops zu sehen.
In der Dauerausstellung sieht man Auflistungen, was Goethe und seine Freunde gegessen und getrunken haben, Briefe und Bilder (manche von denen waren von Goethe gemalt), sowie moderne Annährungen an Goethe. Es gibt ja dieses berühmte Gemälde von Tischbein, das Goethe in Reisekleidung vor einer italienischen Landschaft zeigt. In den modernen Annäherungen wurde dieses Bild genommen und immer wieder in unterschiedliche Kontexte gesetzt, z.B. wie Goethe in dieser bekannten Position auf einer Sonnenliege am Strand liegt und Ravioli aus der Dose isst. Auch eine Adaption dieses Bildes von Warhol hängt in dem Museum.  

In langen Pausen geht Lisa gerne in den Park der Villa Borghese, der sich in der Nähe der Casa di Goethe befindet. Wir waren zweimal in dem Park. Er ist auch einfach sehr schön. Von der Piazza del Popolo steigt man eine Treppe herauf und hat einen tollen Blick über Rom. Palmen und blühende Bäume. Mehrere Brunnen. Ein wunderschöner Ort.
Ich hatte ihn mir schon aus dem Reiseführer ausgeguckt, weil ich gerne die Byron-Statue sehen wollte. Außerdem hatte ich gelesen, dass es auch eine Goethe-Statue in dem Park gibt und dachte, das wäre doch was für Lisa. Sie kannte die Statue auch tatsächlich noch nicht. Zum Glück gab es einen Plan, sonst hätten wir sie in dem großen Park nicht gefunden. Es gibt einige Statuen und Köpfe, die da herum stehen, aber man muss sagen, Goethe rockt definitiv den Park. Jedenfalls im Vergleich zu den Stauen, die ich gesehen habe. Das Denkmal ist riesig. Goethe steht auf einer Kapitell, zu deren Fuß sind drei Personengruppen: Faust und Mephisto, Iphigenie und Orest, sowie Mignon und der Harfner. Absolut beeindruckend. Lisa und ich haben erst mal eine Fotosession darauf gemacht. Als ich danach die Byron-Statue sah, war ich fast ein bisschen enttäuscht.
Das Goethe-Denkmal (Faust und Mephisto sind hinten)



Zu Lisas Leben in Rom gehört auch Zumba. Zum Glück ist die Zumba-Gemeinschaft stark vernetzt. Man kann auf der Homepage nachgucken, wo Kurse stattfinden und so hat Lisa auch in Rom Zumba-Kurse gefunden. Einer von denen findet sogar fast zeitgleich mit meinem Kurs zuhause statt. Lisa war richtig euphorisch als sie mir von dem Kurs erzählte und berichtete, dass er in einem Theater stattfindet. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen, also habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Sportzeug mit in den Urlaub genommen.
Obwohl ich am Zumba-Tag furchtbar schmerzende Füße hatte, weil ich mit Lisas Schuhen mit Absatz durch das Forum Romanum, das Kolosseum, den Cimenterio Acattolico, die Engelsburg und den Petersdom gelaufen war, konnte mich nichts davon abbringen, mitzukommen (zumal meine Füße, nachdem ich meine eigenen Schuhe wieder angezogen hatte, sich wieder beruhigten).
Es war sehr lustig. Die Theater-Zumba-Gruppe besteht aus Vertreterinnen aller Altersstufen. Manche sind etwa in unserem Alter, andere sind etwas älter und eine Frau ist schätzungsweise um die 60 oder 70 Jahre alt. Trotzdem ist sie mit großer Begeisterung dabei.
Bei jedem Lied guckte Lisa zu mir rüber und wollte wissen, ob ich es kenne. Ich kannte fast alle Lieder. Zumba ist eben sehr international. Allerdings heißt das nicht, dass die Choreographien genauso wären, wie ich sie kenne. Da musste ich mich manchmal schon etwas konzentrieren. Der Boden war auch glatter als ich es aus unseren Sporthallen kenne und ich hatte etwas Angst, auszurutschen. Außerdem war ich der Meinung, dass der Boden leicht abschüssig war. Lisa meinte aber, sie habe nichts gemerkt. Trotz des ungewohnten Bodens hatte ich sehr viel Spaß in der Stunde und habe trotz meiner Wanderung durch Rom bis zum Schluss durchgehalten.

Neben dem Park der Villa Borghese wollte Lisa mir gerne den Strand von Ostia und das Viertel Trastevere zeigen. Zwei Ziele, die sich auf jeden Fall gelohnt haben. Zu dem Strand kann man mit dem Ticket, das im römischen Stadtverbund gilt, fahren. Das ist sehr praktisch. Wir haben uns also mit Anna in den Zug gesetzt und sind bis zu der Station gefahren, die sich „Polarstern“ nennt. Von dort ist es nur eine kurze Strecke zu einem kostenlosen Strand (in Italien nicht so häufig), an dem sogar eine kleine Bude ist, die Getränke und Snacks verkauft. Wir hatten Erdbeeren und eine Decke dabei und haben ein Picknick am Strand gemacht. Ich bin auch ein bisschen durch die Brandung und durch den warmen Sand gelaufen. Das war toll. Ich muss mal wieder Urlaub am Meer machen, wenn es warm genug ist, schwimmen zu gehen.

Trastevere ist ein sehr schönes Viertel. Wir sind da einen Abend zum Essen hingegangen und sind vorher ein bisschen durch die Gässchen gestreift. Dabei sind wir an einem sehr süßen Buchladen vorbei gekommen. Der war klein und gedrängt. Die Bücher lagen überall rum. Aber besonders toll fand ich Postkarten, Bilder und Kartenausschnitte, die zwischen den Büchern an den Regalen und den Wänden klebten. Irgendwie romantisch der Laden. Es gab auch viele Restaurants in Trastevere. Wir haben die Speisekarten verglichen und waren letztlich in einem, in dem Lisa schon mal war und den Kellner wiedererkannte.

Ein Schild in Trastevere, das zu Verwirrung führte - eine Frau las: "We are against war and tourists" und war beleidigt.

Unser Besuch in der Frida Kahlo-Ausstellung fällt auch in die Kategorie „Lisas Rom“, weil Lisa mir schon ziemlich zu Beginn ihrer Zeit in Rom schrieb, dass sie Werbung für die Ausstellung gesehen habe und wir unbedingt dahin gehen müssten. Im ersten Semester haben Lisa und ich festgestellt, dass wir beide ziemliche Frida Kahlo Fans sind, deswegen habe ich nur zu gerne Lisas Vorschlag zugestimmt.
Die Ausstellung zeigt Bilder, die von Frida Kahlo gemalt wurden, aber auch Fotos und Bilder von anderen Künstlern. Es wurde versucht, die gesamten Lebensumständen der Künstlerin darzustellen. Viele der Bilder kannte ich schon, aber es war schön, sie im Original zu sehen und bei einigen war ich überrascht, wie klein sie waren. Die Fotos waren teilweise unschlagbar: Frida beim Sonnen auf der Wiese, Frida mit einem Bier (oh mein Gott! :-D)… Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Reihe, in der Frida mit wenigen Farben und wilden Mustern Gefühle darstellt. Auf den ersten Blick wirkten die Bilder ein bisschen wie gedankenverlorene Kritzeleien, aber je länger ich sie betrachtete, desto mehr fand ich, dass sie die Emotionen perfekt getroffen hat und das mit relativ einfachen Mitteln.
Drei Grazien

Ich finde es richtig toll, Lisas Rom und die Menschen, die es ausmachen, kennengelernt zu haben. Jetzt kann ich besser nachvollziehen, was sie mir erzählt, weil ich weiß, wie es vor Ort ist.

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