Freitag, 23. Dezember 2011

Wünsch dir was – Wise Guys in der Gruga-Halle

Am Samstag waren wir (Lotta, Lisa und ich) beim Wise Guys Konzert in der Gruga-Halle. Das Konzert war das letzte 2011 und Teil der Wunschtour. Die Fans konnten schon länger für ihre Lieblingslieder abstimmen und auch während des Konzerts hatten wir viermal die Möglichkeit, uns zwischen zwei Liedern per Applaus zu entscheiden. Zwei Geräte haben die Lautstärke gemessen und das Lied, für das mehr gejubelt wurde, wurde gesungen. Durch die Wunschtour habe ich viele Lieder zum ersten Mal live gehört, was eindeutig ein Vorteil ist. Der Nachteil war allerdings, dass ich bei den Liedern, die es zur Abstimmung gab, immer lieber das hätte hören wollen, das nicht gewählt wurde und dann auch schon wusste, dass es nicht mehr gesungen werden würde, was schade war. Zwei oder dreimal ist es auch extrem knapp ausgefallen…

Leider war das Publikum – vor allem zu Beginn – etwas lahm. Nach dem ersten Lied meinte Dän, dass wir ja sehr leise gewesen wären, er habe sich schon gefragt, ob er bei der „Versteckten Kamera“ sei und vor einer leeren Halle auftreten würde.
Das erste Lied war „Jetzt ist Sommer“. Ein bisschen befremdlich im Winter, was vielleicht auch der Grund für die leicht verhaltene Reaktion der Essener war, aber Sommer ist bekanntlich das, was in deinem Kopf passiert. Also - warum nicht? Wenn es schon nicht schneit, möchte ich wenigstens Sommer haben.
Zum ersten Mal live habe ich auf jeden Fall „Du doof“, „Buddy Biber“ und „King of the Road“ gehört. Ehrlich gesagt, war ich ein bisschen verwirrt, dass sich anscheinend so viele Leute „Du doof“ gewünscht haben. Ich finde es eigentlich nicht so besonders – es gibt sehr viele bessere Lieder, aber vielleicht ist das einfach das, was viele Menschen gerne ihre Mitmenschen sagen wollen. An der Stelle, als die Bergpredigt mit „Selig sind die geistig Armen“ zitiert und die Frage gestellt wird, ob der Himmel denn so viele Selige verkraften könnte, meinte Wiebke. dass sie sich das auch oft fragen würde.
Bei „Buddy Biber“ war es sehr cool, die passenden Bewegungen dazu zu sehen. Und was mich auch immer wieder beeindruckt, ist wie sie die Geräusche nachmachen, die in Zeichentrickserien immer die Handlung begleiten. Das klingt richtig cool. In meinem Kopf ist dazu die ganze Zeit ein Film über den kleinen Biber und den bösen Förster abgelaufen.
Andere Lieder hatte ich natürlich schon live gesehen. „Jetzt und hier“, „Ruf doch mal an“ und „Wo der Pfeffer wächst“ waren mit Sicherheit bei der Spezialnacht 2008 dabei. „Mittsommernacht bei IKEA“ und „Hamlet“ (mit Aggro Hürth ;-)) habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, auf beiden Kirchentagen gehört.
In Dresden habe ich zum ersten Mal das neue Lied zu der Deutschen Bahn gehört. Das haben sie Samstag auch gesungen. Denn natürlich wollten sich die Wise Guys auf ihre Wunschtour auch etwas wünschen. Sie haben einige neue Lieder gesungen. Eins über Berlusconi, ein anderes über den vierzigsten Geburtstag.
Passend zur Wunschtour gab es auch ein Lied über das Wünschen. Dass man sich immer die Sachen wünscht, die eigentlich am unerreichbarsten sind. In der letzten Strophe hieß es auch „Ich wünsche mir, dass die Wise Guys den ‚Ohrwurm‘ wieder singen“. Herrlich, wie sie sich auch selbst aufs Korn nehmen können. Nach dem Lied dachte ich mir dann auch „Okay, das war’s. Sie werden ihn nicht singen.“ So ganz hatte ich die Hoffnung zwar nicht aufgegeben, schließlich war ich davon überzeugt, dass sich ziemlich viele den „Ohrwurm“ gewünscht hatten, und ich konnte mir schlecht vorstellen, dass die Wise Guys über eine so demokratische Entscheidung einfach hinweg gehen würden.
Dann wurde der Ohrwurm doch noch gesungen. Eddi und Nils haben sich ihr Liedduell geliefert („Ich sing dich an die Wand“) und bevor Nils die Sirene nachmacht, animiert Eddi ja immer das Publikum, den „Ohrwurm“-Refrain zu singen. Das bietet sich natürlich als Übergang zum „Ohrwurm“ an. Und tatsächlich – der „Ohrwurm“ kam als letztes Lied des regulären Konzertteils. Großartig! Ich habe mich total gefreut.

Musikalisch gesehen, war das Konzert total toll. Etwas frustrierend waren eben die anderen Zuschauer. Es wurde im Laufe des Konzerts zwar besser und wir waren auch nicht zu leise für die Messgeräte, wie schon gefürchtet wurde, aber irgendwie war die Stimmung nicht so mitreißend. Wenn ein Lied dann mal richtig Stimmung gemacht hat, ist die nach dem letzten Ton aber wieder abgeflaut. Lisa und ich trauten uns auch kaum, aufzustehen und mitzusingen, weil wir uns nicht sicher waren, wie die Leute um uns herum das finden würden. In der Reihe vor uns saßen nur Menschen mit grauen Haaren und die eine schien sich zwischendurch die Ohren zuzuhalten. Aber auch die jüngeren Fans schienen lieber zuhören als mitsingen zu wollen. Das war ziemlich schade. Vielleicht wäre es doch eine Überlegung wert, im Juni zum Tanzbrunnen nach Köln zu fahren. Drei Kinder im Block neben unserem waren aber richtig begeistert. Sie sprangen die ganze Zeit auf und ab. Das war sehr süß.

Am Schluss haben auch alle mehrere Zugaben verlangt. Die letzte Zugabe war dann „O come all ye faithful“. Das klang wunderschön und war sehr passend für ein Konzert kurz vor Weihnachten. Es ist im Moment zwar ziemlich stressig, aber bei dem Lied kam dann doch Weihnachtsstimmung auf.
Das absolut letzte Lied war „Das fremde Wesen“ beim Afterglow. Ein Mädchen aus Essen (oder zumindest der Umgebung) hat mit den Wise Guys zusammen das Lied gesungen. Sie hatten vor der Tour dazu aufgerufen, sich zu bewerben, weil die Sängerin, mit der sie das Lied sonst mitgesungen hatte, nicht bei allen Konzerten Zeit hatte. Das Mädchen hat das aber echt gut gemacht, es war zwar etwas leise, aber das lag sicher an der Aufregung. Wann singt man schon mit seiner Lieblingsband vor so vielen Menschen ein Lied zusammen?

Montag, 19. Dezember 2011

Wunderschönes Wales

Anfang Dezember war ich in Wales und habe Johanna besucht, die da Erasmus macht. Es war sehr schön. Die vier Tage (Donnerstag bis Sonntag) Auszeit von der Uni taten gut, auch wenn ich die Zeit eigentlich nicht gehabt hätte, Wales ist ein sehr schönes Land (zumindest die Teile, die ich gesehen habe) und ich habe mich total gefreut, Johanna mal wiederzusehen.

Ich bin bis London geflogen und von da mit der Bahn weiter nach Newport. Weil Johanna an meinem Ankunftstag aber noch eine Exkursion von der Uni aus hatte, habe ich zunächst ein paar Stunden in London verbracht. Nachdem ich das letzte Mal vor etwa fünf Jahren in London war, hat mich das auch gar nicht gestört, eher im Gegenteil.
So gegen acht, halb neun morgens bin ich ziemlich verschlafen (ich hatte in der Nacht nur drei Stunden schlafen können) in London gelandet. Vom Flughafen bin ich bis zum Paddington Station gefahren. Da habe ich meinen Koffer verstaut - und musste erst mal den Sicherheitsbeamten überreden, dass er mich auf den Bahnsteig ließ, wo die Gepäckaufbewahrung war. Er konnte nicht verstehen, wieso ich auf den Bahnsteig wolle, wenn ich den Zug nicht nehmen wollte.
Als das geschafft war, habe ich mir Frühstück und eine U-Bahn-Fahrkarte geholt (nach einigen sprachlichen Schwierigkeiten - die drei spanischen Frauen hinter mir hatten mich völlig aus dem Konzept gebracht! :-D) und los ging die Entdeckungstour. Eigentlich hatte ich mir überlegt, ins Sherlock Holmes-Museum zu gehen, aber dann wurde es doch eher ein "Hinfahren - Foto machen - wegfahren" von Londons Highlights.
Von Paddington aus bin ich zum Gleis 9 3/4 an King's Cross gefahren. Es hat mich sehr gewundert, dass da niemand war. Also niemand an dem Gepäckkarren, der da halb in einer Außenwand des Bahnhofs unter einem Baustellengerüst verschwindet, über dem "Platform 9 3/4" steht, war. Bei King's Cross liefen natürlich schon Menschen rum, aber alle Hogwartsschüler und die, die es gerne wären, schienen gerade anderes zu tun zu haben. Wahrscheinlich haben sie Weihnachtseinkäufe in Hogsmeade bzw. Harrods gemacht.
Von King's Cross (und St Pancras) aus bin ich mit der U-Bahn zum Tower und zur Tower Bridge gefahren. Von da aus an der Themse entlang gegangen, vorbei an der HMS Belfast und der Golden Hinde (dem Schiff von Sir Francis Drake) zum Globe Theatre, was ich leider auch nur von außen gesehen haben. Vor fünf Jahren war ich einmal drin und fand es wunderschön. Irgendwann muss ich nochmal rein. Dann könnte ich mir auch mal ein Theaterstück darin ansehen...
Vom Globe aus ging es über die Millenium Bridge (die Brücke, die im sechsten Harry Potter-Film zerstört wird - ja, ich war ein wenig auf Harry Potters Spuren unterwegs) auf die St Paul's Cathedral zu, wo Menschen der Occupy-Bewegung campten.
Von da aus bin ich mit der Bahn zu den Houses of Parliament und Big Ben gefahren. Dort konnte ich auch einen Blick auf das London Eye werfen. Vor dem Gebäude liefen merkwürdige Menschen in Polyesterkleidern und Gummimasken, die wohl die Queen darstellen sollten, rum. Ich nehme an, die haben für irgendetwas Werbung gemacht - oder es waren Zauberer, die sich als Muggle verkleidet unter die Leute mischen wollten... :-D Gegenüber dem Parlamentsgebäude standen weitere Zelte der Occupy-Menschen.
Ich habe mich davon aber nicht beirren lassen und bin weiter zur Westminster Abbey gelaufen, wo ich eine Frau abgeschüttelt habe, die mir unbedingt eine gelbe Blume aufschwatzen wollte. Auch diese Kirche habe ich mir - wie alle anderen Gebäude auch - nur von außen angeguckt und bin weiter Richtung Buckingham Palace gelaufen. Im St James Park habe ich ein kleines Picknick gemacht und die vielen Eichhörnchen beobachtet. Die waren so süß! Der krönende Abschluss im wahrsten Sinne des Wortes meines Londonrundgangs war der Buckingham Palace. Die Queen war da, aber ich habe sie nicht auf eine Tasse Tee besucht, sondern bin wieder zum Bahnhof Paddington gefahren, weil dort um 15 Uhr mein Zug nach Newport abfuhr.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, auf der Fahrt viel nach draußen zu sehen und mir die Landschaft anzugucken. Allerdings haben mir die frühe Dunkelheit im Dezember und meine Müdigkeit zwei Striche durch die Rechnung gemacht. Ich bin während der Fahrt immer wieder eingenickt und bin bei jedem Halt wieder aufgeschreckt. Schließlich wollte ich Newport ja nicht verschlafen. Bei meiner Ankunft war es schon stockdunkel.
Johanna hat mich vom Bahnhof abgeholt und wir wollten erst noch ein bisschen durch Newport laufen, weil die Läden aber alle schon dabei waren zu schließen (so gegen fünf oder sechs Uhr während der Woche), sind wir recht bald zum Busbahnhof gegangen und sind nach Caerleon gefahren. Das liegt wirklich am Ende der Welt. Zwischendurch habe ich nicht mal Lichter von Häusern gesehen. Es ist aber wirklich niedlich da. Johanna wohnt auf dem Campus in einer WG in einem Haus, das nach einer Person aus der walisischen Mythologie, Hafren, benannt ist.

Eigentlich wollten wir am Tag danach früh los nach Cardiff, aber wir haben zu lange geschlafen. ;-) Wir sind dann erst gegen Mittag gefahren. Aus dem Busfenster konnten wir auch das Millenium Stadium sehen, aber näher betrachtet haben wir es nicht. Da standen ganz andere Sachen auf der Liste.
Vom Busbahnhof aus sind wir durch die Cardiffer Innenstadt gelaufen und haben uns Welsh Cake gekauft. Das sind so kleine platte Gebäckstücke mit Rosinen drin. Sehr lecker. So gestärkt sind wir zu unserem ersten Besichtigungspunkt gegangen: Cardiff Castle, ziemlich groß und sehr schön. Johanna war schon zum dritten Mal da. Es scheint auch bei Schulklassen beliebt zu sein Auf jeden Fall war eine da und viele Kinder hatten sich ein Holzschwert gekauft, mit denen sie sich auf dem Platz vor dem Museumsshop einen Kampf lieferten.

Die Burg hat eine über tausandjährige Geschichte, die mit den Römern beginnt, die an der Stelle ein Fort bauten. In den folgenden Jahrhunderten lebten verschiedene adelige Familien auf dem Gelände bis es 1947 an die Stadt Cardiff gegeben wurde.
Im Eintrittspreis enthalten war ein Audio-Guide enthalten. Ich habe mir zwar nicht alle Erklärungen angehört - Johanna musste mich manchmal daran erinnern, dass ich das Ding dabei hatte (aber ich musste es doch auch vor dem Regen unter meiner Jacke schützen) - aber die, die ich gehört habe, fand ich gut gemacht. Am besten hat mir die Geschichte einer Frau gefalle, die als junges Mädchen in der Küche des Castles gearbeitet und im Turm unter der Uhr schlafen musste. Dort ist sie zu Beginn immer wieder aufgewacht, weil die Uhr so laut war. Dieser Turm hat es mir sowieso angetan, weil der so schön war.
Außerdem gibt es auf der Burg noch ein Gehege mit Adlern. Als Johanna und ich darauf zu gegangen sind, haben wir zwei junge Männer mit einem Adler gesehen. Ein älterer Mann, der sich mit ihnen unterhalten hatte, kam auf uns zu und meinte: "Watch out. These guys are trouble!" Als wir dann vor dem Gehege standen, kam der eine Adlerpfleger zu uns rüber und fragte, ob er mal wieder eine "bad reputation" bekommen hätte. Oh ja... ;-)
Nach dem Schloss sind wir zum Hafen von Cardiff gefahren. Da wollte ich unbedingt hin, weil dort das unterirdische Hauptquartier von Torchwood ist. Torchwood ist eine geheime Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Erde vor Außerirdischen zu bewahren (oh nein, jetzt habe ich es verraten...). Zumindest, wenn man einer BBC-Fernsehserie glaubt. Denise hat mich mit dem Torchwood-Fieber angesteckt und ich dachte, wenn ich schon mal nach Cardiff komme, dann muss ich auch zum Mermaid Quay.
In der Nachbarschaft des Torchwood Hauptquartiers befindet sich auch das Millenium Centre (ein kulturelles Zentrum) und die Welsh Assembly (sowas wie die walisische Landesregierung). Außerdem gibt es eine Wand, an der Torchwood-Fans ihrer Lieblingsserie und insbesondere einer Person der Serie, die leider gestorben ist, ihren Tribut erbringen. Es ist schon verrückt, auf was für Ideen Fans kommen, aber es ist auch cool, dass sie so kreativ sind.
Auch abgesehen von dem Torchwood-Bezug ist die Cardiff Bay eine schöne Ecke von Cardiff, auch wenn der Platz sehr modern und eigentlich nicht mein Geschmack ist. Das Meer und die netten Restaurants drumherum machen es wieder wett.
Auf dem Roald Dahl Plass steht ein Turm mit einer verspiegelten Außenhaut, an dem Wasser herunterläuft. Je nachdem wie man sich vor dem Spiegelturm positioniert, macht der einen sehr schön schlank. :-D Die schmalen Säulen, die um den Turm herum stehen, werden nachts lila beleuchtet. Das sieht allerdings etwas bescheuert aus. Eigentlich wollten wir am Bay auf eine Erasmus-Kommilitonin von Johanna warten, aber die schaffte es nur in die Innenstadt und wir wurden am Millenium Centre ziemlich nass. Das stereotype britische Wetter eben.

Am Samstag hat ein walisischer Kommilitone von Johanna uns beide und eine weitere Deutsche im Auto mitgenommen. Wir wollten zur Tintern Abbey, einer Klosterruine und zum Chepstow Castle (wieder alte Steine angucken - ich fand's gut). Zuerst haben wir aber einen kleinen Ausflug nach England gemacht. Es gibt eine Brücke, die Wales und England verbindet. Die Severn Bridge. Wir hätten irgendwo vor der Brücke in Richtung Tintern abbiegen müssen, aber das hatte Martyn vergessen. Die Nirvana-CD war zu laut für das Navi und wahrscheinlich haben wir drei hübschen Mädels ihn irgendwie nervös gemacht. So landeten wir jenseits des Severn. Wir mussten umdrehen und über die Brücke zurück fahren. Das Kuriose daran ist, dass es zwar kostenlos ist, von Wales nach England zu fahren, aber von England nach Wales kostet es fast sechs Pfund. Die spinnen, die Briten, um es mal mit den Worten von Obelix zu sagen.
Etwas später als geplant kamen wir also an der Tintern Abbey an. Übrigens liegt die in der Nähe des Forests of Dean, des Waldes, in dem - Harry Potter Fans wissen es - Harry das Schwert von Gryffindor aus dem gefrorenen Teich gefischt hat. Ich bin fast ausgeflippt, als ich das Schild gesehen habe. Martyn meinte, ihm sei das auch aufgefallen. Und Johanna hat erzählt, dass seine Eltern in der Nähe des Strandes wohnen, wo die Szenen in Shell Cottage gefilmt wurde. Beneidenswert.
Nachdem ich mich über den Forest of Dean gefreut hatte, konnte ich mich auch von Tintern Abbey beeindrucken lassen. Die Ruine ist ziemlich gut erhalten, aber das Dach fehlt. Stellt euch vor: Ihr steht auf einer Rasenfläche und um euch herum stehen die Wände einer Kathedrale. Sogar viele der Rosetten in den Fenstern sind noch erhalten. Dann schaut ihr nach oben und seht den blauen Himmel (ja, wir hatten gutes Wetter).
Es ist so verrückt. Einerseits steht man in einer Kirche und kann sich mit ein wenig Fantasie vorstellen, wie die mal ausgesehen hat, andrerseits merkt man, wie sehr die Natur sich das alte Gebäude schon zurück geholt hat. Kein Steinfußboden mehr sondern Gras. Durch die Fenster sieht man den Wald. Und bei Regen würde man ziemlich nass. Es ist einfach nur gigantisch. Die anderen Gebäude um die Kirche herum sind in einem weniger guten Zustand, aber was noch sehr beeindruckend ist, ist eine sehr ausladende Eiche auf dem Gelände. Die musste auch für einige Fotos herhalten. ;-)
Von der Tintern Abbey ging es dann (mit einer nur geringen Verspätung, weil wir dreimal durch Chepstow gekurvt sind) nach Chepstow zum Castle. Die Burg liegt auf einem Hügel, ist viel größer, als sie von außen aussieht. Ständig findet man einen anderen Raum, in den man hineingehen, eine andere Treppe, die man hochsteigen kann. Irgendwann standen wir auf einer Mauer und schauten zu einem Turm herüber, über dem ein Schwarm Vögel kreiste. Das hat mich ein wenig an Ronja Räubertochter erinnert.
Außerdem war in Chepstow Castle an dem Tag unseres Besuchs ein Reenactment. Das Mittagessen haben wir zwar leider knapp verpasst, aber die Frauen in der Küche erklärten uns trotzdem, was die Menschen früher gegessen haben und dass die Bauern sehr viel gesünder gelebt hätten als die Adeligen (mehr Gemüse) und deswegen auch oft älter geworden wären. Im Raum über der Küche wurden unter anderem Waffen gezeigt. Wir konnten verschiedene Schwerter, einen Speer und ein Kettenhemd in die Hand nehmen. Es hat mich doch gewundert, wie schwer das Kettenhemd war. Klar, 35 Kilo sind schon eine Menge, aber wenn man das Hemd in die Hand nimmt, merkt man erst, wie viel das wirklich ist. Ich hätte darin sicher nur mit Mühe die Arme heben können.
Der Mann, der uns die Waffen gezeigt hat, wusste echt viel darüber. Er hat erzählt, dass durch den Gebrauch des Langbogens (glaube ich), die Männer auch ganz unterschiedlich ausgebildete Muskeln hatten und man bei manchen Leuten heute denkt, sie hätten einen Buckel gehabt, obwohl das nur die Schultermuskeln waren, die auf der einen Seite viel trainierter waren als auf der anderen. Auf uns wirkte der Mann ein bisschen so, als habe er vergessen, dass er im 21. Jahrhundert lebt. Er hat mit so einer Leidenschaft erzählt - und wenn ich mich recht erinnere sogar im Präsenz gesprochen, auf jeden Fall immer in der ersten Person Plural, dass man davon ausgehen konnte, dass wenn es nur den geringsten Anlass gegeben hätte, er mit seinen Schwert aus dem Raum gestürmt wäre und seine Burg verteidigt hätte.

Am Sonntag musste ich leider schon wieder zurück fliegen. Wir haben noch mal einen Spaziergang durch Caerleon gemacht und sind dann nach Newport gefahren. Da habe ich mir die Stadt noch mal im Hellen angesehen und mir einen Agatha Christie Krimi gekauft (natürlich "4.50 from Paddington" - das musste sein, da ich doch schließlich von dem Bahnhof nach Wales gefahren bin). Bevor ich zum Bahnhof musste, haben wir noch einen Kaffee bzw. Kakao getrunken. Doch dann hieß es auch schon Abschied nehmen. Die Zeit bei Johanna war schön, aber leider zu kurz.

Am Bahnhof hieß es zuerst, der Zug hätte 50 Minuten Verspätung. Zwei Minuten später kam einer weitere Durchsage: "Vergessen Sie, was wir gerade gesagt haben, der Zug kommt doch pünktlich." Leicht verwirrt die First Great Western Mitarbeiter...
Der Zug nach London war völlig überfüllt. Leider hatte ich zu spät gebucht und keine Sitzplatzreservierung mehr bekommen. Außerdem hat der Zug auf dem Weg nach London mehr Bahnhöfe angefahren als auf dem Weg nach Newport. Dadurch hat die Fahrt natürlich länger gedauert.
Auch wenn ich die ganze Zeit stehen musste, war das noch einigermaßen erträglich, weil ich aus dem Fenster an der Tür gucken konnte (an den Zügen, mit denen ich gefahren bin, waren übrigens so Türen wie am Hogwartsexpress, die man nur von außen aufmachen kann und dann durch das Fenster greifen muss, wenn man raus will :-)) und diesmal auch Landschaft gesehen habe. Wunderschön. Dazu habe ich Katzenjammer gehört. Das Alternativprogramm wäre gewesen, "Zwei an einem Tag" zu lesen. Das hatten mindestens drei Mitreisende um mich herum in der Hand. Aber dann hätte ich ja nicht aus dem Fenster gucken können.
Mein Flugzeug hatte dann eine Dreiviertelstunde Verspätung. Das Warten am Flughafen hat mich fast wahnsinnig gemacht, vor allem, weil ich dann trotz der Größe recht schnell mit der Shoppingmeile durch war. Um kurz nach Mitternacht war ich dann aber endlich wieder in meiner Wohnung und zu zufrieden mit dem Wochenende um es mir im Nachhinein mit dem Gedanken, dass ich montags um acht Uhr Uni habe zu zerstören. ;-)

Samstag, 17. Dezember 2011

Weeze – mehr als ein Flughafen

Ohne Auto zum Flughafen Weeze zu kommen, erfordert schon einiges an Geduld. Es gibt zwar einen Shuttlebus, aber wer mit dem öffentlichen Nahverkehr anreist, muss damit rechnen, lange unterwegs zu sein und durch Orte zu fahren, dessen Namen er noch nie gehört (wie z.B. Kevelaer).
Trotzdem hat der Flughafen Niederrhein, wie er offiziell heißt (Airport Weeze ist der Markenname), seit seiner Eröffnung 2003 ein stetig steigende Anzahl an Fluggästen und ist inzwischen nach Düsseldorf und Köln der drittgrößte Flughafen in NRW. Dieser Zuwachs liegt an seinem Einzugsgebiet. Rund 35,5 Mio. Menschen leben in einem Umkreis von zwei Stunden Autofahrt und für viele Fluggäste aus den Niederlanden ist Weeze die billigere Alternative.
Der größte Teil der Flüge von Weeze wird von Ryanair angeboten (die den Flughafen aus werbestrategischen Gründen mit „Düsseldorf-Weeze“ angeben, obwohl Düsseldorf etwa 70 km entfernt liegt). Inzwischen ist der Flughafen auch Homebase für einige Ryanair-Maschinen, das heißt sie bleiben über Nacht auf dem Flughafengelände stehen.

Wer aber gedacht hat, der Flughafen Niederrhein sei nur der überschaubare Terminal, der hat sich geirrt. Ringsherum liegen große Flächen Gewerbegebiet und Ausgleichsfläche (letztere soll als eine Art Pufferzone dem Eingriff des Flughafens in die Natur entgegen wirken). Es wird eine Solaranlage gebaut, die über den Bedarf des Flughafens hinaus Strom produzieren wird. In einem anderen Bereich stehen Bienenstöcke. Neben den notwendigen Verwaltungsbüros des Flughafens haben sich Firmen auf dem Gebiet niedergelassen außerdem gibt es ein Trainingszentrum für Polizei und Rettungskräfte, auf dem Häuser zum Einsturz gebracht oder angezündet werden können, um Katastrophen zu simulieren, und Veranstaltungsorte für Großevents wie das Musikfestival Q-Base.
All das ist in den letzten Jahren entstanden. Die Geschichte des Flughafens geht aber noch viel weiter zurück. Der Terminal wurde 1936 in Bremerhaven gebaut und diente dort als Werkstatt für U-Boote. Man kann das Alter des Gebäudes daran erkennen, dass die Konstruktion genietet ist. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Halle abgebaut und nach Weeze gebracht, wo ein Militärflughafen der Royal Air Force entstand. Bis in die 90er Jahre wurden hier britische Soldaten stationiert, die im Falle eines Angriffs aus dem Osten sofort hätte reagieren können.
Einer der Soldaten, der damals nach Weeze kam, ist Hal Palmer, der heute noch dort arbeitet, und uns über den historischen Teil des Flughafens führt. Er erzählt, dass die Briten immer gerne nach Deutschland kamen, weil sie hier weniger Steuern zahlen gemusst und mehr Sold bekommen hätten. Das erste, was die meisten getan hätten, sei gewesen, ein Auto zu kaufen.
Der Militärflughafen war auf alle Eventualitäten vorbereitet. Noch heute kann man die Hangars sehen, in denen die Tornado-Flugzeuge abgestellt waren. Vier Flugzeuge waren jederzeit einsatzbereit und hätten innerhalb von sieben Minuten in der Luft sein können – beladen mit je zwei Atombomben. Zum Einsatz ist es zum Glück nicht gekommen.
Für den Fall eines Angriffs gab es einen ABC-Bunker (zum Schutz gegen Atom-, Bio- und Chemiewaffen) für die Techniker der Flugzeugelektronik. Die Decke und die Wände sind mehrere Meter dick, inklusive Pufferzone, und die Türen sind sehr schwer zu öffnen, schließlich sollten keine tödlichen Strahlen oder Gase nach innen gelangen. Soldaten, die von draußen hereinkamen, mussten erst durch eine Dekontaminierungszone gehen und ihre Schutzkleidung ablegen. Der Bunker ist mit allem ausgestattet (Luftfilter, Wasserspeicher etc.), um eine Woche darin zu überleben. Man ging damals davon aus, dass es nach einem solchen Angriff nach einer Woche auf die eine oder andere Art auf jeden Fall geendet hätte. Die Menschen in dem Bunker hätten also nur eine Woche länger gelebt als die anderen. Alle Geräte funktionieren noch, aber auch hier ist der Ernstfall nie eingetreten. Sowohl der Abflug der Tornados als auch das Verhalten im Bunker wurde regelmäßig geprobt.
Übrigens erzählt Hal Palmer, dass ein Geist den ABC-Bunker bewohnt (was wäre schon ein britischer Militärflughafen ohne Geist?). Hermann ist der Geist eines deutschen Soldaten aus dem zweiten Weltkrieg, dessen eigentlicher Wohnbunker zugeschüttet wurde. Er musste umziehen. Allerdings zeigt es sich uns nicht.
Das Leben der britischen Soldaten in Weeze bestand aber nicht nur aus militärischen Übungen. In den Jahren des Militärflughafens entstand auf dem Gelände eine kleine Gemeinde. Die Soldaten wurden meist für drei Jahre verpflichtet und konnten ihre Familien mitbringen. Sie wohnten auf dem Flughafengelände und den Städten in der Umgebung, die Kinder gingen auf eine englische Grundschule. Es gab drei Kirchen (eine anglikanische, eine katholische und eine schottische), eine englische und eine deutsche Post und ein Kino. Der Flughafen hatte sogar eine eigene Polizeiwache mit vier Zellen.
Heute sind die ehemaligen Soldatenwohnungen von Osteuropäern bewohnt, die jeden Tag in die Niederlande zum arbeiten fahren. So schließt sich der Kreis.