Samstag, 17. Dezember 2011

Weeze – mehr als ein Flughafen

Ohne Auto zum Flughafen Weeze zu kommen, erfordert schon einiges an Geduld. Es gibt zwar einen Shuttlebus, aber wer mit dem öffentlichen Nahverkehr anreist, muss damit rechnen, lange unterwegs zu sein und durch Orte zu fahren, dessen Namen er noch nie gehört (wie z.B. Kevelaer).
Trotzdem hat der Flughafen Niederrhein, wie er offiziell heißt (Airport Weeze ist der Markenname), seit seiner Eröffnung 2003 ein stetig steigende Anzahl an Fluggästen und ist inzwischen nach Düsseldorf und Köln der drittgrößte Flughafen in NRW. Dieser Zuwachs liegt an seinem Einzugsgebiet. Rund 35,5 Mio. Menschen leben in einem Umkreis von zwei Stunden Autofahrt und für viele Fluggäste aus den Niederlanden ist Weeze die billigere Alternative.
Der größte Teil der Flüge von Weeze wird von Ryanair angeboten (die den Flughafen aus werbestrategischen Gründen mit „Düsseldorf-Weeze“ angeben, obwohl Düsseldorf etwa 70 km entfernt liegt). Inzwischen ist der Flughafen auch Homebase für einige Ryanair-Maschinen, das heißt sie bleiben über Nacht auf dem Flughafengelände stehen.

Wer aber gedacht hat, der Flughafen Niederrhein sei nur der überschaubare Terminal, der hat sich geirrt. Ringsherum liegen große Flächen Gewerbegebiet und Ausgleichsfläche (letztere soll als eine Art Pufferzone dem Eingriff des Flughafens in die Natur entgegen wirken). Es wird eine Solaranlage gebaut, die über den Bedarf des Flughafens hinaus Strom produzieren wird. In einem anderen Bereich stehen Bienenstöcke. Neben den notwendigen Verwaltungsbüros des Flughafens haben sich Firmen auf dem Gebiet niedergelassen außerdem gibt es ein Trainingszentrum für Polizei und Rettungskräfte, auf dem Häuser zum Einsturz gebracht oder angezündet werden können, um Katastrophen zu simulieren, und Veranstaltungsorte für Großevents wie das Musikfestival Q-Base.
All das ist in den letzten Jahren entstanden. Die Geschichte des Flughafens geht aber noch viel weiter zurück. Der Terminal wurde 1936 in Bremerhaven gebaut und diente dort als Werkstatt für U-Boote. Man kann das Alter des Gebäudes daran erkennen, dass die Konstruktion genietet ist. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Halle abgebaut und nach Weeze gebracht, wo ein Militärflughafen der Royal Air Force entstand. Bis in die 90er Jahre wurden hier britische Soldaten stationiert, die im Falle eines Angriffs aus dem Osten sofort hätte reagieren können.
Einer der Soldaten, der damals nach Weeze kam, ist Hal Palmer, der heute noch dort arbeitet, und uns über den historischen Teil des Flughafens führt. Er erzählt, dass die Briten immer gerne nach Deutschland kamen, weil sie hier weniger Steuern zahlen gemusst und mehr Sold bekommen hätten. Das erste, was die meisten getan hätten, sei gewesen, ein Auto zu kaufen.
Der Militärflughafen war auf alle Eventualitäten vorbereitet. Noch heute kann man die Hangars sehen, in denen die Tornado-Flugzeuge abgestellt waren. Vier Flugzeuge waren jederzeit einsatzbereit und hätten innerhalb von sieben Minuten in der Luft sein können – beladen mit je zwei Atombomben. Zum Einsatz ist es zum Glück nicht gekommen.
Für den Fall eines Angriffs gab es einen ABC-Bunker (zum Schutz gegen Atom-, Bio- und Chemiewaffen) für die Techniker der Flugzeugelektronik. Die Decke und die Wände sind mehrere Meter dick, inklusive Pufferzone, und die Türen sind sehr schwer zu öffnen, schließlich sollten keine tödlichen Strahlen oder Gase nach innen gelangen. Soldaten, die von draußen hereinkamen, mussten erst durch eine Dekontaminierungszone gehen und ihre Schutzkleidung ablegen. Der Bunker ist mit allem ausgestattet (Luftfilter, Wasserspeicher etc.), um eine Woche darin zu überleben. Man ging damals davon aus, dass es nach einem solchen Angriff nach einer Woche auf die eine oder andere Art auf jeden Fall geendet hätte. Die Menschen in dem Bunker hätten also nur eine Woche länger gelebt als die anderen. Alle Geräte funktionieren noch, aber auch hier ist der Ernstfall nie eingetreten. Sowohl der Abflug der Tornados als auch das Verhalten im Bunker wurde regelmäßig geprobt.
Übrigens erzählt Hal Palmer, dass ein Geist den ABC-Bunker bewohnt (was wäre schon ein britischer Militärflughafen ohne Geist?). Hermann ist der Geist eines deutschen Soldaten aus dem zweiten Weltkrieg, dessen eigentlicher Wohnbunker zugeschüttet wurde. Er musste umziehen. Allerdings zeigt es sich uns nicht.
Das Leben der britischen Soldaten in Weeze bestand aber nicht nur aus militärischen Übungen. In den Jahren des Militärflughafens entstand auf dem Gelände eine kleine Gemeinde. Die Soldaten wurden meist für drei Jahre verpflichtet und konnten ihre Familien mitbringen. Sie wohnten auf dem Flughafengelände und den Städten in der Umgebung, die Kinder gingen auf eine englische Grundschule. Es gab drei Kirchen (eine anglikanische, eine katholische und eine schottische), eine englische und eine deutsche Post und ein Kino. Der Flughafen hatte sogar eine eigene Polizeiwache mit vier Zellen.
Heute sind die ehemaligen Soldatenwohnungen von Osteuropäern bewohnt, die jeden Tag in die Niederlande zum arbeiten fahren. So schließt sich der Kreis.

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