Dienstag, 20. August 2013

Ye'll take the high road and I'll take the low road (Schottland Tag 2)



Die Nacht war länger als die davor (was nicht weiter schwierig ist), wurde aber um halb 8 völlig unnötig und viel zu früh beendet – durch den Feueralarm. Da ich ja bei Feueralarm immer ein kleiner Angsthase bin, bin ich, nachdem der Alarm das zweite Mal erklang, aus dem Bett gesprungen (Wer braucht schon Leitern?) und habe mich im Gang umgesehen. Niemand zu sehen (zum Glück auch kein Rauch). Im Aufenthaltsraum war ein anderer Gast, der meinte, wir sollten vielleicht mal unten nachfragen, was los sei. Ich bin stattdessen wieder in mein Bett gekrochen und lag bis 8 Uhr wach, weil ich beim kleinsten Anzeichen des Feuers bereit sein wollte, wieder aus dem Bett zu springen.
Als wir etwas später zum Frühstück herunter kamen, drängte sich uns der Verdacht auf, dass der Feueralarm durch die Toaster ausgelöst worden war. Es hing ein leichter Rauchschleier über dem Frühstücksbuffet und beim Toast konnte man zwischen den Stufen „angewärmt“ und „schwarz“ wählen. Dazwischen ging nichts. Der Frühstücksraum war auch sehr voll, aber Hannah und ich hatten Glück und konnten den Tisch unserer Dozentinnen übernehmen.

Um 10 Uhr traf sich eine kleine Gruppe von uns, um Arthur’s Seat hochzukraxeln. Von da oben hat man eine gute Aussicht über Edinburgh. Mit leichter Verspätung ging es los. Auf den Weg zum Berg haben wir uns noch mit ein bisschen Proviant eingedeckt. Wir kamen am schottischen Parlament vorbei, das Hannah und ich gestern schon vom Bus aus gesehen hatten. Schön sieht es nicht aus. Es ist ein modernes Gebäude, das mit rostbraunen Stangen verziert ist. Ein bisschen wirkt es, als habe jemand eine Packung riesengroßer Salzstangen darüber fallen lassen. Was noch ganz nett ist, ist die Mauer des Komplexes, an der Zitate verschiedener Schotten stehen.
Hinter dem Parlamentsgebäude begann unsere Wanderung. Wir haben den einfachsten Weg gewählt und es ging zuerst auch ziemlich gut. Es war ein netter Kiespfad, der leicht anstieg, aber wir kamen gut voran und konnten Fotos machen. Wir kamen an einem kleinen See (oder besser Teich) vorbei, auf dem eine Möwe schwamm und scherzten, das wäre jetzt Loch Ness und wir hätten Nessie gefunden. 
Irgendwann wurde es aber anstrengender. Der Weg wurde steiler. Die Steine bildeten zwar eine Art Treppe, aber alle waren unterschiedlich hoch und dementsprechend kamen wir ganz schön ins Schwitzen. Schließlich kamen wir auf einer Grasfläche an und dachten, wir hätten es geschafft. C. zeigte uns allerdings einen weiteren Gipfel, den wir noch erreichen mussten. Wir haben erst mal die Aussicht im Vorgarten von Arthur’s Seat genossen und die Steinbilder der Menschen vor uns bewundert. Manche hatten ihre Namen mit Steinen gelegt, aber auch andere Muster waren zu sehen. Und natürlich, wie sollte es auch anders sein, hatte jemand einen Phallus gelegt… Allerdings gab es auch ein Herz und Hannah und ich haben versucht, uns als I und U daneben zu legen. Weil ich mich bei U ziemlich dumm anstellte, durfte ich das I sein und Hannah versuchte sich am U. Hinterher haben wir uns überlegt, dass die die Buchstaben lieber im Stehen hätten bilden sollen, denn im Liegen wurde das Foto, das B. von uns machte, nicht so gut.
Das letzte Stück nach ganz oben war noch mal anstrengend, vor allem, weil der Weg sehr eng und steil war. Ich musste immer genau aufpassen, wo ich meine Füße hinstelle. Aber ich habe es unverletzt nach oben geschafft (ich vermute, dass die blauen Flecken, die ich am nächsten Tag an meinen Knien gefunden haben, zumindest zum Teil von meinem Sprung aus dem Hochbett stammten) und es hat sich wirklich gelohnt. Die Aussicht war super. Wir hatten Glück mit dem Wetter und konnten bis zum Meer gucken. In der Innenstadt sieht man das Meer sonst nicht, aber man hört und sieht ständig Möwen. Das ist schon verrückt. Jedenfalls haben wir das Meer gesehen und in luftigen Höhen Sandwiches gegessen. Es flogen auch einige Raben rum und weil ich inzwischen angefangen habe, „Game of Thrones“ zu sehen, musste ich direkt daran denken.
Nach dem Picknick und einigen Fotos („Versuch möglichst wenig andere Leute und die Vögel draufzukriegen.“) stiegen wir wieder herunter. Ich war die langsamste und während sie warteten, versuchte sich die Gruppe an einem eigenen Steinbild. Ein menschlicher Umriss, im Stil von Kreidezeichnungen an Tatorten und ein… na ja, ihr könnt es euch denken.
Auf dem Rückweg gingen wir einen anderen Weg und kamen an einer Kirchenruine vorbei. Abgesehen von den alten Steinen konnten wir auch die verschiedenen Färbungen der Gräser bewundern. Leider kommen die Farben auf den Fotos, die ich gemacht habe nicht so gut rüber, wie sie in Wirklichkeit waren.
Unten angekommen waren wir alle geschafft und haben eine Pause im Café des Hollyrood Castles gemacht. Ich hatte einen sehr leckeren Scone mit frischen Erdbeeren. Super lecker!
Etwas ausgeruht haben sich einige von uns danach noch die 2013 World Press Photo Exhibition im Parlament angesehen. Das Pressefoto dieses Jahres (Beerdigung zweier Kinder im Gaza-Streifen) kannte ich schon, aber es war interessant, das mal in groß zu sehen. Die Fotos waren sehr unterschiedlich – ja, ich weiß, der Preis wird in verschiedenen Kategorien verteilt, aber trotzdem fand ich, dass das eine bunte Mischung war. Ich hatte nicht damit gerechnet, so viele Tierfotos zu sehen. Am besten hat mir ein Foto eines Mädchens mit Albinismus gefallen. Das Mädchen hat ein weißes Kleid an und steht vor einer weißen Wand. Eine Haarsträhne liegt über ihren Augen. Diese verschiedenen Weißtöne haben mich irgendwie fasziniert. Aber klar, das Foto aus dem Gaza-Streifen geht da (politisch) schon tiefer. Ein Foto zeigte einen spanischen Stierkämpfer, der nach einem Stierangriff ein Auge verloren hat und ich glaube auch noch weitere Verletzungen davon getragen hat, aber trotzdem wieder in die Arena gegangen ist. Manche Menschen spinnen.
Als wir wieder ins Hostel kamen, habe ich als allererstes geduscht. Die Dusche war furchtbar. Wer beim Zähneputzen in unserem Winz-Bad noch keine Platzangst bekommen hat, bekam die spätestens bei der Dusche. Die Enge war aber nicht das Einzige, was einen veranlasste, den Duschgang so kurz wie möglich zu gestalten. Im Gegensatz zu normalen Duschen hatte diese keinen Drehknöpfe oder einen Hebel, um das Wasser zu kontrollieren, sondern einen Automaten, an dem man angeblich die Wärme regulieren konnte. Tatsache war jedoch, dass, sobald man den Start-Knopf gedrückt hatte, zuerst kaltes Wasser aus der Dusche kam, das nur allmählich warm wurde. Gemein war, dass auch wenn man das Wasser nur kurz ausgestellt hatte und die Reste des erwärmtes Wasser kurz aus dem Duschkopf kamen, sich das Wasser trotzdem erst wieder abkühlte, bevor es warm wurde. Aber ich da Mitte August mein Boiler kaputt war und ich eine Woche kaltes Wasser hatte, war ich an kaltes Duschen gewöhnt.

Abends waren wir bei der Lesung von Nicci French auf dem Book Festival. Hannah und ich waren viel zu früh auf dem Gelände. Weil wir nicht wussten, wie lange wir zu dem Gelände brauchen würden und uns vorher noch ein Abendessen holen wollten, waren wir sehr zeitig aufgebrochen. Blöderweise regnete es auch noch etwas. Aber wir waren wetterfest ausgestattet (Hannah hatte mir ein Regencape mitgebracht) und haben unter einem Sonnenschirm unseren Fish/ Burger and Chips gegessen und die anderen Leute auf dem Festival beobachtet.
Ich hatte mir das Book Festival größer vorgestellt, aber der Platz war recht überschaubar. Und während das Fringe Festival laut, bunt und verrückt ist, wirkte das Book Festival fast langweilig. Vermutlich lag das auch daran, dass beim Buchfestival das meiste drinnen stattfand, während man beim Fringe auch viel draußen gesehen hat. Überhaupt ist das Fringe größer, wir sind an allen Ecken darüber gestolpert. Obwohl wir auch einige Familien und Schulklassen in all den Tagen gesehen haben, schien das Book Festival-Publikum im Schnitt auch älter zu sein als das des Fringe. Aber vielleicht waren wir auch einfach bei den falschen Veranstaltungen.
Nicci French ist ein Ehepaar, das gemeinsam Thriller schreibt. Der Name setzt sich aus ihrem Vor- und seinem Nachnamen zusammen. Beide schreiben auch unter ihren eigenen Namen. Momentan schreiben sie an ihrer Reihe über Frieda Klein. Ich habe nur Blue Monday gelesen, das erste Buch, es gibt aber schon drei. Geplant sind acht. Ich fand das Buch okay, es hat mich nicht richtig mitgerissen, erst beim Ende hatte ich einen Schock und fand es irgendwie unbefriedigend. Aber, so habe ich bei der Veranstaltung erfahren, es gibt in der Buchreihe zwei Spannungsbögen. Der eine bezieht sich auf das Buch selbst, der andere ist buchübergreifend. Da wäre es schon interessant, den zweiten Band zu lesen und zu gucken, welche Rolle das Schock-Ende des ersten Buchs noch spielen wird.
Das Gespräch zwischen der Moderatorin und den beiden Autoren drehte sich überwiegend um die Protagonistin, die „a detective of humanity“ ist und ganz unfreiwillig in die Polizeiarbeit reingerissen wird. Sie ist keine Expertin was die Ermittlungsarbeit betrifft (sie ist Psychologin), sollte aber auch keine Miss Marple werden, die zuhause sitzt und strickt und auf einmal eine neue Leiche entdeckt. Frieda versucht die Welt auszuschließen, schafft es aber nicht. Im ersten Band fällt ein Mann wortwörtlich in ihr Leben (er bricht durch die Decke ein – was ich beim Lesen extrem merkwürdig fand, aber wenn man sich die Dusche und das klapprige Fenster in unserem Hostel anguckt, erscheint die Vorstellung, dass jemand durch die Decke einbricht gar nicht so abstrus). Frieda ist für die Autoren interessant, weil sie erarbeiten wollen, wie sich ein Charakter über die Zeit verändert, wenn er aus seiner gewohnten Umgebung gerissen wird.
Gegen Ende durften die Zuschauer Fragen stellen. Die drehten sich überwiegend um das Schreiben. Die beiden sitzen nicht zusammen, wenn sie schreiben, sondern schreiben an getrennten Orten, schicken sich ihre Kapitel per Mail und editieren gegenseitig die Texte. Bevor sie zu diesem Punkt kommen, entwickeln sie aber im Gespräch eine Idee und die Charaktere. Sie sagen nie, wer welchen Teil geschrieben hat, weil sie fürchten, das würde das Buch auseinanderreißen. Als Einzelpersonen haben sie auch einen eigenen Schreibstil.
Auf die Frage, ob ihre Manuskripte durch die Zusammenarbeit nicht mehr durch den Verlag editiert werden müssten, sagten sie, dass ihre Manuskripte vermutlich sauberer sind als die anderer Schriftsteller, aber der Prozess des Editierens wäre sehr wichtig und würde auch bei ihnen stattfinden.

Nach der Veranstaltung wollten Hannah, Michael, Sabrina und ich zum Fringe. Wir hatten gelesen, dass Michael Mittermeier kommen sollte und fanden das lustig. Als wir am Veranstaltungsort ankamen, wurde uns allerdings gesagt, dass Mittermeier seine gesamte Teilnahme abgesagt hat. Die Fringe-Mitarbeiterin vermutete, dass er in Deutschland ein besseres Angebot bekommen habe. Das fanden wir alle ziemlich ätzend.
Etwas desorientiert standen wir vor dem Theater und überlegten, was wir stattdessen machen sollten. Wir waren noch zu keinem Ergebnis gekommen, als wir angesprochen wurden, ob wir Tickets für die Show, die um 21 Uhr anfangen würde (in fünf Minuten). Die Frage hat uns etwas überrumpelt, weil wir gar nicht wussten, wer auftreten würde und überhaupt. Aber der Typ meinte, er würde uns die Karten schenken und da haben wir sie angenommen. Ich war etwas misstrauisch und fragte mich, vermutlich inspiriert durch Nicci French, ob der Mann so arglose Opfer in eine Falle locken würde, aber die anderen hatten keine Bedenken und wir gingen rein. Ein Blick auf die Karten verriet uns, dass wir Jason Byrne sehen würden.
Die Show begann. Es ertönte komische Musik, die Mitarbeiterinnen der Venue hüpften völlig überdreht rum und klatschten mit, während das Publikum abwartete (ich dachte mir nur „Ach du Schande!“). Dann erschien Jason Bryce auf der Bühne – er kam auf einem Hüpfball herein gehüpft und animierte Männer (er holte nur Männer auf die Bühne) aus dem Publikum mit zu machen. Es folgte viel Fäkalhumor – ich sage nur: bestimmte Körperteile in Joghurt; Pralinenflecken, die für etwas anderes gehalten werden und sechs-jährige Jungen, denen es in ihrem Anzug zu warm ist… Außerdem gab es einen Running Gag über einen Jungen, der seine Schwester haut und von seiner Mutter durch das Fenster Prügel angedroht bekommt. Zuerst spielt die Szene in einem britischen Setting: Die Mutter pocht durch die Jalousien an die Fensterscheibe und macht wütende Handbewegungen. Dafür hielt der Komiker eine Jalousie vor sein Gesicht und streckte die Hand durch die Lamellen. Das Gleiche machte er im Laufe des Abends mit einer geblümten Gardine (Italien), einer Saloontür (USA), einen Tipi (auch USA) und einem Iglu (Inuit). Irgendwann hatte der Witz sich totgelaufen. Vorher hatte Byrne mal gesagt, dass seine Mutter immer endlos auf einer Sache herumreiten könne. Ich würde sagen, er hat das von ihr geerbt bzw. gelernt.
Es war nicht so, dass ich mich nicht amüsiert hatte (erstaunlich, wie manche Sachen trotzdem immer ziehen). Aber ich glaube, wenn ich die Karte hätte kaufen müssen, wäre ich ein bisschen enttäuscht gewesen, dafür 17 Pfund ausgegeben zu haben.
Auf dem Weg nach Hause kamen wir an einer Kirche vorbei, die auch eine Fringe-Bühne war. Dort konnte man sich eine Burlesque-Show ansehen. Oder hätte man ansehen können, wenn man groß genug gewesen wäre. Ich habe fast nichts gesehen und stattdessen die Fenster begutachtet. Aber das, was ich von der Show gesehen habe, hat mich zu der Überlegung gebracht, dass die Auftraggeber der Kirche beim Anblick der Tänzerin vermutlich im Grab rotiert wären oder die Decke hätten einstürzen lassen (die Erbauer der Kirche hätten sich vermutlich an dem Anblick erfreut). Ich finde es ja gut, wenn Kirchen, die keine Gemeinde mehr beherbergen für kulturelle Zwecke genutzt werden (besser als sie abzureißen), aber irgendwie fand ich die Tänzerin fehl am Platz. Diese Erkenntnis hat mich selber etwas überrascht. Aber ich hätte ernsthaft ein Gothic-Konzert passender gefunden als diese spärlichst bekleidete Tänzerin. Wir sind aber auch nicht so lange geblieben, weil nach der Tänzerin ein Gesangsduo auftrat und uns die Musik nicht gefiel.
Vor der Kirche bekamen wir dann noch eine weitere kleine Show geboten. Ein ziemlich betrunkener junger Mann rempelte mich erst an, taumelte dann über den Gehweg und ließ zu guter Letzt seine Pizza, von der er kein Stück gegessen hatte, auf den Bürgersteig fallen. Die Security vor der Kirche schien not amused und wir haben auch nicht gewartet, bis er sich noch daneben erbrochen hat.

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