Die Nacht war länger als die
davor (was nicht weiter schwierig ist), wurde aber um halb 8 völlig unnötig und
viel zu früh beendet – durch den Feueralarm. Da ich ja bei Feueralarm immer ein
kleiner Angsthase bin, bin ich, nachdem der Alarm das zweite Mal erklang, aus
dem Bett gesprungen (Wer braucht schon Leitern?) und habe mich im Gang
umgesehen. Niemand zu sehen (zum Glück auch kein Rauch). Im Aufenthaltsraum war
ein anderer Gast, der meinte, wir sollten vielleicht mal unten nachfragen, was
los sei. Ich bin stattdessen wieder in mein Bett gekrochen und lag bis 8 Uhr
wach, weil ich beim kleinsten Anzeichen des Feuers bereit sein wollte, wieder
aus dem Bett zu springen.
Als wir etwas später zum
Frühstück herunter kamen, drängte sich uns der Verdacht auf, dass der
Feueralarm durch die Toaster ausgelöst worden war. Es hing ein leichter
Rauchschleier über dem Frühstücksbuffet und beim Toast konnte man zwischen den
Stufen „angewärmt“ und „schwarz“ wählen. Dazwischen ging nichts. Der
Frühstücksraum war auch sehr voll, aber Hannah und ich hatten Glück und konnten
den Tisch unserer Dozentinnen übernehmen.
Um 10 Uhr traf sich eine
kleine Gruppe von uns, um Arthur’s Seat hochzukraxeln. Von da oben hat man eine
gute Aussicht über Edinburgh. Mit leichter Verspätung ging es los. Auf den Weg
zum Berg haben wir uns noch mit ein bisschen Proviant eingedeckt. Wir kamen am
schottischen Parlament vorbei, das Hannah und ich gestern schon vom Bus aus
gesehen hatten. Schön sieht es nicht aus. Es ist ein modernes Gebäude, das mit
rostbraunen Stangen verziert ist. Ein bisschen wirkt es, als habe jemand eine
Packung riesengroßer Salzstangen darüber fallen lassen. Was noch ganz nett ist,
ist die Mauer des Komplexes, an der Zitate verschiedener Schotten stehen.
Hinter dem Parlamentsgebäude
begann unsere Wanderung. Wir haben den einfachsten Weg gewählt und es ging
zuerst auch ziemlich gut. Es war ein netter Kiespfad, der leicht anstieg, aber
wir kamen gut voran und konnten Fotos machen. Wir kamen an einem kleinen See (oder
besser Teich) vorbei, auf dem eine Möwe schwamm und scherzten, das wäre jetzt
Loch Ness und wir hätten Nessie gefunden.
Irgendwann wurde es aber
anstrengender. Der Weg wurde steiler. Die Steine bildeten zwar eine Art Treppe,
aber alle waren unterschiedlich hoch und dementsprechend kamen wir ganz schön
ins Schwitzen. Schließlich kamen wir auf einer Grasfläche an und dachten, wir
hätten es geschafft. C. zeigte uns allerdings einen weiteren Gipfel, den
wir noch erreichen mussten. Wir haben erst mal die Aussicht im Vorgarten von
Arthur’s Seat genossen und die Steinbilder der Menschen vor uns bewundert.
Manche hatten ihre Namen mit Steinen gelegt, aber auch andere Muster waren zu
sehen. Und natürlich, wie sollte es auch anders sein, hatte jemand einen Phallus
gelegt… Allerdings gab es auch ein Herz und Hannah und ich haben versucht, uns
als I und U daneben zu legen. Weil ich mich bei U ziemlich dumm anstellte,
durfte ich das I sein und Hannah versuchte sich am U. Hinterher haben wir uns
überlegt, dass die die Buchstaben lieber im Stehen hätten bilden sollen, denn
im Liegen wurde das Foto, das B. von uns machte, nicht so gut.
Das letzte Stück nach ganz
oben war noch mal anstrengend, vor allem, weil der Weg sehr eng und steil war.
Ich musste immer genau aufpassen, wo ich meine Füße hinstelle. Aber ich habe es
unverletzt nach oben geschafft (ich vermute, dass die blauen Flecken, die ich am
nächsten Tag an meinen Knien gefunden haben, zumindest zum Teil von meinem
Sprung aus dem Hochbett stammten) und es hat sich wirklich gelohnt. Die
Aussicht war super. Wir hatten Glück mit dem Wetter und konnten bis zum Meer
gucken. In der Innenstadt sieht man das Meer sonst nicht, aber man hört und sieht
ständig Möwen. Das ist schon verrückt. Jedenfalls haben wir das Meer gesehen
und in luftigen Höhen Sandwiches gegessen. Es flogen auch einige Raben rum und
weil ich inzwischen angefangen habe, „Game of Thrones“ zu sehen, musste ich
direkt daran denken.
Nach dem Picknick und einigen
Fotos („Versuch möglichst wenig andere Leute und die Vögel draufzukriegen.“)
stiegen wir wieder herunter. Ich war die langsamste und während sie warteten,
versuchte sich die Gruppe an einem eigenen Steinbild. Ein menschlicher Umriss,
im Stil von Kreidezeichnungen an Tatorten und ein… na ja, ihr könnt es euch
denken.
Unten angekommen waren wir
alle geschafft und haben eine Pause im Café des Hollyrood Castles gemacht. Ich
hatte einen sehr leckeren Scone mit frischen Erdbeeren. Super lecker!
Etwas ausgeruht haben sich
einige von uns danach noch die 2013 World Press Photo Exhibition im Parlament
angesehen. Das Pressefoto dieses Jahres (Beerdigung zweier Kinder im
Gaza-Streifen) kannte ich schon, aber es war interessant, das mal in groß zu
sehen. Die Fotos waren sehr unterschiedlich – ja, ich weiß, der Preis wird in
verschiedenen Kategorien verteilt, aber trotzdem fand ich, dass das eine bunte
Mischung war. Ich hatte nicht damit gerechnet, so viele Tierfotos zu sehen. Am
besten hat mir ein Foto eines Mädchens mit Albinismus gefallen. Das Mädchen hat
ein weißes Kleid an und steht vor einer weißen Wand. Eine Haarsträhne liegt
über ihren Augen. Diese verschiedenen Weißtöne haben mich irgendwie fasziniert.
Aber klar, das Foto aus dem Gaza-Streifen geht da (politisch) schon tiefer. Ein
Foto zeigte einen spanischen Stierkämpfer, der nach einem Stierangriff ein Auge
verloren hat und ich glaube auch noch weitere Verletzungen davon getragen hat,
aber trotzdem wieder in die Arena gegangen ist. Manche Menschen spinnen.
Als wir wieder ins Hostel
kamen, habe ich als allererstes geduscht. Die Dusche war furchtbar. Wer beim
Zähneputzen in unserem Winz-Bad noch keine Platzangst bekommen hat, bekam die
spätestens bei der Dusche. Die Enge war aber nicht das Einzige, was einen veranlasste,
den Duschgang so kurz wie möglich zu gestalten. Im Gegensatz zu normalen
Duschen hatte diese keinen Drehknöpfe oder einen Hebel, um das Wasser zu
kontrollieren, sondern einen Automaten, an dem man angeblich die Wärme
regulieren konnte. Tatsache war jedoch, dass, sobald man den Start-Knopf
gedrückt hatte, zuerst kaltes Wasser aus der Dusche kam, das nur allmählich
warm wurde. Gemein war, dass auch wenn man das Wasser nur kurz ausgestellt
hatte und die Reste des erwärmtes Wasser kurz aus dem Duschkopf kamen, sich das
Wasser trotzdem erst wieder abkühlte, bevor es warm wurde. Aber ich da Mitte
August mein Boiler kaputt war und ich eine Woche kaltes Wasser hatte, war ich
an kaltes Duschen gewöhnt.
Abends waren wir bei der
Lesung von Nicci French auf dem Book Festival. Hannah und ich waren viel zu
früh auf dem Gelände. Weil wir nicht wussten, wie lange wir zu dem Gelände
brauchen würden und uns vorher noch ein Abendessen holen wollten, waren wir
sehr zeitig aufgebrochen. Blöderweise regnete es auch noch etwas. Aber wir
waren wetterfest ausgestattet (Hannah hatte mir ein Regencape mitgebracht) und
haben unter einem Sonnenschirm unseren Fish/ Burger and Chips gegessen und die
anderen Leute auf dem Festival beobachtet.
Ich hatte mir das Book
Festival größer vorgestellt, aber der Platz war recht überschaubar. Und während
das Fringe Festival laut, bunt und verrückt ist, wirkte das Book Festival fast
langweilig. Vermutlich lag das auch daran, dass beim Buchfestival das meiste
drinnen stattfand, während man beim Fringe auch viel draußen gesehen hat.
Überhaupt ist das Fringe größer, wir sind an allen Ecken darüber gestolpert.
Obwohl wir auch einige Familien und Schulklassen in all den Tagen gesehen
haben, schien das Book Festival-Publikum im Schnitt auch älter zu sein als das
des Fringe. Aber vielleicht waren wir auch einfach bei den falschen
Veranstaltungen.
Nicci French ist ein Ehepaar,
das gemeinsam Thriller schreibt. Der Name setzt sich aus ihrem Vor- und seinem
Nachnamen zusammen. Beide schreiben auch unter ihren eigenen Namen. Momentan
schreiben sie an ihrer Reihe über Frieda Klein. Ich habe nur Blue Monday gelesen, das erste Buch, es
gibt aber schon drei. Geplant sind acht. Ich fand das Buch okay, es hat mich
nicht richtig mitgerissen, erst beim Ende hatte ich einen Schock und fand es
irgendwie unbefriedigend. Aber, so habe ich bei der Veranstaltung erfahren, es
gibt in der Buchreihe zwei Spannungsbögen. Der eine bezieht sich auf das Buch
selbst, der andere ist buchübergreifend. Da wäre es schon interessant, den zweiten
Band zu lesen und zu gucken, welche Rolle das Schock-Ende des ersten Buchs noch
spielen wird.
Das Gespräch zwischen der
Moderatorin und den beiden Autoren drehte sich überwiegend um die
Protagonistin, die „a detective of humanity“ ist und ganz unfreiwillig in die
Polizeiarbeit reingerissen wird. Sie ist keine Expertin was die
Ermittlungsarbeit betrifft (sie ist Psychologin), sollte aber auch keine Miss
Marple werden, die zuhause sitzt und strickt und auf einmal eine neue Leiche
entdeckt. Frieda versucht die Welt auszuschließen, schafft es aber nicht. Im
ersten Band fällt ein Mann wortwörtlich in ihr Leben (er bricht durch die Decke
ein – was ich beim Lesen extrem merkwürdig fand, aber wenn man sich die Dusche
und das klapprige Fenster in unserem Hostel anguckt, erscheint die Vorstellung,
dass jemand durch die Decke einbricht gar nicht so abstrus). Frieda ist für die
Autoren interessant, weil sie erarbeiten wollen, wie sich ein Charakter über
die Zeit verändert, wenn er aus seiner gewohnten Umgebung gerissen wird.
Gegen Ende durften die
Zuschauer Fragen stellen. Die drehten sich überwiegend um das Schreiben. Die
beiden sitzen nicht zusammen, wenn sie schreiben, sondern schreiben an
getrennten Orten, schicken sich ihre Kapitel per Mail und editieren gegenseitig
die Texte. Bevor sie zu diesem Punkt kommen, entwickeln sie aber im Gespräch
eine Idee und die Charaktere. Sie sagen nie, wer welchen Teil geschrieben hat,
weil sie fürchten, das würde das Buch auseinanderreißen. Als Einzelpersonen
haben sie auch einen eigenen Schreibstil.
Auf die Frage, ob ihre
Manuskripte durch die Zusammenarbeit nicht mehr durch den Verlag editiert
werden müssten, sagten sie, dass ihre Manuskripte vermutlich sauberer sind als
die anderer Schriftsteller, aber der Prozess des Editierens wäre sehr wichtig
und würde auch bei ihnen stattfinden.
Nach der Veranstaltung wollten
Hannah, Michael, Sabrina und ich zum Fringe. Wir hatten gelesen, dass Michael
Mittermeier kommen sollte und fanden das lustig. Als wir am Veranstaltungsort
ankamen, wurde uns allerdings gesagt, dass Mittermeier seine gesamte Teilnahme
abgesagt hat. Die Fringe-Mitarbeiterin vermutete, dass er in Deutschland ein
besseres Angebot bekommen habe. Das fanden wir alle ziemlich ätzend.
Etwas desorientiert standen
wir vor dem Theater und überlegten, was wir stattdessen machen sollten. Wir
waren noch zu keinem Ergebnis gekommen, als wir angesprochen wurden, ob wir
Tickets für die Show, die um 21 Uhr anfangen würde (in fünf Minuten). Die Frage
hat uns etwas überrumpelt, weil wir gar nicht wussten, wer auftreten würde und
überhaupt. Aber der Typ meinte, er würde uns die Karten schenken und da haben
wir sie angenommen. Ich war etwas misstrauisch und fragte mich, vermutlich
inspiriert durch Nicci French, ob der Mann so arglose Opfer in eine Falle
locken würde, aber die anderen hatten keine Bedenken und wir gingen rein. Ein
Blick auf die Karten verriet uns, dass wir Jason Byrne sehen würden.
Die Show begann. Es ertönte
komische Musik, die Mitarbeiterinnen der Venue hüpften völlig überdreht rum und
klatschten mit, während das Publikum abwartete (ich dachte mir nur „Ach du
Schande!“). Dann erschien Jason Bryce auf der Bühne – er kam auf einem Hüpfball
herein gehüpft und animierte Männer (er holte nur Männer auf die Bühne) aus dem
Publikum mit zu machen. Es folgte viel Fäkalhumor – ich sage nur: bestimmte
Körperteile in Joghurt; Pralinenflecken, die für etwas anderes gehalten werden
und sechs-jährige Jungen, denen es in ihrem Anzug zu warm ist… Außerdem gab es
einen Running Gag über einen Jungen, der seine Schwester haut und von seiner
Mutter durch das Fenster Prügel angedroht bekommt. Zuerst spielt die Szene in
einem britischen Setting: Die Mutter pocht durch die Jalousien an die
Fensterscheibe und macht wütende Handbewegungen. Dafür hielt der Komiker eine
Jalousie vor sein Gesicht und streckte die Hand durch die Lamellen. Das Gleiche
machte er im Laufe des Abends mit einer geblümten Gardine (Italien), einer
Saloontür (USA), einen Tipi (auch USA) und einem Iglu (Inuit). Irgendwann hatte
der Witz sich totgelaufen. Vorher hatte Byrne mal gesagt, dass seine Mutter
immer endlos auf einer Sache herumreiten könne. Ich würde sagen, er hat das von
ihr geerbt bzw. gelernt.
Es war nicht so, dass ich mich
nicht amüsiert hatte (erstaunlich, wie manche Sachen trotzdem immer ziehen).
Aber ich glaube, wenn ich die Karte hätte kaufen müssen, wäre ich ein bisschen
enttäuscht gewesen, dafür 17 Pfund ausgegeben zu haben.
Auf dem Weg nach Hause kamen
wir an einer Kirche vorbei, die auch eine Fringe-Bühne war. Dort konnte man
sich eine Burlesque-Show ansehen. Oder hätte man ansehen können, wenn man groß
genug gewesen wäre. Ich habe fast nichts gesehen und stattdessen die Fenster
begutachtet. Aber das, was ich von der Show gesehen habe, hat mich zu der
Überlegung gebracht, dass die Auftraggeber der Kirche beim Anblick der Tänzerin
vermutlich im Grab rotiert wären oder die Decke hätten einstürzen lassen (die
Erbauer der Kirche hätten sich vermutlich an dem Anblick erfreut). Ich finde es
ja gut, wenn Kirchen, die keine Gemeinde mehr beherbergen für kulturelle Zwecke
genutzt werden (besser als sie abzureißen), aber irgendwie fand ich die
Tänzerin fehl am Platz. Diese Erkenntnis hat mich selber etwas überrascht. Aber
ich hätte ernsthaft ein Gothic-Konzert passender gefunden als diese spärlichst
bekleidete Tänzerin. Wir sind aber auch nicht so lange geblieben, weil nach der
Tänzerin ein Gesangsduo auftrat und uns die Musik nicht gefiel.
Vor der Kirche bekamen wir
dann noch eine weitere kleine Show geboten. Ein ziemlich betrunkener junger
Mann rempelte mich erst an, taumelte dann über den Gehweg und ließ zu guter
Letzt seine Pizza, von der er kein Stück gegessen hatte, auf den Bürgersteig
fallen. Die Security vor der Kirche schien not amused und wir haben auch nicht
gewartet, bis er sich noch daneben erbrochen hat.
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