Freitag, 23. August 2013

Flower of Scotland (Schottland Tag 5)



Unser letzter Tag. Wir mussten um 10 aus dem Hostel auschecken. Für Hannah und mich hieß das, nochmal unsere Schließfächer für unsere Koffer mieten, aber das ist besser, als sie den ganzen Tag dabei zu haben.
Beim Frühstück haben wir noch ein paar Leute aus unserer Gruppe getroffen, aber während die meisten sich beeilen mussten, konnten wir uns noch etwas Zeit lassen (na ja, so viel Zeit auch wieder nicht, denn wir mussten ja unsere Zimmer räumen und die Koffer waren noch nicht komplett gepackt).
Castle Rock
Für den letzten Tag hatten wir uns das Castle aufgehoben. Laut Reiseführer sollte man zwei bis drei Stunden dafür einplanen. Beim Frühstück wurden wir gewarnt, dass es langweilig sei, zumindest bei Nebel, weil man dann nichts sähe, und Möbel oder so etwas gäbe es nicht. Wir sind trotzdem gegangen und haben uns danach nichts vorgenommen außer: nochmal auf der Royal Mile gucken, Briefmarken kaufen, Tesco und irgendwo Mittag essen.

Wir kamen recht früh am Castle an, was man daran erkennen konnte, dass die Schlange an der Kasse das Absperrungslabyrinth gerade mal zur Hälfte füllte, wenn überhaupt. Leider bekamen wir keinen Studentenrabatt und 16 £ fand ich ziemlich viel, aber ich wollte das Castle ja gerne besichtigen. All die Tage vorher habe ich es auf dem Berg mitten in der Stadt thronen sehen und war neugierig.
Castle mit Sitzreihen für das Military Tattoo

Auf einen Audio-Guide verzichteten wir, aber gerade als wir das Häuschen mit dem Audio-Guide-Verleih hinter uns gelassen hatten, pries ein Mann im Kilt kostenlose Führungen an. Ich war etwas misstrauisch, weil ich mir dachte, dass er am Ende sicher Trinkgeld haben wollen würde, aber um das schon mal vorwegzunehmen, das wollte er nicht. Hannah und ich beschlossen, bei der Führung mitzumachen. Es waren recht viele Deutsche bei der Führung dabei, sodass der Burgführer schon wissen wollte, ob überhaupt noch jemand in Deutschland wäre. Da hätte einer von uns antworten sollen: „No, this is an invasion, we’re taking over the castle!“ Hat aber keiner. Stattdessen erfuhren wir, wie das Castle einmal mit nur wenigen Männern eingenommen wurde, nachdem die Engländer es in ihren Besitz genommen hatten. Ich weiß nur nicht mehr, wer das war. Außerdem haben wir gelernt, dass jeder schottische König, der dachte, er könne mal eben England angreifen, hoffnungslos gescheitert ist.
Das älteste Gebäude auf dem Castle Rock ist eine Kapelle aus dem 12. Jahrhundert, die für Queen Margaret, die Mutter von King David I. und die heilige Margareta von Schottland (hey, mal eine Heilige, die nicht als Jungfrau gestorben ist), gebaut wurde. Nach der Führung war ich drin. Die Kapelle ist sehr klein (ja, damals baute man noch keine riesigen Kathedralen), es wurde nicht dadurch besser, das mit mir gefühlte 30 Leute drin waren, und recht schmucklos. Sie hat fünf Buntglasfenster, die aber mit Sicherheit nicht aus dem 12. Jahrhundert sind.
Zurück zur Castleführung: Es gab immer wieder lustige Frage-und-Antwort-Runden. Meistens wurde nach Königen gefragt. Und meistens nannten die Leute englische Könige. Unser Fremdenführer muss innerlich verzweifelt sein. Aber es wurde auch literarisches Wissen abgefragt. Er wollte wissen, wie Macbeth endet und kritisierte, dass Shakespeare eine Hollywood-Version aus der Geschichte gemacht habe, weil bei ihm McDuff und nicht Malcom Macbeth tötet.
Er erzählte uns auch noch etwas über die schottischen Kronjuwelen und den Stone of Scone, der Krönungsstein. Lange Geschichte kurz erzählt: Auf diesem Stein wurden die schottischen Könige gekrönt, bis die Engländer ihn mit nach Westminster geschleppt haben. Dort wurden dann die englischen Könige auf ihm gekrönt und erst seit 1996 ist der Stein wieder in Edinburgh. Amüsant finde ich, dass in den 1950er Jahren zwei Studenten versucht haben, den Stein aus London zu „retten“ und zurück nach Schottland zu bringen. Ich kannte die Geschichte schon aus dem Great Britain Survey an der Uni, aber solche Geschichten höre ich immer wieder gerne. Gesehen habe ich den Stein aber nicht, weil die Schlange vor dem Gebäude mit Stein und schottischen Kronjuwelen einfach viel zu lang war.
Auf dem Gelände der Burg steht auch das Scottish National War Memorial. Das ist ziemlich riesig. Zuerst dachte ich, verursacht durch eine vorrübergehende rechts-links-Schwäche, das Denkmal wäre die Kapelle, von der der Burgführer sprach, weil das Denkmal eine Apsis hat. Das Denkmal ist ein Gebäude mit Bögen und Säulen und eben einer Apsis, das mich auch von innen an eine Kirche erinnert hat. Teilweise gab es religiös angehauchte Bilder, kombiniert mit militärischen Symbolen. Ein Relief von einer Frau (mit Schleier), die eine andere Person tröstete, erinnerte mich an eine Pietà. Das Denkmal wurde nach dem Ersten Weltkrieg in Gedenken an die in diesem Krieg gefallenen schottischen Soldaten gebaut. Es liegen dicke Bücher aus, in denen die Namen der Gefallenen aus beiden Weltkriegen und auch neueren Kriegen wie dem Irak-Krieg eingetragen wurden. Ich fand das Ganze doch ein bisschen größenwahnsinnig.
Viel mehr nach meinem Geschmack war ein Reenactment in der Großen Halle. Zwei Frauen demonstrierten, was Frauen zu Queen Margarets Zeiten getragen haben. Die eine hat die andere angezogen und jeweils erklärt, was das für ein Kleidungsstück ist. Als Hannah und ich in die Halle kamen, hatte es gerade angefangen und die Frau trug ein weißes Unterkleid. Sie zog ein weiteres Kleid mit Schnürung hinten, ein Überkleid mit Schnürung vorne, extra Ärmel, eine Art kleine Jacke ohne Ärmel, damit im Sommer die Haut nicht braun wurde… Sie zeigte uns einen Holzstab, der vorne ins Kleid eingenäht wurde, damit die Frau, wenn sie müde wurde, nicht zusammensacken konnte. Außerdem wollte sie dann irgendwann ihr Nachthäubchen gegen ein schmuckeres austauschen und meinte dann, dass verheiratete Frauen im Mittelalter ihre Haare nicht zeigten. Deswegen bat sie alle Männer im Raum, die Augen zu schließen und meinte direkt den einen Besuchern entdeckt zu haben, der blinzeln würde. Mit eben diesem flirtete sie dann aber auch als, als sie uns die Sprache der Fächer erklärte.
Zum Schluss holten die beiden Frauen noch ein kleines Mädchen nach vorne, das als Zofe anfangen sollte. Sie fragten das Mädchen nach seinem Alter und als es antwortete, es sei neun, wurde die begleitende Oma gefragt, ob der Vater für die Kleine denn schon einen Ehemann gesucht habe, denn mit zwölf sollte das ja über die Bühne gegangen sein. Als die Oma das verneinte, versprachen sie, dass Queen Margaret sich dann darum kümmern und das Mädchen auch finanziell bei der Suche nach einem Ehemann unterstützen würde. Dann ließen das Mädchen einen Knicks vor machen und übten, so lange in der Position zu verharren, bis die Königin vorbei geschritten war.
Ein geheimes Tor?
 Nach der Vorstellung sind wir noch ein bisschen auf dem Castle Rock herum gelaufen und haben von den Mauern auf die Stadt herunter gesehen, aber leider war die Burg total überlaufen. Als ich mich an einer Stelle an ein Treppengeländer quetschen mussten, weil einige Besucher sich unbedingt die Treppe hochdrängeln mussten, die ich herunter gehen wollte, obwohl auf dem Gang kein Platz mehr war, sind meine Weintrauben, die ich in einem Becher in meiner Seitentasche vom Rucksack hatte, rausgefallen und haben sich über den Boden verteilt. Wunderbar. Zum Glück war es draußen. Wir haben den Rückweg angetreten und haben noch kurz im Souvenirladen halt gemacht. Ich habe ausgiebig geguckt und Hannah hat davor gesessen und gelesen.
Aussicht vom Castle


Wir sind zurück in Richtung Hostel gegangen und haben auf dem Weg noch Proviant für später eingekauft. Dann haben wir geguckt, wo wir zu Mittag essen könnten und waren wenig entscheidungsfreudig. Wir hatten eigentlich überlegt, uns eine Ofenkartoffel zu holen, aber kamen wir bei einer Pizzeria vorbei, die sehr gut aussah und stellten fest, dass wir bis zu dem Kartoffel-Laden noch ein ganzes Stück würden laufen müssen und entschieden uns spontan für die Pizzeria. Ich habe ein Mittagsmenu gewählt und hatte eine super leckere Vorspeise: gegrillter Ziegenkäse auf Brot mit Tomaten und Rucola. Der Hauptgang war okay. Hannahs war besser, aber sie hatte auch etwas außerhalb des Menus. Auf den Nachtisch mussten wir dann verzichten, weil wir schon etwas spät dran waren.
Im Hostel mussten wir unsere Einkäufe noch in die Koffer quetschen. Das stellte uns nicht nur vor eine Herausforderung, weil unsere Koffer schon recht voll waren, sondern auch, weil der Locker Room nicht besonders viel Platz für Pack-Aktionen bietet und außerdem ein Spanisch sprechender Mitarbeiter einen Sack voller benutzter Bettwäsche durch den Raum schleppen musste. Es gab irgendein Missverständnis, ein anderer Mitarbeiter versuchte ihm auf Spanisch etwas klar zu machen und ich musste direkt an Manuel aus Fawlty Towers denken.
Dann machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Ein letzter Blick auf die Stadt durch die Fenster des Busses.  Am Flughafen stellten wir uns auf eine lange Wartezeit ein und bummelten gemütlich zum Gate. Aber kaum saßen wir im Wartebereich, ging das Boarding auch schon los. Wir hatten gar nicht gerechnet, so schnell einsteigen zu können und gehörten dann zu den letzten, die an Board kamen.
In Amsterdam hatten wir auch einen weiten Weg zum Gate, der aber überwiegend aus Laufbändern bestand. Ganz königlich haben wir dann im vorbei Fahren den Reisenden an den anderen Gates gewunken. An unserem Gate trafen wir wieder die Kommilitonin vom Hinflug. Sie wurde in Düsseldorf von ihren Eltern abgeholt, die uns dann netterweise auch noch nach Hause gebracht haben.

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