Unser letzter Tag. Wir mussten
um 10 aus dem Hostel auschecken. Für Hannah und mich hieß das, nochmal unsere
Schließfächer für unsere Koffer mieten, aber das ist besser, als sie den ganzen
Tag dabei zu haben.
Beim Frühstück haben wir noch
ein paar Leute aus unserer Gruppe getroffen, aber während die meisten sich
beeilen mussten, konnten wir uns noch etwas Zeit lassen (na ja, so viel Zeit
auch wieder nicht, denn wir mussten ja unsere Zimmer räumen und die Koffer
waren noch nicht komplett gepackt).
| Castle Rock |
Für den letzten Tag hatten wir
uns das Castle aufgehoben. Laut Reiseführer sollte man zwei bis drei Stunden
dafür einplanen. Beim Frühstück wurden wir gewarnt, dass es langweilig sei,
zumindest bei Nebel, weil man dann nichts sähe, und Möbel oder so etwas gäbe es
nicht. Wir sind trotzdem gegangen und haben uns danach nichts vorgenommen außer:
nochmal auf der Royal Mile gucken, Briefmarken kaufen, Tesco und irgendwo
Mittag essen.
Wir kamen recht früh am Castle
an, was man daran erkennen konnte, dass die Schlange an der Kasse das
Absperrungslabyrinth gerade mal zur Hälfte füllte, wenn überhaupt. Leider
bekamen wir keinen Studentenrabatt und 16 £ fand ich ziemlich viel, aber ich
wollte das Castle ja gerne besichtigen. All die Tage vorher habe ich es auf dem
Berg mitten in der Stadt thronen sehen und war neugierig.
| Castle mit Sitzreihen für das Military Tattoo |
Auf einen Audio-Guide verzichteten
wir, aber gerade als wir das Häuschen mit dem Audio-Guide-Verleih hinter uns
gelassen hatten, pries ein Mann im Kilt kostenlose Führungen an. Ich war etwas
misstrauisch, weil ich mir dachte, dass er am Ende sicher Trinkgeld haben
wollen würde, aber um das schon mal vorwegzunehmen, das wollte er nicht. Hannah
und ich beschlossen, bei der Führung mitzumachen. Es waren recht viele Deutsche
bei der Führung dabei, sodass der Burgführer schon wissen wollte, ob überhaupt
noch jemand in Deutschland wäre. Da hätte einer von uns antworten sollen: „No,
this is an invasion, we’re taking over the castle!“ Hat aber keiner.
Stattdessen erfuhren wir, wie das Castle einmal mit nur wenigen Männern
eingenommen wurde, nachdem die Engländer es in ihren Besitz genommen hatten.
Ich weiß nur nicht mehr, wer das war. Außerdem haben wir gelernt, dass jeder
schottische König, der dachte, er könne mal eben England angreifen,
hoffnungslos gescheitert ist.
Das älteste Gebäude auf dem
Castle Rock ist eine Kapelle aus dem 12. Jahrhundert, die für Queen Margaret,
die Mutter von King David I. und die heilige Margareta von Schottland (hey, mal
eine Heilige, die nicht als Jungfrau gestorben ist), gebaut wurde. Nach der
Führung war ich drin. Die Kapelle ist sehr klein (ja, damals baute man noch
keine riesigen Kathedralen), es wurde nicht dadurch besser, das mit mir
gefühlte 30 Leute drin waren, und recht schmucklos. Sie hat fünf
Buntglasfenster, die aber mit Sicherheit nicht aus dem 12. Jahrhundert sind.
Zurück zur Castleführung: Es
gab immer wieder lustige Frage-und-Antwort-Runden. Meistens wurde nach Königen
gefragt. Und meistens nannten die Leute englische Könige. Unser Fremdenführer
muss innerlich verzweifelt sein. Aber es wurde auch literarisches Wissen
abgefragt. Er wollte wissen, wie Macbeth
endet und kritisierte, dass Shakespeare eine Hollywood-Version aus der
Geschichte gemacht habe, weil bei ihm McDuff und nicht Malcom Macbeth tötet.
Er erzählte uns auch noch
etwas über die schottischen Kronjuwelen und den Stone of Scone, der Krönungsstein.
Lange Geschichte kurz erzählt: Auf diesem Stein wurden die schottischen Könige
gekrönt, bis die Engländer ihn mit nach Westminster geschleppt haben. Dort
wurden dann die englischen Könige auf ihm gekrönt und erst seit 1996 ist der
Stein wieder in Edinburgh. Amüsant finde ich, dass in den 1950er Jahren zwei
Studenten versucht haben, den Stein aus London zu „retten“ und zurück nach
Schottland zu bringen. Ich kannte die Geschichte schon aus dem Great Britain
Survey an der Uni, aber solche Geschichten höre ich immer wieder gerne. Gesehen
habe ich den Stein aber nicht, weil die Schlange vor dem Gebäude mit Stein und
schottischen Kronjuwelen einfach viel zu lang war.
Auf dem Gelände der Burg steht
auch das Scottish National War Memorial. Das ist ziemlich riesig. Zuerst dachte
ich, verursacht durch eine vorrübergehende rechts-links-Schwäche, das Denkmal
wäre die Kapelle, von der der Burgführer sprach, weil das Denkmal eine Apsis
hat. Das Denkmal ist ein Gebäude mit Bögen und Säulen und eben einer Apsis, das
mich auch von innen an eine Kirche erinnert hat. Teilweise gab es religiös
angehauchte Bilder, kombiniert mit militärischen Symbolen. Ein Relief von einer
Frau (mit Schleier), die eine andere Person tröstete, erinnerte mich an eine
Pietà. Das Denkmal wurde nach dem Ersten Weltkrieg in Gedenken an die in diesem
Krieg gefallenen schottischen Soldaten gebaut. Es liegen dicke Bücher aus, in
denen die Namen der Gefallenen aus beiden Weltkriegen und auch neueren Kriegen
wie dem Irak-Krieg eingetragen wurden. Ich fand das Ganze doch ein bisschen
größenwahnsinnig.
Zum Schluss holten die beiden
Frauen noch ein kleines Mädchen nach vorne, das als Zofe anfangen sollte. Sie
fragten das Mädchen nach seinem Alter und als es antwortete, es sei neun, wurde
die begleitende Oma gefragt, ob der Vater für die Kleine denn schon einen
Ehemann gesucht habe, denn mit zwölf sollte das ja über die Bühne gegangen sein.
Als die Oma das verneinte, versprachen sie, dass Queen Margaret sich dann darum
kümmern und das Mädchen auch finanziell bei der Suche nach einem Ehemann
unterstützen würde. Dann ließen das Mädchen einen Knicks vor machen und übten,
so lange in der Position zu verharren, bis die Königin vorbei geschritten war.
| Ein geheimes Tor? |
Nach der Vorstellung sind wir noch ein
bisschen auf dem Castle Rock herum gelaufen und haben von den Mauern auf die
Stadt herunter gesehen, aber leider war die Burg total überlaufen. Als ich mich
an einer Stelle an ein Treppengeländer quetschen mussten, weil einige Besucher
sich unbedingt die Treppe hochdrängeln mussten, die ich herunter gehen wollte,
obwohl auf dem Gang kein Platz mehr war, sind meine Weintrauben, die ich in
einem Becher in meiner Seitentasche vom Rucksack hatte, rausgefallen und haben
sich über den Boden verteilt. Wunderbar. Zum Glück war es draußen. Wir haben
den Rückweg angetreten und haben noch kurz im Souvenirladen halt gemacht. Ich
habe ausgiebig geguckt und Hannah hat davor gesessen und gelesen.
| Aussicht vom Castle |
Wir sind zurück in Richtung
Hostel gegangen und haben auf dem Weg noch Proviant für später eingekauft. Dann
haben wir geguckt, wo wir zu Mittag essen könnten und waren wenig
entscheidungsfreudig. Wir hatten eigentlich überlegt, uns eine Ofenkartoffel zu
holen, aber kamen wir bei einer Pizzeria vorbei, die sehr gut aussah und
stellten fest, dass wir bis zu dem Kartoffel-Laden noch ein ganzes Stück würden
laufen müssen und entschieden uns spontan für die Pizzeria. Ich habe ein
Mittagsmenu gewählt und hatte eine super leckere Vorspeise: gegrillter
Ziegenkäse auf Brot mit Tomaten und Rucola. Der Hauptgang war okay. Hannahs war
besser, aber sie hatte auch etwas außerhalb des Menus. Auf den Nachtisch
mussten wir dann verzichten, weil wir schon etwas spät dran waren.
Im Hostel mussten wir unsere
Einkäufe noch in die Koffer quetschen. Das stellte uns nicht nur vor eine
Herausforderung, weil unsere Koffer schon recht voll waren, sondern auch, weil
der Locker Room nicht besonders viel Platz für Pack-Aktionen bietet und
außerdem ein Spanisch sprechender Mitarbeiter einen Sack voller benutzter
Bettwäsche durch den Raum schleppen musste. Es gab irgendein Missverständnis,
ein anderer Mitarbeiter versuchte ihm auf Spanisch etwas klar zu machen und ich
musste direkt an Manuel aus Fawlty Towers denken.
Dann machten wir uns auf den
Weg zum Flughafen. Ein letzter Blick auf die Stadt durch die Fenster des
Busses. Am Flughafen stellten wir uns auf eine lange
Wartezeit ein und bummelten gemütlich zum Gate. Aber kaum saßen wir im Wartebereich,
ging das Boarding auch schon los. Wir hatten gar nicht gerechnet, so schnell
einsteigen zu können und gehörten dann zu den letzten, die an Board kamen.
In Amsterdam hatten wir auch
einen weiten Weg zum Gate, der aber überwiegend aus Laufbändern bestand. Ganz
königlich haben wir dann im vorbei Fahren den Reisenden an den anderen Gates
gewunken. An unserem Gate trafen wir wieder die Kommilitonin vom Hinflug. Sie
wurde in Düsseldorf von ihren Eltern abgeholt, die uns dann netterweise auch
noch nach Hause gebracht haben.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen