Samstag, 21. September 2013

Klassentreffen

In gefühlt jeder (amerikanischen) Serie kommt es irgendwann zu einem Klassentreffen. In der Regel bedeutet das für den/ die ProtagonistIn puren Stress: Outfit, Aufeinandertreffen mit dem/ der Ex und vor allem der Vergleich mit den ehemaligen Klassenkameraden. Wer hat den besseren Partner, Beruf, Figur, Kinder, Haus, Auto - kurz das perfektere Leben. Das Ganze endete dann in Minderwertigkeitskomplexen des/ der ProtagonistIn.
Ich habe mir immer gedacht, dass die Charaktere nicht so anstellen sollen. Als Zuschauerin der Serie konnte ich ja sehen, dass sie mit ihrem Leben mehr oder weniger zufrieden sind und es trotz aller Schwierigkeiten zu dem geschafft haben, was sie sind. Warum sollte man etwas auf die Meinungen derjenigen geben, die man schon zu seiner Schulzeit nicht mochte? Denn natürlich vergleichen die sich immer mit der Oberzicke, die Cheerleaderin war und jetzt eine gute Partie gemacht und entzückende Kinder hat.

Letzte Woche hatte ich dann mein erstes Kurstreffen (also nicht mit der ganzen Stufe) nach dem Abi. Schon zur Schulzeit haben wir uns dreimal im Garten unserer Deutsch-LK-Lehrerin getroffen. Warum also nicht? Von über zwanzig Leuten kamen acht. Was soll's? Es war ein schöner Abend. Wir haben gegrillt und uns ausgetauscht, was wir jetzt machen, wer studiert, wer schon arbeitet, wo wir wohnen... Also alles easy, oder?
Gestern hat mich eine Freundin, die bei dem Treffen ebenfalls dabei war, angesprochen, ob wir unserer Heimatstadt gegenüber vielleicht etwas zu hart waren. Es war beim Treffen die Frage aufgekommen, ob wir es uns vorstellen könnten, zurück in die Heimat zu ziehen, eine Kleinstadt, die sich umso kleiner anfühlt, wenn man erst einmal in einer größeren gewohnt hat. Die Antwort bei den meisten war ein klares Nein. Bloß nicht wieder in das Kaff, in dem es außer Schützenfest und Karnevalsverein nichts gibt. Allerdings war es so, dass zwei der Anwesenden noch in eben diesem Ort leben, nachdem sie eine Ausbildung absolviert haben und in dem Beruf jetzt auch schon arbeiten.

Und jetzt die Frage: Haben wir die beiden indirekt angegriffen, weil wir uns so negativ über unsere Heimatstadt geäußert haben? Haben wir den Eindruck erweckt, dass wir sie mit ihrer Ausbildung und ihrer Entscheidung, nicht wegzuziehen, nicht für voll nehmen oder haben wir ihnen gar zu verstehen gegeben, dass wir denken, sie hätten im Leben bisher nichts erreicht? Ich hätte gesagt nein, denn die beiden wirkten sehr zufrieden mit ihrem Beruf und ihrer Lebenssituation. Beide sagten, sie könnten es sich nicht vorstellen, jetzt noch zu studieren.
Andrerseits klang es schon etwas defensiv, als die eine in der Runde über ihre Ausbildung sprach, nachdem wir alle von Studium erzählt haben. Sie versuchte auch erst, sich davor zu drücken, etwas zu sagen.Ich weiß natürlich nicht, ob es daran lag, dass sie nicht sagen wollte, was sie macht, oder ob das noch was anderes war.

Es ist schon traurig, dass wir schon so kurz nach dem Abi darauf bedacht sind, welches Prestige unser (zukünftiger) Beruf hat und ob man das vor seinen ehemaligen Mitschülern präsentieren kann. Solange man selber mit seinem Lebensweg zufrieden ist, müsste das doch einem reichen. Oder nicht? Was sollte uns die Meinung von jemand interessieren, den wir vielleicht mal alle paar Jahre treffen?
Trotzdem merke ich, dass ich selber nicht frei davon bin. Mein Abi ist gerade so lange her, dass man, rein theoretisch, mit seinem Studium fertig sein könnte. Die Frage, die ich am häufigsten von Leuten, die ich längere Zeit nicht mehr gesehen habe, seien es nun ehemalige LehrerInnen, MitschülerInnen oder Bekannte meiner Eltern, höre ist: "Du müsstest mit deinem Studium ja auch fast fertig sein, oder?" Das bin ich aber nicht. Ich stecke mitten in meinen Examensprüfungen, aber bis ich fertig bin, dauert das noch ein bisschen. Ein paar Freundinnen von mir gehen jetzt bald ins Referendariat, aber ich brauche noch eine Weile. Also antworte ich: "Joa, nicht wirklich. Aaaaaber ich habe ja auch drei Fächer. Und ich möchte nochmal ins Ausland." und fühle mich dabei leicht schuldig, dass ich mein Studium nicht in der Regelstudienzeit beendet habe.
Aber warum eigentlich? Die einzigen, vor denen ich mich rechtfertigen müsste, bin ich selber und meine Eltern. Außerdem fragen die Leute mich auch eher aus Interesse und nicht, weil sie nachhalten möchten, wie fleißig ich im Studium bin. Trotzdem möchte ich nicht den Anschein erwecken, dass ich meine Studienzeit verbummele. Während einige meiner Mitschüler schon einen "Erwachsenen"-Beruf ausüben, verbringe ich meine Zeit in Seminarräumen, in denen teilweise Hierarchien wie ein einer Schulklasse herrschen und mache KommilitonInnen sich auch so verhalten, als seien sie noch in der 8. Klasse. Ich kann meine Zeit freier einteilen und teilweise länger schlafen, habe allerdings auch keine richtigen Wochenenden, weil ein Stapel Bücher mich immer daran erinnert, was noch zu tun ist. Dass die Semesterferien keine Ferien sind, sondern eine vorlesungsfreie Zeit, in der Hausarbeiten geschrieben und Prüfungen abgelegt werden müssen und wie die uns an unsere Grenzen treiben können, weiß kaum jemand, der nicht da drin steckt. Aber ich möchte mein Studium nicht missen. Nicht nur, weil mich die Ausbildungsberufe nicht sonderlich interessiert haben, sondern weil ich es genieße, mich da noch ein bisschen "austoben" zu können.

Wir sollten wirklich selbstbewusster mit unseren Entscheidungen umgehen. Schließlich kennen wir selber uns am besten. Aber mittlerweile verstehe ich, wieso Klassentreffen Stress bedeuten können. Und dabei haben wir die Kiste mit den PartnerInnen gar nicht erst aufgemacht...

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