Montag, 30. September 2013

Erebor ohne Smaug (Jordanien Tag 7)




Normalerweise schreibe ich immer im Bus, aber heute sind wir nur ganz kurz mit dem Bus vom Hotel nach Petra und wieder zurück gefahren. Deswegen ist dieser Eintrag überwiegend aus dem Rückblick geschrieben. Zwischendurch habe ich mir ein paar Notizen gemacht.

7:15 Uhr
Zu früh! Aber wir wollen nach Petra und wollen vor den ganzen anderen Touristen da sein.

Rückblick:
Ich hatte mich auf Petra am meisten gefreut (eigentlich war Petra der Hauptgrund, aus dem ich mich entschieden hatte, mitzukommen) und ich bin nicht enttäuscht worden, auch wenn ich mir Manches anders vorgestellt habe.
Petra war das Reich der Nabatäer. Diese hauten aus dem Sandsteingebirge Tempel und Grabmäler. Sie selbst lebten aber nicht in den Höhlen, sondern in Zelten, weil sie nomadische Stämme waren. Sie kontrollierten wichtige Handelsrouten und gerade weil sie keinen festen Wohnsitz hatten, wurde sie lange nicht von den Römern erobert. 106 n. Chr. haben die Römer es dann doch geschafft und haben mit verschiedenen Gebäuden ihre Spuren hinterlassen (damit hatte ich z.B. nicht gerechnet).
Heute ist Petra eine Geisterstadt – wenn man von Geisterstadt sprechen kann, wenn jeden Tag eine Welle von Touristen die Stadt überflutet und man Reitern und Kutschen aus dem Weg springen muss, wenn die bequemeren Touris sich transportieren lassen. Zuerst muss man nämlich durch eine lange Schlucht laufen. Fall jemand von euch Indiana Jones und der letzte Kreuzzug gesehen hat – am Ende sieht man Petra und auch die Schlucht. Nachdem man eine Weile zwischen den hohen Felswänden lang gelaufen ist, kann man einen ersten Blick auf Petra werfen. Die Schlucht führt direkt zu der sogenannten Schatzkammer und je weiter man geht, desto mehr sieht man von dieser Fassade.
Erebor... ähm... Al-Khazneh
Ich wollte die Stadt unbedingt sehen, weil ich Fotos von der Schatzkammerfassade gesehen hatte und fand, dass sie fast so aussieht wie das Hauptportal des Zwergenreichs im Erebor (aus dem Hobbit-Film). Nachdem ich es in echt gesehen habe, finde ich die Ähnlichkeit nicht mehr so stark. Erebor ist schöner – ach was, man kann das nicht vergleichen. Schließlich ist „Der Hobbit“ ein Film, in dem alles etwas größer sein muss.
Haha, ich habe gerade nochmal das Prospekt durchgelesen und über das Schatzhaus steht da: „Angesichtes der schieren Riesenhaftigkeit der 30m breiten und 43m hohen Fassade, kommen sich die meisten Betrachter wie Zwerge vor.“ Pun intended?
Aber vermutlich war das Schatzhaus (oder Al-Khazneh, wie es auch genannt wird und was fast schon wieder wie Khazad-dûm (Moria) klingt – ist Mittelerde vielleicht doch im Nahen Osten?) doch keine Schatzkammer sondern ebenfalls eine Grabhöhle. Eigentlich hat sie drei Etagen, aber die dritte Etage ist mittlerweile unter dem Boden (also sozusagen ein Kellerraum). Auf der Fassade sind fünf Adler zu sehen, von denen einer nach unten sieht, um dem Toten seinen Respekt zu erweisen. In der arabischen Kultur blicken Adler wohl meistens noch oben, wenn ich Ahmad richtig verstanden habe. Rechts und links wird das Grab von Raubtieren beschützt. In der dritten Etage sieht man Reliefs, u.a. von Isis und Nici, sowie eine Urne (die ist in der Mitte). Die Urne kann sowohl mit Tod als auch mit Schätzen verbunden werden, deswegen wurde eine Zeit lang vermutet, dass es sich um eine Schatzkammer handelt. In der zweiten Etage (bzw. der ersten) sind zwei Krieger zu sehen, der im Westen repräsentiert den Tod, der im Osten das Leben. Auch wenn die Fassade nicht so aussieht, wie Thráins Königreich, hat sie mir trotzdem gefallen.
Den größten Teil des Vormittags nahm die Wanderung zum Opferplatz und darüber hinaus ein. Der Aufstieg war furchtbar. Es hieß, es wären 400-500 Stufen nach oben, aber ich hatte das Gefühl, dass es mehr waren. Die Stufen waren natürlich nicht gleichmäßig und teilweise weit auseinander, so dass es vermutlich nur so wirkte, als ob es mehr wären. Bei manchen Stufen wusste ich auch nicht, ob ich sie als Stufe oder als flacher Stein definieren sollte. Es war einfach anstrengend und mein Knöchel meldete sich wieder. Als wir oben angekommen waren, konnte ich zwar Daniela anspringen (sie wurde fotografiert und wir standen im Weg, aber sie meinte, wir könnten ruhig mit drauf), aber ein falscher Tritt und mein Knöchel rief: „Hey, sei vorsichtig, ich bin doch gerade erst umgeknickt!“ (Vermutlich bin ich bei dem Sprung einfach wieder gut gelandet und es hätte auch ganz anders enden können).
Sicht vom doch-nicht-Opferplatz nach unten
Als wir oben ankamen – zumindest dachte ich, dass es oben war – gehörte ich nicht zu den letzten, hatte also noch Zeit, zu Atem zu kommen. Kaum waren die letzten da, gingen die ersten weiter. So macht das Warten auch keinen Sinn, denn die letzten brauchten ja auch eine Pause…
In dem Moment wurde mir aber klar, dass die Fläche, auf der wir standen, noch nicht der Opferplatz war und ich war wieder kurz davor, aus Frust zu heulen. Da hatte ich so gekämpft, aber war immer noch nicht ans Ziel gekommen. Ich hätte auch nicht weiter gemusst. Die Sicht war schon von da atemberaubend.
Carina und Petra waren auf dem Weg nach oben aber gute Motivatorinnen. Petra bemühte sich zwar eigentlich um Karo, aber ich profitierte da auch von, in dem ich mich z.B. an ihre Pausenzeiten gehalten haben („Wir warten hier jetzt so lange, bis Tareg an diesem Stein ist.“).
Endgültig auf dem Opferplatz angekommen, konnten wir uns hinsetzen und Stefan hat sein Referat gehalten. Vorher habe ich mir folgenden Gedanken aufgeschrieben: „10:25 Uhr – Nach viel Gekraxel sind wir auf dem Opferplatz gelandet. Erste Frage, die sich mir stellt: Welcher Schwachkopf baut hier oben einen Opferplatz???“ Ich meine, irgendwie muss man den Kram, den man opfern will, ja nach da oben bringen. Das ist doch auch sehr mühsam.
Im Referat sagte Stefan, dass der Platz Dushara, dem höchsten Gott der Nabatäer, gewidmet gewesen war. Dummerweise war das eine Berggottheit, wobei es sich mir nicht ganz erschließt, warum der Opferplatz dann ganz oben sein musste. Das war doch kein Windgott. Weiter unten hätte es doch auch gereicht. Oder nicht?
Auf dem Weg vom Opferplatz runter hatte ich das Gefühl, dass die Gruppe mehr zusammen blieb als beim Aufstieg und der Tour gestern und ich hatte auch das Gefühl, dass es mehr Hilfe gab. Marco, Marijana, Tareg und Frodo haben wir alle zwischendurch mal die Hand angeboten. Runter fand ich auch einfacher als (vielleicht weil ein Ende in Sicht war). Trotzdem hatte ich zwischendurch einige negative Gedanken wie zum Beispiel:

  • Bringt meine Krankenversicherung/ Reiseversicherung eigentlich auch meine Leiche nach Hause?

  • Ich mache nie wieder eine Studienfahrt mit der Theologie.

  • Ich habe genug von diesem Laden und breche mein Theologie-Studium ab.

  • Jetzt weiß ich, wie Frodo (der von Tolkien, nicht unserer) und Sam sich auf den Stufen von Cirith Ungol gefühlt haben müssen – wobei, da war es Nacht und die Sonne schien nicht. Aber die Treppe war länger.

Die Idee von jemand anderem aus der Gruppe – ich weiß nicht mehr, wer es war – dass wir es jetzt wie Elija machen könnten und uns unter einem Strauch zum Sterben legen könnten (wir hatten im Gottesdienst am Tag vorher die Geschichte von Elija am Horeb (Anfang von 1 Kön 19) gehört), klang auch ganz verlockend…

Kurz vor der Mittagspause trennten sich Frau G. und die sieben Zwerge – äh, ich meine unermüdliche Wanderer – von uns, um den Jebel Haroun zu bezwingen und das Aarons Grab darauf zu besuchen. Wir anderen guckten uns noch die Mosaike einer Basilika an (linke Seite: 3 Bilder, rechts und links je zwei Vertreter einer Tierart, ganz wie bei Noah; rechte Seite: Frauen, die Jahreszeiten darstellen), bevor wir in die wohlverdiente Mittagspause um halb zwei gingen. Zum Mittagessen gab es mitgebrachtes Essen sowie Lunchpakete.
Nach der Pause konnten wir mit Ahmad zum Kloster auf einem der anderen Berge gehen, was einige auch machten. Klaus blieb mit uns Invaliden unten. Ich hatte kurz überlegt, ob ich mit zu m Kloster gehen sollte, aber ich fühlte mich nicht dazu in der Lage. Es sollten 800 Stufen nach oben sein, also fast doppelt so viele wie zum Opferplatz und auf dem Weg zum Mittagessen war ich kurz davor, meine Füße anzubrüllen, dass die gefälligst das tun sollen, was ich will. Ich bin so oft ungünstig auf Steine getreten, abgerutscht und leicht umgeknickt, dass es echt nicht mehr lustig war. Ich kann noch laufen, aber toll ist es nicht. Wahrscheinlich hätte ich die ganze Strecke nur geflucht. Allerdings haben die, die mitgegangen sind, mir später gesagt, dass der Weg zum Kloster viel angenehmer war als der zum Opferplatz, weil Ahmad regelmäßig gewartet hat und es trotz der Anzahl der Stufen besser zu laufen war.

Der Nachmittag mit Klaus war auch interessant. Wir sind ganz gemächlich zurückgegangen. Zuerst kamen wir an einem großen Gebäude vorbei, das als großer (römischer) Tempel bezeichnet wird. Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass es ein Palast war. Wozu braucht ein Tempel ein Theater? (Nachtrag: Gut, mittlerweile kann ich mir einen Bischof vorstellen, der sich ein Theater in eine Kirche baut…) Laura hat etwas zu dem Theater/ Palast an sich erzählt (u.a. das Bad gezeigt) und Klaus hat uns den Unterschied zwischen einem griechischen, eine römischen und einem ägyptischen Tempel erklärt. Der Griechische ist quadratisch, damit er umschritten werden kann. Der römische ist meist an einem Berg o.ä. gebaut und nur ein „halber griechischer“, weil die Römer der Meinung waren, dass die Götterstatue nur noch vorne gucken kann und deswegen in ihrem Rücken keinen schönen Tempel braucht. Der ägyptische fängt mit großen Säulen an, wird aber immer kleiner und enger, weil der Mensch sich vor dem Gott klein machen soll. In allen drei Kulturen war der Tempel das Haus Gottes.
Im Christentum hatten die Menschen dann aber die Idee, dass die ersten Kirchen ein Haus der Menschen sein sollte. Das Vorbild war deswegen nicht der Tempel sondern die römische Markthalle (Basilika), in der es ein Rednerpult für Rechtsprechung und Platz für die Zuhörer gab. Erst als das Christentum sich durchsetzte und die römischen/ griechischen Tempel abgerissen wurden, ohne das die jeweiligen Götter etwas dagegen taten, wurden auch Tempel als Vorbild für Kirchen genommen, weil das nicht mehr den Eindruck erwecken konnte, dass man die anderen Götter anerkennen würde.
Bunte Felsen
Nach dem römischen Teil von Petra gingen wir in eins der Königsgräber. Die Berge in Petra sind ganz besonders gemustert. Die Farben reichen von Rot, Beige, Gelb bis hin zu Schwarz und fast sowas wie Blau. Sie durchlaufen das Gestein, so dass es manchmal aussieht, als wäre es kein Stein sondern Holz. Wenn man von außen auf die Felsen guckt, sieht man das nicht immer, aber in den Höhlen oder wenn der Stein bearbeitet wurde, kommen die Farben zum Vorschein. Einfach unglaublich.
Entlang der Souvenir-Läden und durch die Schlucht gingen wir dann zurück zum Bus. Die Gruppe von Frau G. kam erst, als wir mit dem Abendessen fast fertig waren.

Gestern Nacht habe ich Mama eine Frust-SMS geschrieben und sie hat sogar versucht, mich anzurufen, um mich zu trösten, ist aber nicht durchgekommen. Als das mit dem Telefonieren nach Jordanien nicht klappte, hat Mama mir eine SMS geschickt und vorgeschlagen, dass ich einen Tag im Hotel bleiben sollte, aber das wäre ja auch doof. Ich wollte Petra ja unbedingt sehen und es hat sich auch wirklich gelohnt. Die Wanderung zum Opferplatz ausgeschlossen, hätte ich diesen Tag nicht missen wollen. Und obwohl ich heute Vormittag unzufrieden war, kann ich mittlerweile der Reise wieder die Beschreibung „ganz schön, aber anstrengend“ geben. Gestern wäre das Urteil nicht ganz so positiv ausgefallen.

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