Montag, 19. August 2013

Scotland the Brave (Schottland Tag 1)

Vom 19. bis 23. August habe ich an einer Exkursion unserer Uni zum International Bookfestival nach Edinburgh teilgenommen. Es war sehr schön. Ich glaube, ich habe eine neue Lieblingsstadt (und ich fürchte, das sage ich immer, wenn ich aus einer mir bisher unbekannten Stadt zurück komme). Ich habe viel gesehen und viel erlebt: Insgesamt neun Veranstaltungen auf zwei verschiedenen Festivals, viele Straßenkünstler, Möwen (ohne das Meer zu sehen), Dudelsackspieler (die jedes Mal, wenn ich an ihnen vorbei ging "Scotland the Brave" zu spielen schienen), Touristen, Kiltträger (wobei die wohl überwiegend Dudelsackspieler und Touristen waren) und und und...

Das war die Kurzfassung. Aber ich habe auch zu jedem einzelnen Tag einen Beitrag geschrieben. Hier kommt der Erste:

Der Tag fing viel zu früh an. Um 3.15 Uhr klingelte mein Wecker, um 3.45 Uhr holte Hannah mich ab, um zum Bahnhof zu fahren. Hochmotiviert hatten wir im Februar einen Flug um vierten nach sechs von Düsseldorf gebucht und dabei vergessen, dass wir keine 18 mehr sind und unseren Schönheitsschlaf brauchen.
Um 6.15 Uhr ging es also los nach Amsterdam (wir hatten einen Flug mit umsteigen). Beim Boarden trafen wir auf eine Kommilitonin, die in Amsterdam aber einen späteren Anschlussflug nach Edinburgh nahm. Unsere Umsteigezeit war allerdings auch sehr knapp bemessen, als wir beim Gate ankamen, standen schon alle in der Boarding-Schlange. Im Flugzeug habe ich es auch geschafft, meinen Tee zu verschütten. Ich weiß nicht, ob es ein kleiner Schwächeanfall oder ein Luftloch war, jedenfalls habe ich nicht nur mich, sondern auch Hannah mit heißem Tee begossen (weniger schön). Gegen 8.30 Uhr (Ortszeit) landeten wir in Edinburgh.

Mit dem Airlink-Bus kamen wir gut in die Innenstadt. Wir fanden auch das Hostel recht schnell, mussten dann aber feststellen, dass wir nicht morgens um 10 einchecken konnten (hätten wir uns auch denken können), aber immerhin konnten wir unser Gepäck unterstellen. Wir bekamen eine Karte, mit der man die Türen auf den Weg zum Locker Room öffnen konnte. Mit der Karte habe ich mich wie die Wächterin in einem Hochsicherheitsgefängnis gefühlt. Wir mussten die immer vor einen Scanner halten, dann piepte es und die Tür ließ sich öffnen. Allerdings kam man ohne Karte raus, das wäre etwas ungünstig in einem Gefängnis.
Nachdem wir unsere Koffer verstaut hatten (2 Pfund pro Schrank für 6 Stunden), haben wir beschlossen, eine Stadtrundfahrt mit einem der Hop on and off Busse zu machen. Die Fahrt war ganz okay, aber nicht vom Hocker reißend. Ich habe mich während der einen Stunde nicht gelangweilt, aber die Tour, die ich in Dublin in einem solchen Bus gemacht habe, fand ich besser. Besonders mit der Lautstärke-Einstellung hatte der Bus es nicht so, ich musste ganz oft auf dem Knopf drücken, um überhaupt etwas zu hören. Und dann hatten wir zwischendurch noch Regen und mussten uns auf das untere Deck des Busses verziehen. Was ich allerdings cool fand, war die „horrible stories“-Option. Ich habe eine Geschichte über Puppensärge auf Arthur’s Seat (leider vom Regen unterbrochen) und einem Theaterbrand gehört. Die Theaterbrand-Geschichte war so wie die Geschichte von dem Hirtenjungen, der immer Wolf ruft: Die Leute des Theaters (Bauarbeiter?) haben sich öfter einen Scherz erlaubt und Feuer gerufen und als es dann tatsächlich brannte, dachte der Feuerwehrmann, es wäre wieder nur ein falscher Alarm.
Scott Monument
Nach der Rundfahrt mussten wir aus dem Bus aussteigen, weil der einen technischen Fehler hatte. Wir wollten eigentlich nochmal in einen anderen steigen, und dann zwischendurch aussteigen und uns die Sehenswürdigkeiten aus der Nähe ansehen, aber da war so ein Gedränge und irgendwie haben wir uns entschieden, erst durch den Princes Street Garden zu gehen und landeten auf einem Platz, auf dem Straßenkünstler als Teil des Fringe Festivals (das Theaterfestival in Edinburgh) auftraten. Zuerst sahen wir einen Australier, Deadly Serious (Hochrad und Jonglieren), danach Miss Polly Hoops, die eine durchdringende Quietschstimme hatte (und ich mich gefragt habe, ob es ihre echte Stimme ist – ich beweifele es – und wenn sie es nicht ist, warum sie meint, in so hohen Stimmlagen zu piepsen) und mit Hula Hoop Reifen geturnt hat.
Kleinkünstler, die mit Fackeln jonglieren, während sie Hochrad fahren, auf einer Tonne balancieren oder auf einem Bein stehen, habe ich in den darauf folgenden Tagen immer wieder gesehen. Im Grunde stehen auch nicht die Kunststücke im Vordergrund, sondern das Gelaber um die Kunststücke. Miss Polly Hoops hat ganze zwei Sachen gezeigt, aber trotzdem eine halbe Stunde gefüllt, weil sie einfach ununterbrochen gequasselt hat. Das hat natürlich auch Spannung aufgebaut, da man sich gefragt hat, wann sie denn nun endlich die vier Reifen auf einem Bein stehend auf einem Podest in zwei Meter Höhe balancieren würde. Aber wie die Kunststücke wiederholten sich auch die Witze bei den verschiedenen Künstlern. Die Aussage „Thank you – both of you“, wenn der Applaus zu gering war, habe ich bei fast allen gehört. Und der Scherz „Wait, I’ll get it“, wenn eine Keule/ Fackel auf den Boden gefallen war und der Künstler gerade in einer Situation war, in der er sich definitiv nicht bücken und sie aufheben konnte, war auch beliebt. Zwei der Straßenkünstler, die ich gesehen, haben auch völlig richtig verstanden, dass die meisten Zuschauer nur da standen, weil sie sehen wollten, wie die Künstler auf die Nase fielen (was aber nie passiert ist).
Neben den Straßenkünstlern standen verschiedene Buden auf den Platz, an denen man Kleinigkeiten wie Schmuck, Hüte, Karikaturen von sich selber und Luftballontiere kaufen konnte. Außerdem gab es eine Vorverkaufsstelle für Tickets für Fringe-Veranstaltungen, wobei das Besondere war, dass man sie für den halben Preis kriegte. Dann liefen noch ganz viele Leute rum, die Flyer verteilten und für verschiedene Veranstaltungen warben. Hannah und ich haben später die ganzen Flyer sortiert und einen Teil weggeschmissen. Eigentlich hätten wir die mal sammeln sollen um zu gucken, wie hoch der Stapel am Ende unseres Aufenthalts sein würde.
Nach dem Mittagessen konnten wir endlich im Hostel einchecken. Allerdings gab es Probleme, weil das Mädchen an der Rezeption überfordert war und unsere Gruppenleiterin nicht im PC fand. Zum Glück kamen genau in dem Moment unsere Mitbewohner die Treppe runter und gaben uns eine ihrer Karten. Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können.
Wir haben uns im Zimmer eingerichtet und kurz Pause gemacht, bevor wir uns nochmal Straßenkünstler angesehen haben. Der letzte hatte sich eine außerordentlich begriffsstutzige Helferin aus dem Publikum gesucht. Sie wartete zum Beispiel mit dem Werfen der Keulen gar nicht, bis der Künstler gezählt hatte, sondern warf sie sofort, sie stand immer zu nah am Künstler (wenn er gefallen wäre, hätte er sie mit umgerissen) und sie hat den Witz mit „I’ll get it!“ nicht verstanden. Sie ist allen Ernstes einen Schritt zurück gegangen und hat erst reagiert, als der Künstler ganz verzweifelt schrie: „It’s a joke, lady!“ Zuerst hatte er noch gescherzt, sie sei doch viel zu gut für ihren Freund, aber im Laufe der Show, meinte er, die beiden würden doch gut zusammen passen.

Um 18.30 Uhr trafen wir uns mit der Gruppe (und kriegten unsere Schlüsselkarten), um kurz danach zur Literary Pub Tour aufzubrechen. Wir kamen vor dem Pub an, in dem die Tour los ging und hatten noch etwas Zeit, um etwas zu essen. Hannah und ich sind mit zwei anderen Mädels losgegangen, konnten uns aber nicht entscheiden und haben dann ein Baguette bzw. Crêpe an einem Frankreichstand  vor dem Pub gegessen.
Die Literary Pub Tour wurde von zwei Schauspielern geleitet, die unterschiedliche Postionen eingenommen haben. Der eine vertrat die eher konservative Einstellung, dass die Schriftsteller Genies seien, während der andere ihre menschlichen Seiten (vor allem das Trinken) in den Mittelpunkt rückte. Allerdings stellten sie sich nicht von Anfang an so vor, sondern taten so, als ob der Vertreter der Genie-Seite ein empörter Teilnehmer der Tour sei, der den Tourleiter verbessern wollte.


Wir waren insgesamt in vier Pubs. Es ging im Beehive Inn los, auch wenn Robert Burns, um den es in der Tour überwiegend ging, eher im Pub nebenan, The White Hart Inn, eingegangen ist. Nach der Entfaltung des Streits zwischen den beiden Parteien ging es weiter zu einem kleinen Pub namens Jolly Judge. Die Decke ist aus alten Schiffsbalken und mit Blüten bemalt. Über der Bar kleben Geldscheine an den Balken. Ich war nicht lange drin, weil ich nur gucken wollte und es dort so eng ist, dass wir uns nicht in den Pub setzen konnten.
Zu den Zeiten von Robert Burns wird der Pub übrigens nicht Jolly Judge geheißen haben, denn damals wurden Pub-Namen nach dem gleichen Schema gebildet: Lucky (was „Landlady“, also „Besitzerin“, heißt), der Vorname der Besitzerin und „huf“ („Haus“). 
Außerdem wurde uns erklärt, dass es früher ein Besen neben der Tür bedeutete, dass es in diesem Haus etwas zu trinken gab. Ohne sich da jetzt aus dem Fenster lehnen zu wollen, schlug unser Tourleiter vor, dass daher vielleicht auch die Idee von Hexen auf Besen herrührt.
Auf dem Platz hinter dem Pub ließen sich die beiden Schauspieler dazu hinreißen, Burns und seine Geliebte bzw. platonische Freundin Nancy zu spielen, in dem sie ihren Briefwechsel zitierten und einen Teil von „Ae Fond Kiss“ aufsagten.
Außerdem sprachen sie über Sir Walter Scott und spielten den Ritterschlag nach. Walter Scott war gegen Ende seines Lebens total bankrott und hatte jede Menge Schulden, die in der heutigen Währung in die Millionenhöhe gingen (oder sogar Milliarden, ich habe mir die Zahl nicht gemerkt, aber es war richtig, richtig viel), hat es aber in kurzer Zeit geschafft, sich durch seine literarische Tätigkeit von den Schulden zu befreien.
Im dritten Pub durften wir einfach nur trinken und uns ein bisschen besser kennenlernen. Ich hatte ein Cider, weil ich ja kein Bier mag und saß mit Hannah, Sam, C. und zwei Australiern an einem Tisch. Ich habe erzählt, dass ich für einen Blog Notizen mache und die Australierin argwöhnte, dass es wie folgt enden würde: „I had a drink, then we had to go and the guy talked about something. Then I had another drink… and another“ Wie ihr lesen könnt, ist fast das dabei rausgekommen.
Auf dem Weg zum letzten Pub kamen wir an einem Platz vorbei, der den schottischen Schriftstellern gewidmet war. Auf den Bodenplatten waren Zitate eingemeißelt. Hannah schlug vor, ich könne mich für ein Foto neben ein Zitat auf den Boden legen und zur Belustigung der gesamten Gruppe habe ich das auch gemacht. Ob das erste Wirkungen des Alkohols waren? Das Bild ist jedenfalls nicht wirklich was geworden. Man kann nicht lesen, was auf der Platte steht und es sieht aus, als hätte ich mich auf den Boden zum Schlafen gelegt.
Auf diesem Platz erzählten uns die Schauspieler etwas über Jekyll und Hyde (und zwar zu allererst, dass es nicht Jekill, sonder Jikill ausgesprochen wird) und inwiefern diese Dualität auf Edinburgh zutrifft (Old Town vs. New Town, Englisch vs. Schottisch). Der Vertreter der konservativeren Seite versuchte die Entstehung von „Dr Jekyll and Mr Hyde“ mit den Medikamenten, die Stevenson nehmen musste und ihn in Delirien versetzt haben, zu erklären, während der andere auf die Zerrissenheit seiner Identität schob. Jedenfalls stimmten beide darin überein, dass Edinburgh zwei Gesichter hat und ich musste an ein Interview mit Ian Rankin denken, das ich mal gelesen habe, in dem er auch sagt, dass Edinburgh eine Jekyll and Hyde-Stadt ist. Das Jekyll und Hyde-Syndrom war letztlich ja auch in unseren beiden Schauspielern zu sehen (ich kann einfach nicht aufhören, zu interpretieren).
Im letzten Pub war ich dann nicht mehr so ganz aufmerksam. Es gab eine kurze Rekapitulation der Tour und einen Schwenker des Genie-Vertreters (der während der Tour aber ausgelassener wurde und sich dazu hinreißen ließ, den Whisky aus dem Flachmann des anderen zu trinken, obwohl er im ersten Pub nur mit einer Cola da saß) auf die schottischen Schriftstellerinnen. Außerdem kamen wir zu den beiden bekanntesten modernen Autoren der Stadt: Ian Rankin und JK Rowling (bei dem Namen war ich kurz aufmerksam). Zum Schluss gab es noch ein paar Quizfragen, die ich bis auf eine trotz meiner Notizen nicht beantworten konnte. Nicht mal die zu JKR! Daran merkt man mal, wie müde ich war (bzw. wie mies meine Notizen waren). Später in der Jugendherberge bin ich dann auch fast sofort eingeschlafen.

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