Das war die Kurzfassung. Aber ich habe auch zu jedem einzelnen Tag einen Beitrag geschrieben. Hier kommt der Erste:
Um 6.15 Uhr ging es also los
nach Amsterdam (wir hatten einen Flug mit umsteigen). Beim Boarden trafen wir
auf eine Kommilitonin, die in Amsterdam aber einen späteren Anschlussflug nach
Edinburgh nahm. Unsere Umsteigezeit war allerdings auch sehr knapp bemessen,
als wir beim Gate ankamen, standen schon alle in der Boarding-Schlange. Im
Flugzeug habe ich es auch geschafft, meinen Tee zu verschütten. Ich weiß nicht,
ob es ein kleiner Schwächeanfall oder ein Luftloch war, jedenfalls habe ich
nicht nur mich, sondern auch Hannah mit heißem Tee begossen (weniger schön).
Gegen 8.30 Uhr (Ortszeit) landeten wir in Edinburgh.
Mit dem Airlink-Bus kamen wir
gut in die Innenstadt. Wir fanden auch das Hostel recht schnell, mussten dann
aber feststellen, dass wir nicht morgens um 10 einchecken konnten (hätten wir
uns auch denken können), aber immerhin konnten wir unser Gepäck unterstellen.
Wir bekamen eine Karte, mit der man die Türen auf den Weg zum Locker Room
öffnen konnte. Mit der Karte habe ich mich wie die Wächterin in einem
Hochsicherheitsgefängnis gefühlt. Wir mussten die immer vor einen Scanner
halten, dann piepte es und die Tür ließ sich öffnen. Allerdings kam man ohne
Karte raus, das wäre etwas ungünstig in einem Gefängnis.
Nachdem wir unsere Koffer
verstaut hatten (2 Pfund pro Schrank für 6 Stunden), haben wir beschlossen,
eine Stadtrundfahrt mit einem der Hop on and off Busse zu machen. Die Fahrt war
ganz okay, aber nicht vom Hocker reißend. Ich habe mich während der einen
Stunde nicht gelangweilt, aber die Tour, die ich in Dublin in einem solchen Bus
gemacht habe, fand ich besser. Besonders mit der Lautstärke-Einstellung hatte
der Bus es nicht so, ich musste ganz oft auf dem Knopf drücken, um überhaupt
etwas zu hören. Und dann hatten wir zwischendurch noch Regen und mussten uns
auf das untere Deck des Busses verziehen. Was ich allerdings cool fand, war die
„horrible stories“-Option. Ich habe eine Geschichte über Puppensärge auf Arthur’s
Seat (leider vom Regen unterbrochen) und einem Theaterbrand gehört. Die
Theaterbrand-Geschichte war so wie die Geschichte von dem Hirtenjungen, der
immer Wolf ruft: Die Leute des Theaters (Bauarbeiter?) haben sich öfter einen
Scherz erlaubt und Feuer gerufen und als es dann tatsächlich brannte, dachte
der Feuerwehrmann, es wäre wieder nur ein falscher Alarm.
| Scott Monument |
Kleinkünstler, die mit Fackeln
jonglieren, während sie Hochrad fahren, auf einer Tonne balancieren oder auf
einem Bein stehen, habe ich in den darauf folgenden Tagen immer wieder gesehen.
Im Grunde stehen auch nicht die Kunststücke im Vordergrund, sondern das Gelaber
um die Kunststücke. Miss Polly Hoops hat ganze zwei Sachen gezeigt, aber trotzdem
eine halbe Stunde gefüllt, weil sie einfach ununterbrochen gequasselt hat. Das
hat natürlich auch Spannung aufgebaut, da man sich gefragt hat, wann sie denn
nun endlich die vier Reifen auf einem Bein stehend auf einem Podest in zwei
Meter Höhe balancieren würde. Aber wie die Kunststücke wiederholten sich auch
die Witze bei den verschiedenen Künstlern. Die Aussage „Thank you – both of
you“, wenn der Applaus zu gering war, habe ich bei fast allen gehört. Und der
Scherz „Wait, I’ll get it“, wenn eine Keule/ Fackel auf den Boden gefallen war
und der Künstler gerade in einer Situation war, in der er sich definitiv nicht
bücken und sie aufheben konnte, war auch beliebt. Zwei der Straßenkünstler, die
ich gesehen, haben auch völlig richtig verstanden, dass die meisten Zuschauer
nur da standen, weil sie sehen wollten, wie die Künstler auf die Nase fielen
(was aber nie passiert ist).
Neben den Straßenkünstlern
standen verschiedene Buden auf den Platz, an denen man Kleinigkeiten wie
Schmuck, Hüte, Karikaturen von sich selber und Luftballontiere kaufen konnte.
Außerdem gab es eine Vorverkaufsstelle für Tickets für Fringe-Veranstaltungen,
wobei das Besondere war, dass man sie für den halben Preis kriegte. Dann liefen
noch ganz viele Leute rum, die Flyer verteilten und für verschiedene
Veranstaltungen warben. Hannah und ich haben später die ganzen Flyer sortiert
und einen Teil weggeschmissen. Eigentlich hätten wir die mal sammeln sollen um
zu gucken, wie hoch der Stapel am Ende unseres Aufenthalts sein würde.
Nach dem Mittagessen konnten
wir endlich im Hostel einchecken. Allerdings gab es Probleme, weil das Mädchen
an der Rezeption überfordert war und unsere Gruppenleiterin nicht im PC fand.
Zum Glück kamen genau in dem Moment unsere Mitbewohner die Treppe runter und
gaben uns eine ihrer Karten. Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können.
Wir haben uns im Zimmer
eingerichtet und kurz Pause gemacht, bevor wir uns nochmal Straßenkünstler
angesehen haben. Der letzte hatte sich eine außerordentlich begriffsstutzige
Helferin aus dem Publikum gesucht. Sie wartete zum Beispiel mit dem Werfen der
Keulen gar nicht, bis der Künstler gezählt hatte, sondern warf sie sofort, sie
stand immer zu nah am Künstler (wenn er gefallen wäre, hätte er sie mit
umgerissen) und sie hat den Witz mit „I’ll get it!“ nicht verstanden. Sie ist
allen Ernstes einen Schritt zurück gegangen und hat erst reagiert, als der
Künstler ganz verzweifelt schrie: „It’s a joke, lady!“ Zuerst hatte er noch
gescherzt, sie sei doch viel zu gut für ihren Freund, aber im Laufe der Show,
meinte er, die beiden würden doch gut zusammen passen.
Um 18.30 Uhr trafen wir uns
mit der Gruppe (und kriegten unsere Schlüsselkarten), um kurz danach zur
Literary Pub Tour aufzubrechen. Wir kamen vor dem Pub an, in dem die Tour los
ging und hatten noch etwas Zeit, um etwas zu essen. Hannah und ich sind mit
zwei anderen Mädels losgegangen, konnten uns aber nicht entscheiden und haben
dann ein Baguette bzw. Crêpe an einem Frankreichstand vor dem Pub gegessen.
Die Literary Pub Tour wurde
von zwei Schauspielern geleitet, die unterschiedliche Postionen eingenommen
haben. Der eine vertrat die eher konservative Einstellung, dass die
Schriftsteller Genies seien, während der andere ihre menschlichen Seiten (vor
allem das Trinken) in den Mittelpunkt rückte. Allerdings stellten sie sich
nicht von Anfang an so vor, sondern taten so, als ob der Vertreter der
Genie-Seite ein empörter Teilnehmer der Tour sei, der den Tourleiter verbessern
wollte.
Wir waren insgesamt in vier
Pubs. Es ging im Beehive Inn los, auch wenn Robert Burns, um den es in der Tour
überwiegend ging, eher im Pub nebenan, The White Hart Inn, eingegangen ist.
Nach der Entfaltung des Streits zwischen den beiden Parteien ging es weiter zu
einem kleinen Pub namens Jolly Judge. Die Decke ist aus alten Schiffsbalken und
mit Blüten bemalt. Über der Bar kleben Geldscheine an den Balken. Ich war nicht
lange drin, weil ich nur gucken wollte und es dort so eng ist, dass wir uns
nicht in den Pub setzen konnten.
Zu den Zeiten von Robert Burns
wird der Pub übrigens nicht Jolly Judge geheißen haben, denn damals wurden
Pub-Namen nach dem gleichen Schema gebildet: Lucky (was „Landlady“, also
„Besitzerin“, heißt), der Vorname der Besitzerin und „huf“ („Haus“).
Außerdem wurde uns erklärt,
dass es früher ein Besen neben der Tür bedeutete, dass es in diesem Haus etwas
zu trinken gab. Ohne sich da jetzt aus dem Fenster lehnen zu wollen, schlug
unser Tourleiter vor, dass daher vielleicht auch die Idee von Hexen auf Besen
herrührt.
Auf dem Platz hinter dem Pub
ließen sich die beiden Schauspieler dazu hinreißen, Burns und seine Geliebte
bzw. platonische Freundin Nancy zu spielen, in dem sie ihren Briefwechsel
zitierten und einen Teil von „Ae Fond Kiss“ aufsagten.
Außerdem sprachen sie über Sir
Walter Scott und spielten den Ritterschlag nach. Walter Scott war gegen Ende
seines Lebens total bankrott und hatte jede Menge Schulden, die in der heutigen
Währung in die Millionenhöhe gingen (oder sogar Milliarden, ich habe mir die
Zahl nicht gemerkt, aber es war richtig, richtig viel), hat es aber in kurzer
Zeit geschafft, sich durch seine literarische Tätigkeit von den Schulden zu
befreien.
Im dritten Pub durften wir
einfach nur trinken und uns ein bisschen besser kennenlernen. Ich hatte ein
Cider, weil ich ja kein Bier mag und saß mit Hannah, Sam, C. und zwei
Australiern an einem Tisch. Ich habe erzählt, dass ich für einen Blog Notizen
mache und die Australierin argwöhnte, dass es wie folgt enden würde: „I had a
drink, then we had to go and the guy talked about something. Then I had another
drink… and another“ Wie ihr lesen könnt, ist fast das dabei rausgekommen.
Auf dem Weg zum letzten Pub
kamen wir an einem Platz vorbei, der den schottischen Schriftstellern gewidmet
war. Auf den Bodenplatten waren Zitate eingemeißelt. Hannah schlug vor, ich
könne mich für ein Foto neben ein Zitat auf den Boden legen und zur Belustigung
der gesamten Gruppe habe ich das auch gemacht. Ob das erste Wirkungen des
Alkohols waren? Das Bild ist jedenfalls nicht wirklich was geworden. Man kann
nicht lesen, was auf der Platte steht und es sieht aus, als hätte ich mich auf
den Boden zum Schlafen gelegt.
Auf diesem Platz erzählten uns
die Schauspieler etwas über Jekyll und Hyde (und zwar zu allererst, dass es
nicht Jekill, sonder Jikill ausgesprochen wird) und inwiefern diese Dualität
auf Edinburgh zutrifft (Old Town vs. New Town, Englisch vs. Schottisch). Der
Vertreter der konservativeren Seite versuchte die Entstehung von „Dr Jekyll and
Mr Hyde“ mit den Medikamenten, die Stevenson nehmen musste und ihn in Delirien
versetzt haben, zu erklären, während der andere auf die Zerrissenheit seiner
Identität schob. Jedenfalls stimmten beide darin überein, dass Edinburgh zwei
Gesichter hat und ich musste an ein Interview mit Ian Rankin denken, das ich
mal gelesen habe, in dem er auch sagt, dass Edinburgh eine Jekyll and
Hyde-Stadt ist. Das Jekyll und Hyde-Syndrom war letztlich ja auch in unseren
beiden Schauspielern zu sehen (ich kann einfach nicht aufhören, zu
interpretieren).
Im letzten Pub war ich dann
nicht mehr so ganz aufmerksam. Es gab eine kurze Rekapitulation der Tour und
einen Schwenker des Genie-Vertreters (der während der Tour aber ausgelassener
wurde und sich dazu hinreißen ließ, den Whisky aus dem Flachmann des anderen zu
trinken, obwohl er im ersten Pub nur mit einer Cola da saß) auf die
schottischen Schriftstellerinnen. Außerdem kamen wir zu den beiden bekanntesten
modernen Autoren der Stadt: Ian Rankin und JK Rowling (bei dem Namen war ich
kurz aufmerksam). Zum Schluss gab es noch ein paar Quizfragen, die ich bis auf
eine trotz meiner Notizen nicht beantworten konnte. Nicht mal die zu JKR! Daran
merkt man mal, wie müde ich war (bzw. wie mies meine Notizen waren). Später in
der Jugendherberge bin ich dann auch fast sofort eingeschlafen.

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