Sonntag, 23. September 2012

Tell me more, tell me more (Israel Tag 4)



Heute haben wir zunächst zwei Tells besucht. Ein Tell ist ein Hügel, der durch wiederholte Besiedlung und Zerfall der Besiedlung entsteht.

10:40 Uhr:      In der Nacht wurde die Uhr umgestellt. In Israel beginnt jetzt die Winterzeit. Prompt sind wir um halb 8 anstatt um 8 Uhr losgefahren. Der Stimmung der Jungs hat das keinen Abbruch getan; sie haben die ganze Zeit auf dem Weg zu unserem ersten Ziel verschiedene Lieder von „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ bis „In der Weihnachtsbäckerei“ gesungen.
                       
               Zuerst waren wir auf dem Tell Hazor. Hazor wird mehrmals in der Bibel erwähnt: Landnahme/ -gabe (Josua besiegt den König von Hazor) und verschiedene Kriege gegen den König von Hazor von unterschiedlichen Richtern ausgehend. Archäologisch ist das mal wieder nicht richtig haltbar (Zwei Richter kämpfen im Abstand von 100 Jahren gegen den gleichen König) oder es passt nur dann, wenn man die Scherben, die man gefunden hat sehr früh datiert. Eine spätere Datierung ist auch möglich und dann stimmen die ganzen Ereignisse nicht mehr übereinander – und Jericho gab es zu Josuas Zeiten ja auch nicht. Allerdings gibt es auf dem Tell Hazor auch Brandspuren, von denen man nicht weiß, woher sie kommen.
                        Es gab alte Steine zu sehen: eine Treppe, die eine obere Stadt mit der unteren verband, ein Vierkammerhaus, ein Sechskammertor (von dem auf dem Schild stand, es sei aus dem salomonischen Zeitalter, natürlich super genau datiert :-P), einen Palast (bzw. jedenfalls ein großes Gebäude und große Gebäude sind immer Tempel oder Paläste) mit Säulen aus Zedernholz, einen Turm und eine Tunnel, der zu einem Wasserbrunnen führte. Früher konnten Esel herunter geführt werden, um Wasser zu holen. Neben den ursprünglichen Stufen ist auch eine Rinne für Regen, der den Grundwasservorrat ergänzt hat. Wir haben die moderne Treppe runtergenommen, die voller Taubenmist war. Bei der Hitze war es irgendwie anstrengend, die Treppen zu steigen.
                        Abgesehen von den Steinen haben wir auch zwei Eidechsen gesehen. Die eine sonnte sich auf einem Stein. Die andere schien in der Treppe festzustecken. Aber wahrscheinlich wollte sie sich einfach nur vor uns vielen Menschen verstecken. Einige aus der Gruppe haben versucht, sie zu retten, aber erfolglos.
                       
Übrigens hatte ich die ganze Zeit auf Hazor Assoziationen mit dem Herrn der Ringe: Die Stadt Gilgal hat mich an Gil-galad, den Elbenfürsten, erinnert und als von dem Bündnis der Königreiche gegen Josua gesprochen wurde, dachte ich sowohl an Sauron und seine Verbündeten als auch an das Bündnis von Elben und Menschen im ersten Zeitalter und die Verbündeten im dritten Zeitalter. Und bei der Geschichte von einer kleinen Gruppe gegen ein großes Heer (Israeliten gegen die Königreiche) natürlich an die letzte Schlacht, als Sauron vom Schicksalsberg abgelenkt werden soll und Aragorn mit einer eher bescheidenen Truppe ans Schwarze Tor zieht. Isabel hat übrigens auch solche Assoziationen, wie z.B. Nimrod (Burg in den Golanhöhen) und Nimrodel (Fluss, der Lórien begrenzt, und Name einer Elbin).

14:40 Uhr:    Als nächstes waren im Tel Dan Naturreservat (Dan im Alten Testament: Jerobeam errichtet eine Alternativ-Kultstätte zu Jerusalem, Abraham sucht Lot, der Stamm Dan siedelt in Lajisch an und benennt es in Dan um). Der Dan ist außerdem ein Quellfluss des Jordan. Das Ganze ist ein Park, in dem die Pflanzen wild wachsen. Es gibt kleinere Wasserfälle und auch zwischen den Steinen, über die man läuft, fließt Wasser. Das Naturreservat ist schon eine Art Dschungel. Ich fand es richtig schön. Leider sind wie – wie so oft – ziemlich durch den Park gehetzt.
Dan
                   Einige von denen, die sich etwas mehr Zeit gelassen haben, sind gleich abgehängt worden. Zum Glück waren sie mit Klaus zusammen und er hat sich mit Ronit wieder zusammen telefoniert. Trotzdem war es für den Teil der Gruppe doof, weil sie ein ganzes Stück wieder zurück laufen mussten.
               In dem Park gibt es auch ein paar archäologische Funde. Zum einen gibt es einen Opferplatz. Durch ein Metallgestell wird der Ort für die Brandopfer gekennzeichnet. Es war so heiß, dass man das Feuer fast nachempfinden konnte. ;-) Von dem Platz aus konnten wir auch schon den Libanon sehen, weil die Grenze ganz nah verläuft (außerdem hält Israel ja die Golanhöhen besetzt). Zu den ganzen Konflikten hat sich Ronit sehr vorsichtig geäußert.
Außer dem Opferplatz wurde ein Tor aus der Bronzezeit gefunden, das „Abrahams Tor“ genannt wird, weil – wie Ronit meinte – die Juden ihre Funde gerne mit der Bibel in Bezug setzen und sich vorstellen, dass Abraham durch dieses Tor die Stadt betritt.
Es gab auch ein weiteres Tor zu sehen. Das stammt aus der Eisenzeit und ist ein Sechskammerntor. An den Wänden sind Sitzbänke, was ja schon nahe legt, dass das Tor nicht nur zum Durchgehen gedacht war. In der Bibel sind Tore auch Ort der Rechtsprechung. An diesem Tor in Dan hängt auch eine Tafel, die das am Beispiel vom Buch Rut erklärt (Boas berät sich mit den Ältesten im Tor, wie er Rut loslösen soll). Heike hat mich neben dem Zitat aus dem Buch fotografiert. Wer weiß, vielleicht wird das mein neues Profilbild. Nur doof, dass Rut da wieder mit „h“ geschrieben wird. Ich hätte mich vielleicht vor den hebräischen Text stellen sollen…

Von Dan aus sind wir nach Banyas (Cäsarea Philippi) gefahren und haben da erst mal Mittaggegessen. Es haben sich wieder einige beschwert, dass es zu teuer sei. Ich fand es auch etwas unverschämt, für die doch recht kleine Portion + Getränk 10€ bezahlen zu müssen. Andrerseits ist uns vorher gesagt worden, dass wir für das Essen ca. 10€ pro Tag rechnen sollten… Trotzdem wirkt es so, als würden wir immer zu irgendwelchen Touristenlokalen gefahren, in denen es wahrscheinlich teurer ist als anderswo.
Nach dem Mittagessen sind wir etwas an dem Fluss Banyas (auch ein Jordanzufluss) entlang gegangen. Es hat mir da nicht ganz so gut gefallen wie in Dan, aber es war trotzdem ganz schön. Der Fluss war befestigt, aber dahinter erhebt sich ein riesiger Felsen. Außerdem haben wir einen Klippdachs gesehen. Von diesen Tieren hatte Frau G. im Seminar so geschwärmt.
In Banyas gab es früher ein Pan-Heiligtum. Pan ist ein griechischer Halbgott und steht in Verbindung mit Hirten. Von seinem Namen leiten sich die Wörter Panik (seine Mutter bekam Panik, als er geboren wurde) und Panflöte (er will was von einer Nymphe, die dann zu ihrem Schutz in Schilf verwandelt wird, aus dem er dann aus Trauer eine Flöte bastelt – bisschen frustrierend diese Geschichte, am Ende kriegt Pan sie dann ja eigentlich doch gegen ihren Willen…) ab. Als das Heiligtum noch verwendet wurde, stürzte der Banyas noch aus einer Höhle neben dem Tempel herunter. Zusammen mit dem Berg muss das sehr beeindruckend gewesen sein. Schade, dass der Wasserfall nicht mehr da ist.
Banyas
Laut Neuem Testament sagt Jesus an dieser Stelle zu Petrus, dass er auf diesen Felsen seine Kirche bauen wird und gibt ihm die Schlüssel zum Himmelreich. Ronit verglich Jesus‘ Aussage damit, dass sich heute jemand in eine Kirche stellt und ruft, dass der Islam die beste Religion sei. Ich hatte die Stelle mit dem Fels, auf dem die Kirche gebaut werden soll, immer eher metaphorisch verstanden, dass Petrus der Fels ist (wie sein Name es auch andeutet). Natürlich kann man das auch wörtlich nehmen, aber bis heute kam niemand auf die Idee, da eine Erinnerungs-Kirche an Jesus-Aussage zu bauen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Deutsch nicht Ronits Muttersprache ist, denn manchmal, wenn sie sich auf die Bibel bezieht, klingt es so, als würde sie fest daran glauben oder zumindest hoffen, dass die Geschichten historisch zu verstehen sind. Sie und Frau G. stehen sich da immer so etwas gegenüber. Frau G. kommt immer mit irgendwelchen archäologischen Funden an, die was anderes sagen und Ronit sagt dann immer „Das ist jetzt zwar nicht archäologisch, aaaaaber…“

In Banyas habe ich heute auch meine doch vorhandene linguistische Ader entdeckt. Ronit erzählte, dass die Drusen etwas namens Al Jader (oder so ähnlich), „der Grüne“, verehren. Da habe ich mich gefragt, ob das spanische „el jardín“ (Garten) davon abgeleitet wurde. Die Verbindung grün – Garten liegt ja irgendwie nahe. Mir fiel ein, dass es im Französischen „le jardin“ heißt und habe mich gefragt, ob es dementsprechend aus dem Lateinischen kommt. Latein war ja nie meine Lieblingssprache und ich wusste nicht, was „Garten“ auf Latein heißt, also habe ich ein bisschen rumgefragt (keiner wusste es) und Frau G. konnte mir schließlich sagen, dass es „hortus“ ist. Da erinnerte ich mich, dass es ja auch noch das Wort „huerto“ gibt. Das kommt dann sicherlich von „hortus“! Wieder mal zwei Wörter für einen Begriff. Wenn „huerto“ von „hortus“ kommt, spräche doch vielleicht etwas dafür, dass „jardín“ ein Lehnwort aus dem Arabischen ist, obwohl – und daran wird meine Theorie vermutlich scheitern – der Artikel nicht, wie eigentlich üblich, mit dem Wort verschmolzen ist (wie bei „azucar“). Außerdem bleibt das Rätsel, wie die Franzosen an „le jardin“ gekommen sind und, wenn man es weiter spinnt, ob es bis ins Deutsche und Englische gewandert ist. Schließlich haben „Garten“ und „garden“ mehr Ähnlichkeiten mit „jardín“ als mit „hortus“. Allerdings sind die Mauren nie so weit gekommen. Ich kann mir noch vorstellen, dass das Wort nach Frankreich getragen wurde (z.B. über den Jakobsweg, darüber wurden ja französische Wörter nach Spanien gebracht, warum also nicht andersrum?), aber ich bezweifele, dass es weiter ging.
Nachtrag 05.10.: Also laut Wikipedia-Recherche kommt zumindest das deutsche Wort aus dem Indogermanischen stammt.

17:52 Uhr:  Wir sind auf dem Rückweg von Safed zur Jugendherberge. Die Stadt ist fast ausschließlich jüdisch. Und es ist viel blau angestrichen, weil die Farbe das Böse abwenden soll.
                 Im Referat haben wir gehört, dass im 15./16. Jahrhundert viele der Juden, die eingewandert sind, aus Spanien kamen. Das deckt sich in etwa mit dem, was ich im Studium über die Judenvertreibung unter den Reyes Católicos gelernt habe.
                     Nach dem Referat zum Judentum waren wir in einer Synagoge. Die Jungen mussten alle den Kopf bedecken und wir Mädchen haben uns alle Tücher umgelegt. Meine Schultern waren zwar auch so bedeckt, aber ich war mir nicht sicher, ob mein Ausschnitt angemessen war und angesichts der Tatsache, dass sogar Heike, die wirklich nicht freizügig angezogen war, ein Tuch umlegen sollte, waren meine Bedenken auch wohl berechtigt.
                        In der Synagoge hat Ronit uns noch ein bisschen was erzählt. Der Toraschrank ist von einem Künstler aus Spanien gebaut worden. Er ist sehr bunt, der Davidstern ist natürlich drauf und oben ist Mose als Löwe zu sehen. Außerdem haben wir erfahren, dass verschiedene Ausprägungen vom Judentum zwar die gleichen Texte vorlesen, sie aber anders intonieren. Viel Zeit in der Synagoge hatten wir nicht, denn wir hatten sie kurz vor Beginn des Gebets betreten.
                        Ich hatte aber ein kleines Erfolgserlebnis in der Synagoge: Es waren natürlich überall Plakate mit Zitaten aus der Tora und ich habe die Worte „und Mose sagte“ verstanden. So ganz vergessen habe ich die Hebräischstunden also doch nicht.
Kunst in Safed
                        Danach hatten wir Freizeit. Wir sind rum gegangen und haben die Bilder der Künstler in der Künstlergasse angeguckt. Ich habe mir eine Mesurah zum Zeigen in Reli-Unterricht (jaa, ich plane im Voraus ;-)) gekauft. Während ich davor stand, gingen hinter mir zwei orthodoxe Juden vorbei, die sich auf Englisch unterhielten und der eine sagte, das wäre doch nur Touristenkram und die Touristen würden die Bedeutung doch eh nicht verstehen. Einerseits hatte er damit ja Recht, viele sehen das wahrscheinlich als eine Art exotisches Souvenir, aber andrerseits habe gerade ich es ja gekauft, um über eine andere Religion erzählen zu können, es würde sich wahrscheinlich kein Jude dieses Modell an seine Tür hängen, aber daran kann man schon erklären, worum es geht, finde ich.
                       
Später:          Nach dem Abendessen haben wir einen Gottesdienst im Innenhof gefeiert. Das war sehr nett unter freiem Himmel und im großen Kreis. Allerdings war unser Gesang etwas dünn. Entweder, weil nicht alle die Lieder kannten, oder weil, wie Steffi jammerte, Klaus die Lieder zu hoch angestimmt hat.

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