Samstag, 29. September 2012

Alte Gemäuer und alte Texte (Israel Tag 10)



8:10 Uhr:       Heute muss ich mit ein paar anderen den Eintrag für das gemeinsame Reisetagebuch schreiben und wäre fast zu spät gekommen. Der Bus hatte sich schon in Bewegung gesetzt, als wir (zum Glück war ich nicht die einzige Spätkommerin) angerannt kamen, aber Frau G. kam uns entgegen und winkte uns zu der richtigen Stelle. Auch im Bus haben alle gewunken. Das wäre ja noch ein lustiger Reisebucheintrag geworden: „Ich habe heute Morgen den Bus verpasst und musste den ganzen Tag im Hotel bleiben.“ :-D

10:38 Uhr:    Wir waren zuerst am Ölberg. Von da aus hat man eine gute Sicht auf Jerusalem. Wir haben alle das ungefähr 1000. Foto vom Felsendom gemacht (die Kuppel sieht man immer so gut). Außerdem standen da ein Kamel und ein Esel, auf denen man eine Runde reiten konnte. Als Frau G. und alle, alle zum Referat zusammengerufen hat, fragte Frodo: „Das Kamel auch?“
                        Im Referat haben wir gelernt, dass der Ölberg eine Art Grenze zwischen der Stadt und der Wüste ist. Wer aus der Wüste kam, sah vom Ölberg aus die Stadt. Andersrum konnte man in der Wüste bzw. auf dem Ölberg Einsamkeit und Ruhe suchen.
                       Mit Ruhe ist heute nicht mehr viel los. Von der Spitze des Ölbergs aus liefen wir zu der Kirche Dominus Flevit. Auf dem Gelände haben wir zuerst Grotten mit Kästen gesehen, in denen früher die Knochen der Verstorbenen gesammelt wurden. Die Toten kamen ein Jahr lang in eine Höhle, danach kamen die Knochen in so eine Box. Natürlich haben die einen bestimmten Namen, aber den habe ich direkt wieder vergessen.
                      Ich fand die Kirche ohnehin interessanter. Jesus steht auf diesem Berg, an der Stelle, wo die Kirche steht, und  spricht von der Zerstörung Jerusalems. Die Kirche hat ein Fenster, durch das man die Stadt sieht und – wie sollte es auch anders sein – den Felsendom. Zu Jesu Zeiten stand da natürlich noch der Tempel (der Felsendom ist ja auf dem Tempelberg gebaut), Jesus spricht also mit Blick auf den Tempel von der Zerstörung, was dem Ganzen nochmal mehr Würze gibt.
                  Die aktuelle Kirche steht auf den Resten einer byzantinischen. Auf dem Dach stehen Tränenvasen. In solchen Gefäßen bewahrt man in bestimmten Kulturen die letzten Tränen von Sterbenden auf. Passt also zu Dominus Flevit.
                       Auch bei dieser Kirche war es sehr voll: Wir mussten warten, bis wir rein kamen und noch bevor wir ganz fertig waren, drängte schon die nächste Gruppe rein.

                     Von dieser Kirche aus sind wir dem Weg der Palmsonntagsprozession gefolgt, kamen am Stein des Judas vorbei (keine Ahnung, was der Stein mit ihm zu tun hat, aber Ronit sagte, es wäre sein Stein, deswegen erwähne ich das hier :-D) und endeten am Garten Gethsemane. Der Garten ist ganz schön! Sehr viele knorrige Olivenbäume und Blumen. Ich habe beschlossen, dass mein Zauberstab aus Olivenholz sein soll. :-D Ich muss noch mal Pottermore checken, ob JKR was zu diesem Holz gesagt hat (Mittlerweile habe ich nachgeguckt: Nein, sie erwähnt dieses Holz nicht. Zypressen und Pinien schon, aber kein Olivenbaumholz. Na ja, das heißt ja erst mal nur, dass Mr Ollivander das Holz nicht verwendet.)
                       Es ist unklar, wie alt die Bäume sind. Aber es kann sein, dass die Wurzeln – auch wenn die Bäume selbst verbrannt wurden – sehr alt sind und dass aus den Wurzeln neue Zweige kommen. Aus dem Baumstamm Isais halt… Diese Bibelstellt verfolgt mich. Mein Reli-Lehrer hat schon in der 5. Klasse versucht, sie uns näher zu bringen.
                      Neben dem Garten Gethsemane steht die Kirche der Nationen und erinnert an Jesus, der im Garten betet. Vor der Kirche hat Klaus die entsprechende Bibelstelle vorgelesen. Dann durften wir in die Kirche. Sie ist sehr dunkel und hat 12 Kuppeln, die blau angestrichen sind und mit goldenen Sternen und Olivenbaumzweigen verziert sind. Jede Kuppel steht für ein Land, das sich an der Kirche beteiligt hat und so hat jede noch eigene Symbole und Verzierungen. Die deutsche Kuppel „schmückt“ z.B. der Bundesadler. Ich musste prompt an die nicht besonders positiven Bemerkungen eines meiner Englischdozenten zu diesem Vogel denken… Abgesehen von Deutschland habe ich die Kuppeln Frankreich, Spanien und ich glaube den USA gesehen. Hinter dem Altar ist ein Bild von Jesus, der betet. Die Kirche war nicht so überlaufen wie die Grabeskirche, aber es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Ich frage mich, wie der Gottesdienst, der ganz vorne um den Altar herum stand fand, sich davon nicht stören lassen konnte.
                    Auf dem Dach der Kirche der Nationen stehen rechts und links vom Kreuz übrigens zwei röhrende Hirsche neben einem Kreuz. Ich habe keine Ahnung, was die da oben verloren haben und als ich Ronit gefragt habe, hat die meine Frage falsch verstanden und mir etwas ganz anderes erzählt. Ich argwöhne ja, dass die Deutschen nicht nur eine Kuppel haben wollten, und deswegen noch die beiden Hirsche aufs Dach geschmuggelt haben…

13:30 Uhr:      Wir kommen gerade aus dem Israel-Museum. Zuerst haben wir gefühlte Stunden in der Sonne gestanden. Ich hatte meine Sonnenbrille und den Hut im Bus gelassen, weil ich dachte, wir gingen INS Museum. Außerhalb des Museums haben wir zunächst ein Modell Jerusalems zu der Zeit von Herodes und den Shrine of the Book von außen gesehen. Der Schrein sieht ist weiß und sieht aus wie der Deckel von einem Tonkrug, in dem die Rollen in Qumran gefunden worden sind. Gegenüber vom Schrein ist eine schwarze Wand. Das steht für die Söhne des Lichts, die gegen die Söhne der Dunkelheit kämpfen. Ich hatte gleich einen Ohrwurm von „Krieger des Lichts“ von Silbermond.
Das Dach wird mit Wasser besprengt. Gar keine Verschwendung...
                  Im Schrein haben wir dann Teile der Rollen gesehen. Die Jesaja-Rolle ist nicht im Original zu sehen, sie ist irgendwo in einem Bunker eingeschlossen, damit ihr nichts passiert. Außerdem konnte man im Schrein Gegenstände aus Qumran sehen.Vor einer der Rollen hat Johanna gesagt: „Das ist die Rolle, mit der Kandu ankam und sagte: ‚Hey, ich habe noch eine gefunden, gebt mir doch nochmal ein paar Millionen Dollar!‘“ Ich meinte, dass er damit ja ausgesorgt habe. Daraufhin haben wir überlegt, wie man so eine Rolle fälschen könnte. Papier ein bisschen anfackeln oder so.
                        Nach dem Besuch im Shrine of the Book hatten wir eine Stunde Zeit, alleine durch das Museum zu gehen. Johanna und ich wollten eigentlich alleine die 15 musts aus unserem Reiseführer machen. Aber wir haben den Anfang nicht gefunden. Stattdessen sahen wir Frau G. mit einer Gruppe, der wir uns dann anschlossen. Das war ganz gut. Sie hat auch immer gesagt, wo die Sachen her kamen, die wir gesehen haben.

16:32 Uhr: Wir sind jetzt in Bethlehem. Ronit durfte nicht mit, weil Israelis nicht ins Autonomiegebiet dürfen. An der Grenze wurden wir erstaunlicherweise nicht kontrolliert. Wir sollten alle unsere Pässe bereithalten, aber niemand wollte sie sehen. Klaus war überrascht, normalerweise müsse man 30 Minuten für die Kontrolle einrechnen.
                        In Bethlehem haben wir einen neuen Reiseführer, Jakob, bekommen. Zuerst haben wir Mittagspause in einem Lokal namens Ruth’s Field Restaurant gemacht (dass die meinen Namen aber auch nie richtig hinkriegen! ;-)). Ich habe aber nichts gegessen, weil ich keine Lust auf Falafel bzw. Schawarma hatte.
                       Nach der Pause sind wir zu den Hirtenfeldern gegangen. Man weiß nicht genau, wo sie sind, aber irgendwo das. Von den Feldern aus hat Jakob uns in eine Grottenkirche geführt, anhand der er uns erklärt hat, wie man sich den Stall vorstellen soll: Niedrige Felsendecke, dunkel, dicke Wände… Diese Grotten sind im Sommer kühl (wobei ich es auch etwas stickig fand) und im Winter warm. Ich nehme an, die Plastikengel und Schneeflocken sollten ein bisschen (europäisches?) Weihnachtsfeeling in die Grotte bringen, aber das fand ich doch fehl am Platz…
                        Auf dem Gelände der Hirtenfelder steht auch eine Kapelle. Von den Feldern kommend muss man über eine Treppe zu ihr heraufsteigen. In dem Treppengeländer sind Umrisse von Schafen eingearbeitet. Die meisten sind weiß, aber zwei (eins rechts, eins links) sind schwarz. Das fand ich sehr lustig. An der Fassade der Kirche ist oben ein Engel und auch drinnen sind Engelfiguren. Die Bänke stehen in einem Kreis um den Altar herum und an den Wänden sind Bilder von der Verkündigung an die Hirten und der Krippenszene. Wie St. Anna soll auch diese Kapelle eine gute Akustik haben. Nach einigem Hin und her, ob wir singen sollen oder nicht, hat Steffi „Lobet und preiset ihr Völker den Herrn“ angestimmt. Das war auch wieder schön. Schade, dass wir so wenig singen auf der Fahrt (außerhalb des Busses meine ich).
              Als nächstes wurden wir zu einem Laden gefahren, in dem man Schnitzereien aus Olivenbaumholz kaufen kann. Wir haben uns schon an eine Kaffeefahrt erinnert gefühlt, aber letztendlich haben sich die meisten doch etwas gekauft.

17:50 Uhr:    Der letzte Halt in Bethlehem war die Geburtskirche. Sie hat mich nicht überzeugt. Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Katholiken müssen sich die Kirchen teilen und die Katholiken haben den kleinsten Teil abbekommen: Die Grotte, in der die Krippe steht. – Achtung! Dies ist nicht die Grotte der Geburt! :-D Wie erfinderisch man manchmal sein muss, um auch ein Stück vom Kuchen der heiligen Orte abzukriegen…
                   Mir hat die Geburtskirche aber wirklich nicht gefallen, was größtenteils wieder an meinem Problem mit orthodoxen Kirchen liegt. An der festgelegten Geburtsstelle Jesu ist heute ein 14-zackiger Stern. Die Zacken stehen für die Vorfahren Jesu. Das ist die einzige Idee, die ich noch gelungen finde. Auf jeden Fall besser als die kitschige Krippe in der Grotte, die wir bei den Hirtenfeldern gesehen haben.
                    Übrigens gab es an der Stelle der Geburtskirche schon eine byzantinische Kirche, die zerstört wurde. Die Kreuzfahrer bauten die heute noch bestehende, aber man sieht noch Teile des Fußbodenmosaiks der byzantinischen Kirche. Jakob meinte, die Tatsache, dass die Kreuzfahrerkirche immer noch steht, sei doch ein Zeichen Gottes, dass er will, dass sie an dieser Stelle steht.

                        Jetzt nähern wir uns der Grenze. Gleich sollen wir aussteigen, um diesmal wirklich die Kontrolle zu erleben. Klingt stark nach Touri-Programm.

18:45 Uhr:    Die Grenzkontrolle war ein bisschen unspektakulär, wenn man an den Ablauf denkt: Durch ein Gewirr von Stangen laufen, Taschen durchleuchten lassen, Metalldetektor, Pass vorzeigen… wie am Flughafen eigentlich, nur dass die Kontrolleure noch gelangweilter waren als die an den Flughäfen, die ich bisher gesehen habe.
                        Wenn man allerdings bedenkt, dass man das alles nur durchlaufen muss, um die Straße zu überqueren, innerhalb eines Landes, das aus zwei Nationen besteht, wird das Ganze etwas absurder. Wir haben auf dem Weg zur Grenze auch die Mauer gesehen, die die Israelis und Palästinenser trennt. Im Grunde ist sie das, was die Soldaten in Jerusalem ist: ein Mittel, von dem die Verantwortlichen glauben, es garantiere die Sicherheit der Bürger (oder erhöhe zumindest die Wahrscheinlichkeit des Schutzes). Ob sie das tut, weiß ich nicht. Die Mauer in Belfast, die Katholiken und Protestanten trennt, scheint mittlerweile eher zur Touristenattraktion geworden zu sein (jedenfalls haben wir bei der Taxi-Stadtrundfahrt dort gehalten und haben Eddings bekommen, mit denen wir die Mauer bemalen durften). Vielleicht geschieht das mit dieser Mauer ja auch irgendwann. Aber das wird wohl leider ein langer Prozess sein, wenn man bedenkt, welch strenge Regeln es für das Betreten oder Verlassen der Gebiete gibt…
                        In Bethlehem hat Jakob uns auch seine Sicht der Wasserversorgung im Westjordanland erzählt. Er meinte, in den israelischen Siedlungen gäbe es viel mehr Wasser als in den palästinensischen. Alle 10 Tage bekämen die Palästinenser eine Wasserration für 3 Tage. Er selber lebe auf dem Weg zu einer israelischen Siedlung und habe deswegen immer genug Wasser (ich habe mich gefragt, ob er die Leitungen abzapft, oder ob das Wasser „offiziell“ bei ihm ankommt). Es sind so kleine, für uns selbstverständliche Sachen wie immer genug Wasser oder gehen, wohin man will (mittlerweile), die zeigen, dass in dem Land etwas nicht in Ordnung ist, auch wenn wir keine Kämpfe gesehen haben.

Mitternacht:   Johanna, Melanie und ich waren mit ein paar anderen Leuten heute Nacht noch auf dem Ölberg und haben uns Jerusalem bei Nacht angesehen. Sehr schön, aber der Aufstieg war schon anstrengend. Und dann hätte ich fast noch meine Wasserflasche verloren, weil die Plastiktüte riss und meine Flasche Anstalten machte, den Berg wieder herunter zu rollen als wir fast ganz oben waren. Das wäre es ja noch gewesen, wenn ich ihr hätte hinterher laufen müssen!
                    Während wir auf dem Berg waren ist auch etwas passiert, was während unseres gesamten Aufenthaltes noch nie passiert ist: Es hat geregnet! Zwar war es nicht viel (was auch ganz gut war, weil wir alle keine Regenausrüstung dabei hatten), aber immerhin ein paar Tropfen.

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