8:15
Uhr: „Bist
du wahnsinnig?“ „Das ist sooo früh!“ „Du musst dahin laufen!“ Das waren in etwa
die Reaktionen von Johanna, als ich sagte, ich würde überlegen, das Angebot von
Frau G. anzunehmen und heute Morgen zu Laudes in Benediktinerkloster in
Tabgha zu gehen.
Ein bisschen verrückt
war es schon. Mein Handy hat mich heute Morgen um halb 5 geweckt. Um 5 Uhr
haben wir uns mit Frau G. an der Rezeption getroffen und sind losgelaufen.
Gerade sind wir
über den Jordan gefahren. Das haben wir gestern auch schon einmal gemacht, aber
angehalten haben wir nie. Das ist etwas schade, finde ich. Aber der Jordan hat
mich auch etwas enttäuscht. Es ist eine
grüne Suppe und auch nicht besonders breit. Nicht einmal an der Stelle, wo er
in den See Genezareth mündet. Ich hatte einen Fluss von der Breite des Rheins
erwartet, aber der Jordan ist vielleicht gerade mal halb so breit wenn
überhaupt. Ich gehe davon aus, dass der Fluss früher breiter war und das Wasser
verloren hat, weil die Leute immer mehr Wasser abzweigen.
Der Weg zu den
Benediktinern war teilweise schon etwas fies.
Es ging hoch und runter, war steinig und es gab ein paar Dornenranken.
Außerdem hat Frau G. ein ziemliches Tempo vorgelegt. Wehe meine Eltern werfen
mir noch einmal vor, ich würde zu schnell laufen!
Als wir bei der Kirche
ankamen (die Brotvermehrungskirche, die diesmal angenehm leer war), meinte
Stefan zu Frau G.: „Jetzt zeigen Sie mir bitte mal die Stelle in der Bibel,
wo steht ‚Und er rannte mit seinen Jüngern…‘“ Wir waren sogar noch vor
den Mönchen da! Und als Frau G. nach der Laudes einem der Mönche sagte, wir
hätten den Weg in 40 Minuten hinter uns gebracht, guckte der sehr entsetzt und
beeindruckt zugleich. Ich nehme an, wir haben einen neuen Rekord aufgestellt.
Die Laudes selber hat
mir gut gefallen. Erst mal war sie auf Deutsch und wir hatten Bücher, so dass
wir auch mitsingen konnten. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich das Prinzip
durchschaut hatte. Eigentlich war es ganz simpel: ein Kehrvers zur Eröffnung,
ein Psalm im Wechsel mit dem Vorsänger und der Kehrvers noch mal – aber hey, es
war Viertel vor 6! Ich war am Abend
vorher auch erst gegen 23 Uhr im Bett (noch recht früh), weil ich mit
Johanna, Melanie, Heike, Laura, Maria, Katrin und Jean noch im Innenhof Tee
getrunken hatte. Auf jeden Fall war die Laudes ein guter Start in den Morgen.
Zwischen den Psalmen hörte man draußen die Vögel singen. Ich hatte auch keine
Probleme damit, wach zu bleiben.
Nach der Laudes wollte
Frau G. nochmal an den See und nach den Klippdachsen gucken. Die waren nicht
da, aber hatten die tolle Kulisse eines Altars mit Kreuz und Blumen vor dem See
Genezareth im Morgenlicht.
12
Uhr: Wir fahren gerade durch das
Westjordanland um nach Masada zu kommen. Wir dürfen hier nur fahren, weil die
Straße eine Siedlerstraße ist. Uns ist gesagt worden, wir müssten nonstop
fahren. Ich weiß nicht, ob aus dem Grund, Zeit aufzuholen, oder weil wir in dem
Gebiet nicht anhalten dürfen. Allerdings gibt es hier auch nichts, wo man
anhalten könnte. Rechts und links der Straße sind überwiegend Felsen, die mit
gelben Gräsern bewachsen sind, und hohe Zäune.
Jetzt gerade fahren wir
aber an einer Plantage vorbei. Vorhin haben wir auch ein Referat über den
Nahostkonflikt gehört, in dem gesagt wurde, dass es in den palästinensischen
Gebieten und Jordanien kaum Wasser gäbe. Im Anschluss hat Ronit sich nochmal
dazu geäußert und gesagt, dass es ja einen Wasserversorgungsplan gäbe und
Israel Wasser an Jordanien abgeben müsse. Außerdem seien die Plantagen alle im
palästinensischen Besitz, also müsse es ja schon Wasser geben. Wir sähen ja,
wie grün es überall wäre (sie hat definitiv eine andere Definition von grün als
ich). Aber es war ja klar, dass sie das nicht so gerne hören würde. Was nun
stimmt, weiß ich nicht. Natürlich sieht man Stellen, an denen Obst und Gemüse
angebaut werden und dafür braucht man Wasser, keine Frage. Aber es gibt auch
Abschnitte, die so vertrocknet aussehen, dass es sich nicht mal anbieten würde,
anzuhalten, um vor Blicken geschützt Freiluft zu pinkeln (so, Bogen zum Anfang
wieder geschlagen). Wasser ist hier einfach extrem kostbar. Wie sehr man es
braucht, merken wir ja auch jeden Tag hier, wenn wir etwas trinken wollen oder
uns nach einer Dusche sehnen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Israelis das
Gefühl haben, viel Wasser abzugeben, dass es aber gleichzeitig eben nicht genug
ist.
Aber zum ersten
offiziellen Programmpunkt heute: Wir waren in Bet She’an. Das ist auch ein
Tell, aber zugleich eine hellenistische/ römische Stadt: Skythopolis. Die
Skythen waren ein Reitervolk und „polis“ ist halt eine Stadt. Ich habe
natürlich direkt wieder den Herr der Ringe-Bezug gefunden: Rohan. Nichts liegt
näher, oder? Dabei ist mir dann auch aufgefallen, dass bei Rohirrim der
hebräische Plural „-im“ drin steckt. Ich muss doch nochmal nachforschen, ob
Tolkien doch irgendwelche Verbindungen mit Israel hat…
In Skythopolis konnten
wir ein römisches Badehaus, eine Straße, Geschäfte mit Mosaiken (eins war
rekonstruiert), Latrinen und ein Theater gesehen. Gefallen haben mir die
zweidimensionalen Metallfiguren in schwarz, die auf der Straße aufgestellt
waren. Bei den Latrinen haben wir uns natürlich alle auf die Steine gesetzt,
was natürlich falsch war, weil die Steine keine Löcher haben. Man setzte sich
damals zwischen zwei Steine (frau musste übrigens zuhause gehen, ganz ungünstig
aus der heutigen Perspektive).
Auf dem Tell war es
furchtbar heiß. Es gab überhaupt keinen Schatten. Unten in Skythopolis standen
noch ein paar Bäume, aber oben war nichts außer alten Steinen und Gestellen,
auf denen man Sonnensegel hätten spannen können (die betonen liegt auch
„hätte“). Wir haben ein Eisenzeit-Vierkammernhaus und Bronzezeit-Rest gesehen.
Darunter war das Haus eines ägyptischen Gouverneurs. Deshalb gab es da auch
Tafeln mit Hieroglyphen. Man merkt, ich habe da super aufgepasst. Aber es war
wirklich so warm, ich konnte gar nicht mitdenken. Es war so unglaublich warm.
Ich hatte letztens schon das Gefühl zu zergehen, aber heute ist es noch
schlimmer. Vor meinem Inneren Auge sah ich schon, wie meine Haut von mir
abtropfte wir Kerzenwachs.
14:45
Uhr: Nach einigem Hin und Her und
Umplanungen waren wir über Mittag in Qumran und nicht in Masada. In Qumran
wurden Schriftrollen mit biblischen und anderen religiösen Texten gefunden. Auf
dem Weg nach Qumran sahen wir schon das Tote Meer und konnte auch nach
Jordanien herüber sehen. Frau G. erwähnte, dass da auch Moab (die Heimat der
biblischen Rut) läge und wiederholte das noch mal, als wir in Qumran standen
und in die Richtung blickten.
Es gibt verschiedene
Theorien, wer in Qumran gelebt hat. Einige sagen, es wäre ein einfaches
Bauerndorf gewesen (unter der Annahme, dass es dort damals mehr Wasser gab),
aber dann ist nicht klar, warum die Rollen in den umliegenden Höhlen gefunden
wurden.
| Spürt ihr die Hitze? |
Eine andere Theorie ist,
dass eine Gruppe von Essenern dort lebte, was die vielen Ritualbäder erklären
würde. Dann muss man nur gucken, wie man die Landwirtschaft da mit einbringt.
Der Info-Film im Museum vertritt diese Theorie. Ronit meinte, wir sollten uns
ein eigenes Bild machen; sie denkt, dass auch eine Kombination aus beidem
möglich ist. Ich fand es schwer, mir eigenes Bild zu machen. Es war zu warm.
:-D Aber wir waren auch in der Mittagshitze da. Vermutlich war es deswegen auch
so leer, wobei ich bisher nicht das Gefühl hatte, dass die Menschen hier Siesta
machen. Jedenfalls halten sich unsere Reiseleiter nicht daran. Wohlmöglich
sehen sie es als Zeitverschwendung an, weil es hier ja so viel zu sehen gibt.
Ich war aber im Grunde den halben Tag damit beschäftigt, mich neu einzucremen.
Das hat sich dann auch ausgezahlt; ich bin nur an einer Stelle etwas rot und
das tut auch nicht weh.
20:40
Uhr: Wir sind jetzt in einem Kibbuz
am Toten Meer. Heike und Ilona, ihre Zimmermitbewohnerin, haben gerade
herausgefunden, dass wir uns im Westjordanland befinden. Und ich dachte, wir
würden hier nicht rein gehen. Dann sind wir heute durchgefahren und jetzt
übernachten wir sogar hier. Irgendwie beunruhigt mich das jetzt schon ein
bisschen… Trotz oder vielleicht sogar wegen der Soldatin, die den Schlagbaum
bewacht, durch den wir ins Kibbuz gefahren sind.
Nach Qumran waren wir im
Toten Meer baden. Das war anders als ich gedacht hatte. Ich hatte es mir wie
das Mittelmeer vorgestellt, nur mit mehr Salz Aber es ist unendlich viel mehr
Salz und jede Menge Schlamm. Der Schlamm aus dem Toten Meer soll gut für die
Haut sein. Es gibt viele Kosmetikartikel damit. Wir hatten erst mal nur viel
Spaß damit, uns einzusauen: Einen Klumpen Schlamm aus dem Wasser fischen und
sich damit einreiben. Das hat so viel Spaß gemacht!
Und das mit dem auf dem
Wasser liegen und Zeitung lesen klappt echt! Heike hat ein Foto von mir
gemacht, weil Lisa Z. unbedingt ein Bild davon sehen wollte. Weil ich keine
Zeitung dabei hatte, habe ich einfach unserem Seminar-Reiseführer genommen. Das
Salz hat aber nicht nur getragen sondern auch furchtbar gebrannt. Das Meer hat
kleine Wunden und Schrammen gefunden, von denen ich gar nicht wusste, dass ich
sie habe (vor allem Kratzer, die die Ranken beim Dauerlauf nach Tabgha heute
Morgen mir zugefügt haben). Leute mit empfindlicher Haut kamen mir schon aus
dem Wasser entgegen, als ich zum ersten Mal reinging. Ich war auch nur einmal
etwas länger und einmal kurz drin und habe zwischendurch eine lange Pause
gemacht. Es tat doch weh, wenn ich drin war. Das Salzwasser ist auch so
gefährlich, dass man sich nicht auf den Bauch legen oder mit Wasser spritzen
darf, damit nichts in die Augen kommt.
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