Samstag, 22. September 2012

Spuren vom Ruhrgebiet in Israel? (Israel Tag 3)



14:30 Uhr:      Es ist heiß. Ich habe das Gefühl zu schmelzen. Im Moment sitzen wir im klimatisierten Bus, aber davor… puh
 
                    
                   Angefangen haben wir heute Morgen mit dem Berg der Seligpreisungen. Auf diesem Berg wird die Bergpredigt nach Markus (Parallele: Jesus – Mose à beide auf einem Berg) verortet. Oben haben wir eins der obligatorischen Referate gehört und Klaus hat die Seligpreisungen vorgelesen. Nach sind wir in die Kirche gegangen.

                       Sie ist achteckig und recht neu (von 1937), ein Geschenk von Mussolini. Das finde ich doch etwas merkwürdig. Bestimmt war er Christ und wollte die Kirche stiften, aber muss man alles annehmen, egal, von wem es kommt? Nichtsdestotrotz ist die Kirche sehr schön. Von dem Berg hat man eine wunderbare Sicht auf den See Genezareth und der Garten um die Kirche herum ist auch toll bepflanzt (verschiedene Blumen, Palmen etc.). Und durch die kleinen Fenster (aus normalen Fensterglas) der Kirche kann man in den Garten und auf den See blicken. Weiter oben sind noch mal Fenster, in denen in buntem Glas die Seligpreisungen stehen.

                     Von der Kirche aus sind wir aus unerfindlichen Gründen eine Ministrecke mit dem Bus gefahren und sind dann einen Berg runter gelaufen. Auf dem Weg nach unten hat uns Ronit verschiedene Pflanzen gezeigt: Einige Senfkörner (um zu zeigen, wie winzig sie sind und das Bild vom Senfkorn deutlicher zu machen), einen Baum, der nach der Dornenkrone Jesu benannt ist, obwohl er nicht in Jerusalem wächst und darum dort definitiv nicht für eine Dornenkrone verwendet werden konnte, und eine Blume, die auch durch ihren Namen (den ich vergessen habe) den Herbst ankündigt (Blumen sind in der Gegend eher selten, weil sie Wasser brauchen und wenn diese Blume blüht, weiß man, dass der Herbst und Regen bald kommt). Außerdem hat sie uns gezeigt, wo die Orte um den See Genezareth liegen. Dabei ist mir aufgefallen, dass Magdala (Maria Magdalena) auch am See liegt. Mir war nie so klar, dass Maria und Jesus aus derselben Region kommen. Oder vielmehr habe ich mir da nie Gedanken drüber gemacht. Magdala (bzw. Migdal, was auf Hebräisch Turm heißt) hat übrigens Überreste einer Synagoge aus Jesu Zeiten.

                        Als nächstes war die Brotvermehrungskirche an der Reihe. Die ist in Tabgha und steht an der Stelle, wo schon mal eine byzantinische Kirche (4./5. Jahrhundert) stand. Was mir an der Kirche gut gefällt, ist ein Brunnen und ein Baum im Atrium. Erst hinter dem Hof kommt man in die Kirche. Es war sehr voll, weil alle die berühmten Mosaike fotografieren wollten. Das eine ist vor dem Altar und bezieht sich auf die Speisung der 5000. Es sind zwei Fische, aber nur vier Brote abgebildet.  Wir hatten schon im Seminar darüber gesprochen und verschiedene Lösungen für das fehlende Brot überlegt: Es liegt unter den anderen und das Fehlen ist aus der Perspektive heraus zu erklären; es ist die Hostie auf dem Altar; es ist Jesus („das Brot des Lebens“) als Idee in der Feier der Eucharistie, nicht materiell in der Hostie; es wurde ins Wasser geworfen, um die Fische anzulocken (Heikes, nicht erst gemeinter, Kommentar). Später, als wir in kleinerer Runde nochmal darüber gesprochen haben, kam die Idee auf, später im Himmel mal den Künstler zu fragen. Irgendjemand, ich glaube, es war Magdalena, meinte daraufhin: „Dann kommt wahrscheinlich: ‚Dafür, dass er diesen Mist verzapft hat, ist er jetzt da unten…‘“.
                     Das andere Mosaik zeigt viele verschiedene Vögel. Die Strecke vieler Zugvögel verläuft nämlich durch diese Gegend.

                    Weiter ging es zur Primatskapelle (nein, das hat nichts mit Affen zu tun), auch in Tabgha. Die Kapelle liegt in einem Park. Da haben wir uns zuerst auf eine Rasenfläche gesetzt und zwei Referate gehört. Danach hat Klaus uns zum Vater Unser aufgefordert. Und da draußen auf der Wiese kam ich beim Beten auch viel mehr zur Besinnung als ich es in den überlaufenden Kirchen gekommen wäre.
                        In all den Kirchen ist es ja irgendwie ein raus und rein und Fotos machen, selbst wenn man sich selbst daraus ziehen möchte (wobei ich zugeben muss, dass ich meistens doch erst mal Fotos mache). Aber irgendwie berührt es mich auch nicht so, wenn es heißt, hier hat Jesus gegessen, da ist der Ort der Brotvermehrung… Ich interessiere mich eher aus kulturwissenschaftlicher sicht und schlichter Neugier für die Orte (die Frage: Wie verehren die Menschen diese Orte?), aber ich bin mir nicht sicher, ob mich das in meinem Glauben wirklich weiterbringt, einen Stein zu sehen, von dem man sagt, dass darauf auf einem Fisch ganz viele wurden.
                    Die Primatskapelle soll daran erinnern, dass Jesus Petrus zu seinem Nachfolger bestimmt (Joh 21). Das entsprechende Kapitel aus dem Johannesevangelium soll wie wir heute gelernt haben, den Machtanspruch Roms auf das Papstamt rechtfertigen. Auf der Tür der Kapelle ist auch ein Papst abgebildet. In der Kapelle ist ein Stein, auf dem Jesus gegessen haben soll. Deswegen heißt er Mensa Christi. Die Kapelle hat nicht so einen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Vielleicht, weil mir der Zusammenhang mit Johannes 21 zu viel Machtstreiterei ist. Vielleicht, weil ich es lächerlich finde, DEN Stein, auf dem jemand vor 2000 Jahren möglicherweise etwas gegessen hat, in eine Kirche zu stellen.

                    Von Tabgha aus sind wir nach Kapernaum gelaufen. Laut Reiseführer sind das 3 km. In Kapernaum konnte man verschiedene Ausgrabungsstücke sehen. Einmal war da eine Synagoge aus dem zweiten Jahrhundert (nach Christus), die auf den Resten eines anderen Gebäudes gebaut ist, was wahrscheinlich auch eine Synagoge (dann zu Jesu Zeiten) war. Man kann erkennen, dass das Gebäude eine Synagoge ist, weil auf einem Kapitell Reliefs von einer Menorah, einem Schofar und ähnlichen Gegenständen gefunden wurden. Das Problem ist nur, dass es in dem Gebäude keinen Tora-Schrein gibt. Ein anderes Relief zeigt einen auf Rädern, was die Lösung sein könnte.
                        Außerdem kann man die Reste einer Siedlung sehen. Die Häuser sind klein, eng und verwinkelt. Da kann man verstehen, dass es schwierig ist, mit einem Verletzten zu Jesus zu kommen und es einfach ist, dass Strohdach abzudecken.
                        Schon im zweiten Jahrhundert wurde ein Haus als „Haus des Petrus“ angepilgert. Es gibt da ein Graffiti an der Wand, das das Wort Petrus und ein Fischerboot zeigt, aber wir haben schon im Seminar gehört, dass das eigentlich nicht aus Petrus‘ Zeit sein kann. Inzwischen steht über den Steinen eine achteckige Kirche, die wie ein Ufo aussieht und ein Fenster im Boden hat, durch das man die alten Steine sehen kann. Was ich von dem Ort mitgenommen habe, ist, dass damals Christen und Juden friedlich nebeneinander gelebt haben.

                        Mittagessen sollten wir in einem Restaurant am See Genezareth, wo es Petrus-Fisch, eine bestimmte Fischart, gibt. Das war einigen von uns aber zu teuer, weil Shabbat war, gab es allerdings keine wirkliche Alternative. Zum Glück gab es in Kapernaum einen Kiosk, wo wir ein Eis gegessen haben (wir = Johanna, Melanie, Beate, Marina, Magdalena, noch zwei/ drei andere und ich). Danach sind wir an dem See mit den Füßen ins Wasser gegangen. Eigentlich wollten wir schwimmen, aber hatten wenig Zeit und waren so verschwitzt, dass wir uns nicht ausziehen wollten.

                        Fazit des Vormittages: Der Berg der Seligpreisungen war das Highlight. Danach ging es bergab: Die Brotvermehrungskirche ist noch ganz schön, aber die Primatskapelle einfach nur merkwürdig und eher hässlich. Außerdem ist ein Eis zum Mittagessen toll!

Viel später:     Originaleintrag: Ich bin müde und will nicht mehr viel schreiben. Waren nachmittags in Nazareth und haben gesehen:
·         Verkündigungskirche (katholisch)
·         Josephskirche
·         Verkündigungskirche (orthodox)
·         Brunnen
·         Viele Menschen und offene Geschäfte
Genaue Beschreibung folgt.

Nachtrag am Folgetag: Es gibt zwei Verkündigungstraditionen in Bezug auf Maria. Nach der einen besucht der Engel Maria in ihrer Wohngrotte. In Nazareth gibt es viele Höhlen, aber keine Reste von Häusern. Vielleicht wohnten die Nazarener (ein Clan vom Stamm David) in diesen Höhlen oder sie nutzten die Höhlen als Speicher oder Keller.
Über einer dieser Grotten sind bereits verschiedene Kirchen gebaut worden. Zuerst stand da eine byzantinische Kirche, auf deren Überreste die Kreuzfahrer eine größere gebaut haben. Als die zerstört wurde, stand da lange Zeit nichts. Dann bekamen die Franziskaner die Erlaubnis, eine neue Kirche zu bauen, aber sie hatten nicht viel Zeit, weil sie das machen mussten, während die Muslime auf Pilgerfahrt waren. Deswegen fiel die Kirche etwas kleiner aus. Inzwischen ist diese kleine Kirche durch eine große, moderne ersetzt worden. Auf der Fassade steht auf Latein: „Das Wort ist Fleisch geworden“. Um die Kirche herum ist ein Säulengang, in dem viele verschiedene Mariendarstellungen aus unterschiedlichen Ländern hängen. Auf dem Haupteingang der Kirche sind Szenen aus dem Leben Jesu zu sehen (Verkündigung, Geburt, Flucht aus Ägypten, Taufe etc.). Drumherum sind verschiedene Gestalten aus dem Alten Testament sowie die Apostel abgebildet. Auf der Tür links daneben kann man verschiedene Szenen aus dem Alten Testament sehen (Adam und Eva, Noah, Abraham und Isaak).
Die Kirche hat zwei Etagen. Die untere ist eher dunkel und sieht auch nicht so wirklich wie eine Kirche aus. Es gibt ein paar kleine, bunte Fenster und dicke Betonbalken, die schräg die Decke stützen. Sie sahen irgendwie wie Stahlträger aus und haben mich ans Ruhrgebiet erinnert. Die Balken sahen halt so genietet aus, auch wenn die Dellen nicht nach außen, sondern nach innen gingen. Jedenfalls hat die Kirche bei mir den Namen Ruhrpott-Kirche bekommen.
In der Mitte der unteren Etage geht es über ein paar Stufen zu Marias Wohngrotte herunter. Über der Grotte hängt eine Art Holzbaldachin mit Engeln und schräg darüber ist eine Öffnung in der Decke, durch die man die obere Etage und die Kuppel sehen kann.
Ruhrpott-Kirche
Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob mir die Kirche gefällt oder nicht. Ich finde sie auf jeden Fall interessant und das im positiven Sinne. Es ist spannend, dass die untere Etage eben nicht wie eine typische Kirche aussieht, aber trotzdem Kirchenelemente hat wie die bunten Fenster und teilweise schon stark symbolisch wirkt. Durch den Baldachin über der Grotte ist der Himmel, von dem die Engel herunter steigen, in die Kirche geholt worden. Und abgesehen von einem Fenster, in dem die Begegnung von Maria und dem Engel gezeigt wird, das sich aber in einer nicht unbedingt prominenten Stelle der Kirche befindet, ist das die einige Darstellung der Verkündigung im unteren Teil.
Der obere Teil der Kirche sieht (abgesehen von dem Loch im Boden) schon wie eine typische Kirche aus. Allerdings sind auch da die „Ruhrgebietssäulen“. Toll waren auch hier wieder verschiedene Mariendarstellungen. Besonders gefreut habe ich mich über eine moderne Version der Virgen de Guadalupe, nach der ich mich draußen vergeblich umgesehen hatte.
In unmittelbarer Nachbarschaft mit der katholischen Verkündigungskirche steht die Josephskirche über dem Haus von Joseph (also dem angeblichen Haus). Trotz der Statue der idyllischen Kleinfamilie an der Außenwand der Kirche, fand ich sie nicht weiter interessant. Wir sind aber auch direkt in die Basilika unter der eigentlichen Kirche gegangen, wo man ein paar alte Steine (Wasserbecken) angucken konnte. Highlight der Josephskirche war der Mönche, der eine Jesus- (oder Josephs-) Statue putzte, als wir rein kamen.
Als wir die Kirche verließen, sahen wir eine Hochzeit, die sich der Verkündigungskirche näherte. Wir haben gestern schon in Akko zwei oder drei Brautpaare gesehen, die vor dem Garten am Eingang der Kreuzfahrerstadt fotografieren lassen wollten. Diese Hochzeitsgesellschaft zog aber mit allen drum und dran in die Kirche ein. Und damit dieser Tag für die Braut noch unvergesslicher wurde, latschten wir blöden Touristen einmal über den Vorplatz der Kirche und damit wahrscheinlich durch das Hochzeitsvideo…

Die orthodoxe Verkündigungskirche bezieht sich auf die andere Tradition, nach der der Engel Maria an einem Brunnen trifft. Die orthodoxe Kirche steht über einem Brunnen, der als eben jener verstanden wird. Wir waren da auch kurz gucken, sind aber blöderweise in einen Gottesdienst herein geraten. Es war mir schon peinlich, dass die ganze Gruppe (50 Leute) da rein und wieder raus trampelte. Wir haben uns zwar bemüht, leise zu sein und haben auch ein bisschen beim Gottesdienst zugehört, aber es war trotzdem doof.
Orthodoxe Kirchen sind sehr bunt, es gibt viele Bilder und viel Gold. Der Altar ist von den Gläubigen, durch eine Wand getrennt. In dem Teil des Gottesdienstes, bei dem wir dabei waren, war der Priester sehr oft hinter der Wand.

Zurück in der Jugendherberge waren wir erst mal im See schwimmen. Eine willkommende Erfrischung, nachdem wir den ganzen Tag geschwitzt haben. Man muss zwar erst eine Strecke von gefühlten mehreren Kilometern laufen, bis man einigermaßen schwimmen kann, aber es war lustig. Ich habe ohne meine Brille ja sowieso nichts gesehen und musste mich immer an die anderen halten. Ich bin auch kurz hinter der Absperrung (von der wir nicht genau wussten, was sie da macht) geschwommen, habe aber auch da aufgepasst, die anderen nicht aus den Augen zu verlieren. Vielleicht sollte ich demnächst doch mit Brille ins Wasser gehen. Oder mir im Notting Hill-Stil eine Taucherbrille mit geschliffenen Gläsern zulegen…

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