14:30
Uhr: Es ist heiß. Ich habe das Gefühl
zu schmelzen. Im Moment sitzen wir im klimatisierten Bus, aber davor… puh
Angefangen haben wir
heute Morgen mit dem Berg der Seligpreisungen. Auf diesem Berg wird die
Bergpredigt nach Markus (Parallele: Jesus – Mose à beide auf einem
Berg) verortet. Oben haben wir eins der obligatorischen Referate gehört und
Klaus hat die Seligpreisungen vorgelesen. Nach sind wir in die Kirche gegangen.
Sie ist achteckig und
recht neu (von 1937), ein Geschenk von Mussolini. Das finde ich doch etwas
merkwürdig. Bestimmt war er Christ und wollte die Kirche stiften, aber muss man
alles annehmen, egal, von wem es kommt? Nichtsdestotrotz ist die Kirche sehr
schön. Von dem Berg hat man eine wunderbare Sicht auf den See Genezareth und
der Garten um die Kirche herum ist auch toll bepflanzt (verschiedene Blumen,
Palmen etc.). Und durch die kleinen Fenster (aus normalen Fensterglas) der
Kirche kann man in den Garten und auf den See blicken. Weiter oben sind noch
mal Fenster, in denen in buntem Glas die Seligpreisungen stehen.
Von der Kirche aus sind
wir aus unerfindlichen Gründen eine Ministrecke mit dem Bus gefahren und sind
dann einen Berg runter gelaufen. Auf dem Weg nach unten hat uns Ronit
verschiedene Pflanzen gezeigt: Einige Senfkörner (um zu zeigen, wie winzig sie
sind und das Bild vom Senfkorn deutlicher zu machen), einen Baum, der nach der
Dornenkrone Jesu benannt ist, obwohl er nicht in Jerusalem wächst und darum
dort definitiv nicht für eine Dornenkrone verwendet werden konnte, und eine
Blume, die auch durch ihren Namen (den ich vergessen habe) den Herbst ankündigt
(Blumen sind in der Gegend eher selten, weil sie Wasser brauchen und wenn diese
Blume blüht, weiß man, dass der Herbst und Regen bald kommt). Außerdem hat sie
uns gezeigt, wo die Orte um den See Genezareth liegen. Dabei ist mir
aufgefallen, dass Magdala (Maria Magdalena) auch am See liegt. Mir war nie so
klar, dass Maria und Jesus aus derselben Region kommen. Oder vielmehr habe ich
mir da nie Gedanken drüber gemacht. Magdala (bzw. Migdal, was auf Hebräisch
Turm heißt) hat übrigens Überreste einer Synagoge aus Jesu Zeiten.
Als nächstes war die
Brotvermehrungskirche an der Reihe. Die ist in Tabgha und steht an der Stelle,
wo schon mal eine byzantinische Kirche (4./5. Jahrhundert) stand. Was mir an
der Kirche gut gefällt, ist ein Brunnen und ein Baum im Atrium. Erst hinter dem
Hof kommt man in die Kirche. Es war sehr voll, weil alle die berühmten Mosaike
fotografieren wollten. Das eine ist vor dem Altar und bezieht sich auf die
Speisung der 5000. Es sind zwei Fische, aber nur vier Brote abgebildet. Wir hatten schon im Seminar darüber
gesprochen und verschiedene Lösungen für das fehlende Brot überlegt: Es liegt
unter den anderen und das Fehlen ist aus der Perspektive heraus zu erklären; es
ist die Hostie auf dem Altar; es ist Jesus („das Brot des Lebens“) als Idee in
der Feier der Eucharistie, nicht materiell in der Hostie; es wurde ins Wasser
geworfen, um die Fische anzulocken (Heikes, nicht erst gemeinter, Kommentar).
Später, als wir in kleinerer Runde nochmal darüber gesprochen haben, kam die
Idee auf, später im Himmel mal den Künstler zu fragen. Irgendjemand, ich
glaube, es war Magdalena, meinte daraufhin: „Dann kommt wahrscheinlich: ‚Dafür,
dass er diesen Mist verzapft hat, ist er jetzt da unten…‘“.
Das andere Mosaik zeigt
viele verschiedene Vögel. Die Strecke vieler Zugvögel verläuft nämlich durch
diese Gegend.
Weiter ging es zur
Primatskapelle (nein, das hat nichts mit Affen zu tun), auch in Tabgha. Die
Kapelle liegt in einem Park. Da haben wir uns zuerst auf eine Rasenfläche
gesetzt und zwei Referate gehört. Danach hat Klaus uns zum Vater Unser
aufgefordert. Und da draußen auf der Wiese kam ich beim Beten auch viel mehr
zur Besinnung als ich es in den überlaufenden Kirchen gekommen wäre.
In all den Kirchen ist
es ja irgendwie ein raus und rein und Fotos machen, selbst wenn man sich selbst
daraus ziehen möchte (wobei ich zugeben muss, dass ich meistens doch erst mal
Fotos mache). Aber irgendwie berührt es mich auch nicht so, wenn es heißt, hier
hat Jesus gegessen, da ist der Ort der Brotvermehrung… Ich interessiere mich
eher aus kulturwissenschaftlicher sicht und schlichter Neugier für die Orte
(die Frage: Wie verehren die Menschen diese Orte?), aber ich bin mir nicht
sicher, ob mich das in meinem Glauben wirklich weiterbringt, einen Stein zu
sehen, von dem man sagt, dass darauf auf einem Fisch ganz viele wurden.
Die Primatskapelle soll
daran erinnern, dass Jesus Petrus zu seinem Nachfolger bestimmt (Joh 21). Das
entsprechende Kapitel aus dem Johannesevangelium soll wie wir heute gelernt
haben, den Machtanspruch Roms auf das Papstamt rechtfertigen. Auf der Tür der
Kapelle ist auch ein Papst abgebildet. In der Kapelle ist ein Stein, auf dem
Jesus gegessen haben soll. Deswegen heißt er Mensa Christi. Die Kapelle hat
nicht so einen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Vielleicht, weil mir der
Zusammenhang mit Johannes 21 zu viel Machtstreiterei ist. Vielleicht, weil ich
es lächerlich finde, DEN Stein, auf dem jemand vor 2000 Jahren möglicherweise
etwas gegessen hat, in eine Kirche zu stellen.
Von Tabgha aus sind wir
nach Kapernaum gelaufen. Laut Reiseführer sind das 3 km. In Kapernaum konnte man
verschiedene Ausgrabungsstücke sehen. Einmal war da eine Synagoge aus dem
zweiten Jahrhundert (nach Christus), die auf den Resten eines anderen Gebäudes
gebaut ist, was wahrscheinlich auch eine Synagoge (dann zu Jesu Zeiten) war.
Man kann erkennen, dass das Gebäude eine Synagoge ist, weil auf einem Kapitell
Reliefs von einer Menorah, einem Schofar und ähnlichen Gegenständen gefunden
wurden. Das Problem ist nur, dass es in dem Gebäude keinen Tora-Schrein gibt.
Ein anderes Relief zeigt einen auf Rädern, was die Lösung sein könnte.
Außerdem kann man die
Reste einer Siedlung sehen. Die Häuser sind klein, eng und verwinkelt. Da kann
man verstehen, dass es schwierig ist, mit einem Verletzten zu Jesus zu kommen
und es einfach ist, dass Strohdach abzudecken.
Schon im zweiten
Jahrhundert wurde ein Haus als „Haus des Petrus“ angepilgert. Es gibt da ein
Graffiti an der Wand, das das Wort Petrus und ein Fischerboot zeigt, aber wir
haben schon im Seminar gehört, dass das eigentlich nicht aus Petrus‘ Zeit sein
kann. Inzwischen steht über den Steinen eine achteckige Kirche, die wie ein Ufo
aussieht und ein Fenster im Boden hat, durch das man die alten Steine sehen
kann. Was ich von dem Ort mitgenommen habe, ist, dass damals Christen und Juden
friedlich nebeneinander gelebt haben.
Mittagessen sollten wir
in einem Restaurant am See Genezareth, wo es Petrus-Fisch, eine bestimmte
Fischart, gibt. Das war einigen von uns aber zu teuer, weil Shabbat war, gab es
allerdings keine wirkliche Alternative. Zum Glück gab es in Kapernaum einen
Kiosk, wo wir ein Eis gegessen haben (wir = Johanna, Melanie, Beate, Marina,
Magdalena, noch zwei/ drei andere und ich). Danach sind wir an dem See mit den
Füßen ins Wasser gegangen. Eigentlich wollten wir schwimmen, aber hatten wenig
Zeit und waren so verschwitzt, dass wir uns nicht ausziehen wollten.
Fazit des Vormittages:
Der Berg der Seligpreisungen war das Highlight. Danach ging es bergab: Die
Brotvermehrungskirche ist noch ganz schön, aber die Primatskapelle einfach nur
merkwürdig und eher hässlich. Außerdem ist ein Eis zum Mittagessen toll!
Viel
später: Originaleintrag: Ich bin müde und will nicht mehr viel schreiben.
Waren nachmittags in Nazareth und haben gesehen:
·
Verkündigungskirche
(katholisch)
·
Josephskirche
·
Verkündigungskirche
(orthodox)
·
Brunnen
·
Viele
Menschen und offene Geschäfte
Genaue
Beschreibung folgt.
Nachtrag am Folgetag: Es gibt zwei
Verkündigungstraditionen in Bezug auf Maria. Nach der einen besucht der Engel
Maria in ihrer Wohngrotte. In Nazareth gibt es viele Höhlen, aber keine Reste
von Häusern. Vielleicht wohnten die Nazarener (ein Clan vom Stamm David) in
diesen Höhlen oder sie nutzten die Höhlen als Speicher oder Keller.
Über einer
dieser Grotten sind bereits verschiedene Kirchen gebaut worden. Zuerst stand da
eine byzantinische Kirche, auf deren Überreste die Kreuzfahrer eine größere
gebaut haben. Als die zerstört wurde, stand da lange Zeit nichts. Dann bekamen
die Franziskaner die Erlaubnis, eine neue Kirche zu bauen, aber sie hatten
nicht viel Zeit, weil sie das machen mussten, während die Muslime auf
Pilgerfahrt waren. Deswegen fiel die Kirche etwas kleiner aus. Inzwischen ist
diese kleine Kirche durch eine große, moderne ersetzt worden. Auf der Fassade steht
auf Latein: „Das Wort ist Fleisch geworden“. Um die Kirche herum ist ein
Säulengang, in dem viele verschiedene Mariendarstellungen aus unterschiedlichen
Ländern hängen. Auf dem Haupteingang der Kirche sind Szenen aus dem Leben Jesu
zu sehen (Verkündigung, Geburt, Flucht aus Ägypten, Taufe etc.). Drumherum sind
verschiedene Gestalten aus dem Alten Testament sowie die Apostel abgebildet.
Auf der Tür links daneben kann man verschiedene Szenen aus dem Alten Testament
sehen (Adam und Eva, Noah, Abraham und Isaak).
Die Kirche hat
zwei Etagen. Die untere ist eher dunkel und sieht auch nicht so wirklich wie
eine Kirche aus. Es gibt ein paar kleine, bunte Fenster und dicke Betonbalken,
die schräg die Decke stützen. Sie sahen irgendwie wie Stahlträger aus und haben
mich ans Ruhrgebiet erinnert. Die Balken sahen halt so genietet aus, auch wenn
die Dellen nicht nach außen, sondern nach innen gingen. Jedenfalls hat die
Kirche bei mir den Namen Ruhrpott-Kirche bekommen.
In der Mitte der
unteren Etage geht es über ein paar Stufen zu Marias Wohngrotte herunter. Über
der Grotte hängt eine Art Holzbaldachin mit Engeln und schräg darüber ist eine
Öffnung in der Decke, durch die man die obere Etage und die Kuppel sehen kann.
| Ruhrpott-Kirche |
Der obere Teil
der Kirche sieht (abgesehen von dem Loch im Boden) schon wie eine typische
Kirche aus. Allerdings sind auch da die „Ruhrgebietssäulen“. Toll waren auch
hier wieder verschiedene Mariendarstellungen. Besonders gefreut habe ich mich
über eine moderne Version der Virgen de Guadalupe, nach der ich mich draußen
vergeblich umgesehen hatte.
In unmittelbarer
Nachbarschaft mit der katholischen Verkündigungskirche steht die Josephskirche
über dem Haus von Joseph (also dem angeblichen Haus). Trotz der Statue der
idyllischen Kleinfamilie an der Außenwand der Kirche, fand ich sie nicht weiter
interessant. Wir sind aber auch direkt in die Basilika unter der eigentlichen
Kirche gegangen, wo man ein paar alte Steine (Wasserbecken) angucken konnte.
Highlight der Josephskirche war der Mönche, der eine Jesus- (oder Josephs-)
Statue putzte, als wir rein kamen.
Als wir die
Kirche verließen, sahen wir eine Hochzeit, die sich der Verkündigungskirche
näherte. Wir haben gestern schon in Akko zwei oder drei Brautpaare gesehen, die
vor dem Garten am Eingang der Kreuzfahrerstadt fotografieren lassen wollten.
Diese Hochzeitsgesellschaft zog aber mit allen drum und dran in die Kirche ein.
Und damit dieser Tag für die Braut noch unvergesslicher wurde, latschten wir
blöden Touristen einmal über den Vorplatz der Kirche und damit wahrscheinlich
durch das Hochzeitsvideo…
Die orthodoxe
Verkündigungskirche bezieht sich auf die andere Tradition, nach der der Engel
Maria an einem Brunnen trifft. Die orthodoxe Kirche steht über einem Brunnen,
der als eben jener verstanden wird. Wir waren da auch kurz gucken, sind aber
blöderweise in einen Gottesdienst herein geraten. Es war mir schon peinlich,
dass die ganze Gruppe (50 Leute) da rein und wieder raus trampelte. Wir haben
uns zwar bemüht, leise zu sein und haben auch ein bisschen beim Gottesdienst
zugehört, aber es war trotzdem doof.
Orthodoxe
Kirchen sind sehr bunt, es gibt viele Bilder und viel Gold. Der Altar ist von
den Gläubigen, durch eine Wand getrennt. In dem Teil des Gottesdienstes, bei
dem wir dabei waren, war der Priester sehr oft hinter der Wand.
Zurück in der
Jugendherberge waren wir erst mal im See schwimmen. Eine willkommende
Erfrischung, nachdem wir den ganzen Tag geschwitzt haben. Man muss zwar erst
eine Strecke von gefühlten mehreren Kilometern laufen, bis man einigermaßen
schwimmen kann, aber es war lustig. Ich habe ohne meine Brille ja sowieso
nichts gesehen und musste mich immer an die anderen halten. Ich bin auch kurz
hinter der Absperrung (von der wir nicht genau wussten, was sie da macht)
geschwommen, habe aber auch da aufgepasst, die anderen nicht aus den Augen zu
verlieren. Vielleicht sollte ich demnächst doch mit Brille ins Wasser gehen.
Oder mir im Notting Hill-Stil eine Taucherbrille mit geschliffenen Gläsern
zulegen…
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