8:30
Uhr: Heute Morgen sind wir durch
das Kibbuz geführt worden. Jedenfalls ein bisschen. Wir haben einen Kuhstall
mit schwarzbunten Kühen gesehen (die wegen der Hitze regelmäßig geduscht wurden
– Wie war das noch mit den Wasserproblemen? Hätte man nicht Tiere nehmen
können, die an die Hitze gewohnt sind und Milch geben?) und ein Bewohner aus
dem Kibbuz hat uns ein bisschen was zu dem Leben erzählt. Er lebt seit sechs
oder sieben Jahren da und ist davon total begeistert. Sie haben 600 Kühe im
Kibbuz und bauen Tomaten, Datteln, Paprika und Wassermelonen an.
Jetzt sind wir auf dem
Weg nach Masada (diesmal wirklich). Als wir das Kibbuz verlassen haben, stand
da wieder die Soldatin und auch beim Verlassen des Westjordanlandes haben wir
Soldaten gesehen. Schon ein komisches Gefühl.
12:51
Uhr: Haben Masada bezwungen. Das ist ein Tischberg, auf dem Herodes über mehrere Stufen eine Festung gebaut hat.
Zum Nationalsymbol ist Masada aber durch eine andere Geschichte geworden. Während
des ersten jüdischen Krieges haben sich rebellische Zeloten auf Masada
versteckt und haben von dort aus Wiederstand geleistet. Flavius Josephus
berichtet, dass diese Menschen dann in der Nacht, bevor die Römer den Berg
einnahmen, kollektiv Selbstmord begingen.
Bevor wir uns die Funde
auf dem Berg anguckten, wurde uns ein Film gezeigt. Teilweise war der Film sehr
lustig. Der Moderator machte Scherze wie „Herodes Baumeister muss ein sehr
kleiner Mann gewesen sein“ (er musste sich bücken, um das Badehaus zu
betreten). Aber der Film wirkte auch stellenweise sehr hollywoodmäßig,
vermutlich auch, weil Bilder aus einem amerikanischen Film über Masada gezeigt
wurden. Aber auch, weil die Musik sehr dramatisch klang und der Moderator
ständig von dem Drama sprach, dass sich da oben abgespielt haben muss. Er
versuchte zwar, zumindest ein bisschen für die Schwere der Entscheidung zu
sensibilisieren, aber die letzten Worte des Films waren sowas wie: „Es ging
also um Freiheit oder Versklavung. Wofür hätten Sie sich entschieden?“ Damit
wurden die Menschen wieder nur auf der Ebene der Freiheitskämpfer und Helden
betrachtet. Das ist natürlich der perfekte Stoff für Hollywood-Filme und machte
den Film in meinen Augen sehr patriotisch.
Nach dem Film sind wir
mit einer Seilbahn nach oben gefahren (nur die Leute mit Knieproblemen sind
hochgelaufen, um herunter fahren zu können). Oben angekommen haben wir einige
Speicherräume, das Haus eines Offiziers, das Badehaus, einen Teil des Palastes
von Herodes und die Synagoge gesehen.
Als die Zeloten
sich dort eingerichtet haben, nutzten sie einen Teil der Gebäude und haben auch
etwas umgebaut bzw. zweckentfremdet. Aus Teilen des römischen Badehauses haben
sie z.B. Mikvehn (jüdische Ritualbäder) gebaut. In der Synagoge hat Laura die Rede
von Eleazar (Herr der Ringe – Parallele: Aragorn = Elessar, Elbenstein, Ich
glaube, ich nerve schon alle damit), dem Anführer auf Masada, der seine Leute
zum Selbstmord aufruft, vorgelesen. Ronit meinte, da die Synagoge der Ort der
Versammlung ist, hätte Eleazar sicher diese Rede in der Synagoge gehalten.
Außerdem hat sie uns ein bisschen über die psychologische Kriegsführung
erzählt. Die Römer hätten hochgerufen, die Zeloten seien verraten worden und
sie sollten sicher ergeben. Die Aufständischen haben Wasser herunter gegossen,
um ihren Überfluss an Vorräten zu demonstrieren.
Dabei war es gar
nicht leicht, Wasser da zu sammeln, schließlich ist es mehr oder weniger Wüste.
Wir haben ein Modell gesehen, wie über ein ausgeklügeltes System von Zisternen
und Gräben Regenwasser gesammelt wurde. Die Modelle auf Masada haben mir
ohnehin sehr gut gefallen. In dem vom Badehaus war sogar das Mosaik aufgemalt.
Es sah wie eine Puppenstube aus. Nur fehlten die Figuren. Ich finde, so ein
Playmobil-Herodes hätte sich da sehr gut gemacht.
Nachdem wir viel
Zeit auf dem Berg in der Sonne herumgelaufen sind, sollten wir wieder
herunterlaufen. Das war die bisher größte Herausforderung der Reise. Ich war
extrem langsam und wurde ständig von irgendwem überholt. Aber ich konnte auch
nicht schneller laufen, weil meine Knie total gezittert haben. Ich hatte schon
die Vision, dass mich auch noch die Gruppe von Frau G., die den größten Teil
der Mittagspause damit verbrachten noch weitere Teile von Herodes‘ Palast
anzugucken, überholen würden und ich als allerletzte am Bus ankommen würde.
Aber so schlecht lag ich dann doch nicht in der Zeit. Der Abstieg hat mich nur
nochmal davon überzeugt, die Wüstenwanderung mit Frau G. nicht mit zu machen.
Nach Tabgha wollte ich nicht mehr, nach dem Abstieg heute weiß ich, dass ich es
auch nicht kann.
| Masda mit Toten Meer im Hintergrund |
14:11
Uhr: Wir sind eben in Jerusalem
eingefahren. Genau in dem Moment haben sie im Bus das Lied „Jerusalem von Gold“
abgespielt, das im Deutschen „Ihr Mächtigen“ heißt. Das passte natürlich und ich fand es auch
schön. In Jerusalem sind wir als erstes zu einem Aussichtspunkt auf dem
Scopusberg gefahren, von dem aus wir schon mal auf die Stadt gucken und erste
Fotos machen konnten.
| Jerusalem vom Scopusberg |
Mitternacht: Wir waren heute Nachmittag mit Frau G. im
Yom Kippur Gottesdienst im Hebrew Union College (Wir = Heike, Sebastian, Jean,
Melanie, Ilona, Steffi, Johanna und ich). Frau G. hat mal wieder ihren
Stechschritt an den Tag gelegt und wir waren eine halbe Stunde vor Beginn da.
Der Gottesdienst fand in
einem großen Saal statt, der halb rund war und eine Glaswand hatte. Dadurch
konnte man auf die Altstadt blicken. Nach oben hin lief die Decke wie ein
Zirkuszelt zusammen und es hing ein Glockenspiel von der Decke. Wunderschön! Wir waren alle auf Frau
G. Anraten hin weiß angezogen, aber viele der Gottesdienstbesucher kamen auch
in anderen Farben. Es war eine sehr progressive Gemeinde, was man an vielen
kleinen und großen Dingen sehen konnte: Männer und Frauen saßen nicht getrennt,
der Gottesdienst war teilweise auf Englisch, manche Frauen trugen Kippot und es
gab eine Rabbinerin.
Die Männer hatten ihren
Tallit in kleinen bestickten Taschen, die wie Kissenbezüge aussehen, mit sich
herum. Das finde ich herrlich. Zuerst dachte ich, die Besitzer hatten sich ein
Kissen mitgebracht.
Was mir im Gottesdienst
auffiel, war, dass doch sehr viele Ähnlichkeiten zwischen Judentum und
Christentum bestehen. Irgendwie fixiert man sich, wenn man über das Judentum
spricht, vor allem auf die Unterschiede (Speisegesetze, Kleidung etc.) und auf
die orthodoxen Juden. Aber bei fast allen Texten, die gesprochen oder gesungen
wurden, dachte ich, dass man sie eigentlich wörtlich in einem christlichen
Gottesdienst lesen könnte. Gut, es fehlte irgendwie der Sohn, aber der wird ha
nicht immer zwingend erwähnt.
Sehr gut gefallen hat
mir auch die musikalische Begleitung des Gottesdientest. Der Chor hat wunderbar
gesungen. Ein Lied hatte ich danach noch lange als Ohrwurm. Es war nur schade,
dass ich bei dem Gemeindeliedern nicht mitsingen konnte. Mein Hebräisch ist
einfach nicht (mehr???) gut genug. Ich habe mich aber bemüht, mitzulesen (was
nicht wirklich gut klappte) und war später ganz stolz, dass ich wieder einige
Worte wiedererkannt und mithilfe der englischen Übersetzung auch verstanden
habe. Nach dem Gottesdienst hat die Frau, die neben mir saß, etwas zu mir auf
Hebräisch gesagt (ich nehme an, sowas wie „Fröhlicher Yom Kippur“), aber leider
habe ich nur das Wort „tow“ (= gut) verstanden und wusste nicht, was ich
antworten sollte. Da habe ich mich schon sehr blöd gefühlt. Ich habe der Frau
dann einfach nur zugelächelt.
Die Predigt der
Rabbinerin war über das Wandern und über Jona. Erst ging es um Ellis Island und
Juden, die von Hamburg in die USA ausgewandert sind. Danach wendete sie sich
Jona zu und interpretierte die Aussage des Buchs, dass Gott gut ist und weiß,
was das Richtige ist, nur ist Jona zu stur, um das zu verstehen. Sie sagte sehr
nett: „Jona just doesn’t get it!“ und verglich ihn mit einem Teenager. Der
Gottesdienst hat es sehr gut geschafft, feierliche mit komischen Elementen zu
verbinden. Gegen Ende wurden das Seminarangebot für den Feiertag vorgestellt.
Auch da zeigte sich der Humor und Spaß für Doppeldeutigkeiten der Gemeinde,
denn ein Seminar hieß „In digestion – Jona in the whale’s belly“.
Weil wir nach dem
Gottesdienst noch Hunger hatten, waren wir im arabischen Viertel Falafel essen
(im jüdischen Viertel ging es nicht, weil an Yom Kippur gefastet wird). Danach
sind wir zur Klagemauer gegangen und Frau G. hat uns noch ein paar Sachen in
der Altstadt gezeigt.
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