Dienstag, 25. September 2012

Ganz Palästina ist von den Römern besetzt… (Israel Tag 6)



8:30 Uhr:        Heute Morgen sind wir durch das Kibbuz geführt worden. Jedenfalls ein bisschen. Wir haben einen Kuhstall mit schwarzbunten Kühen gesehen (die wegen der Hitze regelmäßig geduscht wurden – Wie war das noch mit den Wasserproblemen? Hätte man nicht Tiere nehmen können, die an die Hitze gewohnt sind und Milch geben?) und ein Bewohner aus dem Kibbuz hat uns ein bisschen was zu dem Leben erzählt. Er lebt seit sechs oder sieben Jahren da und ist davon total begeistert. Sie haben 600 Kühe im Kibbuz und bauen Tomaten, Datteln, Paprika und Wassermelonen an.
                       
                  Jetzt sind wir auf dem Weg nach Masada (diesmal wirklich). Als wir das Kibbuz verlassen haben, stand da wieder die Soldatin und auch beim Verlassen des Westjordanlandes haben wir Soldaten gesehen. Schon ein komisches Gefühl.

12:51 Uhr:      Haben Masada bezwungen. Das ist ein Tischberg, auf dem Herodes über mehrere Stufen eine Festung gebaut hat. Zum Nationalsymbol ist Masada aber durch eine andere Geschichte geworden. Während des ersten jüdischen Krieges haben sich rebellische Zeloten auf Masada versteckt und haben von dort aus Wiederstand geleistet. Flavius Josephus berichtet, dass diese Menschen dann in der Nacht, bevor die Römer den Berg einnahmen, kollektiv Selbstmord begingen.
                    Bevor wir uns die Funde auf dem Berg anguckten, wurde uns ein Film gezeigt. Teilweise war der Film sehr lustig. Der Moderator machte Scherze wie „Herodes Baumeister muss ein sehr kleiner Mann gewesen sein“ (er musste sich bücken, um das Badehaus zu betreten). Aber der Film wirkte auch stellenweise sehr hollywoodmäßig, vermutlich auch, weil Bilder aus einem amerikanischen Film über Masada gezeigt wurden. Aber auch, weil die Musik sehr dramatisch klang und der Moderator ständig von dem Drama sprach, dass sich da oben abgespielt haben muss. Er versuchte zwar, zumindest ein bisschen für die Schwere der Entscheidung zu sensibilisieren, aber die letzten Worte des Films waren sowas wie: „Es ging also um Freiheit oder Versklavung. Wofür hätten Sie sich entschieden?“ Damit wurden die Menschen wieder nur auf der Ebene der Freiheitskämpfer und Helden betrachtet. Das ist natürlich der perfekte Stoff für Hollywood-Filme und machte den Film in meinen Augen sehr patriotisch.

                Nach dem Film sind wir mit einer Seilbahn nach oben gefahren (nur die Leute mit Knieproblemen sind hochgelaufen, um herunter fahren zu können). Oben angekommen haben wir einige Speicherräume, das Haus eines Offiziers, das Badehaus, einen Teil des Palastes von Herodes und die Synagoge gesehen.
Als die Zeloten sich dort eingerichtet haben, nutzten sie einen Teil der Gebäude und haben auch etwas umgebaut bzw. zweckentfremdet. Aus Teilen des römischen Badehauses haben sie z.B. Mikvehn (jüdische Ritualbäder) gebaut. In der Synagoge hat Laura die Rede von Eleazar (Herr der Ringe – Parallele: Aragorn = Elessar, Elbenstein, Ich glaube, ich nerve schon alle damit), dem Anführer auf Masada, der seine Leute zum Selbstmord aufruft, vorgelesen. Ronit meinte, da die Synagoge der Ort der Versammlung ist, hätte Eleazar sicher diese Rede in der Synagoge gehalten. Außerdem hat sie uns ein bisschen über die psychologische Kriegsführung erzählt. Die Römer hätten hochgerufen, die Zeloten seien verraten worden und sie sollten sicher ergeben. Die Aufständischen haben Wasser herunter gegossen, um ihren Überfluss an Vorräten zu demonstrieren.
Dabei war es gar nicht leicht, Wasser da zu sammeln, schließlich ist es mehr oder weniger Wüste. Wir haben ein Modell gesehen, wie über ein ausgeklügeltes System von Zisternen und Gräben Regenwasser gesammelt wurde. Die Modelle auf Masada haben mir ohnehin sehr gut gefallen. In dem vom Badehaus war sogar das Mosaik aufgemalt. Es sah wie eine Puppenstube aus. Nur fehlten die Figuren. Ich finde, so ein Playmobil-Herodes hätte sich da sehr gut gemacht.

Nachdem wir viel Zeit auf dem Berg in der Sonne herumgelaufen sind, sollten wir wieder herunterlaufen. Das war die bisher größte Herausforderung der Reise. Ich war extrem langsam und wurde ständig von irgendwem überholt. Aber ich konnte auch nicht schneller laufen, weil meine Knie total gezittert haben. Ich hatte schon die Vision, dass mich auch noch die Gruppe von Frau G., die den größten Teil der Mittagspause damit verbrachten noch weitere Teile von Herodes‘ Palast anzugucken, überholen würden und ich als allerletzte am Bus ankommen würde. Aber so schlecht lag ich dann doch nicht in der Zeit. Der Abstieg hat mich nur nochmal davon überzeugt, die Wüstenwanderung mit Frau G. nicht mit zu machen. Nach Tabgha wollte ich nicht mehr, nach dem Abstieg heute weiß ich, dass ich es auch nicht kann.
Masda mit Toten Meer im Hintergrund


14:11 Uhr:      Wir sind eben in Jerusalem eingefahren. Genau in dem Moment haben sie im Bus das Lied „Jerusalem von Gold“ abgespielt, das im Deutschen „Ihr Mächtigen“ heißt.  Das passte natürlich und ich fand es auch schön. In Jerusalem sind wir als erstes zu einem Aussichtspunkt auf dem Scopusberg gefahren, von dem aus wir schon mal auf die Stadt gucken und erste Fotos machen konnten.
Jerusalem vom Scopusberg

Mitternacht:   Wir waren heute Nachmittag mit Frau G. im Yom Kippur Gottesdienst im Hebrew Union College (Wir = Heike, Sebastian, Jean, Melanie, Ilona, Steffi, Johanna und ich). Frau G. hat mal wieder ihren Stechschritt an den Tag gelegt und wir waren eine halbe Stunde vor Beginn da.
                      Der Gottesdienst fand in einem großen Saal statt, der halb rund war und eine Glaswand hatte. Dadurch konnte man auf die Altstadt blicken. Nach oben hin lief die Decke wie ein Zirkuszelt zusammen und es hing ein Glockenspiel von der Decke. Wunderschön! Wir waren alle auf Frau G. Anraten hin weiß angezogen, aber viele der Gottesdienstbesucher kamen auch in anderen Farben. Es war eine sehr progressive Gemeinde, was man an vielen kleinen und großen Dingen sehen konnte: Männer und Frauen saßen nicht getrennt, der Gottesdienst war teilweise auf Englisch, manche Frauen trugen Kippot und es gab eine Rabbinerin.
                 Die Männer hatten ihren Tallit in kleinen bestickten Taschen, die wie Kissenbezüge aussehen, mit sich herum. Das finde ich herrlich. Zuerst dachte ich, die Besitzer hatten sich ein Kissen mitgebracht.
               Was mir im Gottesdienst auffiel, war, dass doch sehr viele Ähnlichkeiten zwischen Judentum und Christentum bestehen. Irgendwie fixiert man sich, wenn man über das Judentum spricht, vor allem auf die Unterschiede (Speisegesetze, Kleidung etc.) und auf die orthodoxen Juden. Aber bei fast allen Texten, die gesprochen oder gesungen wurden, dachte ich, dass man sie eigentlich wörtlich in einem christlichen Gottesdienst lesen könnte. Gut, es fehlte irgendwie der Sohn, aber der wird ha nicht immer zwingend erwähnt.
                      Sehr gut gefallen hat mir auch die musikalische Begleitung des Gottesdientest. Der Chor hat wunderbar gesungen. Ein Lied hatte ich danach noch lange als Ohrwurm. Es war nur schade, dass ich bei dem Gemeindeliedern nicht mitsingen konnte. Mein Hebräisch ist einfach nicht (mehr???) gut genug. Ich habe mich aber bemüht, mitzulesen (was nicht wirklich gut klappte) und war später ganz stolz, dass ich wieder einige Worte wiedererkannt und mithilfe der englischen Übersetzung auch verstanden habe. Nach dem Gottesdienst hat die Frau, die neben mir saß, etwas zu mir auf Hebräisch gesagt (ich nehme an, sowas wie „Fröhlicher Yom Kippur“), aber leider habe ich nur das Wort „tow“ (= gut) verstanden und wusste nicht, was ich antworten sollte. Da habe ich mich schon sehr blöd gefühlt. Ich habe der Frau dann einfach nur zugelächelt.
                        Die Predigt der Rabbinerin war über das Wandern und über Jona. Erst ging es um Ellis Island und Juden, die von Hamburg in die USA ausgewandert sind. Danach wendete sie sich Jona zu und interpretierte die Aussage des Buchs, dass Gott gut ist und weiß, was das Richtige ist, nur ist Jona zu stur, um das zu verstehen. Sie sagte sehr nett: „Jona just doesn’t get it!“ und verglich ihn mit einem Teenager. Der Gottesdienst hat es sehr gut geschafft, feierliche mit komischen Elementen zu verbinden. Gegen Ende wurden das Seminarangebot für den Feiertag vorgestellt. Auch da zeigte sich der Humor und Spaß für Doppeldeutigkeiten der Gemeinde, denn ein Seminar hieß „In digestion – Jona in the whale’s belly“.
                       
                     Weil wir nach dem Gottesdienst noch Hunger hatten, waren wir im arabischen Viertel Falafel essen (im jüdischen Viertel ging es nicht, weil an Yom Kippur gefastet wird). Danach sind wir zur Klagemauer gegangen und Frau G. hat uns noch ein paar Sachen in der Altstadt gezeigt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen