Mittwoch, 26. September 2012

Zu Fuß durch Jerusalem (Israel Tag 7)



Weil heute Yom Kippur war, hatten wir keinen Bus und mussten zu Fuß durch die Stadt laufen (unpraktisch zum Tagebuch schreiben). Leider liegt unser Hotel etwas außerhalb. Auf dem Weg hat uns Ronit auf wichtige Gebäude aufmerksam gemacht, aber ich war heute nicht so ganz auf der Höhe und habe nicht richtig mitgekriegt, worum es ging. Es war irgendwas mit Einwanderern aus verschiedenen Ländern, die jetzt eine Art internationale Nachbarschaft bilden.

Durch das Löwentor (bzw. Stephanstor wie Frau G. meinte – vermutlich weil wir einen Stefan in der Gruppe haben) haben wir die Altstadt betreten und sind zur St. Anna Kirche und Bethesda gegangen. Im Teich von Bethesda waren im Johannesevangelium Menschen geheilt. Jesus heilt einen Mann, der da schon ewig wartet und nie in den Teich kommt. Zur byzantinischen Zeit stand da eine Kirche von der heute  nur noch ein paar Steine übrige sind. Die Kreuzfahrer bauten die St. Anna Kirche (nach Marias Mutter benannt). Diese Kirche ist noch gut erhalten, weil sie zwischenzeitlich als Moschee genutzt wurde. Über der Tür steht noch die arabische Inschrift.
Die Kirche soll eine außergewöhnlich gute Akustik haben. Davon verstehe ich nichts, aber wir als Gruppe haben zusammen ein Halleluja gesungen, bzw. den Refrain und eine Strophe, bei der wir mindestens zwei Strophen gemischt haben. Das ist ja egal, aber wir haben bei Beginn der Fahrt doch extra ein Liederheft bekommen und haben das bisher nur einmal (beim Gottesdienst) verwendet…
Vor der Kirche haben wir einen Priester getroffen, der uns gerne singen gehört hätte (puh, Glück gehabt). Er konnte kaum glauben, dass wir von der Uni sind und meinte, wir sähen so nach Primary School aus. :-D Der war süß. Er meinte auch, wir sollten ihm Bescheid sagen, wenn wir ein Wunder sähen. Einige sahen wohl etwas verwirrt aus, woraufhin er ein „I’m only joking“ hinterher schob.
In Bethesda haben wir auch zur Abwechslung mal wieder ein Referat gehört, das für etwas Erheiterung sorgte, weil eine aus der Gruppe verstanden hatte, dass Jesus ein Lama anstelle einen Lahmen heilt.

Als nächstes sind wir zur Via Dolorosa gegangen. Das ist der Kreuzweg durch Jerusalem, der angeblich dem „echten“ Weg entspricht. Historisch haltbar sind wohl die Verurteilung (die Station ist da, wo die Antonia-Festung von Herodes stand – dort wurden Urteile aller Art gefällt) und die Kreuzigung (zu Zeiten Jesu war der Hügel außerhalb der Stadt, da wurden Verbrecher gekreuzigt).
Die Verurteilung Jesu wird in einer Kirche der Franziskaner dargestellt. In die Kirche der ersten Station sind wir aber nicht gekommen, dafür aber zur zweiten Station, im gleichen Kloster.
In der Nähe des Franziskanerklosters steht der Ecce Homo-Bogen. Der ist interessant, weil er nur halb ist, so als wäre die Straße zu schmal: Also der Bogen ist nicht symmetrisch und die eine Seite ist nicht abgerundet. Da ist auch die Ecce Homo-Basilika. Wenn ich mich richtig erinnere (heute war echt nicht mein Tag) war darunter auch ein Teil der Antonia-Festung. Wir sind durch ein paar unterirdische Gänge gegangen und waren an einer Stelle, an der man Ritzereien im Boden sehen konnte. Aus dem Bild schließen Forscher, dass die römischen Soldaten unter Hadrian öfter mal Spiele à la Jesus gespielt haben. Also einen Sklaven reingeholt, mit Dornenkrone und Mantel ausgestattet und ihn dann umgebracht. Da hatte wohl jemand seine Soldaten nicht unter Kontrolle und die Soldaten hatten zu viel Zeit… Ich habe aus den Linien auf dem Boden übrigens nichts erkennen können.

Souvenirs auf der Via Dolorosa
Auf dem Weg der Via Dolorosa liegt das österreichische Hospiz. Dort sind wir aufs Dach gestiegen, von wo man einen wunderbaren Blick über die Stadt hat. Dort haben wir auch das Referat zum Islam gehört. Frau G. kündete „die drei Referentinnen“ an und machte Freddy damit kurzerhand zur Frau.
In dem Hospiz haben wir auch Mittagspause gemacht. Ich habe einen Apfelstrudel gegessen, aber der war nicht so gut. Ich hätte misstrauisch werden sollen, als sie den in die Mikrowelle gesteckt haben.

Nach der Pause ging es weiter auf der Via Dolorosa Richtung Grabeskirche. Teilweise verläuft der Weg über einen Basar. So viel zu Besinnlichkeit. Lustig wird das wohl dann, wenn die Kreuzprozession der Franziskaner da durch geht.
Grabeskirche von außen
Die Grabeskirche ist ein Irrgarten aus verschiedenen Kapellen und beherbergt sechs Konfessionen (römisch-katholisch, griechisch-orthodox, koptisch, armenisch, äthiopisch und die sechste habe ich vergessen). Die äthiopischen Christen wohnen sogar auf dem Dach! Allerdings hat mir die Grabeskirche nicht gefallen. Einerseits liegt es daran, dass so viele Menschen da waren, aber es ist auch so, dass ich, je länger ich hier bin, merke, dass ich keine Verortung der biblischen Geschehnisse braucht. Ich finde es zwar interessant, aber es bringt mich in meinem Glauben nicht weiter, zu wissen, wo das Kreuz von Jesus gestanden habt bzw. gestanden haben soll, oder den Salbungsstein abzuwischen. Außerdem ist die Grabeskirche überwiegend griechisch-orthodox und diese Kirchen sind mir einfach zu überladen, vielleicht weil ich es nicht gewöhnt bin.
Auf der Treppe neben der Grabeskirche haben wir ein Gruppenfoto gemacht. Es war sehr lustig. Auf der Treppe saß ein Mann, der den Platz einfach nicht verlassen wollte, weil er ihn freihalten würde. Jetzt ist er auf dem Foto mit drauf. :-D Unsere Gruppe – überwiegend in weiß – und dann ist da so ein uralter Typ in blau, der ein bisschen misstrauisch guckt. :-D

Im Anschluss sind wir zum Zionsberg gelaufen. Auf dem Weg dahin sind wir auch in den Vorhof einer armenischen Kirche gelaufen. Um den Hof herum waren Wohnhäuser und auf einmal kam ein kleines Mädchen, vielleicht zwei, drei Jahre auf den Balkon gelaufen, winkte uns und rief Hallo. Dann kam die Mutter (oder Oma?) der Kleinen dazu und wollte sie wieder mit rein nehmen. Das Kind hat uns allen noch mal gewunken und Kusshände zugeworfen, bevor sie wieder reingetragen wurde. Die war so süß!
Auf dem Zionsberg ist das Davidsgrab verortet 
(es gibt auch eine Davidsstatue), sowie das letzte Abendmahl (und Pfingsten), aber den Abendmahlsaal haben wir nicht gesehen. Von dem Berg aus sind wir dann in die Dormitio-Kirche gegangen. Die Kirche an sich fand ich nicht so beeindruckend, aber die Krypta darunter schon. Sie steht für den Ort, an dem Maria gestorben ist. Mitten in der Krypta steht eine Art Statue von einer liegenden Frau. Darüber ist eine Kuppel, in der wichtige Frauen aus dem Alten Testament abgebildet sind: Eva, Mirjam, Esther, Rut, Judith, Jael. 
Die Symbolik mit den doch starken Frauen hat mir gut gefallen (auch wenn Jesus natürlich in der Mitte ist). Es ist sowieso das erste Mal, dass ich eine Abbildung von Rut gesehen habe, das nicht im Zusammenhang mit der Interpretation des Rut-Buchs oder dem Bilderbuch steht (also noch kein eigenständiges Werk oder Teil eines größeren Bildes).
Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass mich das Studium und die Israelfahrt meiner Namensgeberin näher bringen, was ich sehr schön finde. Früher war es eher so ein gleichgültiges Gefühl. Mamas Begeisterung war ansteckend, aber eher in dem Sinne, dass ich die biblische Figur gut fand, weil Mama das auch tat. Inzwischen weiß ich die Figur Rut aber mehr zu schätzen.
Abgesehen von der Kuppel gab es rings um die Wände Mariendarstellungen aus verschiedenen Ländern (z.B. La Virgen de Guadalupe). Ähnlich wie in Nazareth.
           
Zum Schluss des Tages waren wir an der Klagemauer, die man – wie ich heute gelernt habe – lieber Westmauer nennen sollte, weil Klagemauer eine anti-jüdische Konnotation hat (--> Die Juden klagen, weil sie sich nicht rechtzeitig zu Jesus bekannt haben oder so ähnlich). Das Ende von Yom Kippur wurde durch das Blasen des Schofar verkündet.
Danach sind wir mit Taxen zurück zum Hotel gefahren. Weil Feiertag war, waren die Preise doppelt so hoch wie sonst, aber wir wollten nicht laufen. Die Fahrt war recht abenteuerlich: Teilweise Tempo über 100 km/h und mit 80 durch die Kurven. Wir waren auch fast nur Mädels im Taxi und haben ziemlich viel gegiggelt. Der Taxifahrer schien seinen Spaß zu haben.

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