Rom. Eine Stadt über die
geschrieben und gesungen wird. Die auf vielen Ebenen historisch
(kirchengeschichtlich, kunstgeschichtlich, allgemein geschichtlich) interessant
ist. In die es über Jahrhunderte viele Intellektuelle hingezogen hat und auch
heute noch aus all diesen Gründen ein Touristenmagnet ist. Und eine Stadt, die
ich es bisher nicht geschafft hatte, zu besuchen.
Obwohl ich als Kind einen
Kinder-Romreiseführer hatte und durch die Caius-Bücher von Henry Winterfeld
sowie meine Kinderausgabe der römischen Sagen schon eine Faszination oder
zumindest ein Interesse für das antike Rom hatte, ergab sich irgendwie nie die
Gelegenheit, nach Rom zu reisen. Als Kind hat man da ja sowieso nicht so viel
Mitspracherecht, aber ich habe auch irgendwie nie die Notwendigkeit gesehen
(vielleicht weil ich wusste, dass das heutige Rom nicht mehr so viel mit Caius
und seinen Freunden gemeinsam hat). Als ich dann selber über meine Reiseziele
entscheiden konnte, stand Rom irgendwie nie so wirklich auf der
Prioritätenliste.
Aber dann bekam Lisa einen
Praktikumsplatz in der Casa di Goethe in Rom und mir war klar, dass ich sie da
besuchen wollte. Ich habe mir einen Flug gebucht und einen Reiseführer für
Erwachsene schenken lassen. Mein Umfeld war begeistert. Meine Eltern wären am
liebsten mitgekommen. Mein Cousin hat mir Tipps gegeben, was ich mir ansehen
wollte. Auch meine Facebook-Freunde hatte ich gebeten, mir ihre Lieblingsorte
zu nennen. Das Ende am Lied war, dass ich ohne wirklich weitergekommen zu sein,
vor einem Überschwall an Möglichkeiten saß und mich kaum in der Lage sah, eine
Entscheidung zu treffen. Letztendlich habe ich eine To Do-Liste erstellt,
ausgehend von dem Rating meines Vaters (aber im Ernst: wenn er jeder Sehenswürdigkeit
sechs Sterne gibt, dann werde ich daraus auch nicht schlauer), den Tipps meiner
Freunde und den netten Bildern im Reiseführer.
Englisches Rom
Eine Sache, die für mich
ziemlich schnell klar war, war, dass ich das Keats-Shelley-Museum sowie die
Gräber der beiden auf dem Cimenterio Acattolico besuchen wollte. Auch eine
Byron-Statue in einem Park hatte ich mir ausgeguckt. Ein bisschen verrückt,
dass das meine ersten festen Punkte auf meiner To Do-Liste waren. Die meisten
Touristen in Rom wandeln vermutlich nicht auf den Spuren der englischen
Romantiker.
Im letzten Semester hatte ich
aber eine Vorlesung über die Romantik und da konnte ich es mir natürlich nicht
verkneifen, mir diese Programmpunkte rauszupicken. Keats, Shelley, aber auch
Byron waren einige Jahre ihres Lebens in Italien. Keats und Shelley sind auch
dort gestorben. Keats an Tuberkulose, Shelley bei einem Bootsunfall. Italien
war für die Dichter natürlich aus kulturellen Gründen interessant, aber im
Falle von Keats auch wegen des Wetters – er hoffte seine Krankheit dort
auskurieren zu können.
Das Keats-Shelley-Museum
befindet sich an der Spanischen Treppe in der Wohnung, in der Keats gemeinsam
mit einem befreundeten Maler lebte. Es ist sehr klein: vier kleine,
vollgestopfte Räume. Der größte der Räume war zu der Zeit, in der Keats dort
lebte, war der größte Raum noch durch einen Vorhang unterteilt, da die
Vermieterin ebenfalls in der Wohnung wohnte.
Es gibt viele Sachen in den
Räumen zu sehen: Briefe, Dokumente, Bilder… Auch verschiedene Masken sind dort
ausgestellt. Eine Karnevalsmaske von Byron, die Totenmaske von Keats und noch
eine weitere von ihm. Das Zimmer von Keats ist so eingerichtet, wie es bei
seinem Tod ausgesehen haben muss. Die Möbel sind aber nicht Original, weil die
Vorschriften der Stadt Rom damals besagten, dass alles, was sich in dem Zimmer
befand, nach dem Tod von Keats verbrannt werden musste, um die Infektionsgefahr
einzudämmen. Am interessantesten fand ich tatsächlich die Briefe, auch wenn ich
froh war, dass es Info-Täfelchen gab, auf denen der Inhalt zusammen gefasst
wurde. Ich hatte nämlich Schwierigkeiten, die Handschriften zu lesen. In einem
Raum, in dem besonders viele Briefe zu sehen waren, gab es auch Bilder von den
Geliebten von Lord Byron (das waren einige!). Das fand ich auch interessant.
Ein bisschen gruselig dagegen
war die Vitrine, in der Haarsträhnen von Keats und Shelley ausgestellt waren.
Zu ihrer Zeit war es wohl üblich, dass Freunde sich untereinander Strähnen
ihrer Haare schenkten. Haarsträhnen berühmter Menschen wurden auch weiter
vererbt. Ein Zeitgenosse von Keats und Shelley hatte (angeblich) eine Locke von
John Milton, die er später an seine Freunde verschenkte. Das hat fast etwas von
profanen Reliquien…
Der Museumsshop war auch
klasse. Ich hätte den ganzen Laden leer kaufen können, aber ich habe mich mit
einem Notizbuch begnügt, auf dem das Shelley-Zitat „Poets are the
unacknowledged legislators of the world“ steht. Lustig fand ich ein T-Shirt,
auf dem (vielleicht nicht in dieser Reihenfolge) die Namen George, Percy, Mary
und John standen (in Bezug auf Lord Byron, Percy und Mary Shelley und John
Keats). Das habe ich mir aber nicht gekauft.
| Shelleys Grab |
Ich konnte Lisa davon
überzeugen, mit mir auf den Cimenterio Acattolico zu gehen und da nach den
Gräbern von Keats und Shelley zu suchen. Gefunden haben wir zuerst das Grab von
Goethes Sohn (das vermutlich am besten ausgeschilderte Grab auf dem Friedhof).
Auch das von Shelley fanden wir recht schnell. Dort in der Nähe beobachteten
wir etwas später eine Gruppe, die einen Laptop auspackte und einem Gedicht von
Shelley lauschten. Da fühlte ich mich schlecht vorbereitet.
Das Grab von Keats befindet
sich auf einem Teil des Friedhofs, den wir zuerst gar nicht bemerkt hatten. Wir
mussten ziemlich lange danach suchen. Er liegt neben seinem Maler-Freund und
Mitbewohner Joseph Severn.
| auf dem Cimenterio Acattolico |
Der Cimenterio Acattolico ist aber auch abgesehen von den berühmten Gräbern ein schöner Ort. Er ist etwas überwuchert und die Grabsteine stehen eng beeinander. Es gibt viele Engel zu sehen, u.a. einem, der auf einem Grabstein unter Tränen zusammengebrochen sind, aber auch die Statue eines Verstorbenen, der mit einem Hündchen zusammen abgebildet ist (über die Sache mit den Hunden meine ich aber mal gelesen zu haben, dass sie ein Zeichen für Sterblichkeit oder so sind - ich weiß jedenfalls, dass in der Kathedrale in Burgos auch ein Hund auf einem Grab zu sehen ist). Auf einem Grab stand auch en Orangenbaum. Ich musste an den Herrn von Ribbeck denken, auch wenn ein Orangenbaum viel mehr Stil hat als ein Birnbaum.
Im Park der Villa Borghese
befindet sich eine Statue von Byron. Er schaut verträumt in die Ferne und auf
dem Sockel stehen Zitate aus Childe Harold’s Pilgrimage über Italien. Als wir
in dem Park waren, haben wir der Statue auch einen Besuch abgestattet.
Brunnen und Treppen
Aber ich habe natürlich auch
den normalen Touri-Kram gemacht. An meinem ersten richtigen Tag haben wir mit
der Spanischen Treppe angefangen. Da war sehr viel los. Immer. Bei meinem
ersten Besuch waren auch irgendwelche Arbeiten auf der Treppe, an Ostern habe
ich dann gesehen, dass sie vermutlich dabei gewesen waren, die Treppe schön zu
bepflanzen. Wir sind die Treppe hochgestiegen und haben den Blick auf die Stadt
genossen. Wir waren auch in der Kirche oben an der Treppe. Der erste von vielen
Kirchenbesuchen.
| Berninis Elefant |
Die Piazza Navona stand auch
an meinem ersten Tag auf dem Programm. Lisa hat mir ihre Lieblingseisdiele
gezeigt (bei der kann man sich sein Eis noch kostenlos mit Schokolade
überziehen lassen) und ich habe ganz viele Fotos von den Brunnen auf der Piazza
Navona gemacht. Der Platz war auch sehr voll, aber die Brunnen haben mir gut
gefallen, vor allem der Vierströme Brunnen.
Von der Piazza Navona sind wir
zum Pantheon gegangen (s.u.) und von da aus haben wir einen Abstecher zu
Berninis Elefanten gemacht. Davon hatte ich ein Foto gesehen und wollte ihn mir
unbedingt ansehen. Lisa kannte ihn auch noch nicht, was ganz gut war, weil sie
dann nicht nur Sachen sehen musste, die sie schon kannte, sondern auch etwas
Neues entdecken konnte. Den Elefanten finde ich irgendwie niedlich.
Den Trevi-Brunnen haben wir
auch direkt am ersten Tag mitgenommen. Der ist auch klasse. Lisa und ich haben
beide eine Münze hinein geworfen, damit wir nach Rom zurückkehren werden. Es
ist übrigens verboten, Münzen aus dem Brunnen zu fischen. Das Geld, das da
jedes Jahr zusammen kommt, wird der Caritas gespendet.
| Trevi-Brunnen |
Eine weitere unumgängliche
Sehenswürdigkeit in Rom ist wohl die Bocca della Verità. Die habe ich einmal
abends auf dem Weg zum Essen besucht. Leider konnte man zu dem Zeitpunkt kein
Foto machen, bei der man die Hand in den Mund legt, weil man dafür wohl
bezahlen muss und der „Schalter“ (das Relief hängt in der Vorhalle einer
Kirche, es gab keinen richtigen Schalter) war geschlossen, so dass man nicht
durchkam. Aber vielleicht war da ja auch besser so…
Kirchen
Um Kirchen kommt man wohl
nicht drum herum, wenn man nach Rom reist. Aber das Gute ist, dass der Eintritt
in die Kirchen frei ist. Manchmal wird um eine Spende gebeten oder der
Kreuzgang kostet etwas (z.B. in der Lateranskirche). Am Donnerstag hatte ich
Lisa gefragt, in wie viele Kirchen ich sie schleifen dürfte. An dem Tag wurden
es fünf. Plus drei weitere, die wir uns an anderen Tagen ansahen. Nach den fünf
Kirchen am Donnerstag meinte Lisa, nach meiner Frage habe sie gedacht, ich
hätte noch mehr Kirchen auf meiner Liste.
An meinem ersten Tag waren wir
im Pantheon. Große, runde Kirche mit einer großen Kuppel mit einer runden
Öffnung, durch die das Licht einfällt. Ursprünglich war das Pantheon ein Tempel
für alle Götter (daher der Name), aber es wurde später in eine Kirche
umgewandelt. Ich muss sagen, dass ich das Pantheon nicht so richtig als Kirche
wahrgenommen habe. Wenn ich im Rückblick an die Kirchen denke, in denen ich
war, vergesse ich immer, das Pantheon mitzuzählen. Dabei gibt es da auch einen
Altar und ein Kreuz. Das Kreuz war – wie in der Fastenzeit üblich – mit einem
Tuch verhangen. Diese Tradition stammt übrigens aus der Zeit, in der die
Kreuzesdarstellungen einen triumphierenden Jesus am Kreuz zeigten (so nach dem
Motto: Das kann mir alles nichts anhaben, schließlich bin ich auferstanden),
was in der Fastenzeit unpassend erschien, da ja an das Leiden Jesu gedacht
werden sollte.
Als Bauwerk ist das Pantheon
aber auf jeden Fall beeindruckend, wenn man daran denkt, wann es entstanden ist
(2. Jahrhundert). Die Kuppel ist gigantisch. Wahnsinn, dass die bisher noch
nicht eingekracht ist.
| Petersdom |
Im Petersdom waren wir
zweimal. Beim ersten Besuch mussten wir ziemlich durch hetzen, weil wir zum
Zumba wollten, also sind wir am nächsten Tag nochmal hingegangen. Ich habe mir
dann am Abend vorher im Reiseführer durchgelesen, was man denn da alles sehen
kann. Obwohl er dann gewissermaßen zwei Chancen bei mir hatte, gefällt mit der
Petersdom nicht besonders. Der Petersplatz ist schon beeindruckend (ich finde
ihn auch groß, Lisa hatte ihn sicher größer vorgestellt) und die Kirche von
außen auch. Aber als ich reingegangen bin, traf mich fast der Schlag.
Der Dom ist viel zu
vollgestopft. Er kam mir wie ein Trödelladen mit Statuen, Reliefs und Bildern
vor. Ich wusste nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte, die Größe hat mich
überfordert und ich hatte nicht einmal das Gefühl, in einer Kirche zu sein. Es
tut mir leid für die Leute, die den Dom mögen, aber mir war das definitiv too
much. Weil ich kurz vor Ostern da war, wurde der Petersdom schon auf die
Feierlichkeiten vorbereitet. Durch bestimmte Abschnitte konnte man gar nicht
gehen, weil Balustraden aufgestellt worden waren. Am Mittwochabend war z.B. ein
Teil komplett für Besucher gesperrt und man kam nur da rein, wenn man beichten
wollte – was ich aber auch vollkommen okay fand. Wer will schon, dass beim
Beichten eine Horde Touristen um ihn herum läuft. Ich hatte aber das Gefühl,
dass die Absperrungen bei unserem zweiten Besuch anders gestellt waren als beim
ersten. Erst beim zweiten Besuch habe ich nämlich die Pietà gesehen. Wobei es
natürlich auch sein kann, dass ich beim ersten Mal einfach blind vorbei
gelaufen bin.
| Cathedera Petri (so nah, wie es ging) |
Gefallen hat mir im Petersdom ein Weihwasserbecken mit Engeln
(ja, manchmal mag ich Kitsch, aber zu viel ist auch nicht gut) und ein Fresko
von einer Frau mit Sonnenschirm auf einem Elefanten – vermutlich, weil ich es
nicht in einer Kirche erwartet hätte (oder soll das die Königin von Saba
sein?), aber auch, weil sie keck über die Schulter guckt.
An der Cathedra Petri
fand ich das Fenster mit der Taube interessant, weil das so schön leuchtete.
Aber wir konnten den Stuhl nur aus der Ferne sehen und mal ehrlich, ein
bisschen geht der bei all der Kunst auch unter.
Auf Anraten einer
Mitbewohnerin von Lisa waren wir auch in
Santa Maria del Popolo, einer Kirche, in der Bilder von Caravaggio zu sehen sind.
Von außen sieht die Kirche ziemlich unscheinbar aus, von innen hat sie mir
besser gefallen als der Petersdom, weil sie eine Beruhigung für die Augen war.
Schlicht war sie wirklich nicht – auch diese Kirche ist eine barocke Kirche –
aber sie nach dem Petersdom kam mir fast so vor. Die Caravaggio-Bilder waren
natürlich sehr eindrucksvoll, vor allem die Körperhaltungen der Abgebildeten.
Gestört haben mich die Elektrokerzenopfer. Jetzt mal im Ernst: elektrische
Kerzen? In einer Kirche?
Eine Kirche, die ich unbedingt
sehen wollte, war San Pietro in Vincoli. Frau G. hat in einem Seminar (ich weiß
nicht mehr, ob in der Einführung oder in dem Exegese-Seminar) von Foto von dem
gehörnten Mose in dieser Kirche gezeigt. Im Reiseführer habe ich das Bild
wiedergefunden und habe beschlossen, diese Kirche zu besuchen. Die Hörner sind
auf einen Übersetzungsfehler in der Vulgata (lateinische Übersetzung der
Bibel). Im hebräischen Urtext des Alten Testaments gibt es keine Vokalzeichen.
Später wurden welche eingefügt und hat dann bei der Stelle mit dem goldenen
Kalb die falschen Vokale hinzugefügt, so dass Mose Hörner (anstatt Strahlen)
verpasst bekam. Abgesehen von dem gehörnten Mose (der übrigens auf dem Grab von
Papst Julius II. steht), konnten wir einige Skelette und Totenköpfe in der
Kirche sehen. Memento Mori, sage ich da nur. Auf ihre Weise war diese Kirche
aber auch schön. Sie lag etwas versteckt. Wir mussten eine steile Treppe
hochsteigen und oben ein bisschen suchen. Dafür hatte die Kirche einen ruhigen
Vorplatz.
| St. Paul vor den Mauern |
Sankt Paul vor den Mauer (San
Paolo fuori le Mura) ist die Lieblingskirche meiner Mutter. Ich glaube, sie
hätte es mir nie verziehen, wenn ich sie mir nicht angesehen hätte. Der Name
der Kirche klingt ein wenig merkwürdig, aber er hat seinen Sinn. Der Apostel
Paulus soll außerhalb der Stadtmauer hingerichtet und da begraben worden sein.
Deswegen das „vor den Mauern“. Von den Kirchen, die ich an diesem Tag schon
gesehen hatte (Petersdom, Santa Maria del Popolo und San Pietro in Vincoli) hat
mir Sankt Paul am besten gefallen. Die Kirche ist auch riesig, aber nicht so
vollgestellt wie der Petersdom. Wir sind durch einen Seiteneingang, der schon
so groß war wie bei anderen Kirchen das Hauptportal, reingekommen. In der Apsis
sollte abends ein Gottesdienst stattfinden, aber bis dahin war noch eine halbe
Stunde. Trotzdem saßen da schon einige Leute. Mir haben die Nebenschiffe sehr
gut gefallen. Zwischen meterhohen Säulen konnte man da in einem relativ
schlichten und halbdunklen Säulengang wandeln. Da habe ich dann wirklich mal
verstanden, was Herr L. in Münster mit dem inneren Schaudern angesichts einer
großen Kirche meinte. Rund um die Säulen sind ovale Bilder von allen bisherigen
Päpsten angebracht. Es heißt, wenn alle Ovale ausgefüllt sind, kommt Christus
wieder. Im Moment sind noch 26 frei (aber nur, weil Johannes Paul II. noch ein
paar dazu hat anbringen lassen).
| Ruhe in Trastevere |
Am Ende unseres Kirchentouren-Tages
wollten wir in Trastevere essen gehen. Wir sind noch eine Weile durch das
Viertel gestrichen und haben noch eine Kirche entdeckt, in die wir reingehen
wollten: Santa Maria di Trastevere. Von der Atmosphäre her, war diese Kirche am
schönsten. Es war Gründonnerstag und die Ölbergwache hatte schon angefangen.
Die Kirche war nur durch Kerzen erhellt und der Altarraum war mit Blumen und
kleinen Olivenbäumen geschmückt. Wir haben uns die Kirche dann auch nicht
angeguckt, sondern haben uns einfach in die Bank gesetzt und sie auf uns wirken
lassen.
Nachdem ich all die
obengenannten Kirchen besucht hatte, dachte ich eigentlich, ich wäre jetzt
durch. Aber Anna, eine Freundin von Lisa, fragte halbentsetzt: „Wie du warst
noch nicht in der Lateranskirche? Aber in Santa Maria Maggiore warst du
wenigstens, oder?!“ Santa Maria Maggiore hatte ich so aus Pflichtgefühl eh auf
meine To Do-Liste geschrieben und dann habe ich die Lateranskirche auch noch
eingeschoben. Wer weiß, vielleicht passiert ja was Schlimmes, wenn man Kirchen
nicht alle besucht…
Wir haben mit der
Lateranskirche angefangen. Auf dem Weg dahin dachten wir zuerst, wir hätten uns
in der Metro verquatscht und die Station verpasst. Als wir in die andere
Richtung einstiegen, hörten wir eine Durchsage, dass unsere Haltestelle
gesperrt sei. Also sind wir wieder aus der Bahn gesprungen und sind zur Kirche
gelaufen. Wir liefen darauf zu und Lisa kam die Gegend irgendwie bekannt vor.
Dann standen wir vor der Kirche und ihr fiel auf, dass sie bei ihrem Rombesuch mit
ihrer spanischen Mitbewohnerin vor zwei Jahren schon mal da war. Ich habe sie
zum ersten Mal gesehen, aber obwohl das die erste Sehenswürdigkeit war, die
ich an dem Tag gesehen habe, war ich
nicht mehr so wirklich aufnahmefähig. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn
es nicht die siebte Kirche gewesen wäre, die ich in Rom gesehen habe, aber ich
war jetzt nicht besonders begeistert von der Kirche. Vielleicht hätte der
Kreuzgang noch etwas rausgerissen, aber der Besuch da hätte fünf Euro gekostet.
Da habe ich mir das verkniffen.
Was mir besonders stark in der
Lateranskirche auffiel, waren die gut besuchten Beichtstühle. In jedem
Seitenschiff standen bestimmt zehn Beichtstühle, von denen die Hälfte besetzt
war und vor jedem warteten noch zwei drei Leute. An jedem Beichtstuhl hing ein
Zettel mit dem Namen des Priesters, den Sprachen, die er spricht und den
Öffnungszeiten. Ich war beeindruckt, wie viele Sprachen da angeboten wurden.
Nicht nur die Klassiker wie Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch und
vielleicht auch Deutsch, sondern auch Russisch, Griechisch, Katalanisch und
Gälisch. Ich habe nicht gebeichtet. Ich habe auch nicht auf Knien und das Vater
Unser betend die Scala Santa erklommen, um einen Ablass zu bekommen. Den Tag
für den Generalablass (Karfreitag) hatte ich ohnehin schon verpasst.
| Maria mit eletronischen Kerzen |
Vielleicht hätte ich mir für
die Kirchen mehr Zeit lassen sollen und mir von jemand, der sich auskennt,
erklären lassen, was ich da sehe (oder vorher den Reiseführer genauer lesen),
aber ich denke, wenn ich nicht von Anfang angedacht hätte: „Puh, wieder so viel
Gold und so viel zu gucken!“, wäre ich vermutlich auch nochmal anders an die
Kirche herangegangen.
Rückblickend habe ich
überlegt, dass mein Problem mit den Kirchen in Rom ist, dass es alles barocke
Kirchen sind und ich damit nicht viel anfangen kann. Sie wirken auf mich zu
schnell zu überladen. Gotische Kirchen gefallen mir da besser. Aber was das
angeht, war ich in Rom wohl an der falschen Adresse.
Die Engelsburg ist zwar keine
Kirche, aber ich habe sie trotzdem mal hier eingeordnet, weil sie lange
Zufluchtsort der Päpste war. Lisa und ich waren zusammen mit Anna in der
Engelsburg. Sie weiß so viel über die Päpste und die Geschichte der Burg, dass
wir fast eine Art Privatführung hatten. Bei mir hat das außerdem die Überlegung
ausgelöst, ob ich vielleicht doch noch die Querschnitts-Veranstaltung durch
2000 Jahre Christentum belegen sollte.
| Engelsbrücke und Engelsburg |
Eigentlich war die Engelsburg
ein Mausoleum für den römischen Kaiser Hadrian (der mit der Hadrian’s Wall in
Großbritannien), unter dem das römische Reich die größte Ausdehnung hatte. Obwohl
Anna uns das noch kurz bevor wir die Burg betreten haben, gesagt hat, dachte
ich nicht mehr so wirklich daran, als wir drin waren. Oder vielmehr war ich der
Meinung, Hadrian sei letztendlich gar nicht dort beerdigt worden, weil… na ja,
weil die Päpste ja irgendwann… nur, dass „irgendwann“ eben gut und gerne 450
Jahre später war. Jedenfalls liefen Lisa und ich quatschend die Rampe hinauf,
die in die Burg führte und waren irgendwann verwirrt, Anna verloren zu haben.
Wir warteten auf sie und erfuhren dann, dass wir gerade, ohne es zu merken,
durch die Grabkammer von Hadrian gelaufen waren…
Weiter oben in der Burg
konnten wir Bilder und Fresken sehen. In diesem Zusammenhang erschienen sie mir
passender als in den Kirchen, was auch ein wenig paradox ist, weil Kirchenbeamte
sich ja nicht wirklich mit Kunst umgeben müssen. Aber die Päpste im Mittelalter
hatten noch viel mehr Macht als heute, da mussten sie vermutlich etwas angeben.
Außerdem waren die Wände im Vergleich zum Petersdom gerade zu kahl. Aber das sollte
kein Maßstab sein. Das Gute an der Sammelleidenschaft der Kirche ist allerdings
natürlich, dass die Kunstwerke heute erhalten sind.
| Engel auf der Engelsbrücke |
Wir haben uns der Burg über
die Engelsbrücke genähert. Engel haben es mir in Rom irgendwie angetan. Schon
auf dem Cimenterio Acattolico. Da hat mir die Brücke mit den ganzen
Engelsstatuen natürlich gut gefallen.
Antikes Rom
„Nimm Wanderschuhe mit“ war
ein Rat, den meine Mutter mir schon ganz zu Beginn meiner Vorbereitungen für
Rom gegeben hat. Aber Wanderschuhe sind klobig und wiegen viel und ich hatte
schon drei Paar Schuhe, die ich mit nach Rom nehmen wollte, also blieben die
Schuhe zuhause. Als ich mich dann von der Metro-Station Colosseo aus dem Forum
Romanum näherte, wurde mir auch klar, warum ich Wanderschuhe mitnehmen sollte.
Der Weg besteht aus unterschiedlich großen Steinen und ist definitiv nichts für
Menschen mit schwachen Bändern. Ich hatte auch noch Schuhe von Lisa an, weil
meine am Tag zuvor komplett durchnässt worden waren (morgens hatten wir noch
strahlendsten Sonnenschein, nachmittags Regen mit Hagel). Die Schuhe hatten
einen leichten Absatz, waren aber bequem – noch.
Aber es war noch früh morgens,
Lisa musste Touristen durch Goethes Wohnung in Rom führen und ich war
hochmotiviert, mir die römischen Reste anzugucken (ich habe in Israel und
Jordanien ja noch nicht genug römische Reste gesehen). Weil es so früh war,
musste ich an der Kasse kaum warten und erstand da das Kombi-Ticket für
Kolosseum und Forum Romanum. Es waren schon ein paar Touristen (-gruppen) da,
aber es hielt sich noch in Grenzen.
Das erste, was ich
feststellte, war dass ich an der anderen Seite als der Reiseführer das Forum
betreten hatte, also musste ich mir alles in umgekehrter Reihenfolge
durchlesen. Erst mal war ich ganz stolz, dass ich die Szene auf dem Titusbogen
(Triumphzug nach der Eroberung von Jerusalem) zuordnen konnte. Die Reisen nach
Israel und Jordanien haben mich sowieso total gebildet. Ich habe auf dem Palatin
(der Hügel, auf dem die reichen Leute im alten Rom lebten) etwas entdeckt, das
auf dem Schild als Nymphäum identifiziert wurde – und ich wusste, dass es ein
Zierbrunnen ist. Da war ich auch stolz auf mich.
| Überblick Forum Romanum |
| Titusbogen m Frühling |
Das Schöne am Forum Romanum
ist, dass Vieles besser erhalten oder wieder aufgebaut ist, als das, was ich in
Jordanien gesehen habe. In dem Haus der Vestalinnen stehen z.B. ganz viele
Statuen. Gut, die meisten haben keinen Kopf mehr, aber ich kann mich nicht
daran erinnern, in Jordanien sowas gesehen zu haben. In Israel schon eher noch.
Mit Statuen kann ich mehr anfangen als mit Mosaiken. Mosaike habe ich im Forum
Romanum nicht so viele entdeckt (in den Kirchen waren einige), davon hatten wir
in Jordanien zur Genüge welche im Programm. Aber die sind ja auch
unverfänglicher als Statuen, solange man keine Menschen abbildet. Vestalinnen
waren übrigens Priesterinnen der Göttin Vesta. Sie wurden als Kinder ausgewählt
und mussten vor allem darauf achten, dass das Feuer im Tempel nicht ausging,
sowie bestimmte kultische Handlungen vorbereiten.
| Immerhin habe ich noch meinen Kopf |
Abgesehen von dem ziemlich
guten Zustand der Ruinen auf dem Forum (man bedenke, dass die Eroberung
Jerusalems, auf die sich der Titusbogen bezieht, 70 nach Christus war, also vor
fast 2000 Jahren) gefiel mir, dass es da so schön grün ist. Auf einigen Ruinen
wuchsen Mohnblumen und zwischen den verschiedenen Gebäuden, vor allem im Haus
der Vestalinnen, waren Beete angelegt, auf denen Blumen blühten. Sehr frühlingshaft.
Der Palatin, der sich direkt
an das Forum anschließt, war auch sehr schön. Als die Besucherströme im Forum
immer mehr zunahmen, bin ich auf den Palatin gegangen, wo sich die
Menschenmassen irgendwann etwas verliefen. Man war nicht völlig alleine, aber die
Besucher gingen mir nicht mehr auf die Nerven. Die Gebäudereste auf dem Palatin
haben mich nicht mehr so interessiert, aber man konnte da ganz nett spazieren
und hatte von den schön angelegten Farnesinischen Gärten (Heckenlabyrinth!)
eine gute Sicht über das ganze Forum. In den Gärten waren dann natürlich wieder
viele Menschen.
| Kolosseum von außen mit Baum |
Drinnen war es furchtbar. Die
Touristen traten sich gegenseitig auf die Füße, man musste eigentlich immer mit
dem Menschenstrom laufen und kleine Leute wie ich mussten schnell in die
Ausbuchtungen huschen, wo die Mauer niedriger oder durch eine Plexiglasscheibe
ersetzt worden war, um überhaupt etwas sehen zu können. Aber auch, wenn ich
nicht immer so gut sehen konnte, war ich von der Größe des Kolosseums
beeindruckt.
Mit meinem Touristen-Programm
in Rom habe ich, glaube ich, zumindest die bekanntesten Sehenswürdigkeiten
abgeklappert. Ich habe natürlich nicht alles gesehen. Vielleicht sind einige
entsetzt, dass ich die großen Museen ausgelassen habe (ich war nur in der
Scuderie del Quirinale in der Frida Kahlo-Ausstellung, dazu mehr in dem Beitrag
über Lisas Rom), dass ich die Katakomben nicht gesehen habe oder diese oder
jene Kirche nicht besucht habe, aber ich musste mir ja auch wohl ein paar
Sachen für einen potentiellen zweiten Besuch in Rom aufheben, sonst hätte ich
die Münze doch ganz umsonst in den Trevi-Brunnen geworfen.
Da war ich doch auch schon in Rom und habe viel gesehen bis auf die wirklich schönen Ecken. Jetzt muss ich ja definitiv nochmal hin. Cimenterio Acattolico und Shelleys Grab hab ich schon auf eine Liste geschrieben und ich glaube für die Engelsbrücke lohnt es sich immer wieder.
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