Am Mittwoch war ich mit einer Freundin in Bochum im Schauspielhaus, wo eine Inszenierung vom Don Quixote auf Spanisch aufgeführt wurde. Ich muss ja zugeben, dass ich bis auf die ersten zwei Kapitel oder so, die wir in der Literaturwissenschaft-Einführung auf Deutsch gelesen und besprochen haben, den Roman bisher noch nicht gelesen habe. Und das einzige, was von dieser Einführung in meiner Erinnerung geblieben ist, ist die Beschreibung des Don Quixote, der über das ganze Lesen den Verstand verliert - das wurde ein geflügelter Ausdruck zwischen meinen Freundinnen und mir, der nur zu gut auf den Lern-Wahnsinn der Uni passte.
Jetzt hatte aber besagte Freundin ein Plakat für die Aufführung gesehen und wir hatten beschlossen, sie uns anzusehen. Man darf natürlich nicht vergessen, dass der Don Quixote eigentlich kein Theaterstück ist und dementsprechend die Aufführung eine Adaption des Romans für die Bühne ist. Außerdem ist das Buch ein dicker Schinken, es musste also auch kräftig gekürzt werden. Aber damit kann man ja leben. Da ich es nicht gelesen hatte, würde ich eh nichts vermissen.
Um es vorweg zu nehmen: Mir hat die Inszenierung sehr gut gefallen, wobei der Teil vor der Pause deutlich stärker war als der zweite Teil. Es gibt zwei Romane über den Don Quixote und der zweite ist viel philosophischer und eine Art Meta-Roman - wenn ich das aus der Einführung richtig behalten habe. Vielleicht ist es deswegen schwieriger, den auf die Bühne zu bringen. Oder es war schon zu den Zeiten von Cervantes so, dass Fortsetzungen einfach nicht so gut wie der erste Teil sind. Jedenfalls fand ich den zweiten Teil verwirrend und wesentlich schlechter als den ersten.
Was ich sehr schön fand, war, dass die Kostüme historisch waren. Ich weiß nicht, ob sie der Mode des 17. Jahrhunderts entsprachen, aber ich fand, sie passten, und sie gefielen mir sehr viel besser als die schwarzen Anzüge, die ich mal bei einer Faust-Inszenierung gesehen hatte. Die Handlung wurde teilweise mit Gitarrenmusik unterlegt und die Schauspieler bezogen das Publikum mit ein.
Die Rahmenhandlung bildete das Verhör eines konvertierten oder vielleicht auch nicht konvertierten Muslims, der versucht, sich damit zu retten, indem er sagte, er sei ein Freund von Cervantes und sei dabei den zweiten Teil des Don Quixote zu schreiben. Um das zu beweisen, muss er die Geschichte erzählen. Zwischendurch wurden dann auch Kapitelüberschriften genannt, was den Leuten, die das Buch gelesen haben, sicher geholfen hat, sich in dem Stück zu orientieren. Besonders gut war die Schauspielerin, die sagte: "Capítulo 52 - ay, qué rápido!"
Zu Beginn dieser Verhandlung wurde auch das Publikum aufgefordert aufzustehen. Erst auf Spanisch - und als sich keiner rührte - dann auch auf Deutsch. Einer der Schauspieler kommentierte das mit "No son muy listos, los alemanes, eh?" Auch im weiteren Verlauf wurden die Zuschauer immer wieder mit eingebunden. Don Quixote fragt Sancho an einer Stelle, mit wem er denn rede und der nennt die Blonde in der ersten Reihe oder die Jungfrauen im Publikum wurden gezeigt.
Die Schauspieler waren großartig. Vor allem der vom Don Quixote. Er konnte extrem gut durch Bewegungen zeigen, was man sich vorstellen musste. Zum Beispiel ritten er und Sancho auf einer Art Steckenpferde über die Bühne und Don Quixote stieg nicht nur pantomimisch korrekt vom Pferd ab, sondern klopfte und streichelte es auch noch und gab ihm etwas zu fressen. Echt cool. Die Windmühlen wurden auch von Menschen gespielt. Das war echt beeindruckend. Richtig vom Hocker gehauen hat mich dann die Entdeckung, dass das ganze Ensemble nur aus vier Schauspielern bestand, was bedeutete, dass die fast ununterbrochen auf der Bühne standen und viele verschiedene Rollen gespielt haben. Ich hatte mindestens mit zwei Schauspielern mehr gerechnet.
Allerdings war das Stück sehr lang - es dauerte über zwei Stunden und manchmal habe ich die Schauspieler auch nicht verstanden. Für die ganzen Schüler, die mit ihren Spanischkursen in der Aufführung waren, war das sehr ungünstig, weil es keine Unter-/ Übertitel gab. Vermutlich war das Einzige, was alle verstanden, Don Quixotes Ruf "Adelante, Rosinante!" Schon im ersten Teil habe ich ein Mädchen hinter mir meckern gehört: "Ich verstehe NICHTS!" und als sie dann feststellen musste, dass es nach der Pause noch einen zweiten Teil geben würde (das hatte sie überraschenderweise verstanden), stöhnte sie laut auf. Nach der Pause blieben auch einige Plätze leer, was ich weniger schlimm fand als die Scharen von Schülern, die meinten, während des zweiten Teils gehen zu müssen. Ich kann mir vorstellen, dass sie irgendwelche Bahnen nach Hause nehmen mussten, aber es hat ziemlich gestört. Ein älterer Herr neben mir atmete auch jedes Mal genervt aus, wenn er aufstehen musste, um die Schüler vorbei zu lassen.
Da mussten die Freundin und ich an einen unsäglichen Theaterabend mit einer Literaturdozentin von Französisch denken, die wir in einer Landeswissenschaftsvorlesung zusammen mit den Französischstudenten hatten. Die Dozentin hatte sich in den Kopf gesetzt, mit uns ins Theater zu gehen, was generell ja nicht schlimm ist. Das Stück war von Sartre, glaube ich, aber auf Deutsch, und trotzdem unverständlich für uns. Ich kann nicht mehr sagen, worum es ging. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass eine Frau irgendwann mit ihrem Schuh telefonierte. Es ist gut möglich, dass wir bei diesem Stück nicht bis zum Ende geblieben sind. Theaterbesuche sind toll, aber ich denke, man muss irgendwie eine Verbindung zu dem Stück haben, das man sieht, oder sich zumindest dafür interessieren. Wenn das nicht gegeben ist, dann kann der Abend ja schon mal nichts werden.
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