Mittwoch, 2. Oktober 2013

Der Kreis schließt sich (Jordanien Tag 9)



12:15 Uhr
Heute durften wir etwas länger schlafen. Der Bus fuhr erst um zehn. Sehr schön.
Wir haben heute das Programm gemacht, das ursprünglich für den ersten Tag geplant war. Zuerst stand der Zitadellenhügel auf dem Plan. Heike, Steffi und ich waren mit unserem Referat dran. Allerdings schienen nicht alle Sachen zu stimmen, die ich mir für das Referat angelesen hatte. Zum Herkules-Tempel (drei Säulen und ein Steinbalken) ergänzte Frau G., dass dort zuerst ein anderer Gott verehrt wurde, der dann mit Herkules gleich gesetzt wurde (Kultkontinuität nennt man das). Zum Theater und Odeum sagte Ahmad, dass das Odeum nicht nur für musikalische Darbietungen sondern auch für besondere Gäste war und dass das Theater ursprünglich griechisch war, aber von den Römern wieder aufgebaut wurde. Das, was noch da ist, ist überwiegend römisch, aber es gibt auch ein paar griechische Elemente (Muscheln, Altarstein). Na ja, ich muss ihm ja auch etwas überlassen. Wenn er nichts erzählen könnte, bräuchten wir ihn ja nicht. Ich hätte vielleicht noch ein paar mehr Fehler einbauen sollen. Das wäre vielleicht überhaupt eine ganz gute Idee. Vorher ankündigen, dass man ein paar Lügen im Referat erzählt und die anderen sollen die aufdecken. „Und in diesem Theater fand eine Schüleraufführung von Antigone statt, in der die 13-jährige Kleopatra die Hauptrolle spielte…“ Dann hören sie wenigstens zu. Oder sie schalten erst recht ab.
omayyadische Audienzhalle
Auf dem Zitadellenhügel, auf dem der Herkules-Tempel steht und von wo aus wir auf das Theater herunter blicken konnten, stehen noch die Reste einer byzantinischen Basilika und omayyadischer Bauten (die Wand einer Moschee und eine Audienzhalle). Die Kuppel der Halle wurde von spanischen Spezialisten rekonstruiert, weil die Spanier durch 700 Jahre Al-Andaluz mehr Erfahrung mit den Omayyaden haben als die Jordanier. Das fand ich toll. Durch mein Studium identifiziere ich mich ja mit Spanien.
Außerdem waren wir im archäologischen Museum von Amman. Das ist sehr klein, denn viele Sachen stehen in anderen Museen. Die Mescha-Stele ist nur als Replik zu sehen, weil das Original im Louvre steht. Wir haben ein paar der Statuen aus Ain Ghazal gesehen. Das sind steinzeitliche Statuen aus gebranntem Kalk, die Menschen darstellen. Die Augen sind aus Bitumen (sowas ähnliches wie Teer), sehen aber aus wie mit Edding aufgemalt. Die Statuen zeigen, dass es schon früh (zu Zeiten des Alten Testaments) einen Totenkult gab und dass die Idee, dass nach dem Tod noch etwas ist, keine Idee der Zeit des Neuen Testaments war.
Ansonsten waren in dem Museum Statuenteile und kleinere Gegenstände von der Steinzeit bis zur islamischen Zeit. Die islamische Ecke fand ich am nettesten dargestellt. Dort konnte man auch eine Art Rüstung und Münzen aus verschiedenen Epochen sehen. Auf der Erklärungstafel stand, dass in drei Schritten die christlichen Symbole verdrängt wurden. Ich kriege nicht mehr alle auf die Reihe, aber zuerst wurden die Münzen mit christlichen Symbolen aus dem Verkehr gezogen und arabische Wörter wurden auf Münzen geprägt. Im dritten Schritt kamen dann ganze Koranzitate auf das Geld.

12.55 Uhr
Der nächste Stopp nach dem Zitadellenhügel war nach einer ca. 7-minütigen Busfahrt (bzw. Busstand) das Theater und das Odeum. Frau G. ist in ein, zwei Leuten zu Fuß gegangen und Ahmad erzählte ihr nochmal, was er im Bus gesagt hat.
Ich kann mit Zahlen immer wenig anfangen. Dass 6000 Personen (ihrer Zeit ganz Philadelphia (also Amman), laut Ahmad)  in das Theater passten, fand ich aber schon viel. Als ich dann im Theater stand, stellte ich fest, dass es wirklich riesig war. Das Odeum wirkte im Vergleich dazu nochmal kleiner als es ohnehin schon war.
Im Odeum fragte Frau G. mich, wo denn das Schutzzeichen sei, von dem ich im Referat gesprochen hatte. An der Außenwand sollte ein Zeichen sein, dass die Darsteller vor dem bösen Blick der Zuschauer schützen sollte. Weil ich es nicht wusste, fragte sie Ahmad. Der meinte, der Stein wäre nicht da. Als ich gedanklich schon völlig frustriert die Reiseführer, in denen ich das gelesen hatte, in die Tonne kloppen wollte, sagte Ahmad, die Information wäre schon richtig, nur sei der Stein eben nicht mehr da. Das kann man dann aber auch dazu schreiben! Auch das Kreuz, das im Theater angeblich die Stelle mit der besten Akustik markieren sollte, habe ich nicht gesehen. So ein Mist. Andrerseits haben wir auch vor dem archäologischen Museum zwei Referate über etwas gehört, das gar nicht (mehr) in diesem Museum ist.


15:33 Uhr
Wir sind auf dem Weg zu den Wüstenschlössern. Gerade hatten wir eine Mittagspause, aber ich hatte keinen Hunger.

16:10 Uhr
Huch, da waren wir schon am ersten Wüstenschloss. Es war aber irgendwie nicht das, was ich erwartet hatte. Ich finde „Wüstenschloss“ klingt so toll und irgendwie märchenhaft, aber ein bisschen mehr Wüste und ein bisschen mehr Schloss hätten diesem hier nicht weh getan. (Na ja, das „Schloss“ stand in einer Oase. Geschenkt. Aber die Straße lief direkt daran vorbei. Wie unromantisch.) Da half es auch nicht, dass Lawrence von Arabien mal hier gelebt hat. Ich muss sowieso erst mal rausfinden, wer das nochmal war (und wieso alle den so toll finden). In der letzten Spotlight war ein Text über ihn, aber den habe ich nur überflogen.
Hof des ersten Wüstenschloss (Azraq)
Also, er war ein Brite, der Anfang des 20. Jahrhunderts bei der Arabischen Revolte gegen die Osmanen beteiligt war. Wenn man dem Spotlight-Artikel trauen darf, hat er sich stark mit der arabischen Bevölkerung identifiziert. Er hat auch zumindest ein Buch geschrieben. Es gibt auch einen Film über ihn mit Peter O’Toole in der Hauptrolle. Aber ob das die Lösung des Rätsels ist? Vielleicht dann doch eher die Ankündigung einer Neuverfilmung mit Robert Pattinson als Lawrence. Na dann wissen immerhin die Twilight-Fans bald, wer Lawrence von Arabien war…
Beim nächsten Wüstenschloss muss ich wohl meine Fantasie ein bisschen spielen lassen, um das zu sehen, was ich unter einem Wüstenschloss erwarte…

17:05 Uhr
Qusayr Amra
Wüstenschloss Nummer 2 traf meine Erwartungen schon eher. Auch ohne Fantasie. Der arabische Name drückt allerdings schon aus, dass Qusayr Amra ein „Schlösschen“ ist (das wurde im Referat gesagt, ich habe noch kein Arabisch gelernt). Ahmad erklärte uns  auch, dass von den 23 Wüstenschlössern nur drei wirkliche Schlösser sind. Voll die Verarsche! Azraq (Wüstenschloss Nummer 1) war eine Festung, dieses hier ist zu klein und Nummer drei ist eine Karawanserei.
 Qusayr Amra war ein kleines Lust- und Jagdschloss, in das sich Adelige zurückzogen um der Jagd und den Frauen zu frönen. Es gibt eine Audienzhalle und ein Bad (mit Lauwarm- und Warmwasserräumen). An den Wänden sind Wandgemälde, die Jagdszenen und halbnackte Menschen beim Baden und Tanzen zeigen. Ahmad betonte nochmal, dass das gegen die Regeln des „echten Islam“ verstieße.

Ich bin irgendwie gerädert. Auf dem Weg zum Mittagessen habe ich geschlafen. Seitdem bin ich nicht richtig fit. Dabei sollte schlafen doch das Gegenteil bewirken. Mein Kopf fühlt sich heiß an. Ich habe mich schon gefragt, ob ich einen Sonnenbrand habe, aber Carina meinte, mein Gesicht wäre nicht besonders rot. Vielleicht habe ich zu wenig getrunken.

18:00 Uhr
Das dritte Wüstenschloss sah zumindest von außen so aus, wie ich mir ein Wüstenschloss vorstelle. Pech nur, dass auch Quasr al-Kharana kein richtiges Schloss war, sondern eine Karawanserei. Es gibt einen Innenhof, und drum herum sind auf zwei Etagen Zimmer. Unten schliefen die Diener und einfachen Händler, oben die Reichen und Aristokraten. Für ein richtiges Wüstenschloss hätten noch ein paar Wandbilder gefehlt, finde ich. Oder Kacheln. Dann hätte man das Ganze noch mit Tüchern und Möbeln einrichten müssen…
Quasr al-Kharana
Schon im ersten Wüstenschloss hat Klaus erzählt, dass die muslimischen Herrscher großes Interesse an Wissenschaften hatten und Bücher sammelten und übersetzten. Viele Schriften der Römer und Griechen (z.B. Aristoteles) kamen so von Bagdad über Nordafrika nach Al-Andaluz und von da weiter nach Europa (vermutlich auch über die Übersetzerschule von Alfonso el Sabio, ja, ich habe bei der spanischen Sprachgeschichte mal aufgepasst). Ohne diese Herrscher wären die Texte verloren gegangen. Und ich wäre um das Latinum herum gekommen…
In der Karawanserei zeigte Ahmad uns einen Raum, in dem die Decke durch gotische Bögen gehalten wurde. Der Bau ist aus dem 7. Jahrhundert also lange vor den gotischen Kirchen in Europa. Allerdings war der Raum nicht besonders hoch. Aber ich kenne mich auch nicht mit dem Bauen aus. Vielleicht wurde die Wand und die Decke zuerst gebaut und dann der Fußboden eingezogen, der die erste von der zweiten Etage trennt. Allerdings finde ich das eher unpraktisch. Ich dachte eben nur, dass gerade die hohen Decken eine Errungenschaft der Gotik gewesen seien und nicht nur die Form der Bögen.

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