Mittwoch, 2. November 2011

Zwischen Alltag und Traum

Was verbindet man mit Varieté? Glanz, Glitzer, Glamour … Wenn man sich Roncalli’s APOLLO Varieté in Düsseldorf nähert, wird diese Erwartung zunächst enttäuscht. Unter einer Autobahnbrücke direkt am Rheinufer steht ein moderner Glasbau, den man gar nicht mit einem so glamourösen Programm verbinden würde. Nähert man sich jedoch dem Gebäude, sieht man, dass da mehr sein muss, denn ein Mann in einer rot-goldenen Uniform bittet die Besucher herein. Und im Inneren fällt der Blick sofort auf die rote Wand des Vorstellungsraumes, die umringt ist von Büsten wichtiger Clowns. Eine Besinnung auf die Tradition des Varietés ist unübersehbar.
Vor Beginn der Aufführung können die Zuschauer noch eine Stärkung im Foyer des Varietés einnehmen. Je nach Geschmack und Glück bei der Platzwahl kann man entweder den Blick auf den Rhein oder auf besagt Autobahnbrücke genießen.
Im Saal hat man das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Die Großstadt, der Rhein, ja eigentlich die ganze Außenwelt wird beim Anblick der roten Wände, der Discokugel und den kleinen Tischen ganz vergessen. Trotz der modernen Discokugel fühlt man sich an Oscar Wilde erinnert und stellt sich vor, man säße gemeinsam mit einer Gruppe viktorianischer Gentlemen an einem dieser Vergnügungsorte, die den Reiz, etwas Außergewöhnliches zu tun, ausstrahlen. Es gibt sogar eine Muschel, in der die Musiker sitzen könnten, aber Live-Musik werde nicht mehr gespielt, da die Artisten ihre eigene Musik mitbrächten.

Die Mischung aus Moderne und Varieté-Tradition, die das Gebäude ausstrahlt, findet sich auch in dem Programm „Allein unter Frauen“, das von August bis Oktober aufgeführt wurde, wieder. Neben den klassischen Akrobatik-Darbietungen findet auch das Kabarett seinen Platz: Während die Artistinnen des Circus-Theaters BINGO die Zuschauer in eine unwirkliche Traumwelt entführen, richtet der Kabarettist Kai Magnus Sting den Blick auf den alltäglichen Wahnsinn.
Er stellt den Konflikt zwischen dem rüstigen Rentner mit dem Laubsauger und dem Schüler, der Google Earth braucht, um zu wissen, wo er ist, sowie zwischen Mann und Frau dar. Sting gibt einen Überblick über die Feinheiten der Ruhrpott-Sprache (beginnend mit „Hömma“ und abschließend „Weisse Bescheid“) und über politische Wiedergänger.
Demgegenüber stehen die Artistinnen von BINGO. Sie verbiegen ihre Körper, führen in halsbrecherischer Höhe Kunststücke an einem Tuch vor oder jonglieren mit mehreren Bällen auf einmal. Begleitet werden sie dabei von zwei Geigerinnen und einer Gitarristin. Im zweiten Teil des Programms beteiligen sich auch zwei Männer an der Akrobatik, sodass Kai Magnus Sting nicht mehr ganz alleine unter Frauen ist.
Zuerst fragt man sich: Wo ist da der Zusammenhang? Wie kann man handfestes Kabarett mit schwer fassbarer, flatterhafter Akrobatik kombinieren? Nach der ersten Verwunderung sieht man aber, dass diese beiden Elemente sehr wohl zueinanderpassen. Die Akrobatik und die Tänze beziehen sich auf ihre Weise nämlich genauso auf den Alltag, wie es das Kabarett tut. Die Tuchakrobatin stürzt sich in die Tiefe, während im Hintergrund ein Lied über die große Liebe gespielt wird und scheint so die Risiken des Verliebens zu verkörpern und an anderer Stelle zeigen die Tänzerinnen die Ausgelassenheit einer Feier.

Am Ende des Programms wird der Vorhang hinter der Bühne aufgezogen, sodass die Sicht auf den Rhein und die Düsseldorfer Lichter frei wird. Vor dieser wunderschönen Kulisse präsentieren die Künstler noch eine letzte Nummer, mit der sie sich von den Zuschauern und voneinander verabschieden. Spätestens in diesem Moment versteht auch der Letzte im Saal, warum die Organisatoren des Varietés so für die Lage am Rhein gekämpft haben – trotz der Autobahnbrücke. Der Blick auf den Rhein entschädigt alles.

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