Dieses Semester besuche ich
ein Seminar über da Münsteraner Täuferreich. Da durfte eine Exkursion zu deren
Wirkungsstätten natürlich nicht fehlen. Deswegen rannte ich am Freitag zur Bahn
(weil ich selbstverständlich mal wieder zu spät dran war), um am Bahnhof von
Münster von meinem Dozenten in Empfang genommen zu werden. Man stelle sich das
ungefähr so vor: 60 Leute irren über den Bahnsteig und suchen ihren Prof. Sehr
zu unserem Leidwesen hatte er nämlich kein Schild mit der Aufschrift „Täufer“
dabei. Auch keinen Touristenführer-Regenschirm. Trotzdem schafften wir es,
(fast) ohne uns zu verlaufen und ohne von Fahrrädern überrollt zu werden, zum
Stadtmuseum zu kommen.
Die Mitarbeiter des Museums
schienen von unserer Gruppe leicht überfordert. Es dauerte auch schon ewig, bis
wir alle durch die Drehtür gekommen waren. Wir wurden in den Keller geführt, wo
wir unsere Jacken und Taschen in „sargähnliche Holzkisten“ (O-Ton Herr L.)
ablegen sollten. Etwa die Hälfte der Mädchen stürmte bei der Gelegenheit auch
die Toiletten. Man kennt das ja von Israel und Jordanien…
Die Ausstellung zu der
Geschichte Münsters steht im ersten Stock. Leider durften wir nicht
fotografieren. Das sei nur in der Playmobilausstellung erlaubt, wurde uns
gesagt. Die besuchten wir aber nicht. War ja klar.
Der erste Raum des Museums
deckt den Zeitraum von der Steinzeit bis zur Karolinger Zeit (8./ 9.
Jahrhundert n. Chr.) ab. Dort steht ein Haus aus der Karolinger Zeit. Es hat nur
einen Raum und besteht aus Holzbalken und ist mit Reed bedeckt. Herr L.
erzählte die Anekdote, dass er mit einer Gruppe Kindergartenkinder im Museum
gewesen sei und ihnen gedroht habe, dass wer nicht brav sei, in diesem Haus
übernachten müsse. Die Kinder seien daraufhin sofort still gewesen. Eigentlich
unverständlich, schließlich wäre das nach Karolinger Verhältnissen ein Fünf
Sterne-Hotel gewesen. Die meisten Häuser zu der Zeit waren nämlich
Grubenhäuser, was bedeutet, dass ein Loch in den Boden gegraben wurde, über das
ein halbhoher Aufbau gebaut wurde.
Das Holzpfahlhausmodell ist
einem der großen Bauernhöfe in der Umgebung nachempfunden. Die heutigen
Stadtteile Gievenbeck, Kinderhaus und noch ein dritter waren ursprünglich
Bauernhöfe, die für die Versorgung Münsters zuständig.
Münster hatte früher andere
Namen. Der eine war Monasterium, der andere Mimigernaford. Monasterium ist klar
(Kloster), der andere Name bezieht sich auf die Sippe der Mimigerna. Der erste
Name nimmt also auf die geistige Familie, der zweite auf die Blutsippe Bezug.
Im zweiten Raum des Museums
begegneten wir Liudger, dem ersten Bischof von Münster, der aus dem
angelsächsischen Bereich stammte. Der heilige Liudger ist (laut Gotteslob) übrigens
auch der zweite Patron des Bistums Essen.
Der erste Dom zu Münster war
aus Holz und im Vergleich zu den Grubenhäusern riesig. Unser Dozent verklärte
uns den inneren Schauder, den die Menschen beim Anblick des Doms verspürt haben
müssen, in dem er die Größenverhältnisse mit einem 80-Stockwerke-Hochhaus neben
unserer Uni verglich.
Wir arbeiteten uns durch
weitere Räume, die uns dem Leben im mittelalterlichen Münster näher bringen
sollten. Die Täufer hatten ein eigenes Münzsystem entwickelt, das für alle
Getauften gültig sein sollte. Das hatte einmal einen praktischen Grund, weil im
Mittelalter jede Stadt eine eigene Währung hatte und man, wenn man Handel
trieb, die Münzen immer erst umtauschen musste. Außerdem schaffte die
Täufer-Währung einen Zusammenhalt der Gruppe, ähnlich wie der Euro das in der
EU im Idealfall tun sollte.
Es gab zwei liebevoll
ausgestattete Modelle: ein Giebelhaus und die Lambertikirche. Die Giebelhäuser
waren ursprünglich Lagerhäuser, aber in dem Modell im Museum standen auch
kleine Möbel. Ob nun Lager- oder Wohnhaus, das Gebäude ist auf jeden Fall chic
und zeigt, dass Münster im 16. Jahrhundert keine arme Stadt war. Herr L.
betonte, dass die Täufer Reichtum und Infrastruktur vorfanden, auf die sie
zurückgreifen konnten, um ihre Ideen zu verbreiten.
Das Modell von der
Lambertikirche hat bei mir den Wunsch geweckt, Playmobil möge die doch auch
einmal herstellen (nein, das wird nichts mit der Playmobil-Ausstellung zu tun
gehabt habe…). Zusammen mit Daniel und Jan habe ich dann weitere
Playmobil-Kollektionen geplant.
Daniel: „Die Playmobil
Inquisitions-Edition ist jetzt draußen. Quälen Sie Ungläubige!“
Rut: „Ja, mit einem
Playmobil-Scheiterhaufen.“
Jan: „Und die Sonderedition
„Ratzinger“. Oh, wir ziehen ihm rote Schuhe an – jetzt ist er Papst!“
Danach wurden wir aber wieder
ernst, als wir uns den Ausstellungsraum mit religiösen Bildern ansahen. Die
Katholiken nutzen Bilder wie z.B. eine Krippendarstellung, um Kontakt mit den
dargestellten Personen (Heiligen) aufzunehmen und mit ihnen zu kommunizieren.
Die Lutheraner beschränkten diese Kommunikation auf die Figur Jesu, was nach
Ansicht der Täufer aber nur die halbe Sache war. Sie wollten die Kommunikation
komplett unterbinden und zerstörten Augen und Hände auf den Gemälden. Die
Ergebnisse konnten wir dann im Museum sehen. Das Ziel der Täufer war, den
Kirchenraum zu beruhigen, um das Innere der Gläubigen zu beruhigen, denn für
sie war die Innenschau das wichtigste.
Ein weiteres ausgestelltes
Bild stellte eine Gregorsmesse dar. Die Gregorsmesse ist eine visuelle
Verdeutlichung der Realpräsenz. Papst Gregor ist nach der Legende während einer
Messe der leidende Jesus erschienen, um zu zeigen, dass er tatsächlich in Brot
und Wein gegenwärtig ist. Im Mittelalter ist die Gregorsmesse ein verbreitetes Bildmotiv.
Herr L. fügte noch an, dass man davon ausging, dass Jesus sich verberge, wenn
der Priester nicht zölibatär lebte. Oder – wie Jan es in einem Merkspruch
zusammenfasste: Wenn der Priester nicht mit Frauen swingt, der Jesus aus der
Hostie springt.
Der letzte und wichtigste
Raum, den wir uns im Museum angesehen habe, war der, der sich direkt mit den
Täufern beschäftigt. Magentarote Wände und keine rechter Winkel. Der Raum hebt
sich von allen anderen Räumen ab, so wie auch die Täufer alles aus den Angeln
gehoben haben. In dem Raum werden Modelle der Käfige und der Folterwerkzeuge
ausgestellt. Mittelalterliche Methoden in der frühen Neuzeit, wenn man bedenkt,
dass der Körper für die Täufer weniger wichtig war als die Innenschau, wie Herr
L. betont. Trotzdem müssen die Qualen unfassbar groß gewesen sein.
| Lambertikirche mit Täuferkörben |
Das Museum ging noch weiter,
aber wir hatten alles für uns Relevante gesehen und gingen wieder in Richtung
Ausgang. Wieder durch die Drehtür und dann auf zu unserem nächsten Ziel: dem
Dom.
Auf dem Weg dorthin kamen wir
an der Lambertikirche vorbei und ich, bestens informiert durch diverse
Grundschulwandertage, meinte zu Johanna: „Guck mal, da hängen die Käfige!“
Johanna war gelinde gesagt entsetzt. „Wie? Die hängen da immer noch?! Das kann
man doch nicht machen! Wie kann man darauf stolz sein?“ Darüber hatte ich mir noch
nie Gedanken gemacht. Ich kenne die Geschichte der Käfige seit ich neun Jahre
alt bin und habe sie vermutlich schon länger da oben hängen sehen. Für mich
sind sie ein Stück Geschichte, etwas das übrig geblieben ist und den Menschen
heute noch sagt, dass da etwas war und dass etwas passiert ist. Dass jemand
sich über die Existenz der Käfige an der Kirche aufregen könnte, war mir bisher
völlig fremd. Lustigerweise denkt meine Mutter genauso. Ich habe nach der
Exkursion einen Artikel über die Diskussion, ob man die Käfige abhängen sollte,
gelesen und meiner Mutter davon erzählt. Sie meinte nur völlig entgeistert:
„Wer kommt denn auf so eine Schnapsidee?“
| Münsteraner Dom - man sieht die Unterschiede im Stil |
Am Dom gekommen sprach Herr L.
mit uns zunächst über die Bauart des Doms. Die ältesten Teile, die Turmfenster
und das Mittelschiff, stammen aus dem 12., das meiste aber aus dem 13. und 14.
Jahrhundert. Dementsprechend weist der Dom Elemente der Romanik (dicke
Lehmwände, aus denen Rundungen ausgeschnitten wurden) und der Gotik
(lichtdurchflutet, Wände wurden durch Säulenbau gebaut) auf. Wie wir später im
Dom sehen konnten, stammt der Chorraum aus dem 20. Jahrhundert. Er wurde nach
den Maßstäben gebaut, die erst später durch das Zweite Vatikanische Konzil
festgelegt wurden, z.B. war hier schon vorgesehen, dass der Priester zur
Gemeinde schaute anstatt nach Osten. Der Liturgie-Professor der Uni, der beim
Bau des Chorraumes beratend zur Seite stand, wusste nämlich schon, worüber beim
Konzil gesprochen wurde.
Wir betraten den Dom durch das
Paradies, wie man den Vorbau nennt. In den Dreiecksdächern befinden sich
Reliquienbalkone und ein richtender Jesus sowie die klugen und törichten
Jungenfrauen empfangen den Besucher. Diese räumliche Distanz zum richtigen
Eingang der Kirche dient als Mahnung, damit die Gläubigen mit reinem Herzen
eintreten.
Das Patrozinium (also die
Schutzherrschaft) des Doms ist das des Paulus. Aus diesem Grund liegen
Paulus-Reliquien im Dom. Allerdings befinden sich dort auch noch
Jesus-Reliquien und Reliquien aller Apostel. Da fragt man sich doch, wo die
alle her kommen… Generell wird zwischen Körperteilen und Berührungsreliquien
unterschieden. Dass Knochen, von denen man glaubt, dass sie Heiligen gehört
haben, als Reliquien gelten, wissen vermutlich die meisten. Bei Jesus-Reliquien
ist das mit den Knochen schwierig, weil wir ja glauben, dass er komplett in den
Himmel aufgefahren ist, aber es gibt ja auch Körperteile, die nachwachsen
(Fingernägel, Haare etc.). Bei den Berührungsreliquien handelt es sich um
Gegenstände, die der Heilige entweder schon zu Lebzeiten berührt hat oder die
mit den Knochen es Heiligen in Berührung gekommen sind (z.B. das Turiner
Grabtuch). Münster hat jedenfalls eine ganze Menge Reliquien, ob sie alle echt
sind oder nicht, sei mal dahin gestellt, was die Stadt im Mittelalter sehr
attraktiv gemacht hat. Während Menschen heute ihren Wohnort nach
Verkehrsanbindung, Schulen oder Grünanlagen wählen, wurde im Mittelalter danach
geguckt, welcher Ort die beste Kirche und stärksten Reliquien hatte.
Im Dom konnten wir uns frei
bewegen und Johanna und ich stellten fest, dass bei den Kreuzwegstationen ein
Mann mit Brille abgebildet ist. Außerdem habe ich ihr die Christophorus-Statue
und das Glockenspiel im Chorumgang gezeigt. Es ist nur schade, dass wir sie
nicht in Aktion sehen konnten. Ich hätte das gerne mal wieder verfolgt.
Kindheitserinnerungen und so.
Herr L. erklärte uns, dass die
wichtigsten Orte des Doms nicht unbedingt der Altarraum oder eine der Kapellen
war, sondern die Nebengebäude, in denen caritative Arbeit betrieben wurden. Die
Armen bekamen dort etwas zu essen, für das sie im Gegenzug kleinere Aufgaben
erledigten, wie das Öl in den Lampen nachfüllen.
Außerdem lenkte Herr L. unsere
Aufmerksamkeit darauf, dass anstelle des Schlusssteins eine Luke in der Decke
eingelassen ist. Einerseits half die beim Feuer löschen, andrerseits konnten
durch solche Luken aber auch Heiligenfiguren heruntergelassen werden und an
Seilbahnen durch die Kirche fahren gelassen werden. Im Mittelalter gab es viel
mehr liturgisches Spiel in den Gottesdiensten. Die Täufer haben damit
gebrochen. Die Vorstellung, dass Figuren durch die Kirche gefahren werden,
finde ich nach wie vor, sehr interessant und fände es gar nicht mal so
schlecht, wenn es das heute immer noch geben würde. Auf diese Weise könnte der
Gottesdienst greifbarer werden und mehr Sinne ansprechen. Allerdings würde es
dann vielleicht auch auf zu viel Effekthascherei hinauslaufen. Wer weiß, wo wir
heute wären, wenn man das mit den Heiligenfiguren durchgezogen hätte. Blinkende
Engel, die mit den Flügeln schlagen und mit Computerstimmen sprechen, an der
Krippe? Lieber nicht.
Über den Dom zur Zeit der
Täufer haben wir gelernt, dass sie ihn in etwa so sahen, wie wir ihn heute
sehen. Der Dom war zu der damaligen Zeit eine erstklassige Kathedrale (man
denke an die ganzen Reliquien), die dann aber von den Täufern entweiht wurde.
Die letzte offizielle Station
war die Lambertikirche, die Kirche der Händler (der Patron ist der heilige
Lambert, aber auch der heilige Nikolaus, der für die Kaufleute und Fernfahrer
zuständig ist). St. Lamberti war aber auch die Kirche der Täufer. Dort predigte
Rothmann, dort wurde die erste Erwachsenentaufe durchgeführt und es war die
erste Kirche, in der die Kindstaufe rigoros abgelehnt wurde. Die Theologie der
Täufer war auf die Reichen in der Bevölkerung ausgelegt, weswegen sie auch in
der Kirche der Kaufleute ihr Zentrum hatten.
| In Münster fährt auch der Nikolaus mit dem Rad |
Nach dem Besuch in der
Lambertikirche stand es uns frei, noch über den Weihnachtsmarkt zu gehen. Herr
L. gab uns zum Abschied allen die Hand und dann verlief sich die Gruppe etwas.
Johanna, zwei Kommilitoninnen und ich sind zwar auch über den Weihnachtsmarkt
gegangen, aber haben uns dabei auch immer schon in Richtung Bahnhof bewegt.
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