Donnerstag, 19. Dezember 2013

Auf den Spuren der Täufer oder: Die Käfige hängen da immer noch?!



Dieses Semester besuche ich ein Seminar über da Münsteraner Täuferreich. Da durfte eine Exkursion zu deren Wirkungsstätten natürlich nicht fehlen. Deswegen rannte ich am Freitag zur Bahn (weil ich selbstverständlich mal wieder zu spät dran war), um am Bahnhof von Münster von meinem Dozenten in Empfang genommen zu werden. Man stelle sich das ungefähr so vor: 60 Leute irren über den Bahnsteig und suchen ihren Prof. Sehr zu unserem Leidwesen hatte er nämlich kein Schild mit der Aufschrift „Täufer“ dabei. Auch keinen Touristenführer-Regenschirm. Trotzdem schafften wir es, (fast) ohne uns zu verlaufen und ohne von Fahrrädern überrollt zu werden, zum Stadtmuseum zu kommen.

Die Mitarbeiter des Museums schienen von unserer Gruppe leicht überfordert. Es dauerte auch schon ewig, bis wir alle durch die Drehtür gekommen waren. Wir wurden in den Keller geführt, wo wir unsere Jacken und Taschen in „sargähnliche Holzkisten“ (O-Ton Herr L.) ablegen sollten. Etwa die Hälfte der Mädchen stürmte bei der Gelegenheit auch die Toiletten. Man kennt das ja von Israel und Jordanien…
Die Ausstellung zu der Geschichte Münsters steht im ersten Stock. Leider durften wir nicht fotografieren. Das sei nur in der Playmobilausstellung erlaubt, wurde uns gesagt. Die besuchten wir aber nicht. War ja klar.
Der erste Raum des Museums deckt den Zeitraum von der Steinzeit bis zur Karolinger Zeit (8./ 9. Jahrhundert n. Chr.) ab. Dort steht ein Haus aus der Karolinger Zeit. Es hat nur einen Raum und besteht aus Holzbalken und ist mit Reed bedeckt. Herr L. erzählte die Anekdote, dass er mit einer Gruppe Kindergartenkinder im Museum gewesen sei und ihnen gedroht habe, dass wer nicht brav sei, in diesem Haus übernachten müsse. Die Kinder seien daraufhin sofort still gewesen. Eigentlich unverständlich, schließlich wäre das nach Karolinger Verhältnissen ein Fünf Sterne-Hotel gewesen. Die meisten Häuser zu der Zeit waren nämlich Grubenhäuser, was bedeutet, dass ein Loch in den Boden gegraben wurde, über das ein halbhoher Aufbau gebaut wurde.
Das Holzpfahlhausmodell ist einem der großen Bauernhöfe in der Umgebung nachempfunden. Die heutigen Stadtteile Gievenbeck, Kinderhaus und noch ein dritter waren ursprünglich Bauernhöfe, die für die Versorgung Münsters zuständig.
Münster hatte früher andere Namen. Der eine war Monasterium, der andere Mimigernaford. Monasterium ist klar (Kloster), der andere Name bezieht sich auf die Sippe der Mimigerna. Der erste Name nimmt also auf die geistige Familie, der zweite auf die Blutsippe Bezug.

Im zweiten Raum des Museums begegneten wir Liudger, dem ersten Bischof von Münster, der aus dem angelsächsischen Bereich stammte. Der heilige Liudger ist (laut Gotteslob) übrigens auch der zweite Patron des Bistums Essen.
Der erste Dom zu Münster war aus Holz und im Vergleich zu den Grubenhäusern riesig. Unser Dozent verklärte uns den inneren Schauder, den die Menschen beim Anblick des Doms verspürt haben müssen, in dem er die Größenverhältnisse mit einem 80-Stockwerke-Hochhaus neben unserer Uni verglich.
Wir arbeiteten uns durch weitere Räume, die uns dem Leben im mittelalterlichen Münster näher bringen sollten. Die Täufer hatten ein eigenes Münzsystem entwickelt, das für alle Getauften gültig sein sollte. Das hatte einmal einen praktischen Grund, weil im Mittelalter jede Stadt eine eigene Währung hatte und man, wenn man Handel trieb, die Münzen immer erst umtauschen musste. Außerdem schaffte die Täufer-Währung einen Zusammenhalt der Gruppe, ähnlich wie der Euro das in der EU im Idealfall tun sollte.
Es gab zwei liebevoll ausgestattete Modelle: ein Giebelhaus und die Lambertikirche. Die Giebelhäuser waren ursprünglich Lagerhäuser, aber in dem Modell im Museum standen auch kleine Möbel. Ob nun Lager- oder Wohnhaus, das Gebäude ist auf jeden Fall chic und zeigt, dass Münster im 16. Jahrhundert keine arme Stadt war. Herr L. betonte, dass die Täufer Reichtum und Infrastruktur vorfanden, auf die sie zurückgreifen konnten, um ihre Ideen zu verbreiten.
Das Modell von der Lambertikirche hat bei mir den Wunsch geweckt, Playmobil möge die doch auch einmal herstellen (nein, das wird nichts mit der Playmobil-Ausstellung zu tun gehabt habe…). Zusammen mit Daniel und Jan habe ich dann weitere Playmobil-Kollektionen geplant.
Daniel: „Die Playmobil Inquisitions-Edition ist jetzt draußen. Quälen Sie Ungläubige!“
Rut: „Ja, mit einem Playmobil-Scheiterhaufen.“
Jan: „Und die Sonderedition „Ratzinger“. Oh, wir ziehen ihm rote Schuhe an – jetzt ist er Papst!“

Danach wurden wir aber wieder ernst, als wir uns den Ausstellungsraum mit religiösen Bildern ansahen. Die Katholiken nutzen Bilder wie z.B. eine Krippendarstellung, um Kontakt mit den dargestellten Personen (Heiligen) aufzunehmen und mit ihnen zu kommunizieren. Die Lutheraner beschränkten diese Kommunikation auf die Figur Jesu, was nach Ansicht der Täufer aber nur die halbe Sache war. Sie wollten die Kommunikation komplett unterbinden und zerstörten Augen und Hände auf den Gemälden. Die Ergebnisse konnten wir dann im Museum sehen. Das Ziel der Täufer war, den Kirchenraum zu beruhigen, um das Innere der Gläubigen zu beruhigen, denn für sie war die Innenschau das wichtigste.
Ein weiteres ausgestelltes Bild stellte eine Gregorsmesse dar. Die Gregorsmesse ist eine visuelle Verdeutlichung der Realpräsenz. Papst Gregor ist nach der Legende während einer Messe der leidende Jesus erschienen, um zu zeigen, dass er tatsächlich in Brot und Wein gegenwärtig ist. Im Mittelalter ist die Gregorsmesse ein verbreitetes Bildmotiv. Herr L. fügte noch an, dass man davon ausging, dass Jesus sich verberge, wenn der Priester nicht zölibatär lebte. Oder – wie Jan es in einem Merkspruch zusammenfasste: Wenn der Priester nicht mit Frauen swingt, der Jesus aus der Hostie springt.

Der letzte und wichtigste Raum, den wir uns im Museum angesehen habe, war der, der sich direkt mit den Täufern beschäftigt. Magentarote Wände und keine rechter Winkel. Der Raum hebt sich von allen anderen Räumen ab, so wie auch die Täufer alles aus den Angeln gehoben haben. In dem Raum werden Modelle der Käfige und der Folterwerkzeuge ausgestellt. Mittelalterliche Methoden in der frühen Neuzeit, wenn man bedenkt, dass der Körper für die Täufer weniger wichtig war als die Innenschau, wie Herr L. betont. Trotzdem müssen die Qualen unfassbar groß gewesen sein.

Lambertikirche mit Täuferkörben
Das Museum ging noch weiter, aber wir hatten alles für uns Relevante gesehen und gingen wieder in Richtung Ausgang. Wieder durch die Drehtür und dann auf zu unserem nächsten Ziel: dem Dom.
Auf dem Weg dorthin kamen wir an der Lambertikirche vorbei und ich, bestens informiert durch diverse Grundschulwandertage, meinte zu Johanna: „Guck mal, da hängen die Käfige!“ Johanna war gelinde gesagt entsetzt. „Wie? Die hängen da immer noch?! Das kann man doch nicht machen! Wie kann man darauf stolz sein?“ Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich kenne die Geschichte der Käfige seit ich neun Jahre alt bin und habe sie vermutlich schon länger da oben hängen sehen. Für mich sind sie ein Stück Geschichte, etwas das übrig geblieben ist und den Menschen heute noch sagt, dass da etwas war und dass etwas passiert ist. Dass jemand sich über die Existenz der Käfige an der Kirche aufregen könnte, war mir bisher völlig fremd. Lustigerweise denkt meine Mutter genauso. Ich habe nach der Exkursion einen Artikel über die Diskussion, ob man die Käfige abhängen sollte, gelesen und meiner Mutter davon erzählt. Sie meinte nur völlig entgeistert: „Wer kommt denn auf so eine Schnapsidee?“

Münsteraner Dom - man sieht die Unterschiede im Stil
Am Dom gekommen sprach Herr L. mit uns zunächst über die Bauart des Doms. Die ältesten Teile, die Turmfenster und das Mittelschiff, stammen aus dem 12., das meiste aber aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Dementsprechend weist der Dom Elemente der Romanik (dicke Lehmwände, aus denen Rundungen ausgeschnitten wurden) und der Gotik (lichtdurchflutet, Wände wurden durch Säulenbau gebaut) auf. Wie wir später im Dom sehen konnten, stammt der Chorraum aus dem 20. Jahrhundert. Er wurde nach den Maßstäben gebaut, die erst später durch das Zweite Vatikanische Konzil festgelegt wurden, z.B. war hier schon vorgesehen, dass der Priester zur Gemeinde schaute anstatt nach Osten. Der Liturgie-Professor der Uni, der beim Bau des Chorraumes beratend zur Seite stand, wusste nämlich schon, worüber beim Konzil gesprochen wurde.
Wir betraten den Dom durch das Paradies, wie man den Vorbau nennt. In den Dreiecksdächern befinden sich Reliquienbalkone und ein richtender Jesus sowie die klugen und törichten Jungenfrauen empfangen den Besucher. Diese räumliche Distanz zum richtigen Eingang der Kirche dient als Mahnung, damit die Gläubigen mit reinem Herzen eintreten.
Das Patrozinium (also die Schutzherrschaft) des Doms ist das des Paulus. Aus diesem Grund liegen Paulus-Reliquien im Dom. Allerdings befinden sich dort auch noch Jesus-Reliquien und Reliquien aller Apostel. Da fragt man sich doch, wo die alle her kommen… Generell wird zwischen Körperteilen und Berührungsreliquien unterschieden. Dass Knochen, von denen man glaubt, dass sie Heiligen gehört haben, als Reliquien gelten, wissen vermutlich die meisten. Bei Jesus-Reliquien ist das mit den Knochen schwierig, weil wir ja glauben, dass er komplett in den Himmel aufgefahren ist, aber es gibt ja auch Körperteile, die nachwachsen (Fingernägel, Haare etc.). Bei den Berührungsreliquien handelt es sich um Gegenstände, die der Heilige entweder schon zu Lebzeiten berührt hat oder die mit den Knochen es Heiligen in Berührung gekommen sind (z.B. das Turiner Grabtuch). Münster hat jedenfalls eine ganze Menge Reliquien, ob sie alle echt sind oder nicht, sei mal dahin gestellt, was die Stadt im Mittelalter sehr attraktiv gemacht hat. Während Menschen heute ihren Wohnort nach Verkehrsanbindung, Schulen oder Grünanlagen wählen, wurde im Mittelalter danach geguckt, welcher Ort die beste Kirche und stärksten Reliquien hatte.
Im Dom konnten wir uns frei bewegen und Johanna und ich stellten fest, dass bei den Kreuzwegstationen ein Mann mit Brille abgebildet ist. Außerdem habe ich ihr die Christophorus-Statue und das Glockenspiel im Chorumgang gezeigt. Es ist nur schade, dass wir sie nicht in Aktion sehen konnten. Ich hätte das gerne mal wieder verfolgt. Kindheitserinnerungen und so.
Herr L. erklärte uns, dass die wichtigsten Orte des Doms nicht unbedingt der Altarraum oder eine der Kapellen war, sondern die Nebengebäude, in denen caritative Arbeit betrieben wurden. Die Armen bekamen dort etwas zu essen, für das sie im Gegenzug kleinere Aufgaben erledigten, wie das Öl in den Lampen nachfüllen.
Außerdem lenkte Herr L. unsere Aufmerksamkeit darauf, dass anstelle des Schlusssteins eine Luke in der Decke eingelassen ist. Einerseits half die beim Feuer löschen, andrerseits konnten durch solche Luken aber auch Heiligenfiguren heruntergelassen werden und an Seilbahnen durch die Kirche fahren gelassen werden. Im Mittelalter gab es viel mehr liturgisches Spiel in den Gottesdiensten. Die Täufer haben damit gebrochen. Die Vorstellung, dass Figuren durch die Kirche gefahren werden, finde ich nach wie vor, sehr interessant und fände es gar nicht mal so schlecht, wenn es das heute immer noch geben würde. Auf diese Weise könnte der Gottesdienst greifbarer werden und mehr Sinne ansprechen. Allerdings würde es dann vielleicht auch auf zu viel Effekthascherei hinauslaufen. Wer weiß, wo wir heute wären, wenn man das mit den Heiligenfiguren durchgezogen hätte. Blinkende Engel, die mit den Flügeln schlagen und mit Computerstimmen sprechen, an der Krippe? Lieber nicht.
Über den Dom zur Zeit der Täufer haben wir gelernt, dass sie ihn in etwa so sahen, wie wir ihn heute sehen. Der Dom war zu der damaligen Zeit eine erstklassige Kathedrale (man denke an die ganzen Reliquien), die dann aber von den Täufern entweiht wurde.

Die letzte offizielle Station war die Lambertikirche, die Kirche der Händler (der Patron ist der heilige Lambert, aber auch der heilige Nikolaus, der für die Kaufleute und Fernfahrer zuständig ist). St. Lamberti war aber auch die Kirche der Täufer. Dort predigte Rothmann, dort wurde die erste Erwachsenentaufe durchgeführt und es war die erste Kirche, in der die Kindstaufe rigoros abgelehnt wurde. Die Theologie der Täufer war auf die Reichen in der Bevölkerung ausgelegt, weswegen sie auch in der Kirche der Kaufleute ihr Zentrum hatten.

In Münster fährt auch der Nikolaus mit dem Rad
Nach dem Besuch in der Lambertikirche stand es uns frei, noch über den Weihnachtsmarkt zu gehen. Herr L. gab uns zum Abschied allen die Hand und dann verlief sich die Gruppe etwas. Johanna, zwei Kommilitoninnen und ich sind zwar auch über den Weihnachtsmarkt gegangen, aber haben uns dabei auch immer schon in Richtung Bahnhof bewegt.

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