Mittwoch, 14. September 2011

Urlaub in Detmold

Freitag bin ich mit Lisa zusammen nach Detmold gefahren. Mal einen anderen Teil von NRW entdecken. Kaum zu glauben, dass ich noch nie das Hermannsdenkmal oder die Externsteine gesehen habe! Dabei war ja zumindest die Varus-Schlacht - ob sie nun an dieser Stelle stattgefunden hat oder nicht - nicht so unwichtig für die deutsche Geschichte (wenn denn schon von "Deutschland" sprechen kann...). Und außerdem kenne ich jetzt Lisas Leben: ihr Zimmer, ihre Grundschule, ihre Lieblingseisdiele...

Freitagnachmittag waren Lisa und ich zuerst beim Hermann und den Externsteinen. Bisher hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie das Denkmal aussieht. Ich habe sicher mal irgendwann ein Foto davon gesehen, aber es war dann doch sehr viel größer, als ich gedacht hatte. Lisa hat mir den Hermann schon vom Zug aus zeigen wollen, aber ich habe ihn nicht gesehen. Ständig kamen mir Bäume oder Häuser ins Blickfeld.













Der Hermann steht auf einem Säulensockel, in dem man auch besteigen kann. Am Sonntag, dem Tag des offenen Denkmals, hätten wir bis in den Kopf klettern können, aber das wollten wir nicht. Es könnte ja gefährlich sein. ;-)Aber schon von dem Aussichtspunkt unter den Füßen des Hermann konnte man recht weit sehen. Es waren auch Schilder mit Städtenamen angebracht, di in die jeweiligen Richtungen zeigten. Aber natürlich waren nur die umliegenden Städte und Berlin vertreten.
Auf dem Weg zu dem Denkmal steht die Hütte des Erbauers, in der er gelebt hat, während er irgendwann im 19. Jahrhundert daran gearbeitet hat. Außerdem sind verschiedene Gedenkplatten im Umkreis angebracht und es gibt eine Aussichtsplattform, an deren Rand die Rüstungen von römischen Soldaten aus Stein stehen.
Von dem Hermannsdenkmal aus sind wir zu den Externsteinen weitergefahren. Das sind riesige Steine, die in der Landschaft herum stehen. Auf zwei der Steine kann man drauf steigen und zwei sind mit einer Brücke verbunden. Auch von da RTL hat da vor ein paar Jahren einen Film zu den Nibelungen gedreht, bei dem Lisa fast als Komparsin mitgemacht hätte. Ansonsten feiern verschiedene esoterische Gruppen dort gerne die Sonnenwendfeste. Von oben kann man über die Landschaft gucken. Wie meinte die Fremdenführerin im Detmolder Schloss (s. unten) noch? "Wir haben hier eigentlich nur Landschaft. Schöne Landschaft. Aber es ist eben nur Landschaft." An einem Stein unten ist auch ein Relief zu sehen, das eine Kreuzigungsszene darstellt. Es wurde schon im Mittelalter von Mönchen, die da lebten in die Felsen gehauen.

Am Samstag sind wir zuerst in die Innenstadt von Detmold gefahren. Die ist sehr schön mit alten (teils schon ziemlich schiefen) Fachwerkhäusern und kleinen Gässchen.
Lisa hat mir die "Familienkirche" gezeigt und mir den Unterschied zwischen reformiert und lutherisch anhand der zwei Kirchen in der Innenstadt erklärt: "Die reformierte Kirche ist viel hässlicher!" Außerdem war in der Stadt gerade Markt, in Bücherflohmarkt der reformierten Kirche und ein Kunstmarkt auf dem Gelände vor dem Detmolder Schloss.
Obwohl wir alle drei Märkte besucht haben, waren wir dann aber letztendlich beim Tag der offenen Tür des Landestheaters in Detmold. Das war sehr interessant. Zuerst haben wir eine Führung mitgemacht, bei der uns etwas zu der Geschichte des Theaters erzählt und verschiedene Werkstätten gezeigt wurden. In dem Theater werden auch Opern und Ballett aufgeführt und weil es ein großes Theater ist, werden die meisten Bühnenbilder und Kostüme auch da hergestellt.
In der Schreinerwerkstatt war ein Teil eines Podestes für die nächste Inszenierung aufgebaut. Die werden auf einer schrägen Bühne spielen! Daneben war ein Modell des Bühnenbildes wie es später einmal aussehen soll, aufgebaut. Wenn die Holzteile fertig sind, müssen wie auch angemalt werden und in der Malerwerkstatt wurde uns gezeigt, mit welchen Techniken verschiedene Effekte erzeugt werden, z.B. werden so Kapitelle für Säulen aus Kunststoff gegossen und viel Styropor verwendet, das dann so angemalt wird, dass man glaubt, es wären tatsächlich Marmorsäulen. Die Maler verwenden auch eine normalen Pinsel sondern ganz lange. Einer war gerade dabei, einen falschen Vorhang auf eine Holzplatte zu malen, die am Boden lag, ohne sich dabei viel bücken zu müssen.
Wir waren auch in der Schneiderei und haben gesehen, dass wirklich großartige Kostüme im Entstehungsprozess sind. Eins ist ein rotes, das leicht japanisch wirkt und viele lange "Schleppen" hat. An den Wänden hingen Zettel, auf denen Skizzen zu den verschiedenen Kostümen gemacht waren. Allerdings werden nicht alle Kostüme neu geschneidert. Normale Anzüge werden z.B. gekauft, weil das billiger ist und schneller geht. Bei ausgefalleneren Sachen wird zuerst immer im Fundus geguckt, ob es etwas gibt, das man umarbeiten könnte. Deswegen haben alle Gewänder auch genug Spielraum für Änderungen.
Im Fundus waren wir dann auch. Allerdings nur im Fundus für Männerkostüme. Der für die Frauenkleider ist kleiner, weil bei vielen Theaterstücken mehr Männer als Frauen mitspielen (Goethe, Schiller etc.). Der Fundus ist aber riesig, auch wenn die Decke sehr niedrig ist und es ziemlich eng zwischen den Kleiderständern und Regalen ist. Die Kostüme darin sind nach Epochen und nach Bekleidungsstück geordnet. Das war schon sehr faszinierend. Das Theater hat sogar eine eigene Reinigung dabei. Fantasie-Kostüme können allerdings nicht gewaschen werden. Weil die Schauspieler aber natürlich darin schwitzen, werden sie mit Wodka durchgespült.
Nach der Führung haben wir eine Technikshow gesehen. Der Intendant des Theater hat ein Glas zerspringen lassen und eine blutende Hand bekommen. Er stand im Schnee und Gewitter auf der Bühne und zwischendurch kam ein Engel auf die Bühne geschwebt und sang "Cabaret".
Bei der Führung und der Technikshow kam ich nicht darum herum, das Landestheater mit dem Filou zu vergleichen. Natürlich ist das Landestheater viel größer, aber im Kleinen läuft es beim Filou genauso ab. Wenn wir ein Theaterstück aufführen wollten, wurde auch erst geguckt, was an Kostümen im Fundus und bei uns zuhause da war, und meistens hat das gereicht. Beim Bühnenbild auch. Dann wurden einzelne Sachen dazu gekauft oder die Eltern gebeten, uns ein Kleid oder eine Hose zu nähen oder einen Wohnwagen aus Holz zu bauen. Und auf unserer Bühne gibt es auch einige Stangen, an denen man Scheinwerfer und andere Dinge befestigen kann (bei "Hilfe die Herdmanns kommen" hatten wir immerhin eine Schauspielerin in einem Bett unter der Decke hängen). Natürlich kann man unser Laientheater nicht mit dem professionellen vergleichen, aber die Abläufe sind schon parallel.
Beim Tag der offenen Tür wurden außerdem alte Kostüme aus dem Fundus verkauft. Die richtig tollen waren natürlich zu teuer, aber es war schon lustig, die durchzugucken. Gekauft habe ich aber nichts. Stattdessen haben Lisa und ich eine furchtbare Frau beobachtet. Die war mit ihrer kleinen Tochter im Kindergartenalter da. Die Kleine sollte Mama den pinken Hut aus einer Kiste geben. Die Mutter hätte nur drei Schritte gehen müssen, um den Hut, der nicht einmal pink war, zu holen, aber nein, sie meckerte das Kind, das nicht verstand, was die Mutter wollte, so lange an, bis eine andere Frau ihr den Hut gab. Das arme Kind!
Die beste Aktion des Theaters fand im Innenhof statt. Bei einer Fotoaktion konnte man aus einer kleinen Auswahl Kostümen eins auswählen und für zwei Euro ein Polaroidfoto machen lassen. Das konnten Lisa und ich uns nicht entgehen lassen und haben uns zwei tolle Kleider rausgesucht. Sie waren richtig schwer. So viel Stoff! Und sie haben gut unsere Schuhe versteckt. Lisas war hinten mit einer Schnürung, wie bei einem Korsett, meins wurde mit kleinen Haken geschlossen. Wir mussten uns auch gegenseitig beim Anziehen helfen. Aber für das Bild hat sich das gelohnt. Nachdem wir beide das Polaroidfoto hatten machen lassen, haben wir das Mädchen, das die Fotos gemacht hat, gefragt, ob sie auch eins von uns beiden zusammen mit meiner Digitalkamera machen könnte. Und wie ihr seht, hat sie es netterweise gemacht.
Zum Schluss wollten wir uns eine öffentliche Probe für Iphigenie auf Tauris ansehen. Weil wir etwas früh dran waren, sind wir noch durch die Maske gegangen. Da haben wir gesehen, wie ein Mädchen, Kunsthaare um drei gespannte Fäden flocht, um ein Haarteil herzustellen, wie eine Frau eine ganze Perücke erarbeitete und wie ein anderes Mädchen ein Kopfputz anfertigte, der für die Zwischenprüfung ihrer Ausbildung gedacht war.
Die öffentliche Probe war sehr lustig. Es wurde eine Szene gespielt, in der Orest und Pylades nach ihrer Ankunft auf Tauris in einer Zelle eingesperrt sind. Die beiden Schauspieler haben zwischendurch ein bisschen rumgealbert. Irgendwann, nachdem sie mal wieder ihren Text vergessen hatte, meinte einer von beiden: "Normaler Weise sind wir besser!" Am Ende rannte "Orest" aus Versehen aus dem Bereich, der die Zelle war und warf einen Stuhl, der dadurch kaputt ging. Allerdings flog auch der Stuhl aus der Zelle und "Pylades" rief: "Hey, du hast die Zellenwand durchbrochen! Wir sind frei!" Die Probe endete also mit einer leichten Abänderung von Goethes Original.

Den Sonntagvormittag nach dem Frühstück haben Lisa und ich mit einem TKKG-Computerspiel verbracht (wir haben alle drei CD-Roms, die Lisa da hatte, in den Tagen gelöst). Gegen Mittag sind wir nach Blomberg zu der großen Wilbasen Kirmes gefahren. Leider spielte das Wetter an diesem Nachmittag nicht mit und nach einer Fahrt im Riesenrad begann es immer mehr zu regnen, so dass wir wieder zurück nach Detmold fuhren, nachdem wir einmal über die gesamte Kirmes geschlendert waren.

Montag haben Lisa und ich an einer Führung durch das Schloss in Detmold teilgenommen. Außer uns war nur eine weitere Frau dabei. Aber es war sehr nett. Die Frau, die die Führung machte (von der auch der Satz mit der Landschaft weiter oben war), konnte ganz gut erzählen und wirkte sehr sympathisch. Wir mussten lustige Filzschlappen über die Schuhe ziehen, um das Parkett nicht zu beschädigen und um die Räume und ihre Dekoration zu schützen, waren die einzigen Fotos, die wir machen durften, die vor dem offenen Fenster in den Innenhof.
Die Räume sind alle sehr prunkvoll eingerichtet. Teures Porzellan, Wandteppiche und Gemälde. Ich hatte die ganze Zeit Angst mit den Wollpuschen auf dem glatten Fußboden auszurutschen und gegen eine Vitrine oder den übergroßen Keramikspiegel zu knallen. Wir konnten uns allerdings nur ein paar Räume des Schlosses ansehen, da es noch bewohnt ist. Von einem echten Prinzen: Armin Prinz zur Lippe. Ich weiß aber nicht, ob es ihm viel Freude macht, da zu wohnen. Die Schlossführerin hat erzählt, dass sie jetzt zwar eine Heizung eingebaut haben, aber dass die hohen Räume mit der einfach Verglasung und Holzfenstern sich nur schwer heizen lassen. Sie kommen selten über 19°C.
Das Gebiet Lippe war lange Zeit unabhängig. Zunächst als Fürstentum, später als Freistaat. Erst nach dem zweiten Weltkrieg musste es sich entscheiden, ob es zu Nordrheinwestfalen oder zu Niedersachsen gehören wollte, und entschied sich für NRW. Deswegen ist die lippische Rose nicht nur überall in Detmold, sondern auch im Wappen von NRW zu sehen.
Eigentlich hätten Lisa und ich ja in den Kostümen, die wir für die Fotoaktion im Theater anhatten, ins Schloss kommen und da richtig schöne Fotos machen müssen, aber ich fürchte, dass sowohl die Mitarbeiter des Theaters als auch die Bewahrer des Schlosses damit nicht einverstanden gewesen wären...
Nach der Schlossführung haben Lisa und ich eine Schulfreundin von mir, die in Detmold studiert, getroffen. Es war sehr schön, sie wieder zusehen, auch wenn sie nicht viel Zeit hatte. Nach einem Zwischenstopp in der Eisdiele sind Lisa und ich zum Palaisgarten neben der Musikhochschule gegangen. Da war es auch sehr schön, aber weil es dunkler wurde und merkwürdig Gestalten in dem Park herumhingen, sind wir zurück zu Lisas Eltern gefahren.

Den Dienstag haben wir komplett im Freilichtmuseum verbracht. Auf einem riesigen Gelände (es ist das größte Freilichtmuseum Europas) sind Häuser aus verschiedenen Teilen Westfalens aufgebaut. Größtenteils sind es alte Bauernhäuser. Die Gebäude sind von irgend ursprünglichen Standorten bis nach Detmold transportiert worden.
In den Bauernhäusern kann man sehen, wie die Ställe früher mit dem Wohnhaus verbunden waren. Außerdem stehen in den meisten Häuser auch einige Möbel: Betten, Truhen oder Tische. Teilweise auch Geschirr. Auf einem Bauernhof laufen sogar Hühner frei rum.
Es gibt aber nicht nur alte Bauernhäuser zu sehen. Wir sind auch an zwei Windmühlen, einer Dorfkapelle mit Klassenraum und einer Dorfschule vorbei gekommen. Außerdem sind verschiedene Gebäude zu Dörfern zusammengestellt. In den Gärten der Häuser sind teilweise Blumen, Gemüse und Heilpflanzen angepflanzt. Man merkt, dass sehr viel Arbeit in dem Museum steckt.
Im "Paderborner Dorf" gibt es auch einen Tante-Emma-Laden mit Süßigkeiten, ein Restaurant, eine Bäckerei, einen Schmied und Wohnhäuser, die eher in einer Stadt gestanden haben werden. Es gibt sogar eine Außenstelle vom Standesamt.
Zwischen den Bauernhöfen und Dörfern kommt man an Feldern, Obstbäumen und Tierweiden vorbei. Auch ohne sich die Häuser anzusehen, kann man dort wunderbar spazieren gehen. Eine Jahreskarte lohnt sich also wirklich. Das Gelände ist auch so groß, dass uns die vielen anderen Besucher gar nicht so sehr aufgefallen sind. Erst im Paderborner Dorf trafen wir auch größere Ansammlungen von anderen Menschen. Unter anderem war da auch eine Schulklasse, die eine Art Rallye durch das Museum machen musste. Sie hatten Fotos dabei und sollten die Gebäude finden, die auf den Fotos abgebildet waren.
Lisa und ich sind mit einer Pferdekutsche zurück zum Eingang gefahren und haben von da aus noch mal den Teil des Museums erforscht, in dem wir vorher nicht gewesen waren. Da gab es ein "Haus zum Anfassen". In allen anderen Häusern sind dicke Plexiglasscheiben vor den Möbeln. Aber in dem Haus zum Anfassen, darf man, wie der Name schon sagt, alles anfassen. Man darf sich sogar in die Betten legen. Die meisten Betten von früher sind ja etwas kürzer als die heutigen. Die Frau im Schloss hat uns erklärt, dass das nicht nur daran liegt, dass die Menschen früher kleiner waren, sondern auch daran, dass sie glaubten, sie würden sterben, wenn sie liegen und deswegen halb sitzend schliefen. Ich weiß nicht, ob das für die Bauern auch galt, in das Bett, in das ich mich legte, passte ich jeden falls ganz herein. Im Haus zum Anfassen haben wir auch versucht, eine altmodische Mausefalle in Gang zu kriegen (wir hatten uns über das merkwürdige Gerät mit Holzblöcken schon gewundert und hatten, einen Mann von dem Museum gefragt, was das denn sei), aber so richtig hat das nicht geklappt. Wir konnten uns auch nicht vorstellen, wie man damit Mäuse fangen sollte...

Heute Morgen bin ich wieder zurück gefahren. Lisa und ich sind zusammen bis Herford gefahren, wo wir dann aber in verschiedene Züge gestiegen sind, weil sie noch anderes zu tun hatte. Gegen halb zwei war ich dann aus meinem All-inclusive Kurzurlaub in einem schönen Fleckchen Erde zurück.

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